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Das Glück des eigenen Weges


I Am - Laura Malina Seiler - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 21.07.2021

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Bist du auch manchmal erschöpft? Und hast das Gefühl, dass alles zugleich auf dir lastet: das Versorgen der Kinder, der Haushalt, dein Job? Nicht zu vergessen: Das Mikromanagement deiner Familie, das als „mental load“ ständig mitläuft? Viele Frauen haben mit Überforderung zu kämpfen. Wir wollen fantastische Mamas sein und attraktive Ehefrauen, einen perfekten Haushalt führen, im Job die Karriereleiter hinaufklettern und am besten alles zugleich. Toll wäre das natürlich. Aber machbar ist es meistens nicht. „Parallel zu den Errungenschaften der Frauen in Arbeitswelt, Bildung, Gesundheit sind die Ansprüche an Mutterschaft gleich geblieben“, erklärt die Kleinkindpädagogin Susanne Mierau in ihrem Buch „Mutter.Sein.“ „Wenn wir Kinder bekommen, dann sollen wir die klassische Mutterrolle zusätzlich neben allen anderen Aufgaben erfüllen.“

Sarah Buckley Friedberg hatte die ständige ...

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... Überforderung satt. Die Managerin ist Mutter von drei Kindern und postete 2019 auf Facebook einen Aufschrei, der schnell viral ging und zehntausendfach geliked wurde. Ihr Text versammelte all die unrealistischen Erwartungen, mit denen die Gesellschaft (junge) Mütter konfrontiert: „Konzentrier dich auf deinen Job. Zeig der Welt, dass Frauen alles zugleich tun können. Treib deine Karriere auf die Spitze“, schreibt Sarah Buckley Friedberg zum Beispiel. Aber auch: „Stille mindestens ein Jahr lang. Verlier nach der Geburt sofort das zusätzliche Gewicht, bring dich in Form. Schlaf acht Stunden pro Nacht, damit du trainieren, arbeiten und für die Familie sorgen kannst. Achte darauf, dass dein Haus sauber ist und sich auf Pinterest gut macht. Sei unterhaltsam. Lies Bücher. Hab den Stundenplan der gesamten Familie im Blick. Geh mit deinem Partner auf Dates.“

Buchtipps!

Du kannst dich gegen ein Kind entscheiden, Vollzeitmutter sein oder versuchen, Beruf und Familie ohne größere Verluste unter einen Hut zu bringen: Immer wird irgendjemand seinen Senf dazugeben. Du jonglierst mit Teilzeit und Homeoffice, bittest mit ziemlich schlechtem Gewissen die Schwiegereltern um Unterstützung und wälzt vielleicht abends auf der Couch die Frage, ob du wirklich ein drittes Kind haben willst. Und dann wirst du auch noch daraufhin geprüft, ob du eine „gute“ oder „emanzipierte“ Mutter bist. Die bösen Blicke der anderen schlagen empfindlich auf den Selbstwert. Zumal dir die üblichen Selbstwertverstärker möglicherweise immer mehr fehlen: das Lob eines Chefs; das Gefühl, eine richtig gute Präsentation gehalten zu haben; eine Kooperation, die prima läuft und alle zufrieden macht. Statt ausgeruht und gut gekleidet im Office zu sitzen, hast du mit Milchflecken auf dem T-Shirt, übervollen Windeleimern und einem zahnenden Baby zu tun, statt mit ordentlichen Excel-Tabellen und dem Firmenintranet mit exzessivem Schreien und Frühjahrsputz in der Elterninitiative. Und fühlst dich dabei auch noch erleichtert, dass dein Chaos keiner sieht.

Niemand könnte all diesen Ansprüchen gerecht werden

Dabei ist es doch eigentlich so: Da geschieht ein richtiggehendes Wunder – in uns wächst, ohne besonderes Zutun, ein kleines Wesen heran – und statt den eigenen Körper dafür zu lieben und zu loben, haben wir keinen größeren Wunsch, als bald wieder in Größe 36 zu passen. Es genügt nicht, dass wir uns die Nächte um die Ohren schlagen. Wir setzen auch alles daran, dass man uns diese durchwachten Nächte nicht anmerkt. Höchstleistungen im Job, bella figura beim Workout und jede Menge Sexappeal: zwischen Windeln und Karottenbrei geht es nicht um uns und unsere aktuellen, meist recht bescheidenen Bedürfnisse. Sondern immer auch ums große Ganze. Nämlich um die Frage, wie wir als Frau denn nun sein und leben sollen. Die Verantwortung für Zahnarzttermine und Kitafeste, Nudelsalate und Muffins, einen gefüllten Kühlschrank, geputzte Dielen und hübsche Filzhausschuhe für die Gäste: Das sind zwar alles Dinge, die man ganz klar mit seinem Partner teilen könnte. Aber man teilt sie häufig trotzdem nicht, jedenfalls nicht gerecht. Denn ganz allmählich und unbemerkt schleichen sich Rollen und Zuständigkeiten ein, die der Frau einen Großteil des Workloads übertragen. Als folge man einem Skript, das sich eine böse Fee ausgedacht hat. Wir müssten Superwoman sein, um all den Ansprüchen zu genügen. Aber wollen wir das überhaupt? Vieles spricht dafür, dass wir, wenn wir Druck spüren, gar nicht unseren eigenen, tiefsten Wünschen folgen, sondern Forderungen, die von außen an uns herangetragen werden. Wir sehen eine geschönte Wirklichkeit in den sozialen Medien, lassen uns allerhand fremde Glaubenssätze aufdrängen und verzweifeln prompt an unserer eigenen Unvollkommenheit. Das Schlimme dabei: die Aufgaben und Ansprüche, mit denen wir konfrontiert werden, sind nicht nur unerfüllbar. Es fehlt unseren Kritiker(innen) und uns selbst meist auch an Wohlwollen. Mangelnde Empathie, Ideologisierung oder das starre Festhalten daran, wie es angeblich immer schon war, dazu eine Flut von Literatur, was das Beste für Kinder und ihre Familien wäre: All das verschafft sich so laut Gehör, dass einem in Stillpausen und beim Baby-Schunkeln auf dem Petziball schlicht der Kopf brummt.

Die elende Bewerterei beginnt oft schon lange vor der Geburt des ersten Kindes. Mit Anfang dreißig spürst du die neugierigen Blicke. Fragen häufen sich, ob und wann du Kinder haben willst. Deine Eltern brennen vielleicht schon darauf, Großeltern zu werden. Freundinnen, die bereits Kinder haben, finden, erst jetzt sei ihr Leben so richtig komplett, und drücken dir ihr Baby auf den Arm, damit du Geschmack daran findest. Eine Weile lang beobachtest du zunehmend verspannt, wie andere Frauen mit schicken Kinderwägen durchs Viertel stapfen. Dann bist du vielleicht selbst so weit. Anfangs lächelt dir und deinem Baby noch oft jemand zu. Fremde Menschen beugen sich voll Freude über den Wagen oder versuchen, einen Blick in das Babygesicht zu erhaschen, das so niedlich übers Tragetuch ragt. Das ist entzückend. Aber spätestens dann vorbei, wenn zwei oder drei Kinder wie Trauben an dir und deinem Buggy hängen. Statt eines Lächelns bekommst du gute Ratschläge, wie du den Wutausbruch an der Supermarktkasse in Schach hältst. All die Care-Arbeit, die du zu Hause machst, wird unterdessen weder bezahlt noch sonderlich wertgeschätzt. Eher schon erntest du dafür Geringschätzung, was dich spätestens dann beschämt, wenn der nächste Rentenbescheid auf den Tisch flattert. Denn in der Gesellschaft ist noch immer nicht angekommen, wie kostbar das wirklich ist: Sich um andere zu kümmern.

Manche von uns sind von all dem so ausgelaugt, dass sie mit ihrer Entscheidung zu hadern beginnen. Die israelische Soziologin Orna Donath hat eine Studie zur Mutterrolle durchgeführt, der Titel: „Regretting Motherhood“. Viele Mütter äußerten darin Reue, überhaupt Kinder geboren zu haben. Das ist erschreckend, hat aber auch mit dem Perfektionsdruck zu tun, der auf Müttern lastet. Es ist schon paradox: Die gesellschaftlichen Strukturen machen es heute einfacher denn je, eigene Wege zu gehen. Der Ausbau der Kinderbetreuung und ein Recht auf Elternzeit schaffen Entlastung. Das Homeoffice spart Zeit ein und erlaubt es, konzentrierte Arbeitsphasen an den Rhythmus anzupassen, den unser Kind uns vorgibt. Und Arbeitgeber zeigen gezwungenermaßen mehr Nachsicht als früher – auch mit Männern. Die Entscheidung für oder gegen ein Kind, für oder gegen eine Karriere oder für alles beides bleibt dennoch riesig.

Und das Leben mit kleinen und großen Kindern kostet immer Kraft. Was sich aber ändern lässt, ist unser Mindset. Ob wir uns selbst als Opfer wahrnehmen und die unbarmherzige Messlatte einer Perfektionistin an uns anlegen, oder ob wir fünf auch mal gerade sein lassen und als Kapitänin mit einem gewissen Stolz unser kleines Schiff durch die höchsten Wellen manövrieren: Das bleibt uns selbst überlassen. Denn es ist zwar unmöglich, die Erwartungen zu verändern, die an uns gestellt werden. Aber wir sind sehr wohl in der Lage, darüber zu bestimmen, wie wir auf diese Erwartungen reagieren.

Das Glück des Lebens liegt nicht im Perfektionismus

Müssen wir denn überhaupt alles daransetzen, Kinder zu bekommen? Und wenn ja: Müssen es unbedingt mehrere sein, wie viele postulieren? Ist es erforderlich, dass wir, wenn wir Kinder haben, auf Teilzeit reduzieren, wie es noch immer die meisten Frauen tun? Oder können wir trotzdem Karriere machen? Und was ist umgekehrt eigentlich so falsch daran, für ein paar Jahre aus dem beruflichen Hamsterrad auszusteigen und sich einer Sache zu widmen, die wirklich wichtig ist: der Kindererziehung? Wie wir diese Fragen beantworten, hängt ganz von uns selbst ab. Auch, ob wir diese so turbulente Phase als hinreißend, nervenzehrend oder beides erleben, können wir bestimmen. Je nach Brille, die wir aufsetzen, blicken wir in ein Jammertal der Überforderung. Oder in ein kleines Paradies voller Liebe, Sinn und Bedeutung. Da wachsen winzige Babys zu mürrischen Teenagern heran. Und wir wachsen mit. Es ist eine Lebensphase der Fülle und des Überschwangs, eine Zeit jäher Ausbrüche von Heiterkeit, tiefer Freude, wilder Tänze und turbulenter Stimmungswechsel, an die wir später, wenn es ruhiger um uns wird, mit Wehmut zurückdenken.

Machen wir uns also auf, unseren eigenen Weg zu finden! „Es gibt nicht das eine Mutterbild, es gibt nicht die eine Rolle, die wir alle leben müssen“, schreibt Susanne Mierau. Selbst ziemlich beste Freundinnen können vollkommen verschiedene Richtungen einschlagen. Die eine bekommt drei Kinder und beschließt, dass sie ein Zweitstudium hinlegen will. Die andere entscheidet sich für Care-Arbeit, weil sie die gemeinsame Zeit zu Hause genießt. Vielleicht machst du beim ersten Kind auch alles ganz anders als beim zweiten. Lösungen sind nicht in Stein gemeißelt, Träume sind es auch nicht. Du kannst dich täuschen, du darfst Fehler machen. Und vor allem: Du kannst dich ausprobieren. „Letztlich müssen wir uns vom Bild des perfekten Ich ebenso trennen wie von dem der perfekten Mutter“, so Susanne Mierau. „Good enough“ nannte das der Psychoanalytiker Donald Winnicott. Gut genug zu sein als Eltern, so Winnicott: das reiche völlig aus. Zu dieser entspannten Haltung gehört auch, dass wir uns ebenso wie anderen Frauen erlauben, verschiedene Wege zu gehen. Statt einander zu bewerten, könnten wir einfach nur neugierig sein auf die guten Ideen, mit denen sich unsere Freundinnen ein ganz eigenes, ihren persönlichen Vorstellungen und Werten entsprechendes Leben zurechtbasteln.

Dabei sollten wir uns unbedingt darauf besinnen, dass es, wenn wir unsere Mutterrolle neu definieren wollen, eben auch auf die Väter ankommt. „Vereinbarkeit ist nicht unmöglich“, schreibt etwa der Journalist Birk Grüling in seinem Buch „Eltern als Team“. „Sie kostet aber Kraft, viele Gespräche und den einen oder anderen Bruch mit gesellschaftlichen Konventionen und alten Rollenbildern“. Ganz wichtig sei es dabei, die eigenen Ansprüche herunterzufahren. „Wir können nicht dauerhaft Spitzenmutter des Jahres, beste Hausfrau des Landes und Mitarbeiterin des Monats sein“, so Birk Grüling. Eine These, die Susanne Mierau teilt: „Wir müssen uns an kein Ideal anpassen – weder in unserer Lebensweise noch in unseren Gefühlen. Wir dürfen einfach sein.“ Gut genug sind wir ohnehin schon längst. Ganz unabhängig davon, welchen Weg wir letztlich einschlagen.

Q&A MIT LAURA

Laura, wie schaffst du den Spagat zwischen Beruf und Familie?

Manchmal ist es ziemlich anstrengend, aber dann erinnere ich mich daran, dass der Stress vor allen Dingen von mir selbst kommt, weil ich denke, ich müsste allem gerecht werden. Wir stehen uns da meistens mit unserem eigenen Anspruch im Weg. Deswegen versuche ich gar nicht mehr, alles unter einen Hut zu bekommen, sondern das, was ich in dem Moment tue, so gut wie möglich zu machen.

Worauf achtest du besonders?

Ich achte darauf, mich selbst nicht verrückt zu machen und zu glauben, irgendwelchen äußeren Ansprüchen gerecht werden zu müssen. Mir ist es wichtig, dass ich gesund bleibe und es meiner Familie gut geht.