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Das geschlossene Halten: Alles im Lot


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 19.06.2019

Die Ganze Parade ist die Lektion, die in allen Dressurklassen vorkommt – also von E bis S. Ein gutes Halten ist aber tatsächlich eher selten zu sehen. Dabei ist es leicht zu üben und kann ganz viel bewegen


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Eine fast perfekte Grußaufstellung – geschlossen und im Lot.


FOTO: S. LAFRENTZ

Etwa 30 Prozent aller Ganzen Paraden, die ich richte, kommen auf eine Note zwischen sieben und acht, also ziemlich gut bis gut“, ist Dr. Dietrich Plewas Erfahrung. „Weitere 30 Prozent liegen zwischen sechs und sieben.“ Die restlichen 40 Prozent würden für das Halten nur eine fünf oder weniger bekommen. „Es wird einfach zu ...

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... wenig geübt und das ist total schade, weil das Punkte sind, die verloren gehen“, gibt der Fünf-Sterne-Richter zu bedenken.

Es verwundert, dass ein Richter so selten gutes Halten zu sehen bekommt. Es klingt doch ganz einfach, das Halten. Die gute Nachricht: Es ist einfach. Die ebenfalls gute: Es wird durchs Üben immer besser. Aber die allerbeste: Wer gutes Halten übt und erreicht, hat noch viel mehr geschafft, als nur zu stoppen. „Wenn ein Pferd geschlossen und im Lot steht, ist es schon versammelt“, erklärt Jan Nivelle, international gefragter Grand Pri-rainer aus Neuss. Das heißt zwar zum einen, dass nur ein bereits versammeltes Pferd wirklich geschlossen und im Lot stehen kann, aber wer sich nach und nach an das perfekte Stehen heranarbeitet, tut andersherum ganz viel für die Versammlung seines Pferdes.

Was ist das Lot?

Das Lot ist eine Strecke, die senkrecht auf eine Ebene trifft. Ebenso sollen die Pferdefüße stehen. Für das perfekte Halten reicht es nicht, dass jeweils die Vorder- und die Hinterhufe nebeneinanderstehen. Im Seitenbild des Pferdes müssen sie auch im Lot sein – die Vorderbeine gerade aus dem Widerrist, die Hinterbeine gerade aus dem Hüftgelenk. Von vorne betrachtet sollten sie vorne unter dem Bug im Lot stehen und hinten ebenfalls unter dem Hüftgelenk.

Es gibt da allerdings ein ganz großes „Aber“, denn „die äußere Form ist definitiv der Funktion untergeordnet“, mahnt Pferdephysiotherapeut Stefan Stammer. „Ein geschlossenes Halten setzt schon ein hohes Maß an Durchlässigkeit und beginnende Versammlung voraus. In den unteren Klassen sind Abweichungen vom Idealbild also in Ordnung“, findet auch Dr.

Dietrich Plewa: „In der Klasse E und A wäre ich toleranter, wenn die Parade geringfügig auslaufend ist und das Pferd ein hufbreit offensteht.“ Negativ auffallen würde allerdings, wenn das Pferd drei bis vier hufbreit offensteht oder gar auf einem Bein ruht. „Ab Klasse M erwarte ich ein geschlossenes Halten im Lot. Dafür gibt es dann auch Einzelnoten“, erklärt Plewa. In diese fließt noch einiges mehr ein: Die Qualität der Grundgangart, aus der die Ganze Parade geritten wird, die Vorbereitung, das Halten und Stehen an sich und auch das Anreiten. Genau hier sieht auch Stammer einen wichtigen Punkt, denn sowohl für ihn als auch für Jan Nivelle hängt ein gutes Halten maßgeblich von der Vorbereitung und Durchführung der Ganzen Parade ab: „Ich spreche gerne davon, dass ein Pferd sich in gewisser Weise aufspannen muss“, veranschaulicht Stammer. „Die halben Paraden bereiten vor, die treibenden Hilfen schließen die Hinterhand heran, dadurch hebt sich der Brustkorb an und so kommt ein Pferd auch relativ sicher zu einem achsengerechten Stehen.“ Damit meint Stammer ein geschlossenes Halten im Lot.

„Ich finde andere Sachen fast noch wichtiger, nämlich Losgelassenheit und Durchlässigkeit – frei nach dem Motto: form follows function!“ Also die gut eingeteilte, von hinten nach vorne gerittene, geschmeidige Parade, die in letzter Konsequenz vielleicht noch ins offene Stehen führt, ist Stammer lieber, als ruckartig gerittenes geschlossenes Halten. Er geht noch weiter: „Wenn die Durchlässigkeit nicht gegeben ist, brauchen wir über die Form gar nicht zu reden. Das Halten – also die Form – zu korrigieren, ohne an der Qualität der Paraden und der Durchlässigkeit – also der Funktion – zu arbeiten, ist meines Erachtens schädlich für das Pferd. So entstehen Muskelverkrampfungen und Dysbalancen.“ Er ist fest davon überzeugt: „Wenn die Grundlagen Takt, Losgelassenheit und Anlehnung auf dem Weg zur Entwicklung der Ganzen Parade stimmen, wird auf dem Weg zur MDressur das Ergebnis ein geschlossenes lotrechtes Halten sein.“

Geometrie in der Dressur?

„Wenn Pferde geschlossen und im Lot stehen – das Ganze in leichter Anlehnung mit relativer Aufrichtung – heben sie den Brustkorb, den Schultergürtel und den Widerrist schon an, kippen das Becken ab und aktivieren die Bauchmuskulatur“, sagt Nivelle.

Im Stehen bekommen Pferde – und auch ihre Reiter – somit schon ein besseres Körpergefühl dafür, in welcher Balance sie sein müssen, um in Versammlung zu kommen. Eine wertvolle Erkenntnis, ist für viele Reiter das Erfühlen von Versammlung schwierig.

Das geschlossene Stehen im Lot hat nicht nur gerade nebeneinanderstehende Pferdebeine zur Folge, sondern auch, dass der gesamte Pferdekörper sich darüber organisiert: „Das zeigt mir: Es stimmt nicht nur der Gehorsam, sondern auch die Losgelassenheit bei positiver Körperspannung“, erklärt Stammer.

Üben, üben, üben

„Es gibt nicht das eine Gefühl für das geschlossene Stehen, man muss es mit jedem Pferd üben und es fühlt sich bei jedem Pferd anders an“, sagt Nivelle.

„Da braucht man unbedingt die Kontrolle von unten oder durch einen Spiegel. Dann muss man sich das Gefühl einprägen. Manche Pferde vermitteln sogar das Gefühl, sie stünden geschlossen, tun dies aber nicht. Auch umgekehrt kann es sein, dass ein Pferd geschlossen steht, aber der Reiter den Eindruck hat, ein Fuß steht raus. Das kann gut sein, wenn zum Beispiel die Rückenmuskulatur noch nicht so gut und gleichmäßig entwickelt ist.“ Es gibt aber tatsächlich auch die Fälle, bei denen das Pferd immer wieder denselben Fuß rausstehen lässt oder sogar nach einer Ganzen Parade wieder raustritt. „Dann ist der erste Schritt noch mal die Ausbildung zu überprüfen“, sagt Stammer. Anschließend würde der Pferdephysiotherapeut weiter untersuchen, „ist das Pferd in der Lage, den Brustkorb anzuheben, das Becken zu kippen, gibt es Blockaden, Verklebungen, Muskelverkrampfungen.

Die Atmung spielt da auch eine Rolle. Auf jeden Fall muss der Sattel kontrolliert werden. Unter Umständen kompensiert das Pferd einen Schmerz, der dazu führt, dass immer dasselbe Bein rausgestellt, also entlastet wird.“ Das Üben der Ganzen Parade in ein geschlossenes Halten ist ein Geduldspiel und klappt nicht von jetzt auf gleich. Wichtig ist Jan Nivelle: „Loben, wenn das Pferd im Ansatz erfüllt, was der Reiter will.“ Fünf Tipps auf dem Weg zum perfekten Halten, gibt es auf den nächsten Seiten.

UNSERE EXPERTEN

Dr. Dietrich Plewa Der Grand Prix-Richter auf Fünf-Sterne-Niveau sieht nur etwa bei der Hälfte der Ganzen Paraden ein Halten für die Note sechs und besser.


FOTO: S. LAFRENTZ

Jan Nivelle Der Pferdewirtschaftsmeister und Grand Prix-Trainer weiß, ein geschlossenes Halten im Lot bedingt und setzt eins voraus: Versammlung.


FOTO: S. SÁNCHEZ

Stefan Stammer Ist das Halten geschlossen und im Lot, organisiert sich auch der Rest des Pferdekörpers in Balance und positiver Spannung, bestätigt der Pferdephysiotherapeut und Buchautor.


FOTO: C. HÖCHSTETTER

Für Unee BB eine Selbstverständlichkeit – geschlossen Stehen ganz nebenbei. Die Hinterbeine könnten noch etwas mehr im Lot unter der Hüfte stehen.


FOTO: S. LAFRENTZ

Die Tipps

Tipp 1: Das richtige Korrigieren …

„Vorne korrigiere ich nicht so viel“, gibt Nivelle zu, denn die Vorderbeine rücken oft selbst nach, wenn die Hinterbeine korrigiert werden. „Bei der Korrektur der Hinterbeine holt immer der gleichseitige Schenkel das entsprechende Hinterbein heran. Dazu gibt der Schenkel einen kleinen Impuls.

Kommt keine Reaktion, wird der Impuls wiederholt, bis das Pferd eine Reaktion zeigt. Reagiert das Pferd immer noch nicht, hilft ein Anticken mit der Gerte. Der Zügel hält leichte Verbindung und verhindert eventuell das Vortreten des Pferdes. Zunächst wird gelobt, wenn das Pferd überhaupt auf die Schenkelhilfe reagiert – also das angesprochene Bein auf den Schenkeldruck bewegt, ohne loszugehen. „In der frühen Ausbildung wird das Pferd wohl zunächst einen ganzen Schritt machen.“ Dann gilt es, dem Pferd begreiflich zu machen, dass es einen halben Schritt machen soll. Dazu wird der Impuls am entsprechenden Schenkel etwas weniger intensiv gegeben und die Reiterhand versucht, den ganzen Schritt nach vorne etwas abzufangen. Es wird schon dann gelobt, wenn das Pferd einen kleineren als den ganzen Schritt anbietet.

So übt man nach und nach, dass das Pferd nur einen halben Schritt – oder weniger – beistellt und die Hufe nebeneinanderstellt. Wichtiger als die halben Schritte ist dem Ausbilder aber, dass dem Pferd bewusst wird, seinen einen Fuß neben den anderen zu stellen: „Die halben Tritte runden und schließen die Hinterhand und ein bewusstes Stellen beider Hinterbeine nebeneinander ergibt das Lot.“ Die Art des Beistellens – eher träge oder eher zuckig – sind übrigens schon ein Indiz dafür, wie das Pferd in der Bewegung Fleiß zeigt.

Tipp 2: … ist Vorübung zur Versammlung

„Diese halben Schritte, die das Pferd beim Korrigieren des Haltens lernt, sind ein großer Lernprozess“, betont Nivelle.

„Der Reiter kann, wenn das Pferd dieses Korrigieren in halben Schritten beherrscht, auch nach und nach abwechselnd die Hinterbeine mehr unter den Schwerpunkt und das Pferd somit ins Lot bringen.“ Nivelle wäre nicht Grand Prix-Ausbilder, wenn er hier nicht auch schon weiterdächte: „Ein Pferd zu schließen, zu versammeln, ist letztlich eine Verknüpfung von mehreren halben Schritten, Tritten oder Sprüngen. Das Pferd lernt also hier zum einen eine Vorübung zur Halbierung der Schritte, Tritte und Sprünge, aber auch schon, das Becken abzukippen und kommt somit in eine Haltung, in der es Rücken- und Bauchmuskulatur richtig einsetzt.“

Tipp 3: Halten ist das Ende der Bewegung

„Viele Reiter reiten die Ganze Parade nicht zu Ende“, mahnt Dr. Plewa. „Das betrifft insbesondere die Grußaufstellung am Ende einer Prüfung, da wird schon gegrüßt und der Zügel hingegeben, bevor das Pferd sicher zum Stehen gekommen ist.“ Hier setzt auch der Tipp von Ausbilder Jan Nivelle an: „Das Halten ist erst erreicht, wenn die Bewegung beendet ist“, lautet die logische Erklärung. Am Ende jeder Parade, also auch der Ganzen Parade, gilt wie immer: nachgeben. Durchatmen, Sitz checken, vielleicht sogar das Grüßen üben oder – vor allem wenn das Pferd die Parade gut angenommen hat und sich geschlossen und im Lot hingestellt hat – ausgiebig loben, machen das „Halten üben“ zur runden Sache.

Tipp 4 Für den Zappelphilipp

„Manche Pferde haben nun mal weniger Geduld, da ist weniger dann mehr“, mahnt Nivelle. „Von Pferden, die nicht gerne stillstehen, verlange ich zunächst nur ein kurzes Halten und lobe umso deutlicher, wenn sie stehen.“ Wichtig ist dem Pferdewirtschaftsmeister, dass gerade die hibbeligen Pferde auf die richtige Hilfe losgehen: „also nicht auf den nachgebenden Zügel, sondern auf den treibenden Schenkel. Also: Halten, nachgeben, nur kurz stehen lassen und auf das Halten loben. Dann aktiv anreiten – die Initiative muss vom Reiter ausgehen. Nur so lernt das Pferd, ruhig zu stehen und auf die treibende Hilfe zu warten.

Tipp 5: Jedes Halten zählt

Für Jan Nivelle gibt es kein unwichtiges Halten, bei dem es hinnehmbar wäre, dass das Pferd nicht möglichst gut steht: „Ich halte auch vor dem Absteigen so an, dass das Pferd geschlossen steht – und im Lot“, wird er nicht müde zu betonen.

So ergibt sich, dass für das Pferd im Zuge der Ausbildung gar kein schlechtes Halten existiert. Wer das konsequent übt, wird feststellen, dass sich die Pferde bei jeder Gelegenheit geschlossen hinstellen: am Putzplatz, an der Longe, beim Aufsteigen.