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Das Ich, die Götter und der Ursprung des Bewusstseins: Teil 1: Die bikamerale Psyche


Nexus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 85/2019 vom 01.10.2019

Hatte der Mensch bis vor 3.000 Jahren noch kein Bewusstsein? Und wenn dem so ist – wie konnten sich dann vor dieser Zeit Zivilisationen entwickeln? Gary Vey befasst sich in dieser Artikelserie mit den Theorien von Julian Jaynes und einigen unbequemen Wahrheiten über unser Bewusstsein. Seien Sie gewarnt! Ihr Weltbild könnte irreparable Schäden nehmen.


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Bildquelle: Nexus Magazin, Ausgabe 85/2019

Alles begann mit der Idee zu einem Artikel: „Wie (undwarum ) funktioniert Hypnose?” Ich wusste schon von anderen Themen, zu denen ich recherchiert hatte, dass es auf alles eine Antwort gab. Daher sollte sich auch für dieses ungewöhnliche Phänomen eine ...

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Alles begann mit der Idee zu einem Artikel: „Wie (undwarum ) funktioniert Hypnose?” Ich wusste schon von anderen Themen, zu denen ich recherchiert hatte, dass es auf alles eine Antwort gab. Daher sollte sich auch für dieses ungewöhnliche Phänomen eine rationale Erklärung finden lassen. Schließlich wird Hypnose ja auch in der Psychiatrie dazu genutzt, Patienten unterdrückte oder vergessene Erinnerungen bewusst zu machen und schädliche Verhaltensweisen mithilfe „unbewusster” Anregungen zu ändern. Die Art, wie ein Hypnotiseur sich in unseren innersten Verstand vorarbeiten kann, wirkt fast wie Magie. Wie funktioniert Hypnose also?

Nun, zuerst ein Eingeständnis: In diesem Artikel geht esnicht um Hypnose, sondern vielmehr um etwas, das ich bei meinen Recherchen über Hypnose entdeckt habe. Diese Entdeckung ist so wichtig, dass ich nicht nur das Thema meines Artikels geändert habe, sondern dass sie auch mich verändert hat. Und wahrscheinlich wird sie auch Sie verändern.

Im Folgenden werde ich Ihnen mit eigenen Worten über etwas erzählen, das ein Mann namens Julian Jaynes in den 1970er Jahren herausgefunden hat. Dieser Mann und die Geschichte seiner Entdeckung wären ein guter Filmstoff – doch Sie werden bald erfahren, warum Sie einen solchen Film nie zu sehen bekommen werden. Auf den folgenden Seiten möchte ich mich auf Jaynes’ Theorie konzentrieren und Ihnen die interessantesten Ideen aus seinem Buch „Der Ursprung des Bewusstseins” vorstellen. Die englische Originalfassung des Werks können Sie sich unter tinyurl.com/jaynes-origins als PDF herunterladen, falls Sie ebenso daran interessiert sind wie ich.

Ehrlich gesagt – der Titel von Jaynes’ Buch würde wohl die meisten Menschen abschrecken. Und tatsächlich haben es nicht viele Leute gelesen, und noch weniger konnten etwas damit anfangen. Die paar Intellektuellen, die sich die Mühe machten, Jaynes’ Theorie zu lesen, waren schockiert. Wenn seine Behauptungen stimmen, dann müsste die Menschheit ihre früheste Vergangenheit aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten. Wie es scheint, hat die psychologische Wissenschaft nämlich eine offenkundige und grundlegende Tatsache übersehen, die aber unerlässlich ist, wenn man viele der sozialen und politischen Probleme der Gegenwart begreifen will.

Was Sie in diesem Artikel über Ihren Verstand erfahren werden, wird Sie überraschen. Was Sie aber über sich selbst erfahren werden, wird schwer zu akzeptieren sein und Sie wahrscheinlich verändern. Ich werde die mir bekannten Fakten nun in einfacher und verständlicher Sprache zu erläutern versuchen. Haben Sie Geduld und bleiben Sie dran – möglicherweise erwartet Sie der spannendste intellektuelle Ausflug Ihres Lebens!

Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, wird einige Seiten in Anspruch nehmen und nicht einfach zu schreiben sein. Ich werde jeden Schritt genau erklären, sodass Sie durch Experimente in Ihrem eigenen Geist selbst nachvollziehen können, worüber ich hier schreibe.

Sie selbst sind Ihr bester Lehrer.

Was ich Ihnen im Folgenden erläutern werde, wird sich in zwei Etappen umwerfend auswirken. Zuerst werden Sie nicht verstehen, worum es geht, bis Sie selbst ein paar mentale Übungen gemacht haben. Danach werden Sie mit etwas geistiger Anstrengung sich selbst und die Welt anders sehen. Das ist die erste Etappe. Die zweite ergibt sich, wenn Sie Ihre neue Sichtweise in vertraute Wirklichkeiten zu integrieren versuchen – zum Beispiel in die Frage, worum es im Leben wirklich geht. Diese Erkenntnisse ändern so gut wie alles, doch man wird wahrscheinlich trotzdem keine äußerlichen Veränderungen an Ihrem Verhalten bemerken, weil sich das alles ausschließlich in Ihrem Inneren abspielt.

Eine revolutionäre Behauptung zu Beginn

Sie werden die einzelnen Punkte dieser „Vorschau” vielleicht noch nicht ganz verstehen, aber lesen Sie sie trotzdem sorgfältig.

Ihr Bewusstsein ist nichts als eine Erfindung unseres Geistes, die dadurch entstanden ist, dass unsere Sprache die Fähigkeit entwickelt hat, die Realität in einem verbalen Narrativ abzubilden. Außerdem handelt es sich beim Bewusstsein um eine relativ junge Entwicklung des menschlichen Geistes, obwohl es in fernerer Vergangenheit schon einige erfolglose Versuche in diese Richtung gegeben haben mag.

Wie lange liegt die Entwicklung unseres Bewusstseins nun zurück? Jaynes liefert recht überzeugende Beweise dafür, dass sich diese geistige Aufrüstung erst vor etwa 3.000 Jahren ereignete! Schwer zu glauben, ich weiß. Warten Sie aber erst die unterstützenden Beweise ab, bevor Sie die Theorie voreilig ad acta legen. Wenn Sie diese Möglichkeit erst einmal in Betracht ziehen, werden Sie auch die Geheimnisse der uralten Mysterienkulte, vorzeitlichen Mythen und Legenden, Orakel, Schamanen und auch die von Hypnose, Psychedelika und Beschneidung lüften können. Das alles wird klar werden, sobald Sie diese erste Hürde genommen haben.

Das ist noch lange nicht alles, was ich Ihnen jetzt erzählen könnte – aber es ist am schwierigsten zu verdauen. Wir können erst dann fortfahren, wenn Sie diesen Punkt begriffen haben. Jaynes behandelt im ersten Teil seines Buchs ausführlich das Bewusstsein und die Frage, was es ist und was es nicht ist. Unter seiner Anleitung können wir unseren eigenen Verstand dazu benutzen, seine Behauptungen zu überprüfen; danach ist es möglich, auf einer soliden Basis fortzufahren. Sind Sie bereit?

Bewusstsein

In unserem Sprachgebrauch bedeutet dieses Wort alles Mögliche. Im Wörterbuch finden wir folgende Definition:

Bewusstsein

Substantiv (sächlich)

Philosophie: das Wissen von der eigenen Existenz, Selbstwahrnehmung als eigenständig denkendes Lebewesen

geistig: das Wissen von bestimmten Fakten, das Erinnern an bestimmte Ereignisse

Medizin: Zustand geistiger Wachheit, geistige Klarheit

Ethik: Summe der Überzeugungen und Standpunkte

Für die meisten Menschen ist das Bewusstsein das, was wir sind. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich mir bewusst bin … so wie Sie auch. Diese Funktion scheint eine einzigartige menschliche Eigenschaft zu sein, die offenbar notwendig dazu war, dass wir niedere Lebensformen ohne Bewusstsein – wie Pflanzen und Tiere – beherrschen können.

Bevor Sie jetzt annehmen, dass ich Pflanzen oder Tiere mit der Bemerkung, sie hätten kein Bewusstsein, beleidigen will, sollten wir uns darauf konzentrieren, was wir mit diesem Wort eigentlich genau meinen. Besitzt Ihr Schoßhund Selbsterkenntnis? Und wie steht es mit den Experimenten (von Baxter u. a.), in denen nachgewiesen wurde, dass Pflanzen Gefühle haben?1,2

Aber das ist ohnehin nicht genau das, worum es hier geht.

Würde ich Sie auffordern, eine Liste aller Dinge zu erstellen, die Bewusstsein erfordern, dann würden Sie wahrscheinlich hinschreiben: „alles”. Vielleicht fielen Ihnen aber auch ein paar bestimmte Punkte ein:

• Sprechen (Schreiben, Lesen und Zuhören)
• Lernen
• Urteile fällen und Entscheidungen treffen
• einfaches Denken und Problemlösung

Benutzen wir also unseren eigenen Verstand als Labor und sehen uns diese geistigen Fähigkeiten näher an. Ich werde im Folgenden ein paar von Jaynes’ Argumenten vorbringen. Betrachten Sie jedes für sich und blicken Sie auf Ihre eigenen Erfahrungen zurück, um zu sehen, ob Sie mit ihm übereinstimmen.


„Der Verstand spielt auf dem Weg zur Entdeckung nur eine untergeordnete Rolle. Es findet ein Sprung im Bewusstsein statt, nennen Sie es Intuition oder wie Sie wollen, und Sie wissen nicht, wie und warum.”


– Albert Einstein

Zum Sprechen, Lesen, Schreiben und Zuhören ist kein Bewusstsein nötig

Sie lesen gerade diesen Text. Vielleicht hören Sie eine leise Stimme in Ihrem Geist, die die Wörter liest, als würde Ihnen jemand die Geschichte vorlesen. Sie wissen, dass Ihre Augen den Wörtern folgen und sich von links nach rechts bewegen. Gelegentlich flackert vielleicht ein Bild vor Ihrem inneren Auge auf, das durch den Text angeregt wurde.

Sehen wir uns nun an, was da wirklich passiert. Ihre Augen bewegen sich permanent, mehr als Ihnen bewusst ist. Ihre Körperbewegungen und die Koordination Ihrer Augenmuskeln lassen das Bild, das auf Ihrer Netzhaut entsteht, dauernd zittern. Das merken Sie aber nicht, weil eine Art Programm diese Bewegungen ausgleicht und Ihnen ein stabilisiertes Bild liefert.

Als Nächstes wird das Bild dieser Seite von Stäbchen und Zapfen auf der Netzhaut interpretiert, die Signale an Ihren visuellen Cortex (die Sehrinde) übertragen, wo besagtes Bild als Text erkannt wird. Jeder Buchstabe und jedes Wort werden erkannt, ihre Bedeutung wird im Kontext anderer Wörter und Formulierungen verstanden. Subtile Kleinigkeiten wie Humor oder die Wortwahl bestimmen, wie Sie auf diese Bedeutungen reagieren.

Erst dann erreicht dieser Text Ihr Bewusstsein als verbales Narrativ, gemeinsam mit Berichten über den Zustand Ihrer anderen Systeme (Emotionen, Hormone etc.). Und das bildet Ihre Realität.

Was ich damit sagen will: Die schwierigsten Teile des Lesens und Zuhörens spielen sich im Hintergrund ab. Unser Bewusstsein ist nur der Endempfänger einer Art Zusammenfassung, die ihm von einer ganzen Reihe unbewusster und großteils automatisch ablaufender Verarbeitungsfunktionen geliefert wird.

Beim Schreiben und Sprechen spielen sich im Hintergrund noch viel wundersamere Ereignisse ab. Wir formulieren auf der Grundlage früher eingegangener Daten Ideen, verpacken diese in logische Aussagen, übersetzen die wiederum in Wörter, die wir nach den in unserem Gedächtnis gespeicherten linguistischen Regeln korrigieren und dann genau in der richtigen Intonation und der für unser gedachtes Publikum passenden Vortragsweise äußern, ob mündlich oder schriftlich.

Genau den beschriebenen Vorgang erlebe ich jetzt, während ich diesen Text verfasse. Die Wörter kommen von irgendwo hinter dem Vorhang in mein Bewusstsein hinein. Ich sehe staunend zu, wie meine Finger die richtigen Tasten finden. Die richtige Wortwahl und der korrekte Satzbau strömen aus mir heraus. Ich verspüre ein anregendes Gefühl, weil ich weiß, dass die Wörter meine Idee richtig vermitteln.

„Ich” (mein Bewusstsein) bin gleichzeitig Zeuge und Qualitätskontrolle dessen, was da passiert.

Das Bewusstsein spielt in der Kreativität keine aktive Rolle, sondern erlebt sie meistens nur mit.

Musiker berichten, dass Song-Ideen von „irgendwoher” in ihrem Bewusstsein landen, meist schon fertig und bereit fürs Aufnahmestudio. Einige der größten wissenschaftlichen Entdeckungen und Erkenntnisse der Philosophie tauchten plötzlich im Bewusstsein auf – üblicherweise dann, wenn die betreffende Person gar nicht über das Problem nachdachte (der Heureka-Moment von Archimedes, aber auch Erfahrungen von Farnsworth, Einstein oder Tesla).

Jaynes zählt als drei ideale Umgebungen für geistige Erkenntnisse scherzhaft auf: Bad, Bett, Bus. Aber ich greife vor … Nehmen wir einfach einmal an, dass man ohne aktive Teilnahme des Bewusstseins zuhören, sprechen, lesen und schreiben kann. Die schwierige Nachdenkarbeit ereignet sich ausschließlich im Unbewussten; das Bewusstsein bekommt nur das Narrativ übermittelt.

Wenn Sie davon nicht überzeugt sind, bleiben Sie trotzdem am Ball. Als Nächstes nehmen wir uns das Lernen vor. Dazu ist doch sicher Bewusstsein erforderlich, oder?

Zum Lernen ist kein Bewusstsein nötig

Sie nehmen vielleicht an, dass man zum Lernen Bewusstsein braucht. Ich habe das auch angenommen. Und dabei dachte ich nicht an Würmer in einer Petrischale, die einem elektrischen Schock auszuweichen lernen, indem sie sich in eine sichere Zone bewegen. Ich meinteechtes Lernen – wenn man sich zum Beispiel eine Unmenge Wissen für eine mündliche Prüfung am nächsten Tag oder den Stoff für die Führerscheinprüfung eintrichtert.

Wiederholte Untersuchungen haben gezeigt, dass eine erholsame Nachtruhe die Wahrscheinlichkeit erhöht, Fakten zu lernen und zu behalten – mehr als eine durchgearbeitete Nacht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Querverbindungen von Ideen und Gedanken im Unbewussten stattfinden. Dort werden neue Informationen mit alten verknüpft, und dort passiert Lernen.

Aktuellen psychologischen Erkenntnissen zufolge ist „bewusstes oder unbewusstes Lernen in erster Linie eine Kombination aus Denkvorgängen, die man als Prozess des Wissenserwerbs bezeichnet. Dabei werden Erinnerungen in den Verstand gebracht, Assoziationen gebildet, diese dann behalten und verwendet. Eine dauerhafte Änderung in gedanklichen Assoziationen, im Langzeitgedächtnis oder eine mögliche Änderung des menschlichen Verhaltens betrachtet man als Lernen.” 3


„[Gedanken] schlichen sich oft genug heimlich in mein Denken ein, ohne dass ich ihre Bedeutung geahnt hätte. […] In anderen Fällen waren sie auf einmal da, ohne irgendein Bemühen von meiner Seite […] sie stellten sich besonders gern ein, wenn ich bei sonnigem Wetter einen Spaziergang im Bergwald machte!”


– Hermann von Helmholtz

In diesem Fall ist das Bewusstsein also eine Art Eingabeterminal, an dem wir die Reaktion unbewusster Assoziationen und Interpretationen abwarten und diese neuen Verknüpfungen dann in unser Narrativ der Realität einbauen.

Wir sprechen es aus (d. h., das Bewusstsein erkennt die neue Assoziation als gültig an) und machen es damit zur Tatsache (d. h., es wird ein Teil des neuen Realitätsnarrativs).

Na gut – vielleicht rede ich gerade weit an Ihnen vorbei. Psychologen bezeichnen diesen Vorgang jedenfalls als inzidentelles Lernen; unter dem in der Endnote angegebenen Link finden Sie ein paar wunderbare Beispiele dafür.4 Eines davon möchte ich für Sie zitieren:

„Ein Beispiel finden wir in den Schriften von Arthur Reber, der das inzidentelle Lernen jahrzehntelang erforschte. Reber zeigte 1967 in einem Experiment seinen Versuchspersonen eine Reihe von Buchstabenfolgen (wie TSXS, TSSXXVPS und PVV), die nach einer verborgenen Regel erstellt worden waren. Die Personen konnten bald beurteilen, ob neue Buchstabenfolgen dieser Regel entsprachen oder nicht – und das, obwohl sie die betreffende Regel nicht benennen konnten. Das ist es, was man gemeinhin Intuition oder Wissen aus einer unbekannten Quelle nennt. Die Versuchspersonen ‚wussten‘, ob eine neue Buchstabenfolge der Regel entsprach, aber sie wussten nicht, wie sie an dieses Wissen gelangt waren.

Reber führte viele solcher Tests durch und setzte dabei unterschiedliche Verfahren ein, um andere Erklärungen auszuschließen. Letztendlich zog er den Schluss, dass am Beginn des Lernens üblicherweise unbewusste Vorgänge stehen. Gehirnscans bestätigen dies. So zeigt beispielsweise der anteriore cinguläre Cortex – ein Bereich der Großhirnrinde, der ausschlaggebend für die Ausführung der exekutiven Funktionen (‚Willenskraft‘) und geplante Aktivitäten ist – unterschiedliche Reaktionen auf Gewinne und Verluste beim Glücksspiel, bevor die betreffende Person sich derer bewusst ist.5 Reber behauptete, dass jeder einzelne Lernakt die Geschichte unserer Art nachbildet.6‚Das Bewusstsein ist ein Nachzügler der Evolutionsgeschichte‘, betonte er.‚Hochdifferenzierte wahrnehmungsbezogene und kognitive Funktionen im Unterbewusstsein gingen seiner Entstehung deutlich voraus.‘ Entsprechend ist das Bewusstsein auch ein Nachzügler im Lernakt, der unbewussten wahrnehmungsbezogenen und kognitiven Funktionen nachfolgt, die zuerst ein Muster entdecken.” [Hervorhebung durch den Autor]

Wenn ein Sportler eine Leistung erbringt oder ein Pianist ein langes, schwieriges Stück spielt, haben wir es mit einer anderen Art von Lernen zu tun. Während der sportlichen oder künstlerischen Leistung ist die betreffende Person dann am besten, wenn sie nicht bewusst an die vielen geistigen Prozesse denkt, die sich in ihr abspielen. Diese Prozesse laufen hinter dem Vorhang des Unbewussten ab, und das Bewusstsein des Künstlers oder Sportlers wird nur Zeuge davon.

Ein geläufigeres Beispiel dafür ist das Autofahren. Wenn man zum ersten Mal am Steuer sitzt, verlangt jede noch so kleine Kurve die volle Aufmerksamkeit und vielleicht auch die „Stimme” des Fahrlehrers (real oder eingebildet), um die Situation sicher bewältigen zu können. Später fährt man dann wahrscheinlich automatisch (unbewusst) und kann sogar nebenbei eine SMS schreiben oder über etwas ganz anderes nachdenken.

So viel zum Lernen. Es spielt sich also auch hinter dem Vorhang im Unbewussten ab und funktioniert ziemlich gut, ohne dass das Bewusstsein sich daran beteiligen müsste. Und wahrscheinlich wissen Sie ohnehin schon, dass Gehirnwäsche, Gedankenkontrolle und Hypnose genau diesen unbewussten Lernprozess zur Verhaltensänderung benutzen …

Für Urteils- und Entscheidungsprozesse ist kein Bewusstsein nötig

Nimmt das Bewusstsein aktiv an unseren Entscheidungen und Urteilen teil? Man könnte unsere Moral und Persönlichkeit als Reaktionsmuster auf bestimmte Situationen betrachten. Diese Urteile und Entscheidungen können lebensbedrohlich/-rettend (Soll ich über diese wacklige Brücke gehen?) oder moralisch sein (Niemand sieht mich – soll ich dieses Stück Käse stibitzen?).

Wir stellen uns gerne vor, dass unsere Fähigkeit zum Fällen moralischer Urteile und Treffen wichtiger Lebensentscheidungen (oder eigentlich jeder Entscheidung) im Bereich des Bewusstseins beheimatet ist. Schließlich meinen wir genau das, wenn wir uns auf unseren freien Willen berufen. Psychologen und Neurologen haben jedoch vor Kurzem erkannt, dass dies nicht den Tatsachen entspricht.

Jaynes bezog sich etwa Mitte der 1970er Jahre auf eine häufig zitierte, sehr brauchbare Studie. Beim dahinterstehenden Experiment wurden die Versuchspersonen aufgefordert, mithilfe ihres Urteilsvermögens eine Textaufgabe zu lösen und dann die Antwort zu geben. Die Versuchsleiter unterteilten das Experiment in vier Teile:

1. Die Bekanntgabe der RegelnWenn ich ein Wort sage, antworten Sie mit etwas, das daraus gemacht wird. 2. Das Vortragen des Suchworts„Baum”
3. Die Verarbeitung durch das UrteilsvermögensTeilnehmer überlegt, was aus Holz gemacht wird.
4. Die Bekanntgabe der Antwort„Eine Tür.”

Die Versuchspersonen gaben an, die Antwort schon in dem Moment gewusst zu haben, als sie das Zielwort gehört hatten. Punkt 3 fiel völlig aus. Die Entscheidungen und Urteile passierten fast augenblicklich im Unbewussten, ohne dass das Bewusstsein daran beteiligt war.

In einer etwas neueren Version des Experiments wurden winzige Änderungen der Pupillengröße gemessen, da diese mit dem Grad der geistigen Anstrengung einhergehen – wie ein Zähler, der die Prozessoraktivität im Gehirn anzeigt.7 Wenn die Versuchsperson eine Entscheidung zu treffen hatte, erweiterten sich ihre Pupillen und zeigten so an, dass ihr Unbewusstes intensiv darüber nachdachte. Doch dann verengten sich die Pupillen plötzlich – ein Signal dafür, dass die Entscheidung gefallen war. Allerdings ereignete sich dies, lange (also einige Sekunden) bevor die Versuchsperson sich dessen bewusst wurde. In vielen Fällen wusste die Person vorher nicht, wie sie entscheiden würde. In der Regel kam die Entscheidung auf einmal im Bewusstsein an, gefolgt von einer Art verbaler Logik, die den Standpunkt erklärte (statt umgekehrt).

Entscheidungen und Urteile spielen sich also ebenfalls im Reich des Unbewussten ab und werden ans Bewusstsein weitergeleitet.

Bei letzterem Experiment stellte man noch etwas fest: Wenn die Entscheidung im Widerspruch zu lang gehegten Vorstellungen der Versuchsperson stand, schwankte die Größe der Pupille leicht, wenn man die Person aufforderte, ihre Entscheidung mitzuteilen. Das wies darauf hin, dass das Unbewusste nach wie vor versuchte, neue Assoziationen herzustellen und das neue Narrativ unterzubringen.

Das ist nichts Neues. Carl Gustav Jung entwickelte Mitte des 20. Jahrhunderts den Wortassoziationstest, um im Unbewussten verborgene Gedanken sichtbar zu machen. Jung forderte Patienten mit psychischen Problemen auf, auf ein Wort aus einer sorgfältig konzipierten Liste mit dem ersten Wort zu reagieren, das ihnen bewusst wurde. Dabei ging es nicht so sehr um die Antwort des Patienten, sondern um die Zeit, die er zum Antworten brauchte.

Jung hatte die Theorie, dass das Unbewusste praktisch sofort eine Assoziation herstellte, aber – da es Angst davor hatte, seine wahren Motive und Denkprozesse im Hinblick auf das psychologische Problem preiszugeben – diese Assoziation durch ein stellvertretendes Wort verschleiern musste, was zu einer verzögerten Antwort führte. Dem Patienten war dieser Vorgang nicht bewusst; er antwortete, sobald ihm das stellvertretende Wort ins Bewusstsein drang. Wörter mit einer längeren Antwortzeit wurden für Jung daher buchstäblich zum Hinweis auf das zugrunde liegende Problem des Patienten.

Entscheidend ist hier, dass sich all das unterhalb der Bewusstseinsschwelle abspielt und die Ergebnisse unbewusster Entscheidungen, Urteile, Problembewältigungen und anderer geistiger Funktionen uns erst enthüllt werden, nachdem der eigentliche Denkvorgang stattgefunden hat.

Wie Jaynes es formulierte:


„Man denkt sich etwas, bevor man konkret weiß, was es ist, woran man denken soll.”


Doch wie sieht es mit moralischen Urteilen aus? Die sind doch sicher ein Teil des Bewusstseins und des freien Willens, nicht wahr? Nun ja. Dazu gibt es ebenfalls eine interessante Studie, die nachweist, dass starke Magnete einen Teil des Gehirns ausschalten und so moralische Urteile drastisch – und negativ – verändern können.8 (Bitte beachten Sie, dass es sich bei diesem Gehirnteil um den rechten Temporallappen handelt, der später in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen wird.)

Ich weiche hier ein wenig vom Thema ab – aber da muss man sich doch fragen, welche Wirkung die elektromagnetischen Wellen von Handys haben, deren Antennen wir genau an diesen Teil des Gehirns halten? Verändern sie damit etwa auch unsere moralische Urteilsfähigkeit? Ich frage ja nur …

Abb. 1: Daniel Tammet, Savant mit Inselbegabung für Mathematik. (© Jérôme Tabet, CC-BY-SA)


Zur Problemlösung ist kein Bewusstsein nötig

Nehmen wir an, ich würde Sie auffordern, die Zahl 23 dreimal mit sich selbst zu multiplizieren. Wenn Sie ähnlich gestrickt sind wie ich, werden Sie wohl einen Zettel zur Hand nehmen und die einzelnen Multiplikationsschritte durchführen. Welche Begabungen ich auch immer habe – Mathematik gehörte nie dazu.

Es gibt aber Menschen, die diese Fähigkeit besitzen. Manche von ihnen können mathematische Gleichungen im Kopf bis zur hundertsten Dezimalstelle lösen. Ein wunderbares Beispiel dafür ist Daniel Tammet, der in einem YouTube-Video mit dem Titel „Daniel Tammet – der Junge mit dem unglaublichen Gehirn” 9 eine sehr lange Version der Zahl Pi aufsagt. Aus dem Video geht eindeutig hervor, dass diese unglaublich komplexe Berechnung nicht bewusst passiert, sondern Daniel das Ergebnis augenblicklich kennt. Die Tatsache, dass seine Antworten immer stimmen, ist noch bedeutender.

Ich habe bereits ein paar berühmte Wissenschaftler und Denker angeführt, die ihre Erfindungen und Entdeckungen auf ebendiese unbewusste Weise machten. Sie liefern Beispiele für die Lösung von Problemen, in denen es nicht um mathematische Gleichungen geht, sondern die eher konzeptioneller Natur sind. Im Wesentlichen finden Problemlösungen immer im Unbewussten statt.

Inselbegabte

Das bekannteste Beispiel für das Phänomen des Savant- Syndroms ist die Figur, die Dustin Hoffman im Film „Rain Man” darstellt. Diese extremen Fälle von Menschen mit scheinbar genialen Fähigkeiten, die sich aber alle im Unbewussten abspielen, sind sehr selten (es gibt nur etwa 50 solcher „erstaunlicher Inselbegabter” weltweit) und gehen üblicherweise mit einem in der Kindheit erlebten physischen Trauma an der linken Gehirnhälfte einher. Ich hielt es für fair, auch diese Menschen in meinen Artikel aufzunehmen. Ein derart intensiv denkendes Unbewusstes könnte auch bei Patienten mit Asperger-Syndrom oder Autismus-Spektrum-Störung zu finden sein. Manche Autoren stellten die Vermutung auf, dass die dysfunktionalen Aspekte dieser Störungen auf das Unvermögen des Unbewussten zurückzuführen seien, sich dem Bewusstsein gegenüber in einer Sprache auszudrücken (oder ihm Bericht zu erstatten), die als Narrativ der Realität dienen kann. Darauf werden wir später noch ausführlicher zurückkommen.

Ich glaube, ich habe meinen Standpunkt deutlich gemacht. Das Bewusstsein ist für Sprechen, Zuhören, Lesen, Schreiben, Lernen, Erinnern, Urteile fällen und Entscheidungen treffen, Problemlösung oder Schlussfolgerungennicht nötig. Wenn Sie an diesem Satz zweifeln, dann halten Sie ihn bitte wenigstens für möglich – und lesen Sie weiter.

Wir alle leisten Tag für Tag mit unseren unbewussten Prozessoren Erstaunliches, was aber von unserem Bewusstsein kaum anerkannt wird. Wir schätzen die Geschwindigkeit von Autos richtig ein, wenn wir eine belebte Straße erkennen. Wir können den emotionalen Zustand eines Freundes vorhersagen und wissen daher, wann die beste Zeit ist, ihn um einen Gefallen zu bitten. Wir können im Stau eine Alternativroute erstellen. All diese Dinge (und noch viele mehr) kann unser Gehirnim Hintergrund erledigen.

Jaynes schrieb:


„Unser Geist arbeitet so schnell, dass unser Bewusstsein nicht Schritt halten kann.”


Was also ist Bewusstsein?

An dieser Stelle sollten wir uns vielleicht daran erinnern, dass Jaynes’ Theorie besagt, das Bewusstsein hätte sich erst vor relativ kurzer Zeit – vielleicht erst vor 3.000 Jahren – entwickelt. Es gab aber doch schon vor 1000 v. Chr. eine ganze Menge Geschichte und Zivilisation … wie ist das also möglich?

Wir haben bereits in Betracht gezogen, dass viele der geistigen Aktivitäten, von denen wir glauben, dass sie im menschlichen Bewusstsein beheimatet sind, in Wahrheit automatisch ablaufen. Die Menschen können auch ohne Bewusstsein all das tun, was sie zum Leben brauchen. Sie können Ackerbau und Viehzucht betreiben, in Dörfern und Städten wohnen, Anführer und vor allem auch ein Glaubenssystem haben. Damit sind aber nicht unbedingt Religion oder der Glaube an eine Gottheit gemeint – es kann auch der Glaube an ein Idol, einen König, einen Stammesführer oder ein verehrtes Familienmitglied sein.

Wenn wir uns vorstellen wollen, wie diese vorbewussten Menschen gewesen sein könnten, dann sollten wir erst zusammenfassen, was der Begriff „Bewusstsein” umfasst. Ich werde Ihnen im Folgenden daher die wesentlichen Punkte zum Thema vorstellen, wie Jaynes sie definiert hat:

1. Bewusstsein ist kein Objekt, sondern ein Prozess Es existiert an keinem bestimmten Ort im Gehirn; manchmal kann es sogar nachweislich außerhalb des Gehirns angesiedelt sein. Wenn ich Sie auffordere, an das letzte Mal zu denken, als Sie durch eine Gartenanlage spazierten oder am Strand entlanggingen, werden Sie fraglos eine Erinnerung aufrufen, in der Sie sich von außerhalb sehen, statt sich an das Erlebnis zu erinnern, wie Sie es durch Ihre Augen sahen.
2. Bewusstsein funktioniert über Analogien Etwas wird für uns erst dann real, wenn wir es mit bereits erfahrenen Dingen assoziieren können. Alles im Bewusstsein ist eine Analogie zu etwas zuvor bereits im Verhalten (der Erfahrung) Geschehenen.
3. Das Bewusstsein konstruiert einen analogen Raum (eine Umgebung) mit einem analogen „Ich”, das diesen Raum beobachten und sich in ihm bewegen kann

Wenn ich Ihnen die Frage stelle, in welche Richtung sich die Tür zu Ihrem Zimmer öffnet, werden Sie in Ihrem Bewusstsein höchstwahrscheinlich ein virtuelles Bild Ihres Zimmers erstellen und sich dann vorstellen, wie Sie sich die Tür ansehen oder sie öffnen. Dieses Beispiel illustriert die Fähigkeit des Bewusstseins, sich Umgebungen vorzustellen, die die reale Außenwelt widerspiegeln, und in Ihnen den eigenen Blickwinkel einzunehmen.

Das Bewusstsein erschafft und benutzt eine virtuelle Welt, die auf Sprache und Metaphern aufbaut. Es erschafft einen Avatar für uns („Ich bin”), der mit dieser Welt interagiert und es uns ermöglicht, zukünftige Ergebnisse durchzuspielen – auf Grundlage unseres Gedächtnisses und des permanenten inneren Narrativs, das unser Drehbuch für die sogenannte Realität ist.

Das Wichtigste dabei ist jedoch, dass Bewusstsein dieVorstellung vom Selbst (das „Ich”) ist.

Implizit beinhaltet dies auch die Entwicklung der Theory of Mind, die das „Ich” erkennen lässt, dass auch andere Menschen ein „Ich” besitzen und jedes Individuum die Welt aus seiner eigenen Sicht wahrnimmt. Diese Fähigkeit entwickelt sich beim Menschen im Alter von etwa fünf Jahren. Wir werden später noch mehr über die Theory of Mind erfahren.

Stimmt Jaynes’ Theorie, der zufolge das Bewusstsein nur 3.000 Jahre alt ist, dann müssten wir an den diversen Ausdrucksformen der Menschheit – von der Literatur über Mythologie und Legenden bis hin zur Kunst – erkennen, wann der folgenschwere Übergang von einer unbewussten, nur reagierenden Zivilisation zu einer Kultur voller Emotionen und Egos stattfand.

Und genau hier wird es besonders interessant.


„Von Zeit zu Zeit erweitert sich der Verstand eines Menschen durch eine neue Idee oder eine neue Empfindung und schrumpft nie wieder auf sein vorheriges Maß zurück.”


– Oliver Wendell Holmes

Am Scheideweg

Wenn Sie bis hierher gelesen haben und das bisher Gesagte für New-Age-Gefasel oder einen Schwindel halten, mit dem ich Sie zum Glauben der wiedergeborenen Christen bekehren will, dann ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt zum Aussteigen. In diesem Fall wird Ihnen das, was jetzt kommt, nämlich noch weniger gefallen.

Ich wollte Ihnen gerade erzählen, wie der menschliche Verstand vor dem Eintreffen des Bewusstseins ausgesehen haben könnte. Zuvor muss ich aber etwas näher auf die Anatomie des menschlichen Gehirns eingehen und Ihnen ein paar Dinge erläutern, die Sie möglicherweise ohnehin schon wissen. Ich werde mich nicht allzu fachspezifisch ausdrücken und die folgenden Tatsachen möglichst einfach erklären.

Erstaunlicherweise wissen nicht allzu viele Menschen, dass wir zwei Prozessoren im Gehirn haben – man nennt sie linke und rechte Hemisphäre. In Abbildung 1 sehen Sie, was damit gemeint ist.

Beachten Sie bitte den Einschnitt (den Spalt), der sich von vorne nach hinten zieht. Er teilt das Gehirn in zwei spiegelbildlich gleiche Hälften. Diese Hemisphären sind an der Basis durch zwei dicke Nervenstränge namens Corpus callosum oder „Balken” verbunden, über die sie Daten austauschen.

Es gibt auch noch eine wesentlich kleinere Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften – die Commissura anterior (Abb. 3), die im Vergleich zum Balken eher wie ein USB-Kabel ist. Diese kleine Verbindung wird später noch eine größere Rolle spielen.

Diejenigen unter Ihnen, die nicht mit den Split-Brain-Experimenten und den Funktionen der Gehirnhälften vertraut sind, können darüber in dem Artikel nachlesen, den ich über die Entdeckung und Eigenschaften der beiden Hemisphären verfasst habe.10 Für alle anderen habe ich in der unten stehenden Tabelle die wichtigsten Eigenschaften der beiden Hälften zusammengefasst.

Abb. 2: Hemisphären und Corpus callosum (Bild: Hasshe.com)


Abb. 3: Die Commissura anterior


Jeder von uns hat männliche und weibliche Eigenschaften. Das liegt daran, dass jede unserer Hemisphären sich irgendwie dazu verpflichtet, bestimmte geistige Vorgänge durchzuführen, während die andere Hemisphäre Pause macht und zusieht. Kurz gesagt: Die beiden lernen, miteinander zu kooperieren, während sie unser Denken und Handeln steuern und beeinflussen. Die Reaktionsmuster und zugewiesenen Aufgaben jeder Gehirnhälfte machen zusammen unsere Persönlichkeit aus.

Gelegentlich haben die Hemisphären aber unterschiedliche Ansichten zu einem bestimmten Problem. In manchen Situationen will die linke Gehirnhälfte so logisch sein wie Mister Spock aus „Raumschiff Enterprise”, während die rechte Hemisphäre die emotionalen Folgen berücksichtigt. Bleibt dieser Konflikt ungelöst, dann empfinden wir im Bewusstsein ein leichtes Unbehagen, weil wir den Konflikt spüren. Einer Theorie zufolge entstehen so psychische Erkrankungen.

Das Sprachzentrum

Wenn Sie die Sache mit der Teilung des Gehirns begriffen haben, sollten Sie sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass bestimmte Gehirnteile bestimmte Aufgaben erfüllen. Momentan interessiert uns nur ein Gehirnareal – der Ort, an dem Sprache verstanden und erzeugt wird. Er heißt Wernicke-Zentrum oder Wernicke- Areal. Bei den meisten Rechtshändern befindet sich dieser Bereich etwas über und hinter dem linken Ohr (siehe Abb. 4).

Bevor es Magnetresonanz- und Positronen-Emissions- Tomografie gab, wussten Gehirnforscher bereits, dass dieses Areal für die Sprache zuständig ist, weil es oft von Schlaganfällen geschädigt wird. Auch Unfälle und Tumoren, die diesen Teil des Gehirns angriffen, führten dazu, dass der Patient die Fähigkeit zu sprechen einbüßte.

Jaynes bemerkte, dass fast alle wichtigen Gehirnteile in der anderen Hemisphäre gedoppelt sind. In manchen Fällen, bei denen die dominante Seite verletzt wor- den war, übernahm die andere Seite die Aufgaben des verletzten Areals. Offensichtlich ist dies von der Natur so gewollt, um unsere überlebenswichtigen Fähigkeiten zu schützen.

Abb. 4: Das Wernicke-Areal im Gehirn


Doch wie sieht es mit der Sprache aus?

Jaynes stellte fest, dass es für das Wernicke-Areal in der linken Hemisphäre keine Entsprechung in der anderen Gehirnhälfte gibt, die eine Schädigung des Sprachzentrums kompensieren würde. Das kam ihm sehr merkwürdig vor – zumal schon zu seiner Zeit bekannt war, dass das Wernicke- Areal in der nicht dominanten Gehirnhälfte (bei Rechtshändern der rechten) praktisch ungenutzt ist. Bei Tumoroperationen stellte man fest, dass man es herausschneiden konnte, ohne dass irgendwelche Ausfälle auftraten.

Wird dieses scheinbar ungenutzte Areal aber durch elektrischen Strom stimuliert, dann berichten die Patienten, dass sie eine Stimme hören. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine innere Stimme, sondern um eine laute, echte Stimme, die in vielen Fällen von einer bestimmten Stelle im Raum zu kommen scheint. Aus irgendeinem nicht näher bekannten Grund war es Forschern gelungen, in Patienten ohne bekannte Schizophrenie oder andere Geistesstörungen akustische Halluzinationen hervorzurufen.

Na gut – damit lassen wir jetzt auch die Anatomie hinter uns. Fassen wir noch einmal kurz zusammen: Es gibt zwei Gehirnhemisphären, die – bei Menschen mit normaler Gesundheit – miteinander kommunizieren und kooperieren, sodass wir die Teilung in unserem Bewusstsein nicht bemerken. Ohne Zweifel existiert sie zwar, doch wir empfangen nur ein Narrativ in unserem Bewusstsein. Und dieses Narrativ entspringt der Entscheidung der zwei erwähnten Prozessoren, welcher von ihnen wann welche Aufgabe für Sie übernimmt.

In jeder Gehirnhälfte gibt es Areale, die bestimmte Aufgaben erfüllen. Wir wissen das aufgrund moderner Gehirnscans, wie sie Jaynes in den 1970er Jahren noch nicht zur Verfügung standen. Wir wissen, dass das Wernicke-Areal in der linken Hemisphäre für die meisten Rechtshänder (etwa 85 Prozent der Gesamtbevölkerung) als Sprachzentrum fungiert, während seine Entsprechung in der rechten Hemisphäre keine offensichtlich lebenswichtige Funktion hat und ohne Symptome entfernt werden kann, bei Stimulation für den Patienten jedoch eine halluzinierte Stimme ertönen lässt.

Wie sah das Vorbewusste im Menschen aus?

Jaynes vertritt die Theorie, dass unser derzeitiger Bewusstseinszustand eine recht neu erworbene geistige Fähigkeit sei. Der Übergang zu diesem Zustand soll um ca. 1000 v. Chr. stattgefunden haben. Davor besaß der Mensch ab der Entdeckung der Sprache (einschließlich Symbolen, Lauten und Handzeichen) einebikamerale Psyche. Der Begriff „bikameral” wird eigentlich für Gesetzgebungsorgane verwendet, die aus zwei Kammern bestehen, Jaynes überträgt ihn aber auf das Zweikammergehirn und die Psyche.

Auch in seinem vorbewussten Zustand wurde der Mensch von den zwei Gehirnhemisphären gesteuert, die bei ihm aber – im Gegensatz zum Menschen der Jetztzeit – nicht mit einer „inneren Stimme”, einem internen Narrativ miteinander kommunizierten. Stattdessen funktionierten sie unabhängiger voneinander. Es gab keine innere Stimme. Jaynes schrieb:

„Es ist durchaus möglich, dass zu irgendeiner Zeit einmal Menschen gelebt haben, die sprachen, urteilten, Schlüsse zogen und Probleme lösten, ja, die so gut wie alles, was wir tun, zu tun vermochten, die aber nicht das geringste Bewusstsein besaßen.”

In dieser bikameralen Psyche steuerten beide Hemisphären die Muskeln und hielten die Koordination aufrecht. Wir sehen das bei Patienten, deren Corpus callosum bei einer Operation durchtrennt wurde. Auf irgendeine Art schaffen es die Hemisphären auch danach, weiter zu kooperieren und ihre Steuerung zu koordinieren. Menschen mit zwei voneinander getrennten Gehirnen können ohne jeden erkennbaren Mangel gehen und sprechen. Erst beim Denken auf höherer Ebene wird die Teilung offensichtlich.

Im Vorbewusstsein war die linke Gehirnhälfte dominant und kontrollierte einen Großteil des Reaktionsverhaltens eines Individuums. Die rechte Gehirnhälfte war sozusagen eine Sicherheitskopie für diese geistigen Funktionen, die bei einer Schädigung der linken Hemisphäre neu verdrahtet werden konnte, um bestimmte Aufgaben zu übernehmen. Sobald die Sprache sich entwickelte, änderte sich ihre Aktivität aber.

Statt das Sprachzentrum (das Wernicke-Areal in der linken Hemisphäre) in der rechten Gehirnhälfte zu duplizieren, war das entsprechende Areal nun einer speziellen Aufgabe vorbehalten.

Laut Jaynes’ Ansicht wurde die rechte Hemisphäre zu einer Art Beschützer und Bewacher, der die Handlungen ihres Zwillings beobachtete und eingriff, um vor Gefahren zu warnen, die Position des gejagten Wilds vorherzusagen oder auf die Plätze hinzuweisen, wo man wahrscheinlich Wasser oder Feuerstein finden konnte. Diese Stimme wurde von der linken Gehirnhälfte des Frühmenschen als akustische Halluzination „gehört”, die ihren Ursprung in der rechten Gehirnhälfte hatte.

Die „Stimme” (die manchmal auchlogos genannt wurde) drückte sich in wenigen Worten aus, war aber gebieterisch und forderte Gehorsam. Am Anfang war sie wahrscheinlich als die erinnerte Stimme eines Elternteils zu identifizieren, die einen Rat oder Befehl wiederholte. Diese Stimme war insofern nützlich, als sie auch in Abwesenheit einer Autoritätsperson – sei es Elternteil, Stammesführer, König oder später ein Idol – dafür sorgte, dass Aufgaben weiter kontinuierlich erledigt wurden.

Da die halluzinierte Stimme einen Menschen führte, setzte sich bald eine allgemeine Verhaltensweise durch, mit deren Hilfe Familien und Stämme in immer größeren Gemeinschaften zusammenleben konnten. Um die Ordnung zu wahren und durch viele unterschiedliche Stimmen in vielfältigen Kulturen möglichst wenig Verwirrung zu stiften, war die Stimme der obersten Autorität einem Anführer oder einer Gottheit zugeordnet.

Wenn es sich um einen menschlichen Anführer handelte, leitete dessen Stimme das Volk häufig auch noch lange nach seinem Tod. Waren aber übernatürliche Mächte beteiligt, so stattete man deren Idole und Statuen in den Tempeln üblicherweise mit großen, fesselnden Augen aus, damit die Anwesenden ihre akustischen Halluzinationen leichter mit der jeweiligen Autorität in Verbindung bringen und so deren Rat und Führung suchen konnten.

Jaynes hält sich in seinem Buch länger mit der These auf, dass unsere Verehrung für die Toten, die sich in so vielen alten Grabstätten ausdrückt, wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass die Stimme des Verstorbenen in der Psyche des vorbewussten Menschen weiterhin zu hören war und zu ihm sprach, als wäre der Sprechende noch am Leben.

Gehen wir nun von der Steinzeit im Schnellvorlauf zu der Zeit vor 3.000 Jahren weiter, so können wir beobachten, dass die Sprache Ereignisse und Objekte immer präziser beschreiben kann. Die halluzinierten Stimmen beschränken sich mittlerweile auf besondere Personen, die als Schamanen, Propheten, Seher, Orakel, Pharaonen, Priester und Könige fungieren. Die Stimmen dieser Vermittler werden im Geist der Menschen zur halluzinierten Stimme der Autorität. Jaynes schreibt:

„Doch dürfen wir sicher sein, dass ein Teil dieser kleinen Objekte als Hilfsmittel für die Hervorbringung bikameraler Stimmen tauglich war. Dies gilt insbesondere für die aus der Zeit um 3000 v. Chr. stammenden Augenidole, wie sie vor allem im Tell Brak am Èagða a (einem Nebenfluss des Habur, der seinerseits ein Nebenfluss des Euphrat ist) zu Tausenden gefunden wurden: schwarz-weiße Gebilde aus Alabaster, bestehend aus einem flachen, keksähnlichen Korpus mit einem augenförmigen, ehemals malachitgrün getönten Aufsatz.

Abb. 5: Die großen Augen von Statuen in frühmenschlichen Tempeln sollten dafür sorgen, dass die Anwesenden ihre akustischen Halluzinationen auf die Statuen projizieren.


Abb. 6: Diverse Augenidole aus dem Augentempel im syrischen Tell Brak.


Wie die älteren Stoßzahn-Idole der Amrah- und Gerzeh-Kulturen eignen sie sich dazu, in der Hand gehalten zu werden. Die meisten haben nur ein Augenpaar, doch gibt es auch welche mit zweien; manche tragen Kronen, manche Kennzeichnungen,die sie eindeutig als Gottheiten ausweisen.

An anderen Ausgrabungsstätten – in Ur, Mari und Lagas – wurden größere Augenidole aus Terrakotta gefunden; da ihre Augen die Form von offenen Schlaufen haben, hat man sie Brillenidole getauft. Andere Augenidole, aus Stein verfertigt und auf Sockeln oder Altären postiert, sehen aus wie zwei Muffen auf einer quadratischen, mit Einritzungen verzierten Platte, die einen Mund darstellen könnte.”

Ich muss zugeben, dass eine Theorie wie die von der bikameralen Psyche für mich etwas völlig Neues war. Sehen wir uns also an, was Jaynes zu seinen Schlussfolgerungen gebracht hat.


„Für dich selbst bist du der Mittelpunkt des Universums. Für jemand anderen bist du einfach nur jemand anderer.”


– Anonym

Welche Beweise gibt es für diese Theorie?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns die menschliche Kultur, die Erzählungen und die Architektur aus der Zeit vor und unmittelbar nach 1500 v. Chr. ansehen. Daraus werden wir ersehen, ob der Geist der Menschen damals anders geartet war. Um das zu bewerkstelligen, sollten wir aber erst verstehen, was wir heute haben und was der vorbewusste Mensch noch nicht hatte.

Das Bewusstsein beruht auf der Fähigkeit, unserer selbst als denkende Wesen mit einer einzigartigen Sichtweise auf die Realität bewusst zu sein und zu begreifen, dass dies auch für andere Menschen gilt. Diese Bewusstheit umfasst unsere Ziele, Gefühle, Meinungen und Kenntnisse. Wir folgern, dass andere Menschen dieselben Eigenschaften besitzen, die sich bei ihnen aber in unterschiedlicher Weise manifestieren.

Dieser Aspekt des Bewusstseins wird manchmal als Theory of Mind bezeichnet.11 Man konnte nachweisen, dass sie sich im Menschen ab dem Alter von vier bis fünf Jahren entwickelt. Ihr Vorhandensein beweist die Exis- tenz des Bewusstseins – und sie lässt sich naturgemäß auch testen. Das entsprechende Experiment sieht so aus:

Man zeigt einem dreijährigen Mädchen eine Schachtel, auf der Bilder von Buntstiften und daneben das Wort „Buntstifte” zu sehen sind. Fragt man das Kind, was die Schachtel seiner Meinung nach enthält, dann wird es richtig antworten: „Buntstifte!” Beim Öffnen der Schachtel stellt sich aber heraus, dass Kerzen darin sind. Als Nächstes bringt man einen Teddybären ins Spiel und fragt das Kind, was der Bär wohl glauben wird, dass in der Schachtel ist. Das Mädchen antwortet darauf: „Kerzen”.

Nun zeigt man einem sechsjährigen Kind dieselbe Buntstiftschachtel, die aber Kerzen enthält. Dann präsentiert man ihm den Teddybären und fragt: „Was wird der Bär wohl glauben, dass in der Schachtel ist?” Diesmal antwortet das ältere Kind: „Buntstifte”. Es hat begriffen, dass der Bär ja nicht gesehen hat, dass die Schachtel in Wahrheit Kerzen enthält.12

Die Theory of Mind bezeichnet die Fähigkeit, zu begreifen, dass jedes Individuum seine Realität auf eine ganz eigene Art und aus einer einzigartigen Sichtweise erfährt.

Seit man dies in den 1970er Jahren entdeckt hat, wollen Psychologen herausfinden, ob Menschen die einzige Art mit einer Theory of Mind sind. Beim Tierversuch mit Schimpansen kamen sie zu überraschenden Erkenntnissen. Sie konnten zwar nicht das oben erläuterte Experiment durchführen, weil die Schimpansen den Dialog nicht verstanden, entwickelten aber einen ähnlichen Test.

Man zeigte den Schimpansen einen Film, in dem sich ein Mann an einer Aufgabe versucht – zum Beispiel wie er eine Banane in die Hände bekommen kann, die zu weit entfernt ist. Danach zeigte man den Tieren Bilder diverser Gegenstände – und sie suchten tatsächlich die Gegenstände (z. B. einen langen Stock) aus, mit denen sich die gezeigte Aufgabe lösen ließe.

Damit wurde nachgewiesen, dass die Schimpansen sich in die Situation des Handelnden versetzen, sein Ziel erkennen und das Problem dann lösen konnten, indem sie sich selbst als Beispiel nutzten und das Werkzeug auswählten, das sie selbst verwenden würden. Es sah also so aus, als verfügten Schimpansen über die Theory of Mind und ein Bewusstsein!

30 Jahre später wurde dieses häufig zitierte Experiment wiederholt. Dabei erwachten Zweifel an den ursprünglichen Ergebnissen. Die Schimpansen waren zwar imstande, Motive und Standpunkte von anderen Lebewesen außerhalb ihrer selbst zu verstehen (was die Psychologen als „Reading Minds” – Gedankenlesen – bezeichnen), begriffen jedoch das Konzept der „False Beliefs” (falschen Annahmen) nicht; das heißt, sie konnten nicht verstehen, dass eine andere Person einen Fehler machte, weil ihr wichtige Informationen fehlten.

Das Verstehen solcher False Beliefs ist eben jener spezielle (und oben erwähnte) Fall, bei dem ein Beob- achter das Verhalten eines Handelnden aufgrund der Beurteilung, was der Handelnde glaubt, vorhersagt oder erklärt – und nicht aufgrund dessen, was der Beobachter weiß (d. h., der Handelnde glaubt, dass die Nahrung an einem bestimmten Ort ist, während der Beobachter weiß, dass sie sich anderswo befindet).

Es lohnt sich, dem nachzugehen, weil es bedeuten könnte, dass das Schimpansenbewusstsein ohne Vorstellungskraft auskommt.

Vorstellungskraft macht ein angemessenes Vokabular erforderlich, mit dem wir eine Erzählung über künftige Ereignisse oder alternative Realitäten formulieren können. Diese Fähigkeit ist auf das menschliche Bewusstsein beschränkt, weil die Menge der verbalen Daten über unsere Erfahrungen und die Ideen, die wir mit anderen teilen, stets zunimmt. Jaynes zufolge gelang den Menschen dieser Entwicklungssprung, als sie die Schrift erfanden. Mittels geschriebener Texte konnten über Kulturen und historische Zeiträume hinweg Ideen ausgetauscht, ausgebaut und diskutiert werden.

Dank dieses neuen Bewusstseinselements konnte der Mensch sein eigener Führer und Ratgeber werden. Die halluzinierte Stimme aus der rechten Hemisphäre verstummte hingegen.

Fortsetzung im nächsten Heft …

Endnoten

1 Vey, G.: „Do Plants have Feelings?” auf Viewzone.com; bit.ly/2lQzqxM

2 Jensen, D.: „Primärwahrnehmung und Biokommunikation: ein Interview mit Cleve Backster” inNEXUS-Magazin, 2016, Nr. 68; bit.ly/2kIFoR8

3 Kuldas, S. et al.: „Unconscious learning processes: mental integration of verbal and pictorial instructional materials” inSpringerplus , 2013, 2:105; tinyurl.com/ y6hcmylm

4 Dewey, R. A.: „Psychology: An Introduction” auf Psywww.com, Kapitel 3: „Unconscious Thought Processes”; tinyurl.com/y5lrxfhg

5 Gehring, W. J. und Willoughby, A. R.: „The medial frontal cortex and the rapid processing of monetary gains and losses” inScience (2002), 22:2279–82

6 Reber, A. S.: „Implicit learning of artificial grammars” inJournal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 1967, 6:855

7 Vey, G.: „This is how they get inside you and control who you are” auf Viewzone.com; tinyurl.com/y5ppce3h

8 Hutchison, C.: „Magnet Mayhem: Modifying Morality with Magnets?” auf ABCNews.Go.com, 31.03.10; tinyurl. com/y22jn8c3

9 godtammet: „Daniel Tammet – The Boy With The Incredible Brain” auf YouTube.com, 12.02.07; youtu.be/ AbASOcqc1Ss

10 Eden, D.: „Left Brain – Right Brain” auf Viewzone.com; tinyurl.com/4emwqn

11 Universität Leiden: „The importance of relating to others: Why we only learn to understand other people after the age of four” auf ScienceDaily.com, 27.03.17; tinyurl.com/y3mdfbbq

12 Perez, S.: „theoryofmind.mov” auf YouTube.com, 23.01.10; youtu.be/vNqr2iJ1vRQ

Über den Autor

Der Forscher, Autor und HerausgeberGary Vey ist Gründer des Online-Magazins Viewzone.com, das sich einer monatlichen Leserzahl von einer Million rühmen kann. Das Themenspektrum umfasst Verschwörungen, neue Wissenschaften, vergessene Geschichte, Ufos, Körper, Geist und Seele, Umwelt und vieles mehr.

Gary hat schon einige originelle Artikel zumNEXUS beigetragen, zuletzt „Zeugen aus Stein: Rekonstruktion einer kosmischen Katastrophe” (Ausgabe 67), „Stimmungsschwankungen” (Ausgabe 54) und „Mebendazol: Eine kostengünstige Krebstherapie?” (Ausgabe 51). Alle bisher bei uns veröffentlichten Artikel finden Sie auf seiner Autorenseite www.nexus-magazin.de/artikel/autor/dan-eden-gary-vey.

Weitere Informationen finden Sie unter www.viewzone.com. Kontakt zu Gary Vey erhalten Sie per Email:myristicin@hotmail.com.