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Das Jahrtausend der Äbtissinnen


G Geschichte Porträt - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 27.08.2021

MÄCHTIGE FRAUEN

Artikelbild für den Artikel "Das Jahrtausend der Äbtissinnen" aus der Ausgabe 3/2021 von G Geschichte Porträt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte Porträt, Ausgabe 3/2021

Äbtissin Mathilde II. mit ihrem Bruder Herzog Otto von Schwaben. Stifterplatte des Otto-Mathilden- Kreuzes, um 985

Von wegen Frauenpower! Als religiöses Zentrum des sogenannten Ruhrbistums ist das Essener Münster heute eine Männerbastion. Schließlich gilt nach römisch-katholischer Lehre noch das Diktum des Apostels Paulus, demzufolge die Frau in der Kirche zu schweigen habe. Dabei war das Gotteshaus mit dem Areal am heutigen Burgplatz einst Keimzelle der Stadt Essen und über Jahrhunderte fest in Frauenhand.

Die Anfänge liegen im Mittelalter. In der dünn besiedelten Gegend namens Astnide gründet der Bischof von Hildesheim Mitte des 9. Jahrhunderts eine spirituelle Frauengemeinschaft. Weil ein verheerendes Feuer 946 alle wichtigen Zeugnisse vernichtet, ist über die Frühzeit wenig bekannt. Fraglich bleibt, ob es sich zunächst um ein Kloster oder gleich um ein Damenstift handelte.

Während im Kloster die Gelübde Armut, ...

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... Keuschheit und Gehorsam gelten, genießen die Stiftsdamen große Freiheiten. Zwar führen auch sie ein spirituelles Leben, dürfen aber ihr Vermögen behalten und die Gemeinschaft im Falle einer Heirat verlassen.

Spätestens in ottonischer Zeit, im 10. und 11. Jahrhundert, dient das Damenstift, um die Frauen und Mädchen des sächsischen Adels zu versorgen. Sie müssen auf ihren gewohnten Komfort keineswegs verzichten, leben rund um ihre Stiftskirche in eigenen Häusern und verfügen sogar über Personal. Ihre Hauptaufgabe besteht im Gebet für das Seelenheil der Verstorbenen, vorwiegend der verstorbenen Verwandten. Eine Zeit lang ist das Stift aber auch eine Bildungsstätte für adlige Töchter, die hier nicht nur lesen und schreiben lernen, sondern sich auch mit den theologischen Schriften beschäftigen.

Die bekannteste Leiterin ist eine Enkelin von Otto dem Großen

Geleitet wird die Gemeinschaft von einer Äbtissin hochadliger Herkunft. Zu den bekanntesten Äbtissinnen gehört Mathilde II. Die Enkelin Ottos des Großen bekleidet das Amt zwischen 971 und 1011. In dieser Zeit gehört das Essener Stift zu den reichsten im deutschsprachigen Raum. Denn bis Mitte des 11. Jahrhunderts wird es von Königen und Kaisern großzügig mit Grundbesitz ausgestattet. Mathilde II. stiftet auch die bedeutendsten Kunstwerke des heutigen Essener Domschatzes: den siebenarmigen Leuchter, drei kostbare Kreuze und das Kultbild der Goldenen Madonna, Europas älteste vollplastische Marienfigur.

»Etwas ganz Sonderbares aber ist, dass in dem Fürstlichen Stift Essen die erste Klasse derer Land-Stände aus lauter Frauenzimmern besteht«

Reichsjurist Johann Jacob Moser im 18. Jahrhundert

Eine gewaltige Veränderung vollzieht sich 1228: Nachdem die Äbtissin des Essener Stifts in einem Schreiben Kaiser Friedrichs II. erstmals als Fürstin bezeichnet wird, macht sie einen riesigen Karrieresprung. Künftig sind die Äbtissinnen nicht nur für das Stift und dessen Besitzungen verantwortlich, sondern üben auch die Landeshoheit aus. Sie sind damit auf Reichstagen vertreten, können Gerichte abhalten lassen, eigene Münzen prägen sowie Zölle und Abgaben erheben. Das neue geistliche Fürstentum umfasst rund 160 Quadratkilometer und ist damit etwa so groß wie das heutige Liechtenstein.

Solche Herrschaften in Frauenhand sind in jener Zeit extrem selten. Von den mehr als 300 Territorien, aus denen das Heilige Römische Reich bis 1806 besteht, werden nur fünf von Reichsfürstinnen geleitet, darunter Quedlinburg und Gandersheim.

Schon früh erwächst der Essener Stiftsherrschaft Konkurrenz in direkter Nachbarschaft. Im Halbkreis um das Areal am Burgplatz entsteht nämlich im Lauf der Zeit eine Siedlung, die 1244 das Stadtrecht erhält: Essen. Abgetrennt durch eine Stadtmauer, leben hier Handwerker, die für das Stift arbeiten, sowie Kaufleute, die es beliefern.

Huldigung und Abgaben zahlen? Nicht mit den Bürgern von Essen!

Bereits im 14. Jahrhundert sagen die Essener Bürger der Stiftsherrschaft den Kampf an: Als eine neue Äbtissin inthronisiert wird, verweigern sie nicht nur die traditionelle Huldigung, sondern auch die Zahlung der fälligen Abgaben. Zwar versuchen die Fürstinnen, sich vor Gericht gegen die widerspenstigen Essener durchzusetzen, doch die wissen den Kaiser hinter sich.

1377 erhebt Karl IV. Essen zur freien Reichsstadt und gewährt damit den Bürgern weitgehende Autonomie.

Weil das Leben am Burgplatz für die Stiftsdamen ungemütlich wird, haben sie ihre Residenz bereits Mitte des 14. Jahrhunderts nach Borbeck (heutiger Stadtteil im Nordwesten Essens) verlegt. Dort verfügen sie über ein komfortables Anwesen. In Essen lassen sie sich nur noch selten blicken.

1563 kommt es zum endgültigen Bruch zwischen der Stadt und dem Stift. Denn die Essener treten zum Protestantismus über. Vergeblich wehren sich die Fürstinnen mit einem Prozess beim Reichskammergericht. Sie berufen sich auf die Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens von 1555, demzufolge der Landesherr die Konfession seiner Untertanen bestimmt. Während sich das Verfahren endlos zieht, büßt das Stift immer weiter an Macht ein.

Gleichwohl existiert das geistliche Territorium bis zur Säkularisation 1803, bevor es nach dem Wiener Kongress 1815 zu Preußen kommt. Fortan diente das Münster als Pfarrkirche und wird 1958 Sitz des neuen Ruhrbischofs.

LESETIPP

Ute Küppers-Braun: »Macht in Frauenhand. 1000 Jahre Herrschaft adeliger Frauen in Essen«. Klartext 2002, antiquarisch