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„Das Geschenk, keine Angst zu haben“


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 02.01.2022

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 1/2022

Für seine erste Haute-Couture-Kollektion ließ Demna das frühere Balenciaga-Atelier akribisch restaurieren. Die Models hielten Nummernkarten ? wie ganz früher

S Seit einigen Wochen möchte der Modedesigner Demna Gvasalia, 40, nur noch beim Vornamen genannt werden. Eine der Extravaganzen, die sich dieser hocheffiziente Kreative erlaubt (eine andere ist die Sammlung von Prinzessin-Diana-Geschirr). Demna also ist seit sieben Jahren Kreativdirektor bei Balenciaga und hat im vergangenen Jahr die Welten der Mode und der Popkultur bewegt wie kaum einer: In einem nie da gewesenen Schulterschluss hat er seine Designs vom Gucci-Designer Alessandro Michele interpretieren lassen (und umgekehrt). Er hat die erste Haute- Couture-Kollektion von Balenciaga seit über 50 Jahren entworfen, mit den Machern der Zeichentrickserie „Simpsons“ einen Kurzfilm entwickelt und für Kanye West ein Stadionevent kuratiert. Dessen Ex-Frau Kim Kardashian hüllte er für die Met Gala komplett in Schwarz, inklusive des millionenfach fotografierten Gesichts. Wir erreichen ihn in der Schweiz, ...

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... wo er mit seinem Mann lebt, dem Musiker Loïk Gomez, Künstlername Bfrnd. Demna hat ein paar Jahre in Deutschland gelebt, auf seinen Wunsch findet das Gespräch auf Englisch statt.

WELT AM SONNTAG: Natürlich wollen wir Ihnen ein paar Fragen zu Deutschland stellen. Im Herbst 2018 haben Sie Stiefel und Handtaschen aus einem sehr spezifischen Gegenstand gemacht.

DEMNA: Ah, der Reisepass (er benutzt mit leichter Ironie das deutsche Wort).

Zum ersten Mal haben wir verstanden, dass dieser Pass seine eigene Schönheit hat. Was hat Sie daran interessiert?

Ich arbeite gern mit gefundenem Material. Ich mag es, Dinge zu finden und zu verwandeln. So verstehe ich Punk. Und es hat einen persönlichen Grund. Ich bin 2001 in Deutschland angekommen, wir sind vor dem Krieg in Georgien geflohen. Und ich musste sehr lange auf meinen deutschen Pass warten. Ich habe ja nicht lange in Düsseldorf gelebt, weil ich zum Studium nach Antwerpen gegangen bin. Aber zwölf Jahre lang fühlte ich mich wie ein Mensch zweiter Klasse, ein Flüchtling mit diesem seltsamen Pass aus Georgien, von dem keiner weiß, wo es überhaupt ist. Als ich den deutschen Pass bekam, war ich so stolz, dass ich ihn zerstören musste. Am Ende ist es nur ein Dokument, und als Schuh ist er viel nützlicher. Die Mode nimmt sich oft viel zu ernst. Der Schuh ist ein Witz. Und ich mag diese Doppelbödigkeit. Der Pass ist ein lebenswichtiges Dokument. Oder eben ein Lederersatz.

Haben Sie den deutschen Pass noch?

Ja. Aber auch den Schweizer Pass, wo ich mit meinem Mann lebe. Mittlerweile habe ich einige Pässe.

Gab es andere Referenzen an die deutsche Kultur in Ihren Kollektionen?

In der Zeit, als ich mit meinem Label Vetements anfing, trug ich viele Uniformen – von Security-Leuten oder von der Polizei. Das war meine Schutzkleidung. Ich bin öfter mal nachts auf der Straße angegriffen oder verprügelt worden und fühlte mich sicherer damit. Ich hatte eine Sammlung von deutschen Polizei-T-Shirts, -Hemden und -Hosen. Wir haben auch einen Regenmantel gemacht, auf dem „Polizei“ stand. Ein Kunde wurde darin verhaftet, als er in einer Münchner Cruising-Gegend war, und der Mantel wurde konfisziert. Der Besitzer musste mit der Polizei darüber streiten, das Ding zurückzubekommen. Jetzt darf man den Polizei-Schriftzug nicht mehr verwenden. Was gab es noch Deutsches in meinem Kollektionen? Ein T-Shirt mit der Aufschrift „Zum Glück komm’ ich aus Osnabrück“, das ich bei einem Freund gesehen habe. Ich mag diese billigen, scheinbar wertlosen Alltagssachen.

Sie haben damit eine intellektuelle Brillanz zurück in die Mode gebracht, die es mal bei Helmut Lang oder Martin Margiela gab. Aber zunächst noch mal zu Deutschland. Und die gängigen Stereotypen. Der brillante Psychopath, etwa Christoph Walz in „Inglorious Basterds“. Die Band Kraftwerk, über die ein amerikanischer Autor im „Rolling Stone“ 1975 geschrieben hat, dass er erleichtert war, als die Band ein Interview beendete, weil die Musiker müde waren – der Kritiker war sich nicht sicher gewesen, ob er nicht Robotern gegenübersitzt. Und dann natürlich Techno. Und deutsche Autos. Sind dies die Dinge, die wir der globalen Popkultur zu bieten haben?

Oh, Sie meinen es aber ernst. Für mich ist Deutschland heute noch ein bisschen mehr. Es bietet künstlerische, kreative, konzeptionelle Freiheit. Es ist ein kontrolliertes Land, aber es ermöglicht Kreativen aus der ganzen Welt, sich von Zwängen zu lösen und ihren eigenen Weg zu finden. Für mich persönlich war es das erste Land, in dem ich lernte, frei zu sein und schwul zu sein. Natürlich sollte ich Zahnarzt werden, hier fand ich den Mut zu sagen: „Nein, nein. Ich studiere Mode.“ Auch wenn mich Düsseldorf, als angebliche Modehauptstadt, ziemlich enttäuscht hat. Und doch hat sie mich auf den richtigen Weg gebracht: Ich saß am Rheinufer und dachte über meine Zukunft nach.

Es ging Ihnen wie David Bowie. Er produzierte seine drei wichtigsten Platten in Berlin, und seine Begründung war: „Den Leuten hier ist es egal, was du tust.“

Ich habe dort nie gelebt, aber immer davon geträumt. Es ist eine stark codierte Gesellschaft. Um in bestimmten Kreisen dazuzugehören, muss man beige Angorapullover tragen. Aber ich wollte ohnehin immer an den Rand. Du wirst in Deutschland nicht beurteilt. Und man ist schön weit weg von der Modewelt. Deswegen bin ich ja in die Schweiz gezogen. Da ist man noch weiter weg. Ich lebe eine halbe Stunde von Zürich, eher auf dem Land. Hier gibt es keine Mode.

Demna

Modeschöpfer

Wurde 1981 in Georgien geboren, lebte in Düsseldorf und studierte in Antwerpen. 2014 gründete er mit seinem Bruder Guram die Marke Vetements. Seit 2015 ist er Kreativdirektor von Balenciaga. Er lebt mit Mann und Hunden in der Schweiz.

Das ist interessant. Weil Sie diesen Blick von außen auf die Mode haben. Sie sind ein Fremder geblieben.

Man muss heute nicht in Manhattan leben, um informiert zu sein. Ich bin ein Voyeur und eher ein Anthropologe als ein Modedesigner. In der Schweiz gehe ich ins Einkaufszentrum und schaue mir an, was die jungen Menschen tragen. Ich kann aber auch für eine Stunde in den Wald gehen, und danach bin ich wie ein weißes Blatt Papier, mit einem komplett auf null gestellten Kopf. So kann ich mich von Meinungen und Einflüssen lösen. Fern von der Mode empfinde ich den Wunsch und die Leidenschaft zu entwerfen. In Paris, wo ich davon umgeben bin, denke ich nur an mein Dorf in der Schweiz. Ich bin eben immer noch ein Junge vom Dorf.

Das fantastische gelbe Kleid von Marge Simpson könnte also viele Inspirationen gehabt haben: ein Instagram- Account, ein Ausflug in ein Schweizer Einkaufszentrum, ein Musikvideo. Wie managen Sie diese Referenzen?

Meine Bibliothek platzt aus allen Nähten. Bücher über Schnitttechnik, alte Magazine, Screenshots. Ich screenshote alles, was mir begegnet – Leute an der Bushaltestelle, Kram auf Social Media –, und muss deswegen permanent neue Telefone bekommen. In der Konzeptphase arbeite ich am liebsten allein und muss mich wohlfühlen.

Sie sind allein? Man stellt sich vor, dass ein Modedesigner 258 Assistenten hat, die ihm Tee und Cola light bringen.

Oh, nein. Für mich nur Wasser oder Wein. Fürs Konzept bin ich ganz allein, außer vielleicht mit einem Mitarbeiter, dann fliege ich nach Paris und arbeite mit dem Team. Das sind dann aber eher die Fittings und dreidimensionalen Arbeiten.

Ihre vorletzte Nachricht an die Welt war eine VHS-Kassette, die auch als Einladung zum Screening eines Films diente, der die Balenciaga-Herbstkollektion für 2022 zeigt. Ist der Film wirklich auf der Kassette?

Wir haben darüber diskutiert, aber irgendwer hat ja vielleicht noch einen Rekorder. Der hätte dann den Film vorab sehen können. Mir ging es um das absurde Objekt. Heute wirkt so eine Kassette wie ein archäologisches Fundstück.

Der Film von dem Regisseur Harmony Corrine hat die Lichtblitze und Körnigkeit einer alten VHS-Kassette. Was interessiert Sie an der Fehlerhaftigkeit überkommener Technologie?

Heute geht es die ganze Zeit um Metaverse und die digitale Zukunft. Um Perfektion und Makellosigkeit. Wir haben in den letzten Jahren viel damit gearbeitet. Ich wollte diesmal etwas Menschliches und Handgemachtes, ein bisschen dreckig und fucked up. Und der Film war ein Kommentar zur Geschichte der Marke Balenciaga. Keiner weiß, was die in den 90ern gemacht hat. Ich wollte quasi eine Vergangenheit erfinden. Und unterstreichen: Mode ist in meinen Au-gen perfekt, wenn sie nicht perfekt ist. Fehler sind wichtig. Sonst sieht alles aus wie eine Cola-Werbung. Es war eine poetische Art, zu sagen: Wir müssen nicht im Metavers leben. Es gibt Dinge, die tief im Menschen verwurzelt sind und sich nicht ändern. Und wir müssen die Vergangenheit kennen, um die Zukunft zu erobern.

Was hat Ihnen 2021 mehr Freude bereitet: Marge Simpson oder Ihre erste Haute-Couture-Kollektion?

Keine Frage: die Couture. Es war der Moment, in dem ich mich von meiner Wut auf die Mode befreien konnte. Wo sich erfüllte, wofür ich sieben Jahre kämpfen musste. Die Leute haben mich als T-Shirt-und-Turnschuh-Typen gesehen und die Idee, Ikea-Tüten als Luxustaschen umzuwidmen, als billigen Trick abgetan. Tatsächlich bin ich ein Modeschöpfer, der Kleider entwirft und sich mit diesem Handwerk ernsthaft beschäftigt. Und jemand, der versucht, den intellektuellen Anspruch von Mode am Leben zu halten. Seit ich fünf Jahre alt bin, wollte ich das tun, was ich im Juli gezeigt habe: Kleider ohne kommerzielle Zwänge, meine Version von Schönheit und Eleganz. Ich bin immer noch wütend, und das ist auch wichtig, um Dinge infrage zu stellen. Aber ich genieße jetzt meine Arbeit.

Eigentlich war das Schneiderhandwerk immer da. Selbst das DHL-T- Shirt aus einer der ersten Vetements- Kollektionen war sehr präzise entworfen.

Es gibt keine Zufälligkeiten und auch keine billigen Gags bei mir. Wenn ich eine Ikea-Tüte als Tasche vorschlage, dann gibt es eine Idee und eine Story. Die zu erklären, betrachte ich aber nicht als meine Aufgabe. Ich mache nur Vorschläge. Letztlich betrachte ich meinen Job darin, Kreativität zu ermöglichen.

Braucht die Mode nicht die Oberflächlichkeit?

Am Ende ist das eine Frage des Kapitalismus. Waren verkaufen sich leichter, wenn nicht zu viele Fragen gestellt werden. Die Unternehmen haben sich Kunden erzogen, die mit einem schlechten T-Shirt mit schlechtem Print zufrieden sind. Niemand braucht die intellektuelle Minderheit, die auf Saumbreite, Ärmelschnitt und Qualität achtet. In den 90ern war die Mode noch frei, Designer wollten aufrütteln, die Leute wollten was Besonderes sein. Heute wollen sie dazugehören. Wo das Geld regiert, geht die Kreativität.

Sie sind in Ihrer Rolle ja für beides verantwortlich. Wie funktioniert das für Sie?

Deswegen habe ich seit Langem einen Therapeuten. Für mich fühlt sich das wie Seiltanzen an. Ein Bedürfnis hilft mir dabei: Ich will Begehren erwecken mit meiner Arbeit.

Man könnte sagen: Mit den Sneakers erkaufen Sie sich die Freiheit, eine Couture-Kollektion entwerfen zu können. Andererseits waren die Sneaker selbst ein enormer Schritt. Sie haben infrage gestellt, wie Turnschuhe aussehen, und damit den kompletten Markt umgekrempelt.

Ich will, dass die Couture sich selbst finanziert. Und ich liebe es, Sneaker zu entwerfen. Das Skulpturale, die Dreidimensionalität. Als wir damit angefangen haben, galt es als Blasphemie. Heute macht das jede Luxusmarke. Ich will nicht arrogant klingen, aber die meisten Designer wissen nicht, wie man einen Turnschuh entwirft. Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, sie dazu angestiftet zu haben.

Was macht einen Sneaker denn schlecht? Oder gut?

Proportionen, Farben, tausend Details. Was mir immer wichtig ist: Wie sieht er von oben aus? Schließlich muss ich meinen eigenen Sneaker ja immer von oben sehen. Es reicht nicht, wenn Schuhe auf der E-Commerce-Website gut aussehen.

Wir kommen leider nicht an dieser Frage vorbei: Was bedeutet das schwarze Ganzkörperkleid, das Kim Kardashian auf der Met Gala getragen hat?

Ich liebe Kim. Ich bin nicht verrückt nach berühmten Menschen und suche nicht ihre Nähe, aber mit ihr gab es sofort eine Verbindung. Und natürlich sehe ich den Effekt, den eine Zusammen-arbeit mit ihr für die Marke hat. Kim definiert unsere Vorstellung von Schönheit. Sie ist die Marilyn Monroe von heute.

Sie arbeiten mit der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert, aber auch mit Justin Bieber. Wie passt das zusammen?

Nur mit Marina Abramovic zu arbeiten wäre ein bisschen altmodisch. Als große Marke muss man ehrlich sein. Natürlich verehre ich Isabelle Huppert, sie spricht 20 Sprachen und ist eine große Schauspielerin, ihre Intellektualität amüsiert mich und spricht mich an. Aber Justin ist eine Ikone. Und ein Kunde. Er kauft Balenciaga. Es wäre verlogen, nicht mit ihm zu arbeiten. Daneben arbeite ich auch mit ganz unbekannten Leuten: Kellnerinnen, Sozialarbeiter, unbekannte Künstler. Das ergibt eine Familie. Es kann heute nicht die eine Person geben, die eine Marke repräsentiert.

Wie sehen Sie die Popkultur heute? Früher gab es verschiedene Subkulturen: Indie, Techno, Rock, Hip-Hop. Heute scheint nur noch Hip-Hop übrig zu sein. Gerade vor dem Interview haben wir ein Video von Rick Ross gesehen, der von oben bis unten in Balenciaga gekleidet war, Travis Scott macht seine eigene Modekollektion…

In meiner Jugend in Georgien war Hip- Hop totaler Mainstream, das hat mich musikalisch und ästhetisch geprägt. Aber ich finde, Rapper sollte rappen. Die haben von Modedesign keine Ahnung. Genau wie Supermodels, die Tequila produzieren. Das Ergebnis ist Schrott. Das ist das Drama unserer Zeit, jeder versucht, überall mitzuverdienen. Man kann nur in einer Sache gut sein.

Der kürzlich verstorbene Louis-Vuitton-Designer Virgil Abloh arbeitete auch als DJ, Künstler, Möbeldesigner. Sie glauben also nicht, dass Mode Teil eines großen Entertainmentkomplexes wird?

Selbstverständlich. Wenn wir nicht unterhalten, langweilt sich unser Publikum zu Tode. Aber den Mythos, dass man auf allen Gebieten fantastisch sein kann, glaube ich nicht. Und ich mag es nicht, nur mittelmäßig zu sein.

In Deutschland sagt man: Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Die letzten zehn Jahre habe ich damit verbracht, meine T-Shirts immer besser zu machen. Einmal in der Woche habe ich ein T-Shirt-Fitting. Das ist wie im Fitnessstudio: Um Muskeln zu kriegen, muss man sie trainieren. Wie kann ein Rapper ein T-Shirt entwerfen, das genauso gut ist? Er kann meins vielleicht kopieren. Aber selbst kopieren ist nicht so leicht.

Werden Sie das perfekte T-Shirt bald gefunden haben?

Cristobal Balenciaga kam der Perfektion so nah, wie es geht. Ich persönlich glaube nicht an Perfektion, sondern ans Besser-Werden.

Nachdem Marcel Duchamp seine wichtigsten Arbeiten geschaffen hatte, hörte er mit der Kunst auf und spielte zwölf Jahre lang Schach.

Ich liebe Duchamp. Er ist mein Vorbild. Allerdings bin ich mir mit Schach nicht so sicher. Vielleicht würde ich ein schlichteres Spiel wählen, wie Uno (lacht).

Wären Sie denn schon so weit?

Ich habe neulich ein paar Kids in der Mall angeschaut. Die sahen genauso aus wie ich, als ich jung war. Superlange Ärmel, komische, zerstörte Jeans. Die perfekte Demna-Silhouette. Nichts davon war von Balenciaga, das waren einfach nur deren Klamotten. Das fand ich interessant: Wofür ich gekämpft habe, ist heute Code der Straße. Vielleicht ist das mein Beitrag. Und natürlich die Leggins, die wirklich hässlichen Daunenjacken. Und die Botschaft, dass Anderssein gut ist. Um diese zu verbreiten haben wir ja eine riesige Plattform: Die Zahl der Social-Media-Follower von Balenciaga ist doppelt so groß wie die Einwohnerzahl in meinem Heimatland.

Was hat Georgien Ihnen geschenkt?

Das Geschenk, keine Angst zu haben. Georgien hat mir einen Krieg geschenkt, als ich zehn Jahr alt war. Ich habe erlebt, wie Leute um sieben Uhr abends vor den Bomben in ihren Keller flohen. Ich habe früh gelernt, wie zerbrechlich das Leben ist. Und wertvoller als Klamotten oder Musik. Wenn man den Krieg gesehen hat, wird alles andere leicht.

Es war damals ein Konflikt zwischen Georgien und Russland. Der nächste Krieg dieser Art steht vor der Tür. Wie fühlt es sich für Sie an, Ihre Mode auch in Russland zu verkaufen?

Meine Mutter ist Russin, meine erste Sprache ist Russisch. Ich liebe Russland. Auch wenn ich die Politik der Regierung nicht verteidige. Heute Morgen habe ich Nachrichten geschaut und meinem Mann gesagt: Es ist exakt das Gleiche, was 1992 passiert ist. Das ist noch immer imperialistische Politik.

Zum Schluss ein Detail aus Ihrer veröffentlichten Playlist: Was sehen und hören Sie in Rammstein?

Das ist persönlich. Ich habe Loïk über unsere gemeinsame Liebe zu Rammstein kennengelernt. Endlich hatte ich jemanden, mit dem ich meine Lieblingslieder diskutieren konnte. Und ich liebe Metal und die Energie, die diese Musik freisetzt. Rammstein sind natürlich Dinosaurier, aber ihre Konzerte sind einfach unglaublich. Ich bin dafür weit gereist. Die Pyrotechnik, der Sound, der Wahnsinn.

Spiegelt Rammstein die Wut, die Sie vorhin beschrieben haben?

Total. Und ich habe Deutsch mit ihren Texten gelernt. Ich liebe diese dunkle Romantik.