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DAS INTERVIEW MIT THOMAS BAUER FÜHRTE BARBARA FRIPERTINGER: Der Authentizitätswahn


Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 27.06.2019

Kultur in Bedrängnis


Kultur hat heutzutage einen latent negativen Beigeschmack bekommen: Kultur VERformt das wahre Ich. An ihre Stelle tritt Authentizität. Selbst Hasspostings scheinen durch sie gerechtfertigt. Thomas Bauer zeigt mögliche Wege zur Gesundung.

Authentizität ist heute sehr erstrebenswert.
Authentizität hat zunächst die ganz harmlose Bedeutung der „Echtheit“, etwa wenn es darum geht, ob der Salvator Mundi, der gerade vom saudischen Kronprinzen für ungeheures Geld gekauft worden ist, ein „authentischer“ Leonardo da Vinci ist oder nicht.

Man wendet den Begriff aber auch auf Menschen an, die ...

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... „wahr und echt“ sein sollen. Nun ist ein Mensch zwar immer echt. Man kann sich ja nicht selbst fälschen.


Man fragt aber nach Tugenden wie Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, sich nicht zu verstellen, sich vor Autoritäten nicht zu verbiegen. Das sind im Grunde sehr positive Eigenschaften.


Andererseits leben Menschen in Gemeinschaften. In der Gesellschaft spielen wir alle unterschiedliche Rollen. Da kann man nicht immer der Gleiche sein und auch sein „authentisches“ Selbst nicht immer ungezügelt verwirklichen.

Aber worin liegt die Gefahr der Authentizität?
Authentisch ist der Mensch heute offensichtlich nur dann, wenn er sein Inneres, seine vermeintlich unverfälschte Natur, ungefiltert nach außen stülpt. Und das bedeutet letztlich: Authentizität wird zum Gegenteil von Kultur.

Kultur kommt vom lateinischen Verb colere und bedeutet „pflegen, urbar machen, ausbilden, bebauen“…
Kultur ist das, was wir Menschen machen. Bevor wir da sind, gibt es schon Natur. Und dann gibt es die Möglichkeit, in diese Natur einzugreifen und zu tun, was die Natur nicht von selbst macht: zum Beispiel Obstbäume und Haustiere züchten. Kultur umschließt die Möglichkeit, in größeren Gesellschaften zusammenzuleben, Städte zu entwickeln, Religionen und Kunst zu haben, Musik … alle Dinge, die die Wahrnehmungsmöglichkeit der Menschen erweitern, Menschen emotional und kognitiv bereichern.

Demnach ist Kultur das, was wir aus der Natur machen …
Ja, und folglich ist der Mensch als Kulturwesen niemals identisch mit sich selbst als Naturwesen. Aus der Geschichte der Menschheit folgt, dass der Mensch seiner Natur nach ein Kulturwesen ist.

Sie sagen in Ihrem Buch: „Das erste Opfer in dem Authentizitätswahn ist die Höflichkeit.“
Ja. In Wirklichkeit bedeutet Höflichkeit, dass man sich anders benimmt – und sei es auch nur in Nuancen –, als man sich im Moment fühlt. Es fängt damit an, dass man jemanden nicht ins Gesicht sagt: „Du bist ein …“, sondern: „Da bin ich ein bisschen anderer Ansicht“. Es fängt auchmit ganz banalen Dingen an. Gestern war ich in der Wiener Staatsoper und habe den Rosenkavalier gehört.

Barbara Fripertinger und Thomas Bauer beim Gespräch im Foyer des Hotels Wandl in Wien


Ein Staatsopernbesuch ist im Grunde ein Fest, und deshalb ist es auch eine Sache der Höflichkeit, sich so anzuziehen, dass das Fest gewürdigt wird – zumindest für die anderen.


Viele sehen das als Rebellion gegen einengende Konventionen, wenn man nicht in Sandalen kommen darf – was einfach unhöflich ist.

Bleiben wir bei der Kunst. Sie haben in Ihrem Buch das Kapitel über Authentizität mit einem Zitat eines Düsseldorfer Kunststudenten begonnen, der gesagt hat: „Es kommt nicht darauf an, gut zu malen, sondern darauf, authentisch zu sein.“

Auch in der Kunst muss man sich gewissen Autoritäten fügen. In der Musik, in der Malerei gibt es künstlerische Formgesetze. Wenn man das alles abschafft, dann bleibt nur mehr das Ich, das, wie mir jetzt gerade zumute ist. Das ist die einzige Regel, die dann noch gilt.

Dazu kommt, dass Kunst in erster Linie Kommunikation ist. Das Entscheidende ist im Grunde nicht der Künstler allein. Weshalb sollte ich mich für ihn interessieren? Nicht der Künstler, sondern sein Kommunikationsangebot muss für mich interessant sein. Und dieses Kommunikationsangebot besteht zunächst einmal in einer Geschichte, in einer Verbindung zu allen anderen Kunstwerken, die ich kenne, und es steht in Beziehung zum Rezipientenkreis, für den es gemacht worden ist.


Heute haben wir oft die Tendenz zu „authentischer“ Kunst, die doch ziemlicher „Quatsch“ ist undgerade deshalb den Käufern ein hohes Prestige bringt.


Moderne Kunst: Mannequinbeine auf dem Dach eines alten Hauses. Standort: Acquapendente, Viterbo, Italien


62040686_© Angelo Cordeschi - Dreamstime.com

Wolfgang Ulrich hat ein schönes Buch mit dem Titel „Siegerkunst“ geschrieben. Er sagt, wenn man sehr viel Geld hat und sich dafür Champagner und schnelle Autos kauft, dann ist das etwas, was die meisten Leute nachvollziehen können. Aber wenn man sich völlig bedeutungslose Kunst für viel Geld kauft, dann muss doch mehr dahinter sein.

Kehren wir wieder zum Ich zurück. Das authentische Ich ist das ungefilterte Ich. Es ist nicht kulturell geformt. Spricht man heute nicht eher davon, dass das Ich kulturell verformt wird?
Ja, das ist natürlich das Thema, das Freud das „Unbehagen in der Kultur“ nennt. Aber aus der Kultur gibt es keinen Ausweg. Aber in ihr liegt auch die großartige Chance, mit anderen Menschen zusammenzuleben und Gesellschaften zu bilden. Und da bleibt uns in einer immer enger werdenden Welt, mit immer mehr Menschen auf engem Raum, nichts anderes übrig, als das Ich zu kultivieren. Deshalb sollten wir die Kultiviertheit als etwas Positives sehen.

Sie haben die Sandalen in der Oper angesprochen: Die Jugendlichen im alten Rom haben sich Löcher in ihre Toga geschnitten – ähnlich den Jeans heute. Das war eine Rebellion gegen die Kultur.
Ja, es ist interessant, dass Mode solchen Strömungen folgt und nicht ästhetischen. Aber lassen wir das – das ist ein Minenfeld.

Wir bewegen uns im ganzen Thema auf einem Minenfeld. Ob wir es wirtschaftlich verstehen oder in der Kunst – allein schon mit den Fragen: Kommt Kunst von Können? Muss Kunst schön sein? etc.
Ja, das stimmt. Auf die Frage, ob Kunst schön sein muss, kann ich eine ziemlich eindeutige Antwort geben, nämlich: Kunst muss sich mit Schönheit auseinandersetzen. Das heißt nicht, dass sie schön sein muss. Aber sie muss sich damit auseinandergesetzt haben.


Wir lassen Schönheit als Kriterium in der Kunst jedoch nicht mehr zu.


Auch nicht im Städtebau, in der Architektur. Keine Baubehörde würde sagen: „Das wird nicht gebaut, weil es hässlich ist.“ Dabei weiß jeder, dass Wien schöner ist als Bochum.

Aber wo Schönheit an Hässlichkeit grenzt, verläuft keine exakte Linie, sondern ein breiter Raum des Übergangs. Und daher möchte man es nicht als Kriterium, ob- wohl es eigentlich schöner wäre – die ganze Welt wäre schöner.

Die große Ich-Zentriertheit finden wir in allen Lebensbereichen. Auch in der Wirtschaft.
Heute wird – merkwürdigerweise – gerne übersehen, dass der Kapitalismus nicht einfach nur eine Wirtschaftsform ist, sondern auch die Menschen erzieht. Er erzieht uns, indem er den Menschen zwei Rollen zuweist. Da ist zum einen die Rolle des Konkurrenten. Man muss sich gegenüber anderen durchsetzen – mit den berühmten Ellenbogen. Was das Leben schwer macht für jene, die sich nicht durchsetzen können und bei denen das Bewusstsein entsteht: Ich kann mich nicht durchsetzen, ich habe hier keine Stellung in der Welt …

Es entsteht dann ein Gefühl der Ohnmacht und des Opfer- Seins …
Ja, und die andere Rolle ist die des Konsumenten. Wir müssen uns vor Augen führen, dass wir hier das größte Umerziehungsprojekt der Menschheitsgeschichte gerade erleben – in Form der Werbung.

Keine Religion hat es geschafft, dermaßen omnipräsent auf die Menschen einzuwirken – akustisch und optisch. Dabei wird auch das Menschenbild des konsumierenden Menschen entworfen. Es besteht unter anderem darin, dass der Mensch in sich geht und sein Ich befragt, welche Bedürfnisse es hat.

Der heutige Kapitalismus ist das größte Umerziehungsprojekt der Menschheitsgeschichte


132370340_© Denisismagilov - Dreamstime.com

Ja, Bedürfnisse müssen geschaffen werden …
Offensichtlich hat man auch Bedürfnisse, die man gar nicht kennen würde, wenn man nicht darauf hingewiesen wird.


Bedürfnisse machen aber das Wesen des „authentischen“ Menschen aus.


Am Ende steht der „authentische“ Mensch, der sein Inneres auf seine Bedürfnisse erforscht hat und deshalb mit sich selbst identisch ist.

Angesichts all dessen stellt sich die Frage: Was haben wir falsch gemacht?
Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Sie läuft letzten Endes darauf hinaus, ob wir die kapitalistische Wirtschaftsordnung in ihrer nicht domestizierten Form beibehalten. Damit meine ich nicht die freie Marktwirtschaft (diese gab es schon bei den frühen muslimischen Händlern), sondern den totalitären Kapitalismus, der alle Lebensbereiche umfasst. Hier stellt sich die Frage, ob wir damit überhaupt überleben können.

Kunst und Musik können neue Welten eröffnen


140781002 © Michael Turner - Dreamstime.com


Die Wirtschaft beherrscht heute alle Lebensbereiche.


Auch die Wissenschaft ist kein selbstständiges Teilsystem der Gesellschaft, sondern der Wirtschaft untergeordnet … Das gilt auch für unser Verhältnis zur Natur.

Können wir diese prekäre Situation heilen oder sie zumindest verbessern?
Ein Arzt muss zuerst eine Diagnose stellen. Darum bemühe ich mich redlich. Ob man dann heilen kann, ist ein anderes Thema. Zunächst sollte man nicht zu große Erwartungen haben, da der ganze Lärm der Werbung bzw. der Lärm derer, die populistische Hetze machen, so laut ist.


Jedenfalls sollten Kunst und Musik eine wichtige Rolle im Schulunterricht spielen: ein Schulorchester gründen, ein Instrument lernen …


Kunstausübung kann hier viel leisten. Auch das Sich-Auseinandersetzen mit Kunst und Natur.

Vor Kurzem wurde in Deutschland auch die Diskussion geführt, ob ein verpflichtendes soziales Jahr eingeführt werden soll. Das erscheint mir diskussionswürdig, weil junge Menschen andere gesellschaftliche Schichten kennenlernen oder sich etwa im Bereich der Pflege um andere kümmern, denen gegenüber sie wahrscheinlich ambivalente Gefühle haben werden. Allein das wäre schon ein Mittel gegen Authentizitätsfixierung – weil man feststellt, dass man Menschen nicht nur lieben oder hassen kann, sondern gemischte Gefühle hat und selbst vielleicht ein „gemischter“ Mensch ist.

Sie haben einmal gesagt: „Vielleicht ist die Hölle authentisch.“ – Ist Authentizität die Hölle?
Jean-Paul Sartre hat gesagt: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Aber vielleicht sind die Hölle nicht die anderen, sondern wir selbst. Und vielleicht sind die anderen sogar die Rettung – vor der Hölle des Selbst, weil sie uns erlauben, in einer Gesellschaft zu leben.

Wie kommt ein Mensch, der Urwaldforscher werden wollte und dann Arabistik und Islamwissenschaft studiert hat, zu einem philosophischen Geschichtsbewusstsein und einer zeitkritischen Analyse?
Wenn man sich mit fremden Kulturen und fremden Zeiten beschäftigt, lernt man eine ganz wesentliche Sache:


So wie es jetzt ist, ist es nicht selbstverständlich.


Es könnte auch alles ganz anders sein.

Und das ist ein wichtiger Beginn des Nachdenkprozesses. Leider haben wir heute ein extrem abnehmendes Geschichtsbewusstsein. Junge Menschen fragen immer: „Was hat das mit mir zu tun?“ Das ist auch wieder diese Ich-Fixierung. Nur wenn man erkennt, dass alle Sachen, so wie sie jetzt sind, irgendwann geworden sind, kann man sie infrage stellen. Kritisches Denken ohne historisches Denken funktioniert nicht.

Gerade bei der Auseinandersetzung mit dem, was uns fremd erscheint, wächst unser Bewusstsein für die Widersprüche der Gegenwart.

Trotzdem haben Sie sich Ihren Humor bewahrt.
(Lacht über das ganze Gesicht:) Ja.

Wie gefällt Ihnen Wien?
Ganz ausgezeichnet. Wien ist DIE Stadt der Musik und der Kunst.

Spielen Sie ein Instrument?
Ich bin gescheiterter Klavierspieler. Letzten Endes bin ich meiner Lebensgeschichte dankbar, dass ich eine wahnsinnig schlechte Musikausbildung hatte. Aufgrund mei- ner großen Liebe zur Musik wäre ich sonst heute ein mittelmäßiger Musiker, so aber bin ich ein halbwegs akzeptabler Arabist geworden. Das ist besser für die Menschheit.

Historisches Bewusstsein ist die Voraussetzung für jegliches Nachdenken und kritisches Betrachten der Gegenwart


© shutterstock_1216775257

Thomas Bauer, geboren 1961 in Nürnberg, studierte in Erlangen Semitistik, Islamwissenschaft und Germanistik und habilitierte ebenda 1997. Seit 2000 ist er Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität Münster.

Seine Forschungen umfassen Themen der Kulturgeschichte und der Historischen Anthropologie wie Liebe und Sexualität, Religiosität, Tod, Fremdheit und Ambiguitätstoleranz. Er ist der Gewinner des Tractatus- Preises beim Philosophicum Lech 2019 mit seinem Buch „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“, Reclam, 2018


„Es ist ein Zeichen von Unbildung zu glauben, dass die Gegenwart in allen Belangen der Vergangenheit überlegen ist.“
Konrad Paul Liessmann