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Das Geschenk meines Lebens


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plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 02.11.2022

GLÜCK

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FAMILIE

Artikelbild für den Artikel "Das Geschenk meines Lebens" aus der Ausgabe 12/2022 von plus Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: plus Magazin, Ausgabe 12/2022

LIEBE

HOFFNUNG

GESUNDHEIT

FREUDE

VERBUNDENHEIT

Wenn Maria Marasova von den Bomben erzählt, von den schlaflosen Nächten und der Todesangst, dann wird ihr Blick starr und ihre Stimme hart. Ihre Hände, mit denen sie sonst so lebhaft gestikuliert, suchen die Tischkante und halten sie fest, als müsse sie sich vergewissern, dass sie jetzt in Deutschland lebt und nicht mehr in der Ukraine. Mitten im Krieg.

Die 33-jährige Supermarkt-Angestellte stammt aus Charkiw im Nordosten der Ukraine, einer Region, die schon in den ersten Kriegstagen von russischen Streitkräften angegriffen wurde. Mit ihren Söhnen Anton (7), Artem (10) und Bagdan (13) floh sie nach den ersten Einschlägen in den Keller. Ihre älteren Töchter, die 16-jährige Dariia und die 15-jährige Valeria, waren zu dieser Zeit bei Verwandten außerhalb der Stadt. „Ich war krank vor Sorge“, erinnert sich Maria Marasova, „und konnte nur ...

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... hoffen, dass sie in Sicherheit sind.“

Schnell spitzt sich die Lage in Charkiw zu. Immer häufiger bombardiert die russische Armee die Stadt, Wohngebäude werden getroffen. Ehemann Andrii drängt seine Frau zur Flucht, doch sie will nicht gehen, nicht ohne ihre Töchter: „Ich habe geweint und geschrien, dass ich keines meiner Kinder im Stich lasse.“

Maria ringt mit sich, sie isst und schläft nicht mehr, aber erst, als die Gefahr groß wird, dass Putins Soldaten auch die Bahnlinien zerstören und damit die Flucht noch schwieriger machen, verabschiedet sie sich von ihrem Mann und steigt mit den Söhnen weinend in einen Zug Richtung Polen. „Die Entscheidung, ohne meine beiden Töchter und ohne meinen Mann zu gehen, hat mir fast das Herz zerrissen.“

Von Polen reist sie weiter nach Deutschland, Maria und ihre Söhne landen im bayerischen Ingolstadt. Die vier sind dort in Sicherheit und doch beginnt für Maria Marasova die „entsetzlichste Zeit ihres Lebens“. Wenn sie Andrii, Dariia oder Valeria telefonisch nicht erreicht, rechnet sie sofort mit dem Schlimmsten.

Nach fünf Tagen gelingt Dariia mit ihrer Großmutter die Flucht. Drei Wochen später, am 26. März, erhält Maria Marasova die Nachricht, dass ihr Ehemann bei einem Angriff getötet wurde. Sie bricht zusammen. Der Schock, der Schmerz und die Sorge um Tochter Valeria, deren Flucht sich immer wieder verzögert, sind zu viel – sie muss ins Krankenhaus.

Endlich wieder alle Kinder vereint

Erst als sie nach einigen Tagen entlassen wird, erfährt sie, dass auch ihre jüngere Tochter entkommen konnte. „Diesen Moment, als Valeria in Ingolstadt aus dem Zug gestiegen ist, werde ich nie vergessen“, erzählt die Ukrainerin und kurz erhellt ein Lächeln ihr Gesicht. „Ich habe sie einfach nur festgehalten.“ Die geglückte Flucht ihrer Töchter ist für Maria Marasova ein Geschenk, für das sie ihr Leben lang dankbar sein wird, trotz allen Leids und aller Verluste, die sie erfahren hat. „Aber alle meine Kinder sind bei mir“, betont sie. „Das ist das Einzige, was zählt.“

Es geht in dieser Geschichte unserer Weihnachtsausgabe um Geschenke – aber nicht um teure Präsente, Schmuck, Geld oder was wir uns sonst unter den Baum legen. Die vier Frauen, die hier das „Geschenk ihres Lebens“ beschreiben, meinen damit etwas völlig anderes. Sie erzählen wie Maria Marasova vom Licht in der Dunkelheit, von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Oder davon, wie ihnen eine schwere Last von den Schultern genommen wurde und die Liebe in ihr Leben zurückgekehrt ist. Elke Lambert hat ein Geschenk das Leben gerettet.

„Ich bin glücklich, dass alle meine Kinder in Sicherheit sind“

Maria Marasova musste ohne ihre Töchter aus der Ukraine fliehen

GLÜCK

SEGEN

GESUNDHEIT

Gesundheit ist das größte Geschenk

Elke Lambert (58) wäre fast gestorben. Doch sie besiegte den Krebs dank der Stammzellenspende von Studentin Franziska Nickl hmuck, st unter auen, die ebens“ beas völlig anaria Marasova

2016 wird bei der heute 58-Jährigen Leukämie festgestellt. Eine Diagnose, die von jetzt auf sofort ihr Leben verändert. „Daran werde ich sterben, war mein erster Gedanke“, erinnert sich die zweifache Mutter aus Kirrweiler in der Pfalz. „Da war einfach nur Angst und Panik und Verzweiflung.“ Sie unterzieht sich einer Chemotherapie – und ein Jahr später scheint der Krebs besiegt. Elke Lambert schöpft langsam neuen Lebensmut, beginnt wieder als Betreuerin für Demenzkranke zu arbeiten. Doch zwei Jahre später kehrt der Krebs zurück. Und dieses Mal, so sagen die Ärzte, ist eine Stammzellenspende ihre einzige Chance, um zu überleben.

Als sich die Hoffnung zerschlägt, in der Familie einen passenden Spender zu finden, fällt Elke in ein tiefes Loch. „Ich wusste, dass die Zeit gegen mich läuft“, erinnert sie sich. Wochen vergehen, in denen es Elke Lambert immer schlechter geht und sie die Ungewissheit kaum aushält. „Ich hatte keine Hoffnung mehr.“ Doch dann erreicht sie die Nachricht, dass ein passender Spender für sie gefunden wurde. Die Erinnerung an diesen Moment treibt ihr noch heute die Tränen in die Augen. „Ich habe gelacht und gleichzeitig geweint, so überwältigend war meine Erleichterung.“

HOFFNUNG

LIEBE

Mit 70 noch mal das Ja-Wort gegeben

Für Christa Rosenauer ist Roland die Liebe ihres Lebens: Die beiden haben sich vor zwei Jahren kennengelernt und im Sommer 2022 geheiratet

Am 19. November 2019, Elke Lambert wird dieses Datum nie vergessen, bekommt sie ihre Stammzellenspende. Anschließend beginnt, so beschreibt sie es, ein langer und harter Weg zurück ins Leben. Mit ihrer Spenderin, von der sie nur weiß, dass sie eine Frau ist und in Deutschland lebt, nimmt sie brieflich Kontakt auf. Zwei Jahre später, nach der vorgeschriebenen Anonymitätsfrist, trifft sie ihre Lebensretterin, die Studentin Franziska Nickl, das erste Mal persönlich. „Ich habe sie sofort erkannt und gleich fest in die Arme genommen“, erzählt Elke Lambert, bevor im nächsten Augenblick ihre Stimme bricht. „Es war so emotional für mich, sie zu treffen“, sagt sie unter Tränen. „Das lässt sich nicht beschreiben. Ich bin gesund und werde Franziska dafür mein Leben lang dankbar sein. Ein größeres Geschenk gibt es nicht.“

Glück über den Moment hinaus

So ein Geschenk ist Glück in seiner reinsten Form. Die Kölner Psychologin Muriel Böttger beschreibt diesen Zustand so: „Ein Gefühl der Zufriedenheit, das über den Moment hinausreicht.“ Das kann Gesundheit sein nach einer langen Krankheit. Oder aber die Liebe. „Weil uns erfüllte Beziehungen Stabilität schenken, Gemeinschaft, Nähe und damit erheblich dazu beitragen, dass wir uns glücklich fühlen.“

Diesem Glück hat Christa Rosenauer erst spät eine Chance gegeben. Lange war die Schwäbin verheiratet, lebte mit Mann und Sohn in einem schönen Haus mit Garten. Von außen schien alles in Ordnung, doch in Wahrheit bestand ihre Ehe nach mehr als 30 gemeinsamen Jahren nur noch auf dem Papier. „Tief in meinem Inneren war ich unglücklich“, erzählt Christa Rosenauer. Schließlich zog sie Bilanz. Im Alter von 68 Jahren verließ sie ihren Mann und mietete sich eine kleine Wohnung. „Ich habe mir gesagt: Lieber mit nichts ganz unten anfangen, als so weitermachen.“

FAMILIE

MUT

Auf Internetportalen sucht die frühere Sachbearbeiterin nach einem neuen Partner. Schon nach fünf Tagen fällt ihr das Profil eines 63-Jährigen auf, sie schreibt ihm. „Als ich Rolands Foto das erste Mal gesehen habe, ist etwas passiert, womit ich gar nicht mehr gerechnet hätte“, erzählt Christa Rosenauer und lacht. „Ich hatte Schmetterlinge im Bauch.“

Die große Liebe im zweiten Anlauf

Wenige Tage später fährt sie nach Gschwend bei Schwäbisch Gmünd, um Roland zu besuchen. „Es war Liebe auf den ersten Blick, wie Blitz und Donner zugleich“, beschreibt Christa Rosenauer dieses erste Treffen. Drei Tage will sie bleiben, sie bleibt für immer. In ihre Wohnung kehrt sie nur zurück, um ihre restlichen Sachen zu holen. Zwei Jahre später, im August 2022, heiraten die beiden. „Wenn ich neben Roland aufwache und in seine freundlichen Augen blicke, bin ich der glücklichste Mensch der Welt“, schwärmt Christa Rosenauer. „Er ist die Liebe meines Lebens.“

DANKBARKEIT

GLÜCK

Christa Rosenauer hat ihr Leben selbst in die Hand genommen und sich aktiv auf die Suche nach dem Glück gemacht. Das funktioniert zwar nicht immer, weil sich nicht alle Dinge des Lebens beeinflussen lassen, aber oft: „Wenn ich wirklich will, dass sich meine Situation verändert, muss ich etwas dafür tun“, davon ist Psychologin Muriel Böttger überzeugt. Weil das Glück manchmal nur einen kleinen Schritt entfernt ist: Elfi Barthels Herzens- und Lebenswunsch erfüllte sich, nachdem sie einen Brief schrieb und darin um Hilfe bat …

Schon als Kind wusste die 80-Jährige aus Bad Kissingen, dass ihr Name eigentlich nicht ihr wirklicher Name ist, ihr Geburtstag nicht ihr Geburtstag und die Frau, die sie Mutti nannte, nicht ihre leibliche Mutter. „Solange ich mich erinnern kann“, sagt sie, „habe ich mich nach meiner richtigen Familie gesehnt, danach, zu wissen, wer ich tatsächlich bin.“ Als sich 1945 die sowjetische Armee der Stadt Pressburg nähert (heute Bratislava in der Slowakei), wird die zweijährige Elfi von deutschen Soldaten aus dem Kindergarten nach Deutschland verschleppt. Elfis Mutter Greta, verwitwet, ist zu diesem Zeitpunkt bei der Arbeit und kann die Entführung ihrer Tochter nicht verhindern. Das kleine Mädchen kommt nach Bischofswerda in Sachsen und wird dort von einer alleinstehenden Schneidermeisterin aufgenommen, die dem Kind ein fiktives Geburtsdatum und den Namen Ursula gibt. An ihre Kindheit erinnert sich Elfi Barthel nicht gern. „Lieblos und ohne Wärme“ war diese Zeit. „Wenn ich nicht parierte, drohte meine Pflegemutter immer, mich ins Heim zu bringen.“

„Dass ich mich mit 68 noch mal Hals über Kopf verliebe, hätte ich selbst nicht für möglich gehalten“

Christa Rosenauer lernte ihren Mann über ein Internetportal kennen

ZUVERSICHT

„Ich wollte immer schon meine Familie kennenlernen“

Elfi Barthel wurde als Kind entführt und kam bei einer Pflegemutter unter

Als 18-Jährige floh sie aus dem kalten Zuhause, machte eine Ausbildung zur Krankenschwester, heiratete, bekam zwei Kinder, ließ sich scheiden und arbeitete als Leiterin einer Kinderkrippe. Eigene Wünsche, wie die Suche nach ihrer Familie, stellte sie zurück. „Ich hatte zwei Kinder zu versorgen, da blieb nicht viel Zeit.“ Erst Anfang der 1990er-Jahre beginnt sie mit den Nachforschungen: Sie reist zurück nach Bischofswerda, fragt in Archiven und Einwohnermeldeämtern nach, bittet Journalisten um Hilfe, aber immer wieder landet sie in Sackgassen. „Ich hatte keine Ahnung, an wen ich mich noch hätte wenden können.“ Längst feiert sie ihren Geburtstag nicht mehr, „weil es ja sowieso nicht der richtige ist“. Aber die Hoffnung, doch noch zu erfahren, wer sie ist und woher sie kommt, lässt sie nicht los.

Ein Moment, der alles verändert

Mit 67 Jahren wird sie auf den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes aufmerksam – und schreibt ihn an. Erst eineinhalb Jahre später bekommt sie eine Antwort. Der Moment, in dem sie diesen Brief öffnet, hat sich in Elfi Barthels Gedächtnis eingebrannt. „Alles stand darin. Mein richtiger Name: Edith Elfrieda, genannt Elfi. Mein Nachname, mein Geburtsdatum und die Namen meiner Eltern. Ich konnte es gar nicht fassen.“ Schluchzend vor Glück rannte sie mit dem Brief durchs Haus, erinnert sie sich. „Und immer wieder habe ich gerufen: Das bin ich! Das bin ich!“

Endlich das große Geheimnis gelüftet

Mit knapp 70 hat Elfi Barthel ihren wahren Namen erfahren – und zum ersten Mal ihre Geschwister getroffen

ZUVERS ICHT

KLARHEIT

GEMEINSCHAFT

WURZELN

Mit allen Kindern wieder vereint

Der Krieg trennte Maria Marasova von ihren Töchtern - doch dann schafften sie es nach Deutschland

Auch den Kontakt zu ihrer leiblichen Familie kann der Dienst vermitteln. Sie erfährt von Cousinen und Cousins, die in Bratislava leben. Sie erfährt, dass ihre Mutter Greta ihre Tochter zeitlebens gesucht hat und später einen Mann mit fünf Kindern geheiratet hat: „Meine Geschwister!“ Regelmäßig besucht sie seitdem ihre Familie in der Slowakei. „Beim ersten Mal war ich furchtbar aufgeregt, weil ich nicht wusste, wie sie mich aufnehmen würden“, erinnert sie sich. „Dabei war es ganz einfach: Die Tür ging auf – und es fühlte sich an wie Nach-Hause-Kommen. Wir haben uns umarmt und geweint. Und ich wusste: Endlich habe ich meine Familie gefunden. Das größte Geschenk meines Lebens.“

Beatrice Oßberger