Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 8 Min.

Das Gemüt aus der Scheune


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 31.01.2019

Er war Bassist bei Talk Talk, der sagenumwobenen Band der 80er-Jahre. Es dauerte elf Jahre, bis Paul Webb alsRUSTIN MAN sein Meisterwerk mit Beth Gibbons veröffentlichte. Nun, 17 Jahre später, bringt er ein weiteres Album heraus – und wird immer wieder nach Talk Talk gefragt


Artikelbild für den Artikel "Das Gemüt aus der Scheune" aus der Ausgabe 2/2019 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 2/2019

Paul Webb, der Rustin Man


PAUL WEBB HAT KEINE EILE: SEIN NEUES ALBUM ist in fast 40 Jahren Recording History sein Solodebüt und die erste Veröffentlichung seit 2002. Damals hatte der TalkTalkBassist unter dem Namen Rustin Man gemeinsam mit Beth Gibbons, der Sängerin von Portishead, die Welt verzaubert:„Out Of Season“ war eine ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Rolling Stone. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Großer Bruder. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Großer Bruder
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von In die Sonne schauen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
In die Sonne schauen
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Heimlich zum unheimlichen Erfolg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Heimlich zum unheimlichen Erfolg
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Q & A: Udo Lindenberg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Q & A: Udo Lindenberg
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Sprung in die Mystik. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sprung in die Mystik
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von „Es ging um die Antihaltung“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Es ging um die Antihaltung“
Vorheriger Artikel
LED ZEPPELIN: Goldene Götter des Rock
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Wer kontrolliert Facebook
aus dieser Ausgabe

PAUL WEBB HAT KEINE EILE: SEIN NEUES ALBUM ist in fast 40 Jahren Recording History sein Solodebüt und die erste Veröffentlichung seit 2002. Damals hatte der TalkTalkBassist unter dem Namen Rustin Man gemeinsam mit Beth Gibbons, der Sängerin von Portishead, die Welt verzaubert:„Out Of Season“ war eine aus der Zeit gefallene Platte aus GeisterJazzBlues, OrchesterG randezza und analogem TripHop. Ein Wunderwerk.

Seither ein paar Produktionsarbeiten, ansonsten Stille. Webb lebt mit seiner Familie auf dem Land in Essex, wo er eine Scheune in ein Wohnhaus und Tonstudio umgebaut hat. Gäste beschreiben das Anwesen wegen der obskuren Kunstobjekte und der alten Instrumente als Kuriositätenkabinett. Hier hat Paul Webb die Zeit vergessen.

„Ich habe mir keine Deadline gesetzt“, sagt Webb, ein offenherziger Mann mit breitem regionalen Dialekt. „Warum auch? Das Einzige, was ich wollte, war eine Platte, wie sie vorher noch niemand gemacht hat. Außerdem sind andere Dinge passiert: Ich habe eine Familie gegründet, Kinder großgezogen und mein Studio gebaut. Man könnte sagen, dass ich mich habe ablenken lassen. Aber es war keine Ablenkung – alles hat in dieselbe Richtung gezeigt. Es war wichtig, dass ich mir Zeit gelassen habe.“ Natürlich möchte man Einspruch erheben und sagen: Aber doch nicht 17 Jahre! Aber wie Webb von seinem Refugium im Nirgendwo spricht und von dem kleinen Dorf, das man, wie er sagt, in der Regel nur tot verlasse, versteht man ein bisschen, dass normale Veröffentlichungszirkel für Webb keine Rolle mehr spielen – wohl schon seit dem Split von Talk Talk, die sich am Ende ihrer Karriere auf ein künstlerisches Ideal eingeschworen hatten, das mit den Erfordernissen des Marktes nicht mehr zusammenging.

Die Songs für„Drift Code“ schrieb Webb im ersten Jahr nach dem Album mit Beth Gibbons, also 2003; die Melodien und Akkordstrukturen kamen in einem ordentlichen Tempo. Die Aufnahmen hingegen brauchten aus den oben genannten Gründen Zeit. Der „Spirit Of Eden“ eben: Webb schuf einen Ort, an dem die Kunst und das Leben eng verbunden sind. Das ganze Gebäude ist durchzogen von Kabelschächten, berichtet der Künstler, der nun in jedem Zimmer aufnehmen kann, wenn die Muse es will (und die Kinder in der Schule sind). „Da ich fast alle Instrumente auf dem Album selbst spiele, bin ich im Rotationsverfahren immer wieder über die Songs drübergegangen: erst der Bass, dann die Gitarren, dann die Tasten, dann wieder von vorn. Immer wenn ich mir die Aufnahmen nach ein paar Wochen anhörte, fiel mir etwas auf, das noch nicht passte. Vielleicht war das Playback zu voll, vielleicht stimmte die Verständigung von zwei Instrumenten noch nicht. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich etwas totproduziere – eher wurden die Sachen immer besser.“ Schon während früherer Produktionen hatte Webb eine ungewöhnliche Mikrofonierung entwickelt: Statt der üblichen ein, zwei Mikrofone positionierte er sechs oder sieben in unterschiedlich großen Abständen zur Klangquelle, eine Vorgehensweise, die es ihm erlaubt, die Instrumente beim Mix natürlich im Stereobild zu platzieren und den Einsatz von künstlichen Hallräumen zu minimieren. Gut möglich, dass die Mixes auf„Drift Code“ deshalb gleichzeitig räumlich und direkt wirken.

Auf„Drift Code“ präsentiert sich der Multiinstrumentalist zudem erstmals als Sänger. Ein neues Gefühl, eine neue Öffentlichkeit – Webb brauchte eine Weile, um seinen Sound zu finden. Seine eigenartig eindringliche, beschwörende Art der Interpretation spielt für das Gelingen des Albums eine entscheidende Rolle.

Webb sieht in seinem Album den Versuch, dem 40erJahreBigBandSound von Künstlern wie Cab Calloway oder den Mills Brothers nachzuspüren. Gleichzeitig hatte er nach dem Album mit Gibbons zur Gitarre gefunden, die er antik spielt, mit gebrochener JazzÄsthetik und psychedelischem Ton. Sein Album habe einen warmen, tröstlich zeitlosen Sound, erklärt Webb, und man versteht, was er meint. Aber da ist noch etwas anderes, ein Unbehagen, eine latente Bedrohung. Die gespenstischen Orgeln, sein manchmal an David Bowie erinnernder Gesang, die kaum vorhersehbaren Akkordstrukturen: Fast scheint es, als würde Webb eine unberechenbar gewordene Welt kommentieren. „Ja, vielleicht“, sagt der Künstler und kommt auf den Albumtitel zu sprechen: „Drift Code“ – ein Oxymoron. „Ein Code ist etwas Verlässliches, Gleichbleibendes, aber dieses Gefühl hat man ja im Moment nicht. Der Code rutscht weg.“

So wie im Leben der Figuren, in deren Haut Webb für seine Songs schlüpft. Etwa sein Großonkel, der in jungen Jahren von einem Pferd niedergetrampelt wird und auf seinem Sterbebett die Engel singen hört – um dann voller Freude aus dem Leben zu scheiden. Webb hat die Geschichte von seiner Großmutter gehört. Oder die älteren Herrschaften, die sich in „Martian Garden“ in der modernen Welt nicht zurechtfinden; gut möglich, dass Webb dort auch ein eigenes Lebensgefühl beschreibt. Oder der Verlassene, der einer Beziehung hinterhertrauert und gleichzeitig mit ihr wütend ins Gericht geht: Der Protagonist entdeckt unter der schönen Oberfläche etwas Leeres, eine Art Nichts. Dieses Nichts ist das Bedrohliche auf„Drift Code“ .

Paul Webbs Karriere begann Anfang der 80erJahre im nahe London gelegenen Southend, wo sich eine kleine, aber umtriebige Musikkommune entwickelt hatte. „Es gab eine ModSzene, eine ElectroSzene und eine ReggaeSzene, aber alle mochten alles, man wusste voneinander. Ich kannte zum Beispiel David Gahan und seine Jungs von der Kunsthochschule. Lee Harris(Trommler von Talk Talk) und ich spielten in einer ReggaeBand, als unser Produzent Eddie Hollis uns mit seinem Bruder Mark bekannt machte. Mark schrieb damals in London ein paar Songs für einen Verlag und suchte Musiker. Am Anfang ging es nur um mich, weil Mark schon einen Schlagzeuger hatte, aber der verließ die Crew, und ich brachte Lee ins Spiel.“ Die Sessions liefen so gut, dass aus dem Verlagsprojekt eine Band wurde. Talk Talk probten ihr erstes Repertoire sechs Monate lang und bekamen einen Deal bei der Branchengröße EMI. „Für mich war es ein Riesenschritt, in einer Londoner Band zu spielen. Southend war klein – London war für mich das Versprechen der großen, weiten Welt. Zumal Mark ungefähr sechs Jahre älter war als ich und auf mich wie jemand wirkte, der im Musikgeschäft supererfahren war.“


„Ich hatte mir keine Deadline gesetzt. Das Einzige, was ich wollte, war eine Platte, wie sie noch nie jemand gemacht hat“


Das Debütalbum von Talk Talk,„The Party’s Over“ (1982), taten viele Beobachter als EightiesEintagsfliege ab, obwohl – oder weil – DuranDuranProduzent Colin Thurston den Sound eingerichtet hatte. Doch der Anfang war gemacht. Talk Talk hatten es bis recht weit oben in die britischen Charts geschafft. „Wir waren ja mit dem ersten Album nicht sehr erfolgreich, aber uns kam es so vor. Wir machten ‚Top Of The Pops’, gaben Interviews und waren auf Tour – besser kann man seine Jugend ja gar nicht verschwenden!“

Schon für das zweite Album holte Hollis Tim FrieseGreene an Bord, der künftig sein Sparringspartner und musikalischer Kollaborateur war. Denkbar, dass Hollis’ Hinwendung zu FrieseGreene die Statik der Band veränderte, doch Webb zeichnet ein anderes Bild: „Er war definitiv ein Bandmitglied, weil er so viel Erfahrung, musikalische Weitsicht und Können als Produzent mitbrachte. Ich bekam damals aber nicht viel davon mit, wie Mark und Tim im Studio arbeiteten – ich war darauf konzentriert, die Songs mit meinen Basslinien gut zu interpretieren.“

Mit dem zweiten Werk,„It’s My Life“ (1984), kam der Ruhm, und mit dem Ruhm kam der Ärger. Hollis mochte keine dummen Musikvideos machen, die so teuer waren wie ganze Alben, und stellte auf stur. Da war der Anfang der Saga von der dickköpfigen Band geschrieben, die sich weder von den Medien noch vom Marketing sagen lässt, was sie singen soll. Webb liebt die Songs, aber nicht so sehr den Sound. „Ich fand damals, dass wir irgendwie ein halbes Haus gebaut hatten. Die Synthies waren noch da, aber wir setzten sie sonderbar orchestral ein. Mir kam diese Mischung aus Elektronik und analogen Sounds etwas unentschlossen vor.“

Paul Webb in seiner Scheune in Essex


Das dritte Album,„The Colour Of Spring“ , präsentierte Talk Talk dann konsequenter als experimentierfreudige Band, die die inwendige Stille dem konzisen Popsong vorzog und sich eher an Traffic orientierte als an Stock Aitken Waterman. „Natürlich entsprang all diese wunderbare Musik vor allem Marks Gehirn. In seiner Unbeirrbarkeit, sich keiner Mode zu beugen und nur der eigenen Intuition zu folgen, ist er mir ein riesiges Vorbild. Es war Mark, der mir Alben wie‚Sketches Of Spain’ oder‚Astral Weeks’ vorgespielt hat, Platten, wie ich sie immer machen wollte, weil sie einen an einen anderen Ort führen, im besten Fall auf einer Route, die man noch nicht kennt.“ Die geldgebende Plattenfirma fand die neue Route von Talk Talk nicht ganz so riesig, bekam aber mit „Life’s What You Make It“ einen der besten Songs der Dekade. Und die Band war trotz der offensichtlichen Widersprüche in den Top Ten angekommen.

Um sich daraus mit dem folgenden Album,„Spirit Of Eden“ (1988), wieder zu verabschieden. Hollis und FrieseGreene ließen begabte Jazzmusiker stundenlang improvisieren und stellten daraus Liedcollagen und AmbientTexturen zusammen, zu denen Hollis meditative Melodiefragmente sang. Der Moment des kommerziellen Selbstmords ist der Moment der künstlerischen Entpuppung. Das Album bleibt für immer. „Die Plattenfirma war entsetzt“, bringt Webb die dann folgenden, auch gerichtlich ausgetragenen Streitigkeiten über die Pflichten und Freiheiten einer Band auf den Punkt. „Ich kann das im Rückblick nachvollziehen. Sie waren sich so sicher, mit uns einen ganz großen Fisch an der Angel zu haben. Aber wir waren zu jenem Zeitpunkt schon so sehr musikalische Puristen, dass wir kaum verstehen konnten, warum sie unsere Begeisterung nicht teilten.“

Webb verließ die Band, die das Projekt von Hollis und FrieseGreene geworden war, weil es nichts mehr zu tun gab. „Wir tourten nicht mehr, und ich wollte ohnehin nicht länger nur der Bassist sein. Ich hatte begonnen, andere Instrumente zu spielen und Songs zu schreiben. Ich war längst auf meiner eigenen musikalischen Reise.“ Die führte Webb und Harris zur Gründung der Band .O.rang, mit der sie die frei flottierende Musik der späten Talk Talk im Rahmen einer intuitiven Avantgarde aus Dub, fremdländischer Perkussion und Klanginstallation weiter ausführten. Dabei hatten Webb und Harris zunächst eher herkömmliche Popsongs geschrieben, für deren Gesang sie eine gewisse Beth Gibbons zum Vorsingen einluden. Aus dieser Zusammenarbeit wurde nichts – Gibbons gründete Portishead, Webb und Harris verzichteten ganz auf Gesang. Aber fünf, sechs Jahre später rief Gibbons bei Webb an und schlug ein gemeinsames Projekt vor. „Wir waren über die Jahre in Kontakt geblieben und hatten uns darüber ausgetauscht, wohin uns unsere musikalischen Pfade führten. Ich freute mich über ihren Anruf – sie war inzwischen eine ganz andere, sehr reife Künstlerin geworden.“

„Out Of Season“ (2002) trägt schon die Klangfarben, die nun auch Webbs neues Werk kolorieren. Doch das Opake, Erdenschwere und der goldbraune Schleier aus Blues und 40erJahreOrchesterGrandezza treffen dort freilich auf psychedelische TripHopSignaturen und Gibbons außerweltliches Tremolo. Das Album ist eine Wucht! Bitte irgendwann ein zweites? „Ja, gern, wer weiß“, sagt Webb, dem dann auffällt, dass er mit der Künstlerin seit gut zehn Jahren nur noch Weihnachtskarten austauscht. Die Zeit! Sie rinnt einem durch die Hände. Gibbons sang damals: „Autumn leaves/ Beauty’s got a hold on me/…/ Move it on and let fate decide/ And those watercoloured memories/ Soft as a summer’s breeze/ You’re as pretty as can be/ Knowing now you’ll never fake it.“ Klingt fast wie eine Ode an den Rustin Man.

Der einzige TalkTalkKollege, zu dem Webb noch Kontakt hat, ist Lee Harris, der nur ein paar Meilen entfernt wohnt. Die Erinnerung verblasst, zumal Webb nicht gern über die Vergangenheit bei Talk Talk spricht. „Ich finde es seltsam und etwas anstrengend“, sagt er. „Das alles ist so lange her, dass ich mir Sorgen mache. Ich denke mir Sachen aus. Außerdem spricht ja niemand von den anderen mit der Presse – ich bin der Einzige, der seinen Kopf rausstreckt. Da empfififinde ich schon eine Art Verantwortung. Natürlich verstehe ich, dass die Leute mehr wissen möchten – aber es ist ja auch schön, nichts zu wissen! Talk Talk ist wie ein Dschungel, in dem es noch Löwen und Tiger gibt. Die Band ist von einem Geheimnis umgeben, und das hat mir immer gefallen.“


FOTOS VON LAWRENCE WATSON

FOTO: LAWRENCE WATSON