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DAS GROSSE E XPERIMENT


Spektrum der Wissenschaft - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 14.08.2021

BEWUSSTSEIN

Artikelbild für den Artikel "DAS GROSSE E XPERIMENT" aus der Ausgabe 9/2021 von Spektrum der Wissenschaft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft, Ausgabe 9/2021

Manon Bischoff ist theoretische Physikerin und Redakteurin bei »Spektrum der Wissenschaft«.

spektrum.de/artikel/1897516

Vor etwa 20 Jahren erhielt die damalige Psychologiestudentin Lucia Melloni eine tragische Nachricht. Ihre Mutter teilte ihr mit, dass der Partner ihrer Schwester einen schweren Unfall erlitten hatte und nun im Krankenhaus lag. Diagnose: hirntot. Die Familie fuhr schnell zu ihm, um sich verabschieden zu können, bevor man die lebenserhaltenden Maschinen abschaltete. »Es war wirklich unheimlich«, erinnert sich Melloni. »Da lag ein Mensch, der atmete und Wärme ausstrahlte. Als ich zu ihm sprach, bewegte er seine Beine.« Die Ärzte hatten den Besuchern mitgeteilt, dass so etwas passieren könnte, denn die grundlegenden Reflexe sind selbst bei hirntoten Patienten vorhanden. Doch wie kann man sicher sein, dass das Bewusstsein eines Menschen für immer verschwunden ist?

Schließlich ...

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... verlieren wir tagtäglich beim Einschlafen das Bewusstsein und erlangen es wieder – ebenso, wenn man ohnmächtig wird oder vor einer OP eine Narkose erhält.

Wie kann man als Außenstehender beurteilen, ob jemand erwachen wird oder für immer im unbewussten Zustand bleibt? Dieser Frage hat sich Melloni seit dem tragischen Ereignis verschrieben. Sie promovierte in Neurowissenschaft und widmete ihre Forscherkarriere, die sie inzwischen an das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main geführt hat, der jahrtausendealten Problematik des menschlichen Geistes.

Deshalb zeigte sie sich sofort begeistert, als ihr Dawid Potgieter, der Programmverantwortliche der gemeinnützigen Organisation Templeton World Charity Foundation, vor mehreren Jahren seine ehrgeizige Vision vorstellte: ein noch nie da gewesenes Forschungsprojekt, das die führenden konkurrierenden wissenschaftlichen Theorien des 48 Spektrum der Wissenschaft 9.21

Bewusstseins auf den Prüfstand stellen soll. Er hofft, damit einige Ansätze verwerfen zu können und Neues über die Funktionsweise unseres Gehirns zu erfahren.

Dabei beeindrucken nicht nur die unterschiedlichen Methoden, die zum Einsatz kommen: Technologien wie die funktionelle Magnetresonanztomografie, Magneto- und Elektroenzephalografie sowie Elektrokortikografie sollen Aufschluss darüber geben, was im Denkorgan hunderter Probanden vor sich geht.

Zudem setzt man auf Reproduzierbarkeit. Die Versuche finden nicht nur in einem Labor statt, vielmehr widmen sich sechs Teams auf der ganzen Welt den gleichen Experimenten mit insgesamt 500 Versuchspersonen unterschiedlicher Herkunft. »Genau so stelle ich mir Wissenschaft vor, wenn man genügend finanzielle Mittel zur Verfügung hat. Ich meine, wie oft hat man schon die Gelegenheit, ein Experiment vollkommen richtig durchzuführen, direkt in mehreren Laboren, mit völlig unterschiedlichen Probanden und so weiter?«, schwärmt Melloni.

Eigentlich sollten die Ergebnisse des angelaufenen Projekts bereits vorliegen, aber die Corona-Pandemie hat den Termin etwas nach hinten verschoben. Nun hofft man, bis Ende 2021 alle Daten gesammelt zu haben, so dass die Auswertung beginnen kann.

Zusammenarbeit konkurrierender Teams Unabhängig davon, was bei diesem aufwändigen Unterfangen herauskommt, ist den Organisatoren schon jetzt eine großartige Leistung gelungen: Sie haben die wichtigsten Vertreter der zwei führenden wissenschaftlichen Bewusstseinstheorien an einen Tisch gebracht, um gemeinsam zu überlegen, welche Eigenschaften ihrer jeweiligen Modelle sich in einem Experiment und mit den derzeit verfügbaren Technologien eindeutig überprüfen lassen.

In einem einjährigen Kraftakt haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen detaillierten Plan ausgearbeitet, der preisgeben wird, welcher der Ansätze am ehesten richtigliegt. »Ich glaube nicht, dass wir am Ende bei einer einzigen Theorie landen, die uns alles über das Bewusstsein verrät«, sagt Potgieter gegenüber dem »Quanta Magazine«. »Aber angenommen, es würde unter normalen

Umständen 100 Jahre dauern, das hartnäckige Rätsel zu knacken – dann hoffe ich, dass wir die Dauer durch unsere Arbeit auf vielleicht 50 Jahre reduzieren können.«

SERIE

Bewusstsein

Teil 1: Juli 2021 Der Geist in der Maschine Patrick Krauß, Andreas Maier

Teil 2: August 2021 Mathematisierung des Bewusstseins Johannes Kleiner

Teil 3: September 2021 Das große Experiment Manon Bischoff

Doch was, wenn sich beide Ansätze als falsch erweisen? »Das wäre toll!«, begeistert sich Melloni. Schließlich lerne man gerade in der Wissenschaft am meisten aus Fehlern.

Zudem würden die gewonnenen Erkenntnisse neue Anhaltspunkte liefern, an denen man anknüpfen könne. Eine Eigenschaft des Forschungsprojekts kommt dabei besonders zum Tragen: Alle Versuchsdaten und Ergebnisse werden am Ende frei verfügbar sein. »Im Prinzip können sogar Schüler darauf zugreifen und sich ihre eigenen Gedanken über die Natur des menschlichen Geists machen und mit unseren Resultaten abgleichen«, so Melloni.

Aber was meinen Fachleute eigentlich, wenn sie von Bewusstsein sprechen? Allein eine passende Definition zu finden, ist alles andere als einfach. Einige wissenschaftliche Theorien verwenden den Begriff teilweise in grundlegend verschiedenen Zusammenhängen, was es unmöglich macht, sie miteinander zu vergleichen. Häufig wird damit jedoch die Fähigkeit bezeichnet, sich selbst und seine Umgebung wahrnehmen und beeinflussen zu können.

Dass Menschen bewusste Wesen sind, ist unbestritten. Bei Tieren, Pflanzen oder gar leblosen Systemen wird es dagegen schwieriger. Sicherlich besitzen Lebewesen wie Affen oder Vögel teilweise ausgeprägte kognitive Fähigkeiten, doch sind diese immer noch weit von denen des Menschen entfernt. Vielmehr scheint ihr Verhalten größtenteils von Trieben und Instinkten gesteuert, die unbewusste Reaktionen auf äußere Reize darstellen.

Auch Menschen verarbeiten viele Informationen, ohne es wahrzunehmen. Tatsächlich fanden Psychologinnen und Psychologen wie der Nobelpreisträger Daniel Kahneman heraus, dass die Menge der unbewussten Erinnerungen und Automatismen die der bewussten Erlebnisse deutlich übersteigt. Basierend auf diesen Erkenntnissen entwickelte der Kognitionswissenschaftler Bernard Baars daher 1982 die globale Arbeitsraumtheorie (englisch: global workspace theory, kurz: GWT), die heute zu den führenden For­ schungsbereichen der wissenschaftlichen Untersuchung des Bewusstseins zählt.

Demnach gibt es so etwas wie einen globalen Arbeitsspeicher im Gehirn, der eine bewusste Information enthält und sie von dort aus an andere Bereiche sendet, die mit gewissen Aufgaben verbunden sind. »Im Prinzip zirkulieren Informationen in einem Netzwerk weit entfernter Hirnareale, bevor eine von ihnen das Bewusstsein, den globalen Arbeitsraum, erreicht«, erklärt Stanislas Dehaene vom Collège de France in Paris, einer der führenden Vertreter der Theorie, in einem Interview mit »Pour la Science«, dem französischen Schwestermagazin von »Spektrum der Wissenschaft«. Um eine neue bewusste Erfahrung zu machen, muss die vorherige verschwunden sein. »Sobald diese breit verfügbar gemacht wird, entsteht Bewusstsein«, so der Neurowissenschaftler Christof Koch vom Allen Institute for Brain Science in Seattle im »Quanta Magazine«. Damit reduziert sich der menschliche Geist auf einen Prozess der Informationsverarbeitung – eine Art Algorithmus.

Was ist real?

Es ist nicht sonderlich überraschend, dass die Ansicht nicht allen Forschenden behagt. Der italienische Arzt Giulio Tononi hat daher zusammen mit Koch und weiteren Kolleginnen und Kollegen einen völlig anderen Zugang zu der komplizierten Thematik gesucht und die so genannte integrierte Informationstheorie (kurz IIT) entwickelt. Anstatt sich auf biologische Prozesse im Gehirn zu konzentrieren und daraus ein Modell herzuleiten, liegt hier der Startpunkt im bewussten Erlebnis selbst. »Das Einzige, dessen man sich sicher sein kann, ist seine eigene bewusste Erfahrung«, so Melloni. »Ob andere Menschen auch ein Bewusstsein besitzen – geschweige denn andere Lebewesen oder Objekte –, kann man nie mit Sicherheit wissen.«

Deshalb haben Tononi und seine Kollegen zunächst fünf Eigenschaften herausgearbeitet, die ein bewusstes Erlebnis auszeichnen (siehe »Spektrum« August 2021, S. 76). Damit ein System, etwa das menschliche Gehirn, jene so genannten Axiome erfüllen kann, muss es gewisse Merkmale in seiner Struktur aufweisen. Inzwischen wurden diese identifiziert und können somit als Maß für kognitive Fähigkeiten gelten. Anders als bei vielen anderen Ansätzen ist ein System in der IIT also nicht entweder bewusst oder unbewusst. Stattdessen gibt es einen fließenden Übergang, der sich mit der Theorie quantifizieren lässt.

»Das Bewusstsein entspricht der Fähigkeit, sich selbst zu verändern: durch seinen vergangenen Zustand geprägt zu sein und seine Zukunft zu beeinflussen. Je besser ein System das kann, desto bewusster ist es«, erklärt Koch im »Quanta Magazine«. Vereinfacht gesagt, muss ein Netzwerk in seinem Aufbau also bloß gewisse Charakteristika aufweisen, um als bewusst zu gelten. Ein Beispiel dafür sind elektronische Schaltkreise oder Genregulationsnetzwerke, die in lebenden Zellen anzutreffen sind. Allerdings sind Systeme wie das menschliche Gehirn, die über ein besonders hohes Maß an Bewusstsein verfügen und dadurch ihre Existenz wahrnehmen können, extrem selten.

Auf den ersten Blick scheinen beide Theorien plausibel – und von Grund auf vollkommen verschieden. Damit ein Ansatz als wissenschaftlich gilt, muss er Vorhersagen liefern, die sich in Experimenten prüfen lassen. Bisher decken sich sowohl die Aussagen der IIT als auch der GWT mit empirischen Ergebnissen, die Forscherteams im Lauf der Jahre gesammelt haben. Eindeutige Widersprüche hat man also noch nicht gefunden. Das liege aber unter anderem daran, dass sich die Messwerte meist unterschiedlich interpretieren lassen, warnt Melloni.

Ein wesentliches Problem neurowissenschaftlicher Experimente ist, dass jedes menschliche Gehirn anders ist, erklärt Dawid Potgieter in einem Interview im Podcast »World of Wisdom«. Wenn man beispielsweise die neuronale Reaktion von Probanden untersucht, die das Bild eines Fußballs betrachten, wird sich bei allen ein leicht abweichendes Muster ergeben. Somit enthalten die Ergebnisse statistische Unsicherheiten, die verschiedene Schlussfolgerungen zulassen. Ob absichtlich oder unbewusst – häufig versucht man, diese den persönlichen Erwartungen anzugleichen.

Doch das ist nur eine der vielen Schwierigkeiten des Bereichs. Hinzu kommt, dass wissenschaftliche Resultate in der Regel erst als gesichert gelten, wenn sie sich reproduzieren lassen. Dazu führen andere Labore ein vermeintlich identisches Experiment durch. Um vergleichbare Daten zu erhalten, müssen die Forscherteams sich allerdings detailliert über den Ablauf austauschen: Sollten die Probanden etwas Bestimmtes tun, wenn das Bild eines Fußballs erschien? Wussten die Personen, welche Motive sie sich ansehen würden? Mit welchen Methoden hat man ihre Hirnaktivität untersucht? All diese Punkte können die Resultate erheblich beeinflussen.

Transparenz ist daher unbedingt notwendig. Leider lässt sich das aber nicht immer umsetzen. Häufig vergehen mehrere Jahre, bis Forscherteams versuchen, die wissenschaftlichen Ergebnisse anderer Gruppen zu reproduzieren.

In der Zwischenzeit erinnert man sich womöglich nicht mehr an alle Details. Falls die neuen Studien dann nicht zu den ursprünglichen Resultaten passen, lassen sie sich meist in Frage stellen: Vielleicht war der Ablauf etwas anders, oder der Messprozess wich leicht vom Original ab.

Deswegen hat die Templeton World Charity Foundation einen ungewöhnlichen Plan entwickelt: Anstatt wie die meisten anderen gemeinnützigen Organisationen Gelder auszuschreiben, um die sich verschiedene Forschungsgruppen bewerben können, geben sie selbst den Ablauf des Programms vor. Mit insgesamt 20 Millionen US-Dollar finanzieren sie fünf unterschiedliche Projekte, die alle das Ziel verfolgen, die Erforschung des menschlichen Bewusstseins voranzubringen. Die Vertreter konkurrierender Theorien werden dabei nicht separat gefördert, um anschließend über ihre Ergebnisse zu diskutieren, sondern sie treffen sich schon im Vorfeld und arbeiten Hand in Hand. Gemeinsam entwickeln sie Experimente, die ihre Modelle zweifelsfrei testen sollen.

Mit diesem besonderen Anliegen wandte sich Potgieter vor einigen Jahren an Christof Koch, der daraufhin Lucia Melloni kontaktiere. Als erfolgreiche Neurowissenschaftlerin sollte sie das erste der fünf Projekte koordinieren.

Schnell einigten sich die Beteiligten darauf, die zwei führenden Theorien des Bereichs auf die Probe zu stellen. Sie rekrutierten dafür Giulio Tononi, den Mitbegründer der IIT, sowie Stanislas Dehaene als einen der wichtigsten Vertreter der GWT.

Während eines mehrtägigen Symposiums, das im Allen Institute in Seattle stattfand, entstand ein Versuchsentwurf, der eine der Theorien – oder womöglich beide – falsifizieren würde. »Der grobe Ablauf war schnell klar«, erinnert sich Melloni, »doch all die Details auszuarbeiten, etwa die passenden Labore auszuwählen und zu kontaktieren, dauerte ein Jahr.«

Zwei Versuchsabläufe in sechs Laboren Die Neurowissenschaftler haben sich auf zwei verschiedene Experimente geeinigt, bei denen sie auf je drei Bildgebungstechniken zurückgreifen: Sie nutzen funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRI), Magneto-und Elektroenzephalografie (MEG und EEG) sowie Elektrokortikografie (ECoG).

Erstere hat den Vorteil, dass sie das gesamte Gehirn abbildet. Dazu schiebt man die Probanden in eine Scannerröhre und erhält ein Abbild des Denkorgans. Allerdings lässt sich damit nicht direkt die Reaktion der Neurone beobachten, sondern lediglich die der Blutgefäße. MEG und EEG sind hingegen genauer. Die beiden Technologien haben kombiniert eine hohe zeitliche Auflösung, wohingegen die räumliche eher schlecht ausfällt. Deutlich am besten schneidet die ECoG ab. Leider kann sie aber nur bei einer kleinen Zahl von Personen zum Einsatz kommen, da sie invasiv ist: Man muss die Schädeldecke öffnen und Elektroden ins Gehirn einführen, wodurch dieses sich extrem genau untersuchen lässt. Die Versuchspersonen sind meist Patienten, die beispielsweise an Epilepsie leiden und unabhängig von dem Experiment einen derartigen Eingriff benötigen.

Die Versuche werden in insgesamt sechs Laboren auf der ganzen Welt an 500 Freiwilligen umgesetzt. Damit sind Probanden unterschiedlicher Ethnien und Kulturen vertreten, was gerade bei solchen Experimenten wichtig ist. Die beteiligten Forscherteams gehören weder der IIT-Denkrichtung noch der GWT-Schule an. »Das liegt nicht daran, dass man ihnen nicht vertraut«, betont Potgieter im Podcast von »World of Wisdom«. »Es ist nur so, dass man manchmal Ergebnisse unbewusst in eine bestimmte Richtung zu interpretieren versucht, wenn man von etwas überzeugt ist – und das möchten wir vermeiden.«

Dehaene, Tononi und ihre jeweiligen Arbeitsgruppen können sich im Anschluss an die Experimente die gesammelten Daten ansehen, um deren Qualität zu beurteilen.

Geben die Forscher ihre Zustimmung, können die Labore mit der Auswertung beginnen. Dabei kommen die neuesten Analysetechniken zum Einsatz, um die eine Hälfte der Daten zu verarbeiten. Danach nutzen sie die zweite Hälfte der Messungen, um die vorherigen Ergebnisse zu replizieren. Die beteiligten Teams erhalten anschließend die Möglichkeit, wissenschaftliche Aufsätze zu verfassen.

Erst dann werden die Daten der breiten Masse zur Verfügung gestellt – und zwar in Gänze. Das ist ungewöhnlich, denn nur selten veröffentlichen Forschungseinrichtungen wirklich alle Informationen. Unabhängig davon, wie die Ergebnisse ausfallen, haben sich die konkurrierenden Vertreter zuvor darauf geeinigt, sie zu akzeptieren – auch wenn sie ihren Vorhersagen widersprechen.

Inzwischen sind die Experimente angelaufen, einige sogar schon beendet. Unter anderem sollen sie klären, wo im Gehirn das Bewusstsein verankert ist. In der GWT geht man davon aus, dass sich die Bewusstsein erzeugenden Neurone im Scheitel- und Stirnlappen des Kortex befinden. Ersterer hängt mit dem Tastsinn und räumlichen Vorstellungsvermögen zusammen, während Letzterer mit dem Verarbeiten höherer Funktionen wie dem Gedächtnis oder der Entscheidungsfindung verbunden ist. Folgt man hingegen der IIT, muss die Vernetzung der Nervenzellen bestimmte Eigenschaften erfüllen, um ein Bewusstsein erzeugen zu können. Eine solche Struktur findet sich offenbar im hinteren Teil des Gehirns.

Eine weitere Vorhersage, die beide Theorien voneinander unterscheidet, betrifft die Dauer, mit der die Neurone während eines bewussten Erlebnisses feuern. Die GWT besagt, dass die Nervenzellen nach einem sensorischen Reiz etwa 300 bis 400 Millisekunden lang elektrische Signale übermitteln. In dem Modell entspricht das der Zeit, die nötig ist, um die Information über das Erlebte weiterzugeben. Anschließend ebbe das Signal ab und erscheine erst wieder, wenn der äußere Reiz verschwindet. Das Gehirn würde also nur am Anfang und am Ende eines Erlebnisses einen Informationsfluss in Gang setzen. Folgt man der IIT, bleibt die neuronale Aktivität hingegen während des gesamten Geschehens bestehen.

Um diese widersprüchlichen Vorhersagen zu überprüfen, haben die Forschenden zwei Versuche ausgearbeitet: In einem zeigt man den Probanden Bilder über verschiedene Zeiträume von 500, 1000 und 1500 Millisekunden. Dabei sind die Versuchspersonen nicht immer verpflichtet, äußerlich auf die Abbildungen zu reagieren. Das ist ein wichtiger Punkt, wie Melloni betont. »Viele Versuche bringen Perso

nen in eine unnatürliche Situation: Sie müssen beispielsweise ständig darüber berichten, was sie sehen. Das ist etwas, was wir im echten Leben nicht tun.«

Unter anderem deshalb konnten bisherige Experimente auch nicht eindeutig erklären, ob das Bewusstsein im vorderen oder im hinteren Teil des Gehirns verortet ist. Es sei eher ein soziologisches als ein naturwissenschaftliches Phänomen, erklärt Melloni. Die Wissenschaftler würden die Versuche in solch einer Weise durchführen, dass sie stets das vorfänden, was ihre Theorie vorhersagt.

Experimente ohne Interpretationsspielraum: IIT versus GWT

Als Beispiel nennt sie mehrere Arbeiten von Dehaene, in denen er tatsächlich Aktivitäten im präfrontalen Kortex von Probanden messen konnte, wenn sie bewusste Erfahrungen machten. Doch die meisten durchgeführten Versuche waren mit einer Aufgabe verbunden: Die Versuchspersonen mussten auf etwas reagieren oder entsprechend handeln.

Daher sieht Tononi, nach dessen Ansicht das Bewusstsein im hinteren Bereich des Gehirns verortet ist, keinen Widerspruch zu seiner Theorie. Denn gemäß der IIT findet nach einem bewussten Erlebnis durchaus Aktivität im präfrontalen Kortex statt – aber nur als Reaktion darauf, etwa um eine Handlung einzuleiten.

Deshalb haben Tononi, Dehaene und andere beteiligte Experten die derzeit stattfindenden Versuche so konzipiert, dass sie keinen Interpretationsspielraum zulassen: Da einige Experimente ohne Aufgabe auskommen, sollte es gemäß der IIT keine Aktivität im vorderen Teil des Gehirns geben.

Der zweite Versuch widmet sich hingegen der Frage, wie ein Reiz in unseren Geist gelangt. Dazu wurde ein Computerspiel entwickelt: Während die Probanden sich auf die Aufgaben des Spiels konzentrieren, treten unerwartete Ereignisse auf. Die Frage wird sein, welche davon es ins Bewusstsein schaffen und welche unbemerkt bleiben – und warum.

Die Situation ähnelt einem berühmten Video, bei dem man mehreren Personen beim Ballspielen zusieht und die Ballkontakte zählen soll. Irgendwann läuft jemand mit einem Gorillakostüm durch das Bild. Tatsächlich bekommen die meisten Menschen, die sich auf die Aufgabe konzentrieren, nichts davon mit.

Inzwischen sind einige der Versuche beendet, und mit Spannung werden die ersten Ergebnisse erwartet. Während die Forschergemeinschaft überwiegend einem Gewinner der zwei Theorien entgegenfiebert, vertritt Melloni eine differenzierte Ansicht: »Wir können mehr lernen, wenn sie beide versagen. Ich bin Agnostikerin und glaube, dass alle Modelle falsch sind – selbst wenn sich einige als nützlich erweisen.«

Inzwischen hat die Templeton World Charity Foundation ein zweites großes Forschungsprojekt bewilligt. Interessanterweise geht es auch dabei darum, die neuronale Reaktion auf statische Bilder zu erfassen, die einem Probanden unterschiedlich lange präsentiert werden. Doch die Versuchsobjekte sind in diesem Fall keine Menschen, sondern Affen und Mäuse. Damit lässt sich untersuchen, inwieweit sich die kognitiven Prozesse von Tieren und Menschen unterscheiden. Die ersten Experimente dazu laufen jetzt an.

Zudem sind weitere Projekte in Planung, die jeweils zwei Bewusstseinstheorien gegenüberstellen: Das eine vergleicht so genannte Theorien höherer Ordnung mit solchen erster Ordnung. Letztere besagen, der menschliche Geist umfasse bloß die kognitive Verarbeitung sensorischer Informationen, ähnlich wie in der GWT. Im Gegensatz dazu ist eine bewusste Erfahrung laut den Theorien höherer Ordnung mehr als nur eine Aufzeichnung von Eindrücken.

Zusätzliche Mechanismen würden demnach auf diese Informationen zurückgreifen, und erst dadurch drängen sie ins Bewusstsein.

Ein anderes Projekt wird die IIT mit einer weiteren beliebten Bewusstseinstheorie, der prädiktiven Codierung, konfrontieren. Ihr zufolge sammelt das Gehirn ständig unbewusst Informationen über die Umwelt und versucht daraus vorherzusagen, wie die nächsten sensorischen Eingaben aussehen, um ein passendes Modell der Welt zu schaffen.

Demnach liefe die Wahrnehmung zum Großteil von innen nach außen ab, nämlich durch die Vorhersage.

Die führenden Vertreter der diskutierten Theorien haben schon mögliche Ideen für Experimente herausgearbeitet, die in den kommenden Jahren in verschiedenen Laboren umgesetzt werden. Allerdings glückt der kollaborative Ansatz nicht immer. Ein weiteres Projekt, das die IIT der so genannten orchestrierten Zielreduktion gegenüberstellen sollte, die das Bewusstsein durch quantenphysikalische Prozesse erklären möchte, ist gescheitert: Es gelang nicht, ein Versuchsszenario auszuarbeiten, das die konkurrierenden Modelle testen könnte. Deshalb hat die World Templeton Charity Foundation ein weiteres Projekt ausgeschrieben. Um welche Beschreibungen des menschlichen Geistes es dabei gehen wird, ist jedoch noch unbekannt.

Aus neurowissenschaftlicher Sicht versprechen die nächsten Jahre daher überaus spannend zu werden. Entscheidend ist dabei nicht unbedingt, wie die Experimente ausgehen und welche Theorien sich durchsetzen – oder ob sie alle versagen. Allein der Umfang und die Durchführung der Versuche lässt keinen Zweifel daran, dass sie viele neue Erkenntnisse über das menschliche Gehirn zu Tage bringen werden. Zudem könnte sich die Idee, eine Zusammenarbeit konkurrierender Ansätze zu fördern, dadurch etablieren und in Zukunft auch in anderen Bereichen zu spannenden Forschungsprojekten führen.

QUELLEN

Ball, P.: Neuroscience readies for a showdown over consciousness ideas. Quanta Magazine 3/2019

Melloni, L. et al.: Making the hard problem of consciousness easier. Science 372, 2021

LITERATURTIPP

Mangin, L.: La métaphore de l’ordinateur fait du cerveau un dispositif de traitement inconscient de l’information. Pour la Science 8-9/2020, S. 8–11

Interview mit Stanislas Dehaene über das Bewusstsein (in französischer Sprache)

AUF EINEN BLICK DER MENSCHLICHE GEIST AUF DEM PRÜFSTAND

1 Gemäß der integrierten Informationstheorie (IIT) hat ein System, das seine Zukunft beeinflussen kann, ein hohes Maß an Bewusstsein.

2 Die globale Arbeitsraumtheorie (GWT) vertritt einen ganz anderen Ansatz: Der Geist ist nach dieser Ansicht bloß ein Prozess der Informationsverarbeitung.

3 Die IIT und die GWT sind die führenden Ideen zur wissenschaftlichen Beschreibung des Bewusstseins. Ein ehrgeiziges Projekt vergleicht sie nun miteinander.