Lesezeit ca. 5 Min.

Das geheime Leben der Schweine


Logo von Gong
Gong - epaper ⋅ Ausgabe 25/2022 vom 17.06.2022

NATUR

Artikelbild für den Artikel "Das geheime Leben der Schweine" aus der Ausgabe 25/2022 von Gong. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gong, Ausgabe 25/2022

BUCHTIPP Kristoffer Hatteland Endresen Saugut und ein wenig wie wir Westend 272 S., 24 ¤

Neues Wissen über ein unterschätztes Tier

D reckig,dumm, faul? Schweine haben ein Imageproblem. Dabei sind sie viel besser, als ihr mieser Ruf vermuten lässt. Zunehmend richten Wissenschaftler ihren Fokus auf die borstigen Vierbeiner und haben dabei erstaunliche neue Erkenntnisse gewonnen. Kaum jemand weiß dies so gut wie Dr. Marianne Wondrak. Seit acht Jahren erforscht die Tierärztin die Intelligenz und das Wesen der Paarhufer. Auch der norwegische Journalist und Historiker Kristoffer Hatteland Endresen ist fasziniert von den Tieren. In seinem Werk „Saugut und ein wenig wie wir“ (siehe Buchtipp oben) erzählt er uns von der Geschichte des Schweins. Es ist also allerhöchste Zeit, mit Vorurteilen über das Sus scrofa domesticus, das Hausschwein, aufzuräumen.

Im Stall grunzt und quiekt es. Hier, auf Gut ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 0,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Gong. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 25/2022 von Sommer in Alaska EISBLÜTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sommer in Alaska EISBLÜTEN
Titelbild der Ausgabe 25/2022 von Wenn Menschen VERSCHWINDEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wenn Menschen VERSCHWINDEN
Titelbild der Ausgabe 25/2022 von Fit wie ein WELT MEISTER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fit wie ein WELT MEISTER
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Sommer in Alaska EISBLÜTEN
Vorheriger Artikel
Sommer in Alaska EISBLÜTEN
Wenn Menschen VERSCHWINDEN
Nächster Artikel
Wenn Menschen VERSCHWINDEN
Mehr Lesetipps

... Aiderbichl, befindet sich der Arbeitsplatz der Tierärztin Marianne Wondrak. 37 neuseeländische Kunekune-Schweine begrüßen die 40-Jährige so lautstark, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Es scheint, als wüssten sie, dass die Wissenschaftlerin ihnen nichts Schlechtes will. Die gebürtige Würzburgerin arbeitete seit Beginn ihrer Laufbahn in verschiedenen österreichischen Forschungsstätten, aktuell auf dem Gut nahe Salzburg, das sich für Tierschutz starkmacht. Eine wichtige Station zuvor war das „Clever Pig Lab“ der Veterinärmedizinischen Universität Wien, das sie leitete. Dr. Wondrak will beweisen, wie intelligent, sozial und gepflegt das Borstenvieh ist. Von wegen dreckiges Schwein! „Ich habe noch nie mit einem Tier gearbeitet, das so reinlich ist“, sagt Wondrak. „Wenn Schweine die Möglichkeit haben, lassen sie ihre Schlaf- und Futterplätze peinlichst sauber. Sie würden dort nie ihr Geschäft hinterlassen.“ Was sie allerdings sehr gern machen: sich im Schlamm suhlen. „Das brauchen sie für ihre Haut“, erklärt Dr. Wondrak. „So kühlen sie sich ab, denn Schweine können nicht schwitzen.“ Zudem sorgt der sandige Brei dafür, dass sie vor Sonne und Insekten geschützt sind. Ein cleverer Trick.

Schwein oder Hund: Wer ist schlauer?

Auch dass sie dumm sind, gehört zu den Vorurteilen. „Meine Erfahrung mit den Tieren hat mich eines Besseren belehrt“, so Wondrak, die zu den wenigen Forscherinnen und Forschern gehört, die die Intelligenz der Tiere untersuchen. Zwar gibt es zahlreiche Studien über Schweine, die sich aber meist um landwirtschaftliche Fragen drehen: Wie man sie am besten mästen kann, welche Medikamente sie gut vertragen, damit sie gesund bleiben und der Bestand ertragreich ist. Aber welche kognitiven Fähigkeiten besitzen die Vierbeiner? Wie organisieren sie ihr Sozialleben? Wie ticken sie? Darauf gab es bislang kaum Antworten. „Mit dem ,Clever Pig Lab‘ haben wir den Anfang gemacht. Die Tiere haben uns angenehm überrascht“, sagt sie.

"Hunde sehen zu dir auf, Katzen schauen auf dich herab. GIB MIR LIEBER EIN SCHWEIN. Es sieht dir in die Augen und behandelt dich als gleichwertig.“

WINSTON CHURCHILL

Die Tests führt Wondrak nun auf Gut Aiderbichl fort. So gibt es für die Schweine eine selbst gebaute Touchscreen-Einheit, geschützt von Panzerglas, damit die kräf tigen Rüssel den Versuchsauf bau nicht zerstören. Die Tiere stellen sich gut an: Innerhalb weniger Tage haben sie gelernt, den Bildschirm zu bedienen und zu unterscheiden, ob auf den gezeigten Bildern ein menschliches Gesicht zu sehen ist oder nur ein Hinterkopf. Drücken sie mit ihrer Schnauze auf den Hinterkopf, werden sie mit Leckerlis belohnt, zum Beispiel mit Möhrenstücken. „Nicht alle Schweine sind gleich gut in den Experimenten, und es kommt auch auf ihre Tagesform an“, sagt Wondrak. Insgesamt aber sei es erstaunlich, wie schnell sie lernten. „Wir haben den Versuch auch mit Hunden durchgeführt. Die Ergebnisse waren etwa gleichwertig.“

Dass die Tiere die visuellen Experimente so erfolgreich absolvieren, ist auch deshalb erstaunlich, weil ihre Sehfähigkeit nur sekundär ist. Wie gut ein Schwein sieht, weiß man noch nicht mit Sicherheit. „Früher glaubte man, dass Schweine – und alle Tiere mit Ausnahme der Schimpansen – die Welt nur schwarz-weiß sähen“, sagt Kristoffer Hatteland Endresen. „Heute besteht aber Einigkeit darüber, dass die meisten Säugetiere Farben erkennen.“

Immer der Nase nach: Tiere mit Persönlichkeit

Der wichtigste Sinn des borstigen Viehs ist sein Geruchssinn. „Würde man einem Schwein die Nasenlöcher zukleben, könnte sich das Tier kaum noch bewegen, geschweige denn Nahrung finden, Gefahren erkennen oder mit Artgenossen interagieren“, so Kristoffer Hatteland Endresen. Während das Zentrum des menschlichen Geruchssinns an einem vergessenen Zäpfchen an der Unterseite des Gehirns verortet ist, liegt es beim Schwein in einem hervorstehenden Knoten an der Front des Gehirns. „Das Schwein kann Geruchsmoleküle auffangen, die wir Menschen niemals bemerken würden“, so Endresen. Studien zeigen, dass ein Schwein, das mit der Schnauze eine Spielkarte berührt hat, diese noch zwei Tage später aus einem kompletten Kartensatz heraussuchen kann. Sogar Gefühle können Schweine erschnüffeln, etwa ob jemand Angst hat oder gestresst ist.

Auch ihr Wesen ist komplexer als häufig angenommen. „Sie sind extrem sozial. Allein kommen sie nicht zurecht“, so Marianne Wondrak. „Wir haben festgestellt, dass sie Freundschaften bilden und auch etwas, was man Feindschaften nennen könnte.“ Persönlichkeit spielt eine große Rolle. „Wir haben etliche Tiere, die gern für sich sind, andere sind lieber im Pulk“, sagt Dr. Wondrak. „Ich habe manchmal das Gefühl, ich stehe mitten in einer Schulklasse: Man hat Streber, Tollpatschige, Desinteressierte.“

Warum werden Schweine häufig unterschätzt? „Seit ihrer Domestizierung waren sie immer Fleischlieferanten“, sagt Dr. Wondrak. „Anders als Pferd oder Hund haben sie selten eng mit Menschen zusammengearbeitet.“ Schweine sind uns nah, weil wir sie interessant finden. Zeitgleich finden wir sie abstoßend, denn: Über ein Tier, das wir verzehren wollen, wissen wir lieber nicht viel und sprechen ihm kognitive Leistungen oder Persönlichkeitsstruktur ab. In einer Zeit, in der das Tierwohl mehr in den Fokus rückt, beschäftigen wir uns endlich näher mit Schweinen. Heute leben allein in Deutschland 23,8 Millionen Schweine, meist verborgen in Mastbetrieben. „Die Chance, ein Schwein zu erleben, das Raum und Platz hat, sich zu entfalten, ist selten“, sagt Marianne Wondrak. „Ich hoffe, dass sie durch meine Arbeit mehr im Rampenlicht stehen.“

MIRJA HALBIG

Vielfalt in Stall und Wald

Vor etwa 9000 Jahren begann der Mensch, Schweine zu domestizieren. Bis in die Neuzeit kreuzten sich immer wieder Wildschweine mit Hausschweinen. Die meisten heutigen Rassen sind jünger als 300 Jahre, die meisten sogar jünger als 100 Jahre. Sie können sehr unterschiedlich aussehen, bilden aber eine Art. Sechs davon zeigen wir hier