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Das große bisschen Freiheit


Tourenfahrer - Motorrad Reisen - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 05.06.2020

Überwältigende Naturparks, einsame Landschaften und extreme Temperaturen. Die Dimensionen im Westen der USA schaff en ein neues Verständnis von Größe im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Martin Leonhardt (Text & Fotos) hat sich auf eine lange Tour begeben.


Artikelbild für den Artikel "Das große bisschen Freiheit" aus der Ausgabe 7/2020 von Tourenfahrer - Motorrad Reisen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Tourenfahrer - Motorrad Reisen, Ausgabe 7/2020

Der Weg entlang des White Rim Trails inmitten des Canyonlands- Nationalpark ist ein echtes »Once in a Life time«-Erlebnis.


Vom North Rim (Rand) des Grand Canyons führt ein Wanderweg 2000 Höhenmeter in die Tiefe und 23 km bis zum Colorado River.


Die vielen Meilen werden zu einer Meditation und selten verspürte ich beim Fahren über fremdes Land mehr ...

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... innere Ruhe


Das Capitol Reef lässt sich über unzählig freie Pisten bis ins Detail erkunden.


Die weite Landschaft vermittelt ein ganz besonderes Gefühl von Demut und Respekt für unsere Erde


Gemeinsam die Ausicht genießen: spontane Begegnung in der Einsamkeit der kalifornischen Küste.


Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht wie gebannt die roten Farben des Sonnenuntergangs an den Felsen beobachte



Alte wie moderne Bauwerke, riesige Wolkenkratzer und auch Alcatraz erlebe ich vom Motorradsattel aus


Pulsierend: San Francisco Downtown. Mehrere Aussichtspunkte um die Bucht ermöglichen einen Blick von oben.


Foto: Moritz Alexy

Fahrt in eine andere Welt: an der Grenze zwischen Colorado und Utah. Panoramablick: Über eine kleine Zubringerstraße lässt sich der Arches-Nationalpark auch durch die Hintertür besuchen. Illuminiert: Über die Bay Bridge geht es von San Francisco Bay hinüber nach Oakland (o. v. l.).


Ein intensives Erlebnis folgt dem anderen. Wie in einem Rausch fahre ich hinein in ein Traumland


El Paso-Juárez. Berüchtigter Grenzübergang. Es ist mit über 40 Grad unglaublich heiß und während ich mich mit dem Motorrad durch eine Schlange von Autos kämpfe, sammelt sich der Schweiß unter dem Helm. Ich bin ein wenig aufgeregt. Schon viele Hollywood-Streifen und Bücher haben sich dieses Ortes angenommen und dabei ein eher tristes und gewaltvolles Bild gemalt. Mitten in der Wüste, so sieht man es meist, sollen hier all die Konflikte und Zwiespältigkeiten zwischen Mexiko und den USA aufeinandertreffen. Ein Pulverfass aus Gewalt, Aufruhr und Rebellion, will man meinen. Auch ich habe einige nicht ganz unbescholtene Vorstellungen von dieser Grenze und so manche Gerüchte beruhen sicher auf traurigen Fakten. Dennoch - eines ist jetzt schon sicher: Die Grenzstation liegt garantiert nicht in einer einsamen Wüste, sondern auf einer Brücke im Herzen zweier durch einen großen Fluss getrennter Millionenstädte.

Die Realität kommt den Darstellungen aus den Medien nicht annähernd gleich. Eine Lektion, die ich schon oft auf Reisen lernen durfte. Ich denke zurück an gestern Abend, als ich allerliebst von einer mexikanischen Familie zum Abendessen eingeladen wurde. Offen, lustig und freundlich war die Begegnung. Es war nebenbei auch ein trauriger Abschied, von Lateinamerika, der spanischen Sprache und all der Latinokultur, die ich über vier lange Jahre gelebt habe. Spätestens an dem von Kameras überladenen Grenzhäuschen wird klar, dass der Moment gekommen ist, in eine neue Welt einzutauchen. Als Bonus und zum Glück fern jeder Vorstellung passiert das in einer unerwartet netten und offenherzigen Art. Und zwar auf beiden Seiten des Rio Grande. Einem »¡Adiós!« und »¡Hasta luego! «, folgen ein »Hello. How are you?« und »Welcome to the USA!«. Nach nur sieben Minuten ist die Einreise geglückt. Das ist mein absoluter Rekord - weltweit. Unglaublich, denke ich mir und bin gespannt, was mich hier alles erwarten wird.

Gleich nach der Grenze fahre ich mit »Katze«, wie ich mein Motorrad liebevoll nenne, auf dem breitesten Asphalt, den wir jemals unter die Pneus bekommen haben. Der achtspurige Interstate-Highway 25 nach Santa Fe liefert eine erste Vorstellung über die unbegrenzten Weiten des Landes, aber ich vermisse kläglich jeglichen Kurvenspaß. Deswegen setze ich nach ein paar kalten und schneereichen Tagen Kurs in Richtung Osten, nach Utah und Arizona. Über das Colorado-Plateau hinweg, das allein schon so groß wie ganz Deutschland ist, erblicke ich die ersten Tafelberge des Monument Valleys, die mit ihrem einzigartigen Landschaftspanorama den Inbegriff vom Wilden Westen geprägt haben wie keine andere Gegend.

Die Fahrt hinunter in das Land der Navajo- Indianer gleicht dem Durchschreiten eines riesigen Tors in eine andere Welt. Schneebedeckte Berge, weite Wälder verschwinden und machen Platz für braunrote Wüstenlandschaften, gespickt mit den unterschiedlichsten Erhebungen, Verwerfungen und natürlich auch den markanten Canyons, für die die USA so bekannt sind. Mit Erlaubnis der Einheimischen ist es möglich, weiter entlang der riesigen Felsen ins Tieflandbecken hineinzufahren. Noch während ich den immer kleiner werdenden Sandstein-Monumenten im Rückspiegel hinterherblicke, wird mir langsam klar, was für all die Besucher des Südwestens der USA den Reiz dieser Gegend ausmacht. Es sind die weiten Landschaften und das unmittelbar damit verbundene Gefühl von Freiheit, das sowohl ansteckend wirkt, aber auch ein besonderes Gefühl von Demut und Respekt für unsere Erde vermittelt.

Starker Niederschlag kann die sonst trockenen Pisten entlang der Canyons unpassierbar machen.


Keine halben Sachen: Strecke komplett wegen Bauarbeiten gesperrt, Umweg 80 km - bei Moab.


Die ersten Wochen vergehen wie im Flug und es bleibt keine Zeit für eine Eingewöhnung. Stattdessen folgt ein intensives Erlebnis dem anderen, so als wäre ich schon monatelang in den USA unterwegs. Wie im Rausch fahre ich weiter in Richtung des Glen Canyon mit seinem riesigen Stausee und vorbei am Capitol Reef, das über unzählige Stichstraßen entlang des Highway 24 zum wahren Traumland für spannende Motorradtouren über leichten Schotter wird. Ich nehme mir viele Tage Zeit und es vergeht fast keiner, an dem ich nicht wie gebannt die roten Farben des Sonnenuntergangs an den weit entfernten Felsen beobachte.

Meine Motorradreise wird schon bald von einem Gefühl der Einsamkeit begleitet, da es keinen Platzmangel zum Campen gibt und sich spontane Begegnungen damit sehr selten ergeben. Die vielen Meilen auf dem Motorrad werden mehr und mehr zu einer Meditation und selten verspürte ich beim Fahren über fremdes Land mehr innere Ruhe und Ausgeglichenheit.

Auch die Fahrt zum nördlichen Rand des großen Naturwunders Grand Canyon wird von diesem Gefühl begleitet. Einheimische in Kanab haben mir tags zuvor den Tipp für die Anfahrt zu einem ganz besonderen Aussichtspunkt gegeben. Während ich mich nun über Stunden durch teils schwierige und noch schneebedeckte Pfade kämpfte, kommen allerdings durchaus Zweifel an der Vernunft dieses Abstechers auf. Mehr als einmal muss ich mit Händen und Füßen den Weg freischaufeln, um Katze danach mit großer Mühe über den glitschigen Untergrund zu navigieren. Kurz nach der Ankunft am durchaus versteckten Fire Point muss ich zugeben, dass dies jede noch so große Mühe wert war.

Zum Sonnenuntergang befestige ich meine Hängematte zwischen zwei Bäumen, um wenig später mit geradezu unersättlichen Blicken in den Hunderte Meter tiefen Canyon hineinzuschauen. Die wahren Ausmaße und die Schönheit dieses UNESCO-Naturwelterbes treiben mir die Tränen in die Augen, und das überrascht mich tatsächlich. Ich muss lachen - über mich selbst und auch ein wenig über die Welt. Es ist ein Gefühl großer Freude, das mich hier überkommt, und spätestens an diesem Punkt meiner Reise kann ich die Begeisterung jedes Nordamerikaners nachempfinden, der mir entlang des Weges von den einzigartigen Naturwundern und der Größe des Landes berichtet hat. Der ruhige Blick in den Canyon schafft es, ein ganz besonderes Bild der USA zu vermitteln, das in mir abseits der Nachrichten unserer Zeit, abseits von Hektik und Hetze, ein neues Verständnis für dieses so vielfältige Land aufkommen lässt.

Magischer Moment: Delicate Arch bei Nacht. Farbschichten auf dem Weg ins Tal des Todes: Zabriskie-Berge. Weiß: Der Weg zum Fire Point ist nach dem Winter noch lange mit Schnee bedeckt; der Nadelwald ist charakteristisch für die Gegend um den Grand Canyon (o. v. l.).



Aus einem kühlen Fahrtwind wird ein heißer Luftzug wie aus einem überdimensionalen Föhn


Müsste ich eine Stadt im Südwesten empfehlen, wäre es Moab. Der kleine Ort verbindet so vieles, was Utah auszeichnet, und liegt nebenbei auch noch in unmittelbarer Nähe zu den Arches- und Canyonlands- Nationalparks. Fast vier Wochen verbringe ich in der Region, während derer ich viel Zeit auf nächtlichen Erkundungstouren mit dem Motorrad verbringe. Die erodierten Steinbögen verbreiten zur Nacht eine geradezu magische Stimmung und sind dann nebenbei von deutlich weniger Menschen besucht als tagsüber. Oft sitze ich neben Katze und meiner Kamera und blicke stundenlang in den mit Sternen überfluteten Nachthimmel. Nicht umsonst zählen die Arches zu den Naturmonumenten der USA und nirgends auf diesem Planeten gibt es mehr davon zu finden als hier. Ein jeder Bogen wirkt dabei anders, und besonders die großen, frei stehenden verfügen über eine geradezu ergreifende Anmut. Es scheint gerade so, als würde die Zeit am diesem Ort stillstehen, wenngleich Zerfall und Entstehung der Arches ein natürlicher Prozess weniger Jahrzehnte sein können.

100 Kilometer östlich gelegen, was für amerikanische Verhältnisse ein Katzensprung ist, haben der Colorado und der Green River auf andere Weise tiefe Canyons in die trockene Hochebene gegraben. Hier startet auch der 160 Kilometer lange White Rim Trail, der über äußerst kurvenreiche Strecken zuerst 400 Meter in die Tiefe und danach über einen spektakulären Felspfad direkt entlang der Sandstein- Abbruchkante führt. Weitere 300 Meter tiefer kann man mit den Augen dem kurvigen Verlauf der großen Flüsse folgen. In unmittelbarer Nähe zum Weg finde ich zahlreiche Sinkhöhlen, Spalten und weitere Steinbögen - es müssen Tausende sein.

Mehr als einmal halte ich an, um unbekannte Grotten oder Verwerfungen zu erkunden. Tafelberge, die in ihrer Form nicht unterschiedlicher sein könnten, runden den Anblick bis zum Horizont ab. Mit einem glücklich ergatterten Sonderpassierschein verbringe ich ganze drei Tage auf dem Trail und berausche mich Tag für Tag aufs Neue an den braungelben und weißen Felsformationen. Entlang des Colorado-Flusses weiter unten sind die Nächte zwar kühl, aber leider sehe ich mich mit einer wahren Invasion von Moskitos konfrontiert. Sobald die fiesen Insekten am Morgen fort sind, sorgt die ungefilterte Sonne wieder für Hitze und Schweiß und das White Rim wird zu einer anstrengenden Outdoor-Expedition. Einige Passagen entlang der Felskanten sind äußerst steil und dankend erfreue ich mich der groben Reifen und der nötigen Kraft des Motors, ohne die das Vorankommen vielleicht scheitern würde.

Las Vegas ist angeblich ein Spiegelbild des American Way of Life. Zumindest sagt mir das ein Mann, als ich einmal wieder an einer Tankstelle stehe und mit dem widerspenstigen Kartenlesegerät der Zapfsäule kämpfe. »Willst du den Amerikaner verstehen, musst du nur einmal den Strip besuchen. Es ist wild, anders, skurril, aber im Grunde genau das, was sich die meisten von uns wünschen.« Noch während er weiter von seiner Stadt träumt, wünsche ich mir derweilen, dass auch nur ein einziges Mal auf dieser Reise Benzin auf Anhieb aus dem Zapfhahn kommt. Mein Wunsch wird nicht erfüllt und auch dem Wunsch des Mannes werde ich nicht entsprechen, seine Vorstellung vom wahren Amerika kennenzulernen. Schon beim Vorbeifahren an den riesigen Casinos, Hotels und dem goldenen Trump-Wolkenkratzer wird mir klar, dass ich für jenen protzigen Trubel wohl einfach nicht gemacht bin. Das Streben nach irdischem Glück und Wohlstand, so stelle ich es mir vor, mag hier wohl leicht überzogen sein. Zu meiner Vorstellung der amerikanischen Lebensart gehört indes eine große Freiheitsliebe, der ich stattdessen lieber auf den staubigen Wüstenstraßen Nevadas entgegenfahre.

Keinem Ort habe ich mehr entgegengefiebert als der Mojave-Wüste. Gleich nach der letzten Kreuzung zum Death-Valley- Nationalpark folgt die Route 190 schnurstracks dem Weg in die Tiefe. Aus einem kühlen Fahrtwind wird mit jedem abfallenden Höhenmeter ein heißer Luftzug wie aus einem überdimensionalen Föhn. Wieder ziehen mich die landschaftlichen Ausmaße in den Bann, für die ich die USA sehr zu schätzen lerne. In der Theorie kann man die 100 Meilen lange Straße durch das Tal bestimmt in zwei Stunden abfahren. Da es mich aber für etwas mehr Abenteuer auf abgelegene Pfade zieht, belade ich Katze mit Proviant und Wasser für eine ganze Woche. Schon die erste Nacht verbringe ich unweit der farbigen Zabriskie-Schichtberge, wo ich ohne Klamotten und Schlafsack im Zelt liege. Ich spare mir sogar die Mühe, die Regenplane überzuwerfen, was nebenbei einen traumhaften Blick in den klaren Nachthimmel ermöglich.

Die Morgensonne wirft mich die kommenden Tage immer sehr schnell aus dem Zelt. Der Sommer hat bereits begonnen und die Temperaturen erreichen ihre jährlichen Höchstwerte. Am tiefsten Punkt des Valleys, dem Badwater Basin, das gut 85 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, sprengt es sogar die Temperaturanzeige im Display. Sie reicht nämlich nur bis 50 Grad. Später erfahre ich, dass an diesem Tag mit 54 Grad fast ein historischer Rekord aufgestellt wurde.

Aufgrund der diabolischen Hitze und der ständigen Wasserknappheit wird die kleine Ortschaft Stovepipe Wells schnell zu meiner Basis für die verschiedenen Exkursionen. Trotz der guten Infrastruktur kommt es jedes Jahr zu Todesfällen, weil Menschen schlichtweg verdursten. Gerade lange Touren wie jene zu den wandernden Steinen des Racetrack, zu den Mesquite-Dünen oder Ubehebe-Vulkankrater sind daher mit erhöhter Vorbereitung und Vorsicht zu genießen. Aber egal, welches Abenteuer ich während meiner Zeit an diesem heißesten und trockensten Ort Nordamerikas ansteuere, ich werde immer mit einem einzigartigen Gefühl von Lebenslust belohnt, was einmal mehr nur dem Charakter der facettenreichen weiten Berge und Täler zu verdanken ist.

Vulkankrater: Im Death Valley kann ein unüberlegter Schritt den Tod bedeuten.


Trockenheit und extreme Hitze sind besonders in der Mittagszeit kraftraubend und gefährlich.


Durch die lebhaften Straßen San Franciscos zu fahren, fühlt sich Tage später wie ein wahr gewordener Traum an. Die Brücken Golden Gate, Richmond-San Rafael und Oakland Bay gehören sicher zu den Highlights einer jeden Motorradtour. Tatsächlich eignen sie sich perfekt, um einen Blick über die traumhafte Bucht zu erhalten. Alte wie moderne Bauwerke, riesige Wolkenkratzer und natürlich auch Alcatraz erlebe ich so direkt vom Motorradsattel aus. Ich quartiere mich im alten Zentrum ein, wo auf den Straßen eine ganz andere Kultur herrscht. Man riecht, fühlt und spürt ihn sofort, den »SF-Downtown-Vibe«, der vielleicht nicht jedermanns Sache ist. Die Sprache scheint rau, das Leben turboschnell. Oft blicke ich mich um und weiß überhaupt nicht, wohin des Weges.

Abschied vom Tal des Todes. Im Hintergrund: Badwater Basin, der tiefste und oft heißeste Punkt der USA mit seinem Salzsee.


Das Tempo der Menschen in San Francisco ist mir zu schnell. Ich suche lieber Entschleunigung


INFOS ONLINE Alle Kontaktdaten und vieles mehr finden Sie unter bit.ly/tflinks


Tausend Eindrücke prasseln auf mich ein, die historischen Seilbahnen, das Pier, Stars and Stripes an allen Ecken, kleine Cafés und Bars. Eine Dominanz der Fastfood- Restaurants lässt sich nicht abstreiten. Die Blicke auf die vielen Hundert Obdachlosen in ihren verwahrlosten Zelten sind aber die bestimmenden. Ein bedrückendes Gefühl macht sich in mir breit. Selbst in den Megastädten Lateinamerikas habe ich selten solch eine Armut gesehen und irgendwie weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich sehe es als Herausforderung und versuche mich, mit dem Flow anderer Menschen zu bewegen, dessen Tempo mir allerdings dann doch zu schnell ist. Deswegen suche ich zur Nacht die nötige Entschleunigung, um die Wunder dieser Stadt zu erkunden. Diese »Nightcrawler«- Touren sind ein beliebtes Hobby von mir. Zum einen fühlt es sich einfach fantastisch an, nachts durch leuchtende Straßen zu fahren, den Gashahn mal durchzudrehen, und zum anderen ist die Dunkelheit schon immer mein Freund gewesen für spektakuläre Langzeit-Fotografien.

Ich verlasse Tage später San Francisco dennoch ziemlich ratlos. Es soll die einzige Metropole bleiben, die ich für einen längeren Zeitraum erkunde. Die Zeit war trotzdem zu kurz, um mir ein Urteil über das Leben dort oder gar der ganzen USA zu bilden. Offensichtliche soziale Probleme inmitten einer teils monumental wirkenden Großstadt, bunte Stadtbezirke, alternative Denkweisen und typisch amerikanischer Patriotismus geben sich an fast jeder Straßenecke die Hand und schaffen ein facettenreiches Puzzle, das nicht so einfach zu entschlüsseln ist.

Bald verblasst das große Fragezeichen. Die vielen Kurven der kalifornischen Küstenstraßen 1 und 101 zählen für Tourenfahrer nämlich mit Sicherheit zum Besten, was man finden kann. Zum Abschied heißt es Gas geben, dynamisch bremsen, Kurven hinterschneiden und vielleicht sogar den einen oder anderen kleinen Wheelie über einen der vielen Hügel mitnehmen. Mein Motorradfahrerherz ist tagelang beflügelt, sogar fast noch mehr als während meines Aufenthalts in der Wüste. Nachts schlafe ich im Zelt am Straßenrand und genieße diese kurzen und letzten Tage der Reise. Fast die ganze Strecke bis nach Portland verbringe ich direkt an der windigen Küste, bevor ich schnurstracks die letzten Hundert Kilometer über Seattle nach Vancouver und somit in das nächste Abenteuer Nordamerika hineinfahre - Kanada …

Allgemeines

Die beschriebene Route durch die USA war Teil der zweiten Etappe einer 2017 gestarteten Nordamerika-Reise des Autors. Insgesamt verbrachte er vier Monate auf dieser Tour. Die USA bieten einen unvergleichlichen Reichtum an spektakulären Landschaften. Englischkenntnisse sind natürlich von Vorteil. Die Einreise mit dem Motorrad gestaltet sich absolut unproblematisch.

Sicherheit

Die USA gehören wohl zu einem der am sichersten zu bereisenden Länder unseres Planeten. Wichtig sind eine gute Auslandskrankenversicherung und eine Versicherung für das Motorrad. Letztere kann in den USA sehr günstig abgeschlossen werden, auch mit Gültigkeit für Kanada.

Reisezeit

Die hier beschriebene Reise fand im Frühjahr und Sommer statt. Der Südwesten und große Teile von Utah und Nevada lassen sich ganzjährig mit dem Motorrad bereisen. Für das Death Valley sollte man die extremen Temperaturen im Sommer berücksichtigen. Colorado und alle Staaten in Richtung der Landesgrenze zu Kanada haben allerdings sehr starke und kalte Winter.

Einreise

Europäische Touristen dürfen sich mit einer elektronischen Einreiseerlaubnis ESTA (Electronic System for Travel Authorization) 90 Tage in den USA aufhalten. Für häufi ge Grenzwechsel empfi ehlt sich das B1/B2-Visum, das man bei einer USA-Botschaft beantragen muss. Die Einreise ist einfach. Es ist kein Carnet vorgeschrieben und es fi nden keine Kontrollen des Motorrads statt. Aufgrund der Corona-Pandemie sind derzeit keine Überlandreisen möglich und es werden keine Visa ausgegeben (Stand: Mai 2020).

Motorrad

Der Einfl ug des eigenen Motorrads ist über verschiedene Agenturen leicht zu organisieren. Wer nur einen kurzen Aufenthalt plant kann sich z. B. in Las Vegas oder San Francisco Motorräder aller Klassen mieten oder auch kaufen. Zu Transport und Vermietung siehe auch: bit.ly/org_reisen

Man sollte auf Pannen vorbereitet sein. Ersatzteile für moderne großvolumige Motorräder sind erhältlich und können im Notfall auch per Post (FedEx) geliefert werden. Reifen und Schmierstoffe haben europäische Preise. Benzin ist mit +/- 90 Cent pro Liter verhältnismäßig günstig.

Verkehr

Geteerte Straßen sind zum Großteil in gutem Zustand. Einige Highlights wie der White Rim Trail sind nur über Schotterpisten zu erreichen. Allerdings ist das auch die Ausnahme. Größere Highways sind kostenfrei zu befahren. Bei längeren Tunneln kann eine Maut anfallen. Vorausschauend fahren! Lkws fahren mit sehr hoher Geschwindigkeit. Polizeikontrollen sind eher die Ausnahme. Achtung vor Blitzern!

Unterkünfte

Offi zielle Campingplätze gibt es selten. Wildcamping ist allerdings oft erlaubt und über verschiedenen Apps (iOverlander) sind Stellplätze leicht zu fi nden. Die Anfahrten können allerdings anspruchsvoll sein. Weiter gibt es vereinzelt auch günstige Hostels zu fi nden. Couchsurfi ng funktioniert sehr gut. Unterkünfte in den Großstädten sind deutlich teurer und Preise um 100 Euro für eine Nacht sind keine Seltenheit.

Versorgung

Bargeld gibt es ganz einfach an den Drive-In-Bankautomaten. Pro Transaktion fällt eine zusätzliche Gebühr an. Am meisten verbreitet ist allerdings die Zahlung mit Kreditkarte.

Es gibt zahlreiche Restaurants, die einfache Speisen zu normalen Preisen anbieten. Selbstversorger fi nden alles Nötige in den großen Supermärkten. Die medizinische Versorgung ist gegeben und in größeren Städten gibt es viele private Kliniken.

Ausrüstung

Ein guter Schlafsack (Kunstfaser für feuchte Temperaturen) und eine geeignete Matratze sind für Camper absolute Pfl icht, um sicher und erholsam schlafen zu können. Das Zelt sollte windstabil sein. Frost kann über die Nacht auch im Sommer auftreten. Das Wetter ist sehr wechselhaft. Standard-Kartenmaterial gibt es in sehr guter Qualität an jeder Tankstelle. Ein GPS ist ein nützliches Zubehör abseits größerer Straßen. Es empfehlen sich die topografi schen Open-Source-Karten.

Sonstige Infos

Martin Leonhardts Reportage zu Alaska / Kanada fi ndet sich in Ausgabe 4/2020 unserer Schwesterzeitschrift Motorrad- ABENTEUER, die am 17. Juni erscheint. Weitere Infos zu den Touren des Autors gibt es auf dessen Website.

Zu der dieser Tour vorausgehenden Südamerikareise hat der Autor ein Buch veröffentlicht: Freiheit - 100.000 km mit dem Motorrad durch Südamerika, Frederking & Thaler, 1. Aufl age (2019), ISBN: 978-3-95416-302-1, 39,99 Euro.