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„Das hätte ich nie von dir gedacht! “


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myself - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 12.10.2022
Artikelbild für den Artikel "„Das hätte ich nie von dir gedacht! “" aus der Ausgabe 11/2022 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: myself, Ausgabe 11/2022

Wenn eine der engsten Freundinnen plötzlich zwei Gesichter zeigt, tut das nicht nur weh, man stellt auch sein eigenes Urteilsvermögen infrage.

An manchen Tagen verliere ich mich in meinen Erinnerungen. Ich sehe uns in Cafés sitzen und diskutieren. Ich sehe mich nachts durch die Straßen eilen auf dem Weg zu ihr, nachdem sie mich weinend angerufen hat. Ich höre die Stimme des Kellners, der uns aus seiner Bar wirft, weil wir seine letzten Gäste sind, zwei ausgelassene Frauen, enge Freundinnen. Ich prüfe jede der Szenen wie eine Detektivin, als gelte es, einen Mord aufzuklären und nicht das Ende unserer Freundschaft. Sechs Monate sind vergangen, seit ich ihre bösen Kommentare auf meinen Social-Media-Profilen entfernt habe. Ihre wütenden E-Mails habe ich gelöscht, und als ich Post von ihrem Anwalt erhielt, ihre Nummer gesperrt. Der forderte mich in ihrem Namen auf, ihr eine Romanidee zu überlassen, die mir bei einem gemeinsamen Lunch eingefallen war. Sie hatte immer etwas von mir gefordert. Aufmerksamkeit. Hilfe. Verständnis. Warum habe ich ...

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„Mein Mann lehnte sie von Anfang an ab. Er glaubte, sie sei ein schlechter Mensch “

Unsere erste Begegnung vor 17 Jahren in einem Münchner Café war eine kollegiale. Katharina hatte ein Buch geschrieben und bat mich, es zu empfehlen. Ich bin Autorin, schreibe Unterhaltungsromane und Sachbücher, meine Erfolgswelle begann gerade. Wir sprachen über das Zitat, das sie sich wünschte, ein sogenanntes Quote für den Buchrücken. Mir war die kleine Frau mit der Brille sympathisch. Weltgewandt und geistreich wirkte sie. Sie haderte mit ihrem Schicksal als Angestellte eines Verlages, als wäre ihr das eigene Leben zu klein. Das machte sie nahbar. Ab und an sagte ich: „Ach, Katharina, schau doch mal, so schlimm ist es nicht.“ Wir verabredeten uns, feierten mal eine Nacht durch, redeten aber meist über unsere Arbeit. Es waren dynamische Gespräche, wir haben uns gegenseitig inspiriert. Nur manchmal, da trank sie zu viel und wurde ausfällig.

Ich erinnere mich an die Worte meines Mannes, der sie von Anfang an ablehnte. Ihre schrille Art war ihm zuwider. Er sagte: „Ich glaube, sie ist ein schlechter Mensch.“ – „Sie ist verrückt“, sagte eine Freundin, als ich ihr von Katharinas Verhalten erzählte. Ich beschwichtigte beide, fand ihre Worte zu harsch. Ich dachte, dass es schon Gründe hat, wenn sie ihre Grenzen ausloten muss und den Erfolg der anderen nur schwer aushalten kann. Wenn sie alleine lebt, obwohl sie sich doch eine Beziehung wünscht. Und gleichzeitig liebte ich ihre Ausgelassenheit. Meist rief sie an, wenn es ihr schlecht ging. Sie konnte aber auch mitreißend sein, wenn sie fröhlich war. Vier Jahre ist es her, da meldete sie sich und erzählte euphorisch, dass sie beim Verlag gekündigt, eine gute Abfindung bekommen habe und nun als Autorin, Lektorin und Coach arbeite. Ich gratulierte ihr. Sagte: „Natürlich feiern wir dein neues Leben.“ Wenige Wochen später begann sie zu klagen. „Ich habe mir das alles anders vorgestellt“, sagte sie beim gemeinsamen Lunch, „ich bekomme kaum Aufträge. Was, wenn ich meine Miete nicht mehr zahlen kann? Ich werde Kartoffelschalen auskochen müssen.“ Diesen Satz wiederholte sie oft, er verfolgt mich bis heute. Wenn ich etwas von mir erzählen wollte, fiel sie mir ins Wort und sagte, dass sie das alles nicht interessiere. Ihre Sorgen bestimmten jedes Treffen, und so entschied ich mich, ihr zu helfen. Ich bin gut vernetzt in der Buchbranche. Jetzt war ich es, die sie vernetzte, die ihr Aufträge vermittelte. Sie arbeitet professionell, ist talentiert in dem, was sie tut. Und so wurde unser Kontakt enger als zuvor. Die Arbeit schweißte uns zusammen. Katharina war jetzt meine Freundin, mit der ich zu jeder Uhrzeit telefonierte, wenn es nötig war. Ich war einsatzbereit, immer. War ich unaufmerksam? Habe ich unsere Freundschaft nur schöngeträumt? Diese Fragen beschäftigen mich heute. Ich weiß, dass ich ein Helfersyndrom habe. Dass ich mich verantwortlich fühle in Situationen, in denen andere empört Grenzen ziehen und sich abwenden würden. Ich akzeptierte Katharinas Bemerkungen, die meist spöttisch waren. „Na klar steht dein Buch schon wieder auf der Bestsellerliste“, frotzelte sie über meinen Erfolg. Ich erzählte immer weniger von mir, fühlte mich schäbig neben meiner missmutigen Freundin. Der Neid der anderen, dachte ich, ist eben der Preis, den ich für mein Glück zahlen muss. Wäre es nicht arrogant, sich von ihr abzuwenden?

„Heute will ich Katharina nicht mehr verstehen, sondern mich selbst“

Im Frühjahr rief sie mich an und sagte, sie habe mich einem großen Verlag als Autorin vorgeschlagen. Sie selbst sei als Autorin einer neuen Romanreihe abgelehnt worden, daraufhin habe sie meinen Namen erwähnt. Ihre Stimme klang fröhlich, sie schien überhaupt nicht enttäuscht. Ich dankte ihr überrascht. Nach langer Zeit war es das erste Mal, dass sie etwas für mich tat. Ich legte froh auf, und tatsächlich sollte ich den Auftrag bekommen. Ich rief Katharina an, als ich die Verträge unterschrieben hatte, um mich für ihre Vermittlung zu bedanken. Sie nahm nicht ab, ich hinterließ ihr eine Nachricht. Sie antwortete per E-Mail: Ich sei keine Freundin, schrieb sie. Sie fände es unverschämt, dass ich den Auftrag angenommen habe. Wenn ich eine Freundin gewesen wäre, hätte ich abgelehnt, sie habe das nur testen wollen. Ich war fassungslos, rief sie an. Doch am Telefon beschimpfte sie mich weiter und warf mir vor mitzunehmen, was ich kriegen könne. Das Allerletzte nannte sie mich. Ihr Hass überrumpelte mich. Ich stotterte, ihre Anschuldigungen trafen mich ungeschützt. Hatte ich nicht alles getan, um ihre Lebens- und Arbeitssituation zu verbessern? Warum sah sie nicht, dass ich mich ihr gegenüber immer loyal verhalten hatte? Erst nachdem ich auflegte, kam die Wut. Erst jetzt war ich in der Lage, sie aus meinem Leben zu werfen. In den nächsten Tagen und Wochen verfolgte sie mich mit bösen Nachrichten, kommentierte abfällig meine Beiträge in den sozialen Medien. Freundinnen riefen mich an und fragten, wer diese Frau, was ihr Problem sei. Ich hatte Magenschmerzen, Kopfschmerzen. Schließlich sperrte ich Katharina auf allen Kanälen. Das, was ich Jahrzehnte lang als Freundschaft verstanden hatte, endete als Fall zweier Anwaltskanzleien.

Heute will ich Katharina nicht mehr verstehen, sondern mich selbst. Ich begreife, warum ich ihr keine Grenzen setzen und nicht sehen konnte, dass unsere Beziehung nicht ausgewogen war. Immer hatte ich das Gefühl, mich anstrengen zu müssen, um geliebt und angenommen zu werden. Jetzt, mit dem Abstand eines halben Jahres, erinnere ich mich an meine Mutter, der ich es wie Katharina selten recht machen konnte: „Kannst du nicht etwas Anständiges arbeiten?“, fragte sie mich damals, als ich beim Radio moderierte. Als ich begann, Romane zu schreiben, sagte meine Mutter: „Du gehörst ja in eine Klinik.“ Dass ich mich reinhängen und mehr sein muss, als ich bin, ist ein alter Glaubenssatz, den ich loswerden will. Es hat mich befreit, den Kontakt zu Katharina abzubrechen. In meinem Körper hat es gekribbelt, als ich entschied: Das war’s.

Noch bin ich vorsichtig, wenn ich neue Menschen kennenlerne. Es dauert länger, bis ich sie in mein Leben einlade, auch wenn sie mir sympathisch sind. Ich muss erst wieder lernen, mir selbst zu vertrauen.

*Namen von der Redaktion geändert