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Das Heilwissen alter Zeiten


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 37/2022 vom 09.09.2022

WISSEN

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Bildquelle: Gong, Ausgabe 37/2022

Grüne Medizin: Seit Jahrtausenden dienen uns Blüten und Kräuter als Pflanzenapotheke

10 ARZNEI-PFLANZEN Wie sie w irken, wie man sie anwendet

Von den Wurzeln bis zur Blüte: Schon vor Jahrtausenden setzten Heiler auf die Kraft der Pflanzen. Sie behandelten Leiden und Wunden mit dem, was sie in der Natur fanden. Vieles davon ist mittlerweile in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht? Medizinhistoriker versuchen jetzt, das alte Wissen zu erforschen, zu bewahren und für heute nutzbar zu machen.

„Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die historischen Texte zu sichten und Traditionslinien nachzuzeichnen. Wann wurde eine Heilpf lanze erstmals erwähnt? Wie sollte sie wirken?“, erklärt Tobias Niedenthal von der Forschergruppe Klostermedizin, die 1999 an der Universität Würzburg gegründet wurde. Dort entstand auch der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipf lanzenkunde, der die Arzneipflanze des Jahres (siehe rechts) kürt.

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... Klostermedizin erst mit dem Frühmittelalter im 5. Jahrhundert. Doch die Traditionen reichen viel weiter zurück. „Deshalb beschäftigen wir uns auch mit altägyptischen Papyri“, sagt Experte Niedenthal. So enthält beispielsweise der um 1550 v. Chr. entstandene „Papyrus Ebers“ über 800 Einträge zu magischen Formeln und Heilmitteln, manche bereits in Form von pflanzlichen Anwendungen. In den Rezepturen findet man etwa Johannisbrot, Kreuzkümmel, getrocknete Myrrhe, Weihrauch, Sellerie, Schirmakazienfrucht und Flohkraut. Die Hauptquelle des Wissens über die altägyptische Medizin wird heute in der Universitätsbibliothek Leipzig gehütet.

Von diesem Wissen profitierten die Griechen des Altertums, die enge Verbindungen in den östlichen Mittelmeerraum hatten. Sie führten die überlieferte Heilkunst zu neuer Blüte. Als „Vater“ der griechischen Medizin und berühmtester Arzt des Altertums gilt Hippokrates von Kos (um 460 bis um 370 v. Chr.). „Er befreite die Heilkunde vom eher abergläubischen Hintergrund und erklärte Beschwerden auf fast schon naturwissenschaftliche Weise“, betont Tobias Niedenthal. Für Hippokrates und seine Anhänger stand fest: Man muss Religion und Medizin trennen, weil Krankheiten nicht von Göttern ausgelöst werden, sondern von natürlichen Vorgängen. Das „Corpus Hippocraticum“ trägt seinen Namen und besteht aus medizinischen Texten, die zwischen dem 6. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. gesammelt wurden. Über 200 Heilpf lanzen, viele davon aromatische Kräuter, sowie ihre Anwendung werden aufgeführt, darunter Pfingstrose, Eibisch, Quitte, Dost, Veilchen, Basilikum und Eberraute. Von Griechenland aus gelangte das Heilwissen anschließend ins antike Rom – denn viele Ärzte im Römischen Reich waren Griechen.

»Mönche und Nonnen retteten das Wissen der antiken Ärzte.«

Tobias Niedenthal, Forschergruppe Klostermedizin

Was die Klöster bewahrten

Nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reichs entstanden neue Zentren der Gelehrsamkeit und Heilkunde: die Klöster. „Mönche und Nonnen retteten das Wissen der antiken Ärzte“, erklärt Tobias Niedenthal. „Und sie entwickelten es weiter. Denn viele Pflanzen wuchsen nicht nördlich der Alpen und konnten auch nicht importiert werden.“ Die ostmediterrane Pf lanzenwelt aus den alten Quellen musste durch einheimische Flora ersetzt werden. In den folgenden Jahrhunderten arbeiteten Mönche daran, alte und neue Bücher über Naturkunde und Medizin zu kopieren. Um das Jahr 800, also zur Zeit Karls des Großen, entstand etwa in der Benediktinerabtei Lorsch in der Nähe von Worms eine Handschrift, die mehr als 500 Arzneimittelzubereitungen gegen verschiedene Leiden enthält. Wichtigster Bestandteil der Rezepturen waren Pflanzen, die heilkundige Mönche nicht nur in der freien Natur sammelten, sondern auch in eigenen Klostergärten zogen.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht, die alten Heilpf lanzen für heute nutzbar zu machen. Das fängt schon bei den Namen an, die sich im Laufe der Jahrtausende natürlich verändert haben: altägyptische Bezeichnungen, griechische, lateinische, arabische, die wiederum im Hochmittelalter ins Lateinische zurückübersetzt wurden. Das „Lorscher Arzneibuch“ enthält nicht einmal Abbildungen, an denen man sich orientieren könnte. „Da gibt es viele Möglichkeiten für Verwechslungen, Vermischungen und Übersetzungsfehler“, stellt Experte Niedenthal klar. „Wenn eine Pflanze nicht verfügbar war, wurde außerdem in den Klöstern eine andere genommen, die vielleicht eng verwandt ist. Immerhin können wir spätestens mit der griechischen Tradition alle Heilpf lanzen eingrenzen, nicht immer genau auf die Art, aber auf eine Gattung.“

»Wir müssen klären, ob vergessene Pflanzen noch Potenzial bieten.«

Tobias Niedenthal, Forschergruppe Klostermedizin

Wann Vorsicht gefragt ist

Trotzdem muss das Wissen der Klostermedizin stets kritisch hinterfragt werden. „Viele Pflanzen verwenden wir heute nicht mehr“, erklärt Tobias Niedenthal. „Bei manchen ist das gut so, weil sie sich als giftig herausgestellt haben. Andere sind vielleicht zu Unrecht in Vergessenheit geraten und müssen wieder ins Licht der Fors chung gerückt werden. Das ist ein ganz wichtiger Ansatz: zu klären, ob vergessene Pflanzen noch Potenzial bieten und bewährte für zusätzliche Anwendungsgebiete geeignet sein könnten.“ Alte Schriften listen oft zehn oder gar 20 Leiden auf, bei denen die jeweilige Pflanze helfen soll, heute sind es im Schnitt nur noch zwei. Jede der überlieferten Wirkungen muss überprüft werden. Dem Mönchspfeffer, der Arzneipflanze des Jahres 2022, wird seit der Antike zugeschrieben, dass er bei stillenden Frauen die Milchbildung anregt. Dafür fehlt jedoch bis heute der Nachweis durch überzeugende klinische Studien. Bei anderen Heilpf lanzen gilt es zu klären, ob und wofür sie sich zur Selbstbehandlung eignen. Die Blätter des Ginkgo, eine der anerkanntesten Heilpf lanzen, enthalten Ginkgolsäure, die in großen Mengen Übelkeit und Erbrechen auslösen kann. Erst in pf lanzlichen Arzneimitteln ist der Anteil reduziert. so Tobias Niedenthal. An der Hochschule Neubrandenburg etwa untersuchen Forscherteams Heilkräuter auf ihre Eignung als Medikamente in der heutigen Zeit. Die Anregungen dazu kommen aus den alten Klosterbüchern des Mittelalters. „Für aufwendige klinische Studien fehlen allerdings meist die Mittel“, gibt der Experte zu. „Das kostet Millionen. Die Hochschullabore arbeiten deshalb oft im Auftrag und mit Mitteln der Industrie.“ Der Weg von der Sichtung alter Schriften bis zur Nutzbarmachung der Pflanzenextrakte ist lang. Klinische Studien in großem Stil finden meist direkt bei den Firmen statt, die das überlieferte Wissen für Arzneimittel nutzen wollen.

BUCHTIPP

Rainer Köthe Die Heilkunst alter Zeiten Vergessenes Wissen & Rezepte wbg Edition 288 S., 50 €

Worauf Hoffnungen ruhen

Besonders vielversprechend scheinen antibakteriell wirksame Pflanzen zu sein. „Die Medizin hat ja ein Riesenproblem mit Antibiotikaresistenzen“, erklärt Tobias Niedenthal von der Forschergruppe Klostermedizin. „Seit rund zehn Jahren schauen wir uns verstärkt Pflanzen an, denen historische Texte eine antibakterielle Wirkung zuschreiben.“ Meerrettich wird etwa schon lange in Kombination mit Kapuzinerkresse bei Harnwegsinfektionen eingesetzt. Für weitere Pflanzen laufen Projekte mit Hochschulen in Deutschland und England. Labore müssen klären, ob sich die Hoffnung der Medizinhistoriker erfüllt.

KAI RIEDEMANN

ARNIKA

Arnica montana

GESCHICHTE In Antike und Mittelalter fast unbekannt. Vor 200 Jahren, zu Goethes Zeiten, allerdings als Heilpflanze so populär, dass sie in freier Natur beinahe ausgerottet wurde.

HEILWIRKUNG Hilfreich bei Prellungen, Blutergüssen, Verstauchungen, wirkt entzündungshemmend, fördert die Wundheilung.

ANWENDUNG Nur äußerlich in Form von Salben, Tinkturen und Ölen, auch als Umschläge mit Arnikatee oder -tinktur. Verwendet werden die Blüten, die den Wirkstoff Helenalin enthalten. Von innerlicher Anwendung wird abgeraten.

ARZNEI-PFLANZE des Jahres 2022

MÖNCHS-PFEFFER

Vitex agnus-castus

GESCHICHTE Galt bereits im antiken Griechenland als Symbol der Keuschheit. Im Mittelalter stand die Pflanze im Ruf, die sexuellen Triebe der Mönche und Nonnen zu bändigen. So entstand auch der Name.

HEILWIRKUNG Wird eingesetzt bei prämenstruellem Syndrom (PMS), Wechseljahresbeschwerden, Menstruationsstörungen.

ANWENDUNG Durch die Wirkung auf den Hormonhaushalt bitte ausschließlich in Form von Fertigarzneimitteln wie Trockenextrakten einnehmen, und auch das nur nach Rücksprache mit einem Arzt.

WEISSDORN

Crataegus monogyna

GESCHICHTE In vielen Sagen und Märchen erwähnt, schon in der Antike medizinisch genutzt. Auch die Ureinwohner Nordamerikas wussten um die herzschützende Wirkung.

HEILWIRKUNG Bewährt bei leichten Herz- und Kreislaufbeschwerden, zur Vorbeugung einer Herzschwäche, bei Stresssymptomen, als Einschlafhilfe. Nicht geeignet für eindeutig organisch bedingte Herzleiden.

ANWENDUNG Für Weißdorntee zwei Teelöffel Blüten oder Blätter mit kochendem Wasser übergießen und mindestens fünf Minuten ziehen lassen. Im Handel sind Fertigarzneien mit Weißdornextrakt erhältlich.

HEIL-PFLANZE des Jahres 2022

GROSSE BRENNNESSEL

Urtica dioica

GESCHICHTE Vom griechischen Arzt Hippokrates vor 2400 Jahren zur „inneren Reinigung“ empfohlen, vom Verein NHV Theophrastus als Heilpflanze des Jahres gewürdigt.

HEILWIRKUNG Vielfältig eingesetzt etwa bei Nieren- und Blasenleiden, Rheuma und Gicht, vergrößerter Prostata, gegen Erschöpfung und Müdigkeit.

ANWENDUNG Drei Esslöffel Blätter in 500 ml heißem Wasser zehn Minuten ziehen lassen und als Blasentee trinken. Auch die Wurzel wird therapeutisch genutzt, etwa als Fertigextrakt.

EISENKRAUT

Verbena officinalis

GESCHICHTE Im Altertum als entzündungslindernd und wundheilend bekannt, auch als magisches Wunder- und Zauberkraut geschätzt.

HEILWIRKUNG Traditionell bei Atemwegserkrankungen (krampflösend, schmerzstillend), Hautschäden, Menstruationsbeschwerden.

ANWENDUNG Als Tee aus getrocknetem Kraut oder Sud für Kompressen. Viele Wirkungen sind nicht eindeutig belegt, im Zweifelsfall den Arzt befragen. Schwangeren wird von der Verwendung abgeraten.

JOHANNISKRAUT

Hypericum perforatum

GESCHICHTE Eine der ältesten Heilpflanzen, im „Lorscher Arzneibuch“ aus dem 8. Jahrhundert zur Behandlung von „Melancholie“ empfohlen.

HEILWIRKUNG Bei depressiven Verstimmungen, innerer Unruhe, Angstzuständen, als Öl entzündungshemmend.

ANWENDUNG Für Tee zwei Teelöffel Trockenkraut zehn Minuten in heißem Wasser ziehen lassen. Hochdosierte Präparate können Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben.

LÖWENZAHN

Taraxacum officinale

GESCHICHTE Der lateinische Name „officinale“ bedeutet „in der Apotheke gebräuchlich“. Alte Belege stammen aus dem 11. Jahrhundert.

HEILWIRKUNG Harntreibend, fördert durch Bitterstoffe die Verdauung, vorbeugend gegen Nierenund Blasensteine. Bei bestehenden Gallensteinleiden nur nach Rücksprache mit dem Arzt.

ANWENDUNG Zwei Teelöffel Blüten und Blätter 15 Minuten in heißem Wasser ziehen lassen. Auch als Fertigtee erhältlich.

RINGEL-BLUME

Calendula officinalis

GESCHICHTE Im Mittelalter erstmals von Hildegard von Bingen (1098 – 1179) erwähnt, in der Volksmedizin offenbar früh verbreitet.

HEILWIRKUNG Bei kleinen Wunden, trockener Haut, Ekzemen, wundheilend und entzündungshemmend, etwa im Mund-Rachen-Raum.

ANWENDUNG Als Salbe aus den Blütenblättern, zum Gurgeln und Spülen zwei Teelöffel Blüten 15 Minuten in heißem Wasser ziehen lassen.

SCHAFGARBE

Achillea millefolium

GESCHICHTE Schon im 1. Jahrhundert vom griechischen Militärarzt Pedanios Dioskurides erwähnt, Hildegard von Bingen empfahl die Pflanze als fiebersenkend.

HEILWIRKUNG Zur Wundheilung, Blutstillung, Krampflösung, bei Hautleiden, Verdauungsstörungen, Unterleibsbeschwerden.

ANWENDUNG Vielfältig einsetzbar in Form von Tee, Aufgüssen, Bad, Kompressen, Salben oder Schafgarbenöl. Bei empfindlicher oder vorgeschädigter Haut nicht direkt auftragen.

SÜSSHOLZ

Glycyrrhiza glabra

GESCHICHTE Um 350 v. Chr. vom antiken Naturforscher Theophrast gegen Husten empfohlen, auch bei den alten Ägyptern bereits bekannt.

HEILWIRKUNG Bei Magenleiden, Bronchitis, Atemwegserkrankungen, Husten, wirkt schleimlösend und entzündungshemmend.

ANWENDUNG Als Tee oder Mundspülung. Grundlage ist die Süßholzwurzel, aus der auch Lakritz hergestellt wird.