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„DAS IST DOCH EIN TOLLER ERFOLG, ODER?“


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Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 45/2022 vom 10.11.2022

ERKLÄREN / LADETALK

Artikelbild für den Artikel "„DAS IST DOCH EIN TOLLER ERFOLG, ODER?“" aus der Ausgabe 45/2022 von Auto Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Auto Bild, Ausgabe 45/2022

LICHTSPIELE Die Ladesäulen von Ionity zeigen mit Farben und Lichtsäulen an, wie viel Strom in den Akku geflossen ist.

DerGewerbepark Illertissen liefert Kraftstoffe aller Art. An der Tankstelle gibt es Diesel und Benzin sowie Autogas. Theoretisch auch Erdgas – wenn da nicht die bekannten Lieferprobleme wären. Ladestrom für Elektroautos hingegen ist noch ausreichend verfügbar. Er wird gleich an mehreren Stellen angeboten. Von Ewe Go bei Mc Donald’s, beim „Waschheld“, an 14 Superchargern von Tesla und an sechs Ladesäulen von Ionity.

Der antiguablaue Audi e-tron, der zu früher Morgenstunde von der Autobahn 7 kommend in den Gewerbepark einbiegt, entscheidet sich für eine der strahlendweißen Ladesäulen von Ionity. Kein Wunder: Am Steuer sitzt Michael Hajesch, der Geschäftsführer und CEO der Ionity GmbH. Er schwingt sich aus dem Wagen, öffnet die Ladeklappe vorne links, hält eine Ladekarte an die Säule – und schon geht’s los.

Hallo Herr Hajesch, Sie fahren einen Audi e-tron. Warum dieses Modell? ...

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Wir sind eine Familie mit zwei Kindern. Und mit seiner Funktionalität und seinem Platzangebot ist der Audi e- tron für uns optimal. Ich fahre den Wagen, seit ich bei Ionity bin, also fast fünf Jahre. Zur damaligen Zeit war der e-tron das beste Elektroauto für die Familie Hajesch.

Wie viele Kilometer fahren Sie damit im Jahr?

Dieses Jahr sind wir viel damit gefahren. Allein 3000 Kilometer haben wir auf unserer Ferientour an die französische Atlantikküste damit zurückgelegt. One way 1400 Kilometer, und auf dem Rückweg haben wir uns auch noch ein paar Städte angesehen.

Wie oft kam unterwegs Reichweitenangst auf?

Kein einziges Mal, obwohl wir unterwegs einen ungeplanten langen Ladestopp einlegen mussten, weil die Schnelllade-Infrastruktur in der Ecke Frankreichs noch nicht so gut war, wie wir es uns gewünscht hätten. Reichweitenangst, glaube ich, ist heute kein großes Thema mehr. Eher schon Queuing.

Was ist das?

Die Warteschlangen-Problematik. Gerade zu den Spitzenzeiten im Urlaub, aber nicht nur dann, ist es vielfach ein Problem, einen freien Ladeplatz zu finden.

Von Tesla stehen hier 14 Schnelllader. Da kommt Ionity mit sechs Ladepunkten nicht mit.

Für den Augenblick reicht das Angebot hier aus, aber dabei wird es nicht bleiben. Und entscheidend ist, wie das Angebot in Summe aussieht. Wir haben heute schon Ladeparks mit 12 oder bis zu 18 Lademöglichkeiten.

Im größten Schnellladepark von EnBW in Kamen können bis zu 50 Elektroautos Strom ziehen.

In der Dimension denken wir auch. Wir sind in 24 Ländern Europas aktiv. Und in einigen Ländern steigt die Durchdringung des Marktes mit Elektroautos signifikant. Auch in Transitländern wie Österreich macht es Sinn, über große Lade-Hubs nachzudenken, wenn die Energiemengen bereitgestellt werden können.

Wo laden Sie bei Ihren Fernfahrten eigentlich den e-tron – ausschließlich bei Ionity?

Nein. Ich nutze den klassischen Charging-Service von Audi e-tron und auf der Langstrecke auch ganz bewusst Stationen der Wettbewerber – um zu sehen, wie sich deren Angebot entwickelt.

Und was stellen Sie dabei fest?

Der Wettbewerb holt auf, hat teilweise schon ein sehr gutes Angebot. Nach wie vor sind wir stolz, dass wir fünf Jahre nach der Gründung der größte europäische Anbieter von Schnelllade-Infrastruktur sind und weiter sehr schnell wachsen. Wir haben europaweit über 430 Stationen live und weitere 50 im Bau. Wir sind weit über das ursprüngliche Ziel hinaus ...

... 400 Schnellladestation in Europa zu errichten.

Unser Wachstumsplan sieht noch wesentlich mehr vor. Wir sind jetzt schon bei knapp 1900 Ladepunkten. Wir haben ein Ziel von 7000 Ladepunkten kommuniziert. Und wir wollen in allen 24 Ländern weiter wachsen. In Deutschland, Frankreich, Österreich, auch in Italien, muss das Netz weiter verdichtet werden.

Wann gibt es auch bei Ionity Wetterschutz?

Als die Firma vor fünf Jahren startete, gab es kein High-Power-Charging in Europa mit Ladeleistungen von über 150 Kilowatt. In der ersten Phase ging es darum, rasch ein flächendeckendes Netz aufzubauen. Wir haben mit den Shareholdern unlängst eine Investitionsrunde gemacht. Da haben wir uns auch mit Convenience-Aspekten – Dächern, Durchfahrlösungen – beschäftigt. Denn der Ladekomfort wird in Zukunft eine immer größere Bedeutung bekommen. Wir entwickeln deshalb ein großes Architektur-Projekt.

Das zuerst wo realisiert wird?

Es sieht so aus, als ob Deutschland die ersten Stationen bekommt – und wir dieses Jahr noch etwas hinbekommen. Sie werden der Erste sein, der erfährt, wo.

Ihre Ladestationen rechnen sich inzwischen?

Wir haben Stationen mit schon sehr hohen Nutzungszahlen, nicht nur zu den Spitzenzeiten, sondern im Durchschnitt. Da laufen wir schon in die Gewinnzone. In Summe sind wir auf dem richtigen Weg.

Was wissen Sie über Ihre Kunden? Wie groß die Zahl der Nutzer, die sich vertraglich binden?

80 Prozent kommen mit einem Mobilitätsvertrag, also einem Vertrag mit einem Autohersteller oder einem Mobilitätsdienstleister. Etwa 20 Prozent laden spontan über eine App bei uns oder direkt an der Ladesäule. In Deutschland ist die Relation eher 90:10.

Das überrascht micht. Ich hätte gedacht, die Mehrzahl der Elektromobilisten scheut ein Jahres-Abo mit einer monatlichen Grundgebühr, die bei Ionity immerhin 17,99 Euro beträgt.

Dafür liegt die Kilowattstunde aber auch mit 35 statt 79 Cent deutlich niedriger. Wir sehen hier einen klaren Trend, weil es ein Convenience-Faktor ist. Mit der Möglichkeit zu Plug&Charge in den Fahrzeugen wird sich das noch verstärken, wenn also im Fahrzeug ein Kunden-Account hinterlegt ist.

Ich zahle derzeit 79 Cent bei Ihnen. Wie lange werden Sie den Preis noch halten können?

Die aktuellen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen sorgen dafür, dass die Energiepreise sehr schnell steigen. Die gehen auch an den Ladepunktbetreibern nicht vorbei. Alle bereiten sich auf Preisanpassungen vor. Momentan planen wir selbst noch keine Preiserhöhung. Aber 2023 kommt voraussichtlich noch viel zusammen, auch für die CPOs. Wir hoffen trotzdem, auch kommendes Jahr ein attraktives Angebot machen zu können, um die Mobilitäts- und Antriebswende zu unterstützen. Meine Hypothese ist: Wir werden weitere Preisanpassungen sehen, dynamischer als heute.

Dynamisch nach oben oder wieder nach unten?

Natürlich. Einige Anbieter haben schon in diesem Jahr erst die Preise angehoben und sie dann wieder gesenkt. Das macht Sinn. Wir wollen ja vermeiden, dass die Infrastruktur aufgrund der hohen Strompreise weniger genutzt wird.

Bei Tesla schwankt der Strompreis im Laufe des Tages. In der Nacht ist er deutlich günstiger als am Tag. Ein Modell auch für Ionity?

Warum denn nicht? Aber dazu muss man das Ökosystem erst einmal im Tarifsystem bespielen können. Für Laufkunden könnte man das anbieten: Komm später wieder, dann gibt es den Strom günstiger.

Viele Experten befürchten, dass die steigenden Stromkosten die Antriebswende ausbremsen.

Das kann passieren. Ein Dämpfer wirkt jedoch nur kurzfristig und würde den Trend der Mobilitäts- und Energiewende definitiv nicht aufhalten, was ja im Sinne der Nachhaltigkeit ist. Und steigende Kosten sehen wir nicht nur beim Strom, sondern auch an den Zapfsäulen.

Die Bundesregierung wollte bis 2030 bis zu 15 Millionen E-Autos in Deutschland sehen. Das Ziel werden wir wohl abschreiben müssen, oder?

Wir haben uns kürzlich die Marktprognosen früherer Jahre angesehen. Egal, von welchem Institut sie erstellt wurde: Jede Prognose musste wenigstens um den Faktor zwei korrigiert werden. Und das seit drei Jahren. Das ist auch ein starkes Signal an die Autohersteller, die ihre Produktentwicklung auf die Elektromobilität ausgerichtet haben und nun eine Vielzahl neuer Fahrzeuge auf den Markt bringen. Es gibt immer weniger Argumente, nicht elektrisch zu fahren.

Wenn man die Entwicklung der Strompreise außen vorlässt.

Aber das ist doch nur ein Peak, den wir vielleicht mal für ein halbes Jahr sehen. Ich glaube nicht, dass wir langfristig weiter steigende Stromkosten erleben. Sie werden sich wieder stabilisieren, ggf. auf einem leicht höheren Niveau als in der Vergangenheit.

Bereiten Sie sich schon darauf vor, dass die Stromzufuhr zu den Ladesäulen gedrosselt wird?

Wir kriegen die Diskussionen darüber mit. In dem Moment, in dem regulatorisch oder vom Netzbetreiber abgeschaltet wird, haben wir keine Chance, darauf zu reagieren. Eine Drosselung der Ladeleistung ginge noch, weil der Kunde dann immer noch sein Elektroauto mit Strom versorgen könnte. Wir alle hoffen aber, dass es dazu nicht kommt.

Der Akku Ihres Audi ist inzwischen voll. Was würden Sie sich von der Industrie wünschen, um Elektroautos noch attraktiver zu machen?

Ich glaube, das Thema Routing ist ein entscheidendes Element, also effiziente oder zielspezifische Routenführung durch den Bordcomputer. Ich möchte auf der Langstrecke keine Wechselstrom-Ladepunkte angezeigt bekommen. Und ich möchte wissen, ob die Ladestation verfügbar ist. Wir stellen über eine POI-Schnittstelle aktuelle Daten über die Belegung unserer Stationen kostenfrei zur Verfügung. Manche Fahrzeughersteller nutzen die, aber nicht alle. Dabei bringen solche Informationen den Kunden enorm viel Gewinn. Man könnte, wenn gerade alle Ladeplätze belegt sind, auch eine Info über die prognostizierte Wartezeit ins Fahrzeug liefern.

Ich würde mir auch wünschen, Ladeplätze vorab reservieren zu können.

Das könnten wir schon machen, und ich bin sicher, die Menschen würden dafür auch ein Extra zahlen. Aber es bräuchte sicher noch ein kreatives Element, damit die Reservierung auch von den Autofahrern akzeptiert wird, die gerade spontan eine Lademöglichkeit suchen. Ich denke, einen Pilotversuch wäre es wert.

Ionity wird dieses Jahr fünf Jahre alt. Aus heutiger Sicht: Ist alles so gelaufen wie geplant?

Die fünf Jahre sind wahnsinnig schnell vergangen. Wir haben am Anfang viel Skepsis erfahren und uns selbst gefragt: Schaffen wir das, was wir uns vorgenommen haben? Rückblickend muss ich sagen, dass unsere Gründungsväter aus der Automobilindustrie die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt getroffen haben – frühzeitig aktiv in das Geschäft mit dem High Power-Charging einzusteigen. Wir waren die Ersten, die diese Technik ins Feld gebracht haben, und können heute mit einem lächelnden Gesicht sagen: Wir sind der größte HPC-Anbieter in Europa, offen für alle, mit stark steigenden Nutzungszahlen und einer starken Marke. Das ist doch ein toller Erfolg, oder?

Das komplette Interview lesen Sie aufwww.edison.media/hajesch