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Das Geschäft mit dem Babybauch: Weniger ist mehr


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 12/2013 vom 22.11.2013

Aquafloating, Qigong, Kinesiotaping: Werdenden Müttern wird so manches angeboten, was angeblich die Schwangerschaft besser, die Geburt leichter und das Kind klüger macht. Aber längst nicht alles ist sinnvoll.


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Foto: Comstock Images/Thinkstock

Einer der neuen Trends heißt Hypnobirthing – eigentlich eine Art Entspannungstechnik: Die Schwangere soll lernen, sich von Ängsten frei zu machen, bewusst zu atmen, sich gedanklich zu lösen und bei Schmerzen möglichst nicht zu verkrampfen, sich also in eine gewisse Trance zu bringen. Damit frau den leicht hypnotischen Zustand bei der Geburt aber auch erreicht, muss ...

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... sie intensiv üben. Die speziellen Kurse umfassen vier bis fünf mehrstündige Sitzungen und kosten zwischen 300 und 500 Euro. Dann wird zu Hause weitertrainiert – mit den entsprechenden Büchern und CDs. Hypnobirthing ist nur ein Punkt auf der langen Liste der Angebote für Schwangere, die Martina Schulze nach kurzem Nachdenken zusammengestellt hat. „Das wird immer mehr“, weiß die freiberufliche Hebamme aus Brandenburg, die inzwischen auf 25 Jahre Berufserfahrung zurückblicken kann. „Aber es gibt auch immer Moden und Trends.“ Ob Bauchtanz für werdende Mütter oder Qigong für Schwangere, Aquafloating, Aromatherapie oder geburtsvorbereitende Akupunktur: Alles war schon mal angesagt. Einfach nur in guter Hoffnung oder freudiger Erwartung zu sein, scheint heute fast unmöglich: Wer will nicht das Beste für sein Kind? Und sich selbst als werdende Mutter für die Geburt fit machen? Und schon während der Schwangerschaft eine möglichst intensive Beziehung zum Nachwuchs aufbauen? Und bleibende Erinnerungen an die aufregenden neun Monate behalten?

Werdende Eltern wollen alles richtig machen – und die Geschäftemacher profitieren davon. Musikschulen bieten Kurse ab dem sechsten Schwangerschaftsmonat an: Die dann vorgesungenen Lieder und Verse förderten beim Ungeborenen angeblich das Erkennen der Mutter sprache und vermittelten den Kindern im Mutterleib das Gefühl, willkommen zu sein. Belege dafür gibt es natürlich nicht. Ebenso nicht für die Behauptung, dass Schmuck mit hellblauen Achatsteinen die Entbindung erleichtert oder dass pränatale Massagen das zarte Band zwischen Mutter und Kind stärken. Auch die Künstler haben den Schwangerenbauch als Markt entdeckt: Beim Bellypainting wird die Kugel über mehrere Stunden farbig verziert, die Fortschritte sind auf einer Foto-CD dokumentiert. Der kurze Spaß kostet ab 150 Euro aufwärts. Bunt bemalte Gipsabdrucke vom wachsenden Bauch zieren als Lampen das ein oder andere Wohnzimmer. Und auch das Ultraschallfoto des Ungeborenen klebt nicht mehr wie früher einfach im Fotoalbum, sondern kann als Kunstdruck – wahlweise auf Acrylglas oder Leinwand – die Wand schmücken. Das Ungeborene nicht nur im Bauch zu fühlen, sondern noch genauer zu erleben, ist ein weiterer Trend. Mit einem kleinen Ultraschallgerät für den Hausgebrauch lässt sich der schnelle Herzschlag des Babys oder sein Schluckauf abhö-ren. Kostenfaktor: etwa 50 Euro, inklusive Gel. Allerdings rät beispielsweise der Hersteller Universal Medical selbst zu einem äußerst sparsamen Gebrauch seines Geräts Angelsounds, da „Ultraschall bei Schwangeren nicht übermäßig lange oder intensiv“ angewendet werden solle. Einen regelrechten Boom erlebt seit einiger Zeit auch das so genannte Babyfernsehen (siehe auch Seite 70f) – dreidimensionale Fotos oder gar kleine Filmchen des Fötus, die erst auf dem Ultra schallgerät und dann, verewigt auf DVD, zu Hause am Computer oder Fernseher angeschaut werden können. Viele Gynäkologen, die über die modernen speziellen Ultraschallgeräte verfügen, bieten einen solchen Service inzwischen an – meist außerhalb der normalen Sprechstunde und gegen Extrabezahlung. Dafür dann aber manchmal sogar auf Großbildschirm für die ganze Familie.

Anke Soumah von der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung kritisiert: „Schwangerschaft und Geburt werden immer mehr als Event gesehen. Manche Frauen denken, dass sie mit vielen Informationen und Vorausplanungen den Verlauf dieser 40 Wochen bestimmen können. Dabei geht aber oft das Gefühl zum Kind verloren.“ Bärbel Bracht, seit über 30 Jahren Hebamme im nordrhein-westfälischen Gevelsberg, stimmt ihr zu: „So mancher Schwangeren fehlt das Bauchgefühl, die sind einfach zu sehr mit dem Kopf dabei und wollen alles 500-prozentig richtig machen. Am liebsten wäre ihnen, sie könnten auf einem Handzettel nachlesen, wie sich eine Wehe anfühlt.“ Bracht beobachtet aber auch, dass der Trend wieder „ganz sanft in Richtung Selbstbestimmung geht“ – dass Frauen in sich hineinhorchen, statt Herztöne abzuhören, die Schwangerschaft genießen, statt jedes begleitende Angebot wahrzunehmen, und der Geburt mit einem gewissen Urvertrauen entgegensehen.

Wem es gefällt

Globuli aus der Plazenta. Wissenschaftlich bewiesen ist die Wirkung der Homöopathie nach wie vor nicht, aber das ficht ihre Anhängerschaft nicht an. Die aus dem Mutterkuchen hergestellten Kügelchen sollen jedenfalls für alles Mögliche gut sein – zur Steigerung der Milchbildung, zur Vorbeugung gegen Stress beim Baby oder zur Linderung der Periodenschmerzen. Viele Apotheken bieten an, die C- und D-Potenzen aus der Plazenta herzustellen; die Kosten liegen zwischen 80 und 100 Euro. Gipsabdruck vom Bauch. Der lässt sich auch selbst machen, eine Anleitung gibt es unter www.babyzauber.com/schwangerschaft
 Schwangerschaft genießen
 Erinnerungen an die Schwangerschaft

Das Geld kann man sparen

Zusätzliche Ultraschallbilder. Wer mehr als drei Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft will, muss das in der Regel mit seinem Gynäkologen vereinbaren – und bezahlen. Die Preise sind dabei unterschiedlich. Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) hat zwar erneut darauf hingewiesen, dass die Sonografien für das Kind nach den heutigen Kenntnissen unschädlich sind. Dennoch sei Vorsicht das oberste Gebot. Ultraschall sollte nur dann gemacht werden, wenn es wirklich medizinisch notwendig sei. Ausdrücklich spricht sich die DEGUM gegen das Babyfernsehen aus, das allein auf Wunsch der Eltern gemacht werde. Solche Sitzungen kosten ab 80 Euro aufwärts.

Nabelschnurblut privat einfrieren lassen. Nabelschnurblut enthält Stammzellen, aus denen Gewebe und Organe gezüchtet werden können – aber noch ist das Zukunftsmusik. Bisher werden die eigenen aus der Nabelschnur gewonnenen Zellen ausschließlich bei experimentellen, individuellen Heilverfahren und nicht bei Standardtherapien angewendet. Und zur Behandlung von Leukämie sind eigene Stammzellen beispielsweise ungeeignet, weil erkrankte Zellen bereits im Nabelschnurblut enthalten sein können. Die teure Einlagerung bei kommerziellen Anbietern (20 Jahre kosten zwischen 1.500 und 2.000 Euro) funktioniert also eher nach dem Prinzip Hoffnung – vielleicht schadet das lange Einfrieren den Zellen ja nicht und vielleicht gibt es irgendwann einen medizinischen Nutzen. Mehr Sinn hat die Spende des Blutes an eine öffent liche Nabelschnurbank, etwa die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Hier werden die Stammzellen der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt – ohne Kosten für die Eltern.