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DAS GRAB JESU WAR LEER – ABER WAR ES JESU GRAB?


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Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 18.03.2022

Dass das Grab leer war, ist, «wenn man es gelten läßt, ein historisches Faktum» (M. Reiser). Dass es ein leeres Grab gegeben hat, sollte in der Tat nicht bezweifelt werden. Auf die Frage, warum es leer war, sind freilich verschiedene Antworten möglich. Ein Christ wird mit den Jüngerinnen und Jüngern Jesu und der ganzen Christengemeinde sagen: Weil Jesus auferstanden ist (Mk 16,6). Schon in der Zeit der Evangelisten allerdings wurde von jüdischer Seite behauptet, dass das Grab leer gewesen sei, weil die Jünger den Leichnam Jesu aus dem Grab entfernt und weggetragen hätten. Deshalb meint Matthäus (27,64), die Hohenpriester und Pharisäer (richtig wäre: Sadduzäer) hätten Pilatus darum gebeten, eine Wache vor das Grab zu stellen. «Sonst könnten seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volk sagen: Er ist von den Toten auferstanden.» Der Autor des um die Mitte des 2. Jhs. n. Chr. verfassten ...

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Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 2/2022

Abb. 1 Nur der Evangelist Johannes berichtet von dem Lanzenstich durch den Jesus vor demTod am Kreuz gerettet worden sein soll. In diesem Falle ist der Lanzenstich aber unhistorisch. Wahrscheinlich hat Johannes während einer Kreuzigung einen derartigen Lanzenstich beobachtet und dann bei der Kreuzigung Jesu hinzuerfunden, um die Authentizität seiner Schilderung zu erhöhen. Der Sinn dieses Stiches besteht darin, dass dasWasser, das sich im Brustraum angesammelt hat, abfließen kann, bevor derTote vom Kreuz abgenommen wird. Da sich Wasser in größeren Mengen erst ansammelt, wenn der Körper einigeTage am Kreuz gehangen hat, Jesus aber nur sechs Stunden am Kreuz hing, war ein Lanzenstich gar nicht nötig.
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... Petrusevangelium kennt dann sogar den Namen des Hauptmanns, der die Wache befehligt haben soll: Petronius. Eine nette Erfindung, die nicht weiter kommentiert werden muss.

Zwar betont Fried ausdrücklich, dass seine Rekonstruktion der Ereignisse um das leere Grab und der Geschichte des geretteten Jesu «durch und durch hypothetisch» sei. Wenn Fried allerdings meint, seine Rekonstruktion sei nicht weniger hypothetisch «als jede andere Rekonstruktion des Lebens Jesu», so muss dem deutlich widersprochen werden, denn das Leben Jesu lässt sich durchaus bis zu einem gewissen Grade historisch seriös rekonstruieren. Ebenso muss es eine plausible, historische Erklärung für das leere Grab geben, die ohne einen Scheintoten auskommt.

Das leere Grab – Der wahre Grund

Hält man daran fest, dass das Grab leer war, muss es eine andere Erklärung dafür geben. Dabei ist allein vom Markusevangelium auszugehen, denn quellenkritisch gesehen ist nur dieser Text maßgeblich, da Matthäus und Lukas gänzlich von Markus abhängen und dessen Bericht lediglich ausschmücken und steigern. Johannes basiert ebenfalls auf Markus. Die Tradition, über die er darüber hinaus noch verfügte, ist historisch wenig relevant. Er greift auf eine aus pharisäischen Kreisen stammende Überlieferung zurück, der es vor allem darum geht, dass der Leichnam Jesu jüdischer Sitte gemäß beigesetzt wird. Dazu gehörte vor allem die Verwendung wohlriechender Salben (Joh 19,39 f.). Zu diesen beiden Versen sind jedoch zwei Dinge anzumerken: Erstens dürften die «etwa hundert Pfund» Myrrhe und Aloe die enorm hohe Summe von einigen hundert Denaren gekostet haben, zweitens fehlt bei Johannes jetzt ein Motiv dafür, warum Maria von Magdala frühmorgens zum Grab kommt, denn die Salbung ist ja bereits erfolgt. Der oben erwähnte Lanzenstich und das von Johannes berichtete Nichtbrechen der Beine Jesu (Joh 19,33) werden vielleicht überhaupt nur eingeführt, um zwei Schriftworte, 2 Mose 12,46 und Sacharja 12,10, zu erfüllen. Das heißt für eine Analyse der Umstände der Beisetzung ist allein Markus relevant. Lesen wir deshalb den zweiten Evangelisten noch einmal genau und achten dabei besonders auf die Chronologie der Ereignisse, Joseph von Arimathäa und die beiden Frauen, die Zeugen der Beisetzung Jesu werden.

Jesus starb auf Golgota von den Römern als Königsprätendent verurteilt neben zwei «Räubern», bei denen es sich, positiv ausgedrückt, um Freiheitskämpfer für Israel gehandelt haben wird, um die neunte Stunde (15,34), d. h. gegen 15 Uhr. Zwar ist der Zeitablauf bei Markus literarisch rhythmisiert (15,1.25.33), wie J. Blinzler dargelegt hat, es spricht aber nichts dagegen, dass es tatsächlich Nachmittag war, als Jesus am Kreuz den Tod fand. Als es Abend wurde (15,42), suchte Joseph aus Arimathäa (der Ort ist nicht sicher lokalisierbar; es könnte sich um Ramatajim bzw. Rama, die Geburtsstadt Samuels [1 Sam 1,1.19], handeln) Pilatus auf, um die Freigabe des Leichnams zu erbitten. Dass er vorgelassen wurde, erklärt sich daraus, dass Joseph offenbar innerhalb der jüdischen Oberschicht eine hohe Stellung einnahm. Vermutlich war er ein reicher Kaufmann und nicht nur Mitglied des Rates seiner Heimatstadt, sondern auch Angehöriger des Jerusalemer Synhedrion. In dieser Eigenschaft hatte er den jüdischen Vorprozess gegen Jesus (Mk 14,53–65) am 6. April 30 n. Chr. miterlebt. Dass sich Joseph um den Leichnam Jesu bei Pilatus bemühte, kann sich Markus nur so erklären, dass dieser, wie die Jüngerinnen und Jünger Jesu, auf das Reich Gottes wartete (Mk 15,43); bei Matthäus wird Joseph dann sogar zum Jünger Jesu (Mt 27,57). Tatsächlich aber dürfte Joseph Jesus beim jüdischen Vorprozess wohl zum ersten Mal gesehen und gehört haben. Vielleicht hatten sie während des Verhörs mehrfach einen besonderen Blickkontakt miteinander, der Joseph menschlich berührte. Jedenfalls erlebte er Jesus offenbar als ehrlichen, unschuldigen, religiös erfüllten Menschen und hatte Mitleid mit ihm. Als Joseph nun erfuhr, dass Jesus am Kreuz gestorben war, wollte er, weil Pessach war und der Sabbat bevorstand und, wie vermutet werden muss, vor seiner Abreise aus Jerusalem am übernächsten Tag, ein gutes Werk tun, und dafür Sorge tragen, dass dieser Mann ordentlich bestattet wurde. Pilatus wiederum bewies seine Kompromissbereitschaft, denn nach römischen Recht wäre der Leichnam bis zur Verwesung am Kreuz hängen geblieben. Er gab den Leichnam aber frei, nachdem er sich den Tod Jesu vom römischen Kommandanten der Wachtruppe auf Golgota hatte bestätigen lassen (Mk 15,44 f.). Joseph von Arimathäa gab nun seinen (bei Markus nicht erwähnten) Dienern den Auftrag, ein Leichentuch (15,46) zu besorgen und eine mögliche Grabstelle in der Nähe des Hinrichtungsortes ausfindig zu machen. Das Felsgrab wird er selbst dann in Augenschein genommen, gekauft und bezahlt haben. Dass es sich um Josephs eigenes Grab gehandelt hätte, ist ein durchsichtiger Zusatz des Matthäus (27,60), ebenso die Bemerkung, dass es sich um ein neues Grab gehandelt habe. Denn es musste nicht nur in seinen Augen unwürdig erscheinen, den toten Messias in ein schon benutztes, unreines Grab zu legen, deswegen fügen Matthäus und Johannes (19,41) dies an. Eine Steigerung stellt sodann die Behauptung im Johannesevangelium (und diesem folgend im Petrusevangelium 6,24) dar, dass sich das Grab im Garten Josephs befunden habe (19,41). Abgesehen davon, dass es schon ein großer Zufall gewesen wäre, dass Joseph von Arimathäa ausgerechnet in der Nähe von Golgota einen Garten mit Grab besessen und er sein eigenes Grab (oder eines Familienmitgliedes) dann zur Bestattung des Leichnams eines ihm letztlich fremden Mannes zur Verfügung gestellt hätte, sind Sinn und Zweck dieser näheren Bestimmungen doch wohl, die Würdigkeit des Messiasgrabes herauszustellen und die eindeutige Lokalisierbarkeit des Grabes zu gewährleisten. Zweifel an der sicheren Identifizierbarkeit der Grabstelle sollten also erst gar nicht aufkommen. Tatsächlich aber wird es sich um irgendein Grab gehandelt haben, gewissermaßen das nächstbeste, das Joseph rasch käuflich erwerben konnte und das an einem sicherlich nicht beson-ders prominenten Ort gelegen war. Mit Helfern und wohl auch Unterstützung der römischen Wachsoldaten wurde der Tote vorsichtig vom Kreuz genommen und in das Leichentuch gehüllt. Es dürfte inzwischen ungefähr 19 Uhr geworden sein, als man schließlich den Grabplatz erreichte. Am 7. April 2021 ging die Sonne in Jerusalem um 19:03 Uhr unter, d. h. am 7. April 30 n. Chr. beleuchtete die versinkende Sonne den Felsgräberfriedhof von Westen her und warf Schatten. Wir wissen nicht genau, wo Jesus beigesetzt wurde. Zwar liegt der Tradition zu Folge das Grab unter der auf Befehl Kaiser Konstantins (306–337 n. Chr.) über einem Aphroditetempel errichteten Grabeskirche, aber das ist eben nicht so sicher, wie es in den Reiseführern steht. Es könnte ebenso gut in der Gegend der evangelischen Erlöserkirche gelegen haben. Vermutlich ist die konkrete Erinnerung an den Bestattungsort ohnehin bald verloren gegangen. Durch die Errichtung einer dritten Mauer unter König Agrippa I. (41–44 n. Chr.), also schon wenige Jahre nach Jesu Tod, wurde das Gebiet baulich verändert. Zuvor waren bereits bedeutende Teile der Urgemeinde im Zuge der ersten Verfolgungen in Jerusalem in die Diaspora getrieben worden (Apg 8,1–4). Es dürfte kein Zufall sein, dass Paulus das leere Grab nicht erwähnt: Schon er hatte offenbar keine Kenntnis mehr von dessen genauer Lage. Schließlich führten Belagerung und Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. dazu, dass auch die letzten Erinnerungen verloschen. Nachdem die Stadt lange Zeit in Schutt und Asche gelegen hatte, wurde im Zuge der Errichtung von Aelia Capitolina unter Kaiser Hadrian ab 135 n. Chr. etwa der Golgotahügel überbaut. Klar dürfte sein, dass es sich auch nicht um ein isoliert gelegenes Grab gehandelt hat, in dem Jesu beigesetzt wurde (Abb. 3); wo sich sein Grab befand, muss es zahlreiche, vermutlich viel Dutzend anderer sich ziemlich ähnlich aussehender Grabstellen gegeben haben (Abb. 4). Hier nun also setzte Joseph von Arimathäa mit seinen Männern den Leichnam bei. In Anbetracht des anbrechenden Sabbats geschah alles mit einer gewissen Eile, ohne größere Zeremonien, vor allem ohne Salbung des Leichnams. Wo aber befanden sich zu diesem Zeitpunkt die beiden Marien, Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Joses, die nach Markus Zeugen der Beisetzung waren (15,40)? Augenzeugen waren allein diese beiden Frauen, denn alle Jünger waren bei Jesu Verhaftung geflohen (14,50) und mit Ausnahme des Petrus (14,66– 72) untergetaucht. Auch während der Kreuzigung hielten sich die Jünger aus nachvollziehbaren Gründen versteckt, denn sie mussten – zumal sie über Waffen verfügten (14,47) – damit rechnen, selbst festgenommen zu werden. Einige Jünger dürften sich schon am Sonntagmorgen, als die Frauen zum Grab gingen, Richtung Galiläa abgesetzt haben. So wie die Frauen der Kreuzigung Jesu aus einiger Entfernung zugesehen hatten (15,40), so werden sich die beiden Marien auch in diesem Moment nicht in aller nächster Nähe zum Grab befunden haben. Vielleicht war ihr Standort auch nicht der günstigste; wer sagt, dass die Frauen von einem erhöhten Ort das Geschehen ungestört, sozusagen in Ruhe, überschauen konnten? Vielleicht mussten sie immer wieder lästigen Passanten, jüdischen Aufsehern, römischen Wachleuten ausweichen und sich verbergen? Die Sonne könnte zunächst geblendet, die anbrechende Nacht dann alles in Dunkelheit getaucht haben. Vielleicht störten Bäume und dazwischenliegende Felserhebungen die Sicht. Wenn sich das Grab in einem der Steinbrüche befand, die unterhalb der Grabeskirche und der Erlöserkirche archäologisch bezeugt sind, dann gab es in diesen Steinbrüchen sicher auch verwinkelte unterirdische Gänge und Höhlen. D. h. sowohl die Lichtverhältnisse als auch die Sichtverhältnisse waren alles andere als optimal. Da stellt sich die Frage, wieviel die Frauen wirklich gesehen haben? Das werden sich schon Matthäus und Lukas gefragt haben, als sie den Bericht des Markus überarbeiteten: Bei Matthäus (27,61) sitzen die Frauen deshalb dem Grab gegenüber, bei Lukas beschauen die Frauen das Grab und sehen (aus unmittelbarer Nähe), wie der Leib hineingelegt wird (23,55). Versuchen wir uns darüber hinaus in die Frauen hineinzuversetzen: Vor ein paar Tagen erst waren sie aus Galiläa nach Jerusalem hinaufgezogen. Alles wirkte überwältigend auf sie. Die Menschenmassen angesichts des Pessachfestes, die ungewohnt große Stadt, die Schönheit des Tempels. Das Reich Gottes, so hatte es ihnen Jesus prophezeit, würde sich an diesem Pessach auf Jerusalem niedersenken und so die Heiligkeit Israels wiederhergestellt. Aber dann war Jesus plötzlich nachts vor das Synhedrion geholt worden. Er hatte die beiden Hohenpriester und den sadduzäischen Tempeladel nicht von dem neuen, kommenden Bund mit Gott überzeugen können. Die beiden Marien waren deshalb nach einer mehr schlecht als recht verbrachten Nacht am 7. April schon früh auf den Beinen. Sie mussten erleben, dass der Sohn Davids durch die Römer zum Tode verurteilt wurde, sahen gegen Mittag ihren Rabbuni, der nach den Misshandlungen durch die Soldaten völlig erschöpft und blutverschmiert war, mit dem Kreuz über der Schulter, das er nicht mehr selbst tragen konnte (Abb. 5). Die Marien weinten. Das alles war so entsetzlich, dass es ihr Fassungsvermögen überstieg. Wie konnte Gott dies geschehen lassen? Warum zeigte er nicht seine Herrlichkeit? Warum kam nicht Elias und nahm Jesus vom Kreuz? Warum bebte die Erde nicht, stürzte der Tempel ein? Wie konnte Gott stumm bleiben und die Römer ihr sinnloses, brutales Werk tun lassen. Sie sahen an diesem Tag Jesus in der neunten Stunde sterben. Als die Frauen in der Dämmerung der Bestattung Jesu beiwohnten, waren sie auch von ihrer psychischen Verfassung her alles andere als «kühle» Beobachter. Niedergeschlagen und verzweifelt gingen sie in ihre Unterkunft und verbrachten eine weitere, fast schlaflose Nacht.

Am Tag nach dem Sabbat, am Morgen des 9. April, gehen die Marien in aller Früh (16,2) zum Friedhof. Sie haben Ölfläschchen bei sich, um den Leichnam nachträglich zu salben (16,1), was ja nicht notwendig gewesen wäre, wenn die Überlieferung bei Johannes historisch zutreffen würde. Das Licht der aufgehenden Sonne beleuchtet ab 6:17 Uhr (so am 9. April 2021) jetzt von Osten her das Gelände. Der Ort sieht verändert aus. Die Frauen gehen zu dem Grab, von dem sie glauben, dass es das Grab Jesu sei. Seltsamerweise ist das Grab geöffnet, sie blicken hinein, das Grab ist leer. Die Marien geraten in Verwirrung, ein Zittern und Entsetzen packt sie, sie fliehen von dem unheimlichen Ort (16,8). Aber nachdem sie Petrus und den in Jerusalem gebliebenen Jüngern nach einer Weile davon erzählt und diese doch sicher ebenfalls die leere Grabstätte aufgesucht haben, bildet sich bald die Vorstellung heraus, dass alles so hatte kommen müssen. Die Kreuzigung gewinnt nun schlagartig unerwarteten Sinn: Gott hat also doch ein Wunder gewirkt und als Zeichen für alle Menschen, den Messias von den Toten auferweckt und zu sich geholt. Damit erwies sich Jesus als der wahre König David. David war gestorben und begraben worden; Gott hatte ihn nicht aufgeweckt und zu sich gerufen, aber seinen Nachkommen (Apg 2,29–36). Dieser saß nun auf dem Thron Davids zur Rechten Gottes, und dort sitzend würde er dafür sorgen, dass die messianische Endzeit – ziemlich genau tausend Jahre nach der Herrschaft Davids – anbrechen, Israel wiederhergestellt und die verhassten Römer vertrieben würden (Lk 24,49; Apg 1,6).

Versuchen wir vor dem aufgezeigten Szenario, das, wie sollte es anders sein, mit einigen «vielleichts» und Fragezeichen versehen ist, eine Antwort auf die Frage nach dem leeren Grab zu finden, dann liegt es auf der Hand, dass sich die beiden Marien mit der Grabstelle vertan haben. Das klingt nicht sensationell, ist aber menschlich verständlich und historisch das Wahrscheinlichste. Das Grab, das sie aufsuchten, war leer, aber es war eben nicht das Grab Jesu, das sich freilich in der Nähe befunden haben muss. Ihr Irrtum erklärt sich leicht durch die völlig anderen Lichtverhältnisse am 7. und 9. April, ihre Ortsunkundigkeit, die schwierigen Sichtverhältnisse im Moment der rasch durchgeführten Beisetzung und schließlich den psychischen Zustand der beiden Frauen, in Folge der unfassbar schrecklichen Ereignisse der letzten Tage. Was sie aus einiger Entfernung in der Dämmerung gesehen hatten, sah am übernächsten Tag im hellen Licht aus nächster Nähe vollkommen anders aus. Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Joses, sind einem Irrtum unterlegen. Die Urgemeinde hat dem leeren Grab nicht weiter nachgeforscht. Warum auch? Für diese konnte es gar keinen Zweifel daran geben, dass Gott ein Wunder gewirkt und den wahren König David zu sich gerufen hatte. Christus würde wiederkommen und die Königsherrschaft Gottes mit seiner Rückkehr anbrechen. Die Apostel gingen in den Tempel (Apg 3,1; 5,25), um dies zu verkünden, nicht zum leeren Grab. Der Einzige, der mit Sicherheit hätte sagen können, wo sich das Grab Jesu befand, Joseph von Arimathäa, war zur gleichen Zeit mit seinen Leuten aus Jerusalem abgereist. Ersollte nicht wieder in die Heilige Stadt kommen und war eben kein Mitglied der Urgemeinde, wie immer wieder zu lesen ist. Wenn er ein Kaufmann war, ist er aller Wahrscheinlichkeit nach auf Reisen gegangen und von dort nicht mehr (nach Jerusalem) zurückgekehrt.

Schlussbemerkung

Wären Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Joses, heute in einem bürgerlichen Gerichtssaal in den Zeugenstand gerufen worden, hätten Richter und Staatsanwaltschaft ihre Aussage im Hinblick auf die Umstände und den exakten Ort der Beisetzung Jesu zwar zu Protokoll genommen, ihrem Zeugnis aber nur eine bedingte oder gar keine Beweiskraft zugesprochen. Dass die Frauen keinen freien Überblick über das Felsgräbergelände hatten, geht schon daraus hervor, dass sie das offenliegende Grab, das sie später für das Grab Jesu hielten, hätten sehen müssen. Denn dieses Grab war schon am Abend des 7. April 30 n. Chr. offen gewesen, so wie es am frühen Morgen des 9. April 30 n. Chr. offen war. In der Nähe dieses offen stehenden Grabes war Jesus vielleicht auch bei Fackelschein beigesetzt worden, was die Lichtsituation am Abend des 7. April 30 n. Chr. noch diffuser gemacht haben dürfte. Eine Verwechslung der Grabstelle war da leicht möglich. Das Grab Jesu war nicht leer. Leer war das Grab, dass die Frauen für das Grab Jesu hielten.

Adresse des Autors

Prof. Dr. Kay Ehling Universität Augsburg Universitätsstraße 10 D-86159 Augsburg

Bildnachweis

Abb. 1: akg-images / Erich Lessing; 2. 4: akg-images; 3: akg-images / MPortfolio / Electa; 5: akg-images / Cameraphoto.

Literatur

L. BIELER, Theios Anēr. Das Bild des «Göttlichen Menschen» in Spätantike und Frühchristentum (1935/35 ND 1967).

J. BLINZLER, Der Prozeß Jesu (4 1969).

W. BÖSEN, Der letzte Tag des Jesus von Nazaret. Was wirklich geschah (1994).

A. DEMANDT, Hände in Unschuld. Pontius Pilatus in der Geschichte (2001).

J. FRIED, Kein Tod auf Golgatha. Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus (²2019).

S. GIBSON, Die sieben letzten Tage Jesu. Die archäologischen Tatsachen (deutsch; 2010).

M. REISER, Der unbequeme Jesus (³2013).

G. THEISSEN / A. MERZ, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch (³2001).