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DAS KIND IST DAS MASS ALLER DINGE


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Businessart - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 20.06.2022
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Bildquelle: Businessart, Ausgabe 2/2022

BUSINESSART: Willi, du hast 1988 den VCÖ – Mobilität mit Zukunft mitgegründet, ihn bis Ende 2021 geleitet und übergibst ihn nun in neue Hände. Hast du einen Pensionsschock?

Willi Nowak: (lacht) Ich bin im dritten Drittel meines Lebens. Das erste Drittel war groß werden, wachsen, Ausbildungen machen. Das zweite Drittel war Arbeit, Geld verdienen, etwas groß werden lassen, und nun im dritten Drittel möchte ich viel von meinen Erfahrungen mit mehr Ruhe auch im Privaten umsetzen. Mein Antrieb ist sicher die Kombination aus einem grundsätzlichen Ökobewusstsein und einem hohen Gestaltungswillen, und zwar in allen Lebensbereichen.

Wie hat sich die Verkehrssituation in den letzten 30 Jahren verändert?

Nowak: In den Gründungsjahren des VCÖ, so um das Jahr 1990, wurden beispielsweise die in Österreich gebrauchten Güter noch großteils in Europa hergestellt. Heute, im Jahr ...

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... 2022, kommt der Großteil der Güter von außerhalb Europas nach Österreich. Diese globale Vernetzung hat natürlich enorme Wirkungen auf den Transportbereich und die Transportwege. Aus Klima- und Umweltsicht können wir sagen, dass sich die weltweite Verkehrssituation extrem verschlechtert hat. Durch viel mehr Flugverkehr, mehr Schifffahrt, mehr Logistik gibt es mehr umweltschädliche Wirkungen.

Anders ist es, wenn wir uns die Verkehrssituation lokal ansehen. Da hat sich enorm viel verbessert. Es gibt viel weniger Schadstoffe und Lärm in den Städten. Verkehrsberuhigungsmaßnahmen gehören zum Standard. Es wird mehr mit dem Rad gefahren als früher und auch der öffentliche Verkehr und seine Akzeptanz haben sich enorm verbessert.

Aus Klima- und Umweltsicht können wir sagen, dass sich die weltweite Verkehrssituation extrem verschlechtert hat. Durch viel mehr Flugverkehr, mehr Schifffahrt, mehr Logistik gibt es mehr umweltschädliche Wirkungen.

WILLI NOVAK

Die Diskussion rund um die neue Stadtstraße in Wien ist diesbezüglich absurd. Dass es für die Erschließung eines riesigen Wohngebietes für 60.000 Menschen Straßen braucht, ist sonnenklar. Aber dass dazu ein völlig überholtes Modell einer geraden vierstreifigen autobahnähnlichen Straße aus der Schublade gezogen wird, widerspricht allem, was die Stadt Wien für sich selbst an fortschrittlichen Konzepten zu Klimaschutz und Stadtentwicklung formuliert hat. Mit dieser veralteten Vorgehensweise werden zehntausende Menschen zu einer autoorientierten Mobilität gezwungen, die sie nicht wollen und in einer der lebenswesten Städte der Welt nicht brauchen.

Ulla, wird sich die Rolle des VCÖ unter deiner Führung ändern?

Ulla Rasmussen: Der VCÖ wird lösungsorientiert und faktenbasiert bleiben. Wir kooperieren mit Forschungseinrichtungen und bieten über unsere Veröffentlichungen und die Projektdatenbank Hilfe zur Selbsthilfe an. Auch die völlig anders organisierten neuen Bewegungen wie etwa „Fridays for Future“ brauchen uns „alte“ organisierte Umweltbewegung als Basis ihrer Aktivitäten. Dafür stellen wir unseren Fundus zur Verfügung. Organisationsintern stehen jetzt zwei Herausforderungen an: Unser Kreismodell im Team muss sich bewähren und die Digitalisierung des VCÖ muss vorangetrieben werden.

Wie beurteilt ihr die internationalen Entwicklungen in den letzten Jahren?

Rasmussen: Es hat einen ordentlichen Ruck gegeben. Begonnen hat es im Jahr 2015 mit der Klimakonferenz in Paris und auf EU-Ebene wurden sowohl Treibhausgas-Emissions-Reduktionziele als auch konkrete Regulierungen, für Fahrzeuge beispielsweise, immer weiter nachgeschärft. Der Green Deal, die Taxonomie – das alles kann eine enorme Wirkung Richtung umweltverträglich Mobilität haben. Basierend auf den nationalen Zielen der EU-Staaten werden als Nächstes in Österreich die sektoralen Klimaschutzziele beschlossen. Noch warten die Länder auf einen fixen Rahmen, bevor sie sich bewegen.

Das alles ändert aber nichts daran, dass viele externe Kosten noch immer nicht in die Preise der Transportund Mobilitätsleistungen internalisiert sind. Ich bin gespannt, ob die EU den Klimazoll für Waren und Leistungen von außerhalb der EU einführt, denn das hat enormes Potenzial, sowohl für den Klimaschutz als auch für ein regionaleres Wirtschaftssystem.

Woran messt ihr den VCÖ-Erfolg?

Nowak: Wir sehen es als positive Wirkung, wenn eine VCÖ-Idee aufgegriffen wird. Oder wenn jemand eine unserer Ideen weiterentwickelt. Wir schauen da sehr genau hin. Es dauert durchschnittlich 15 Jahre zwischen dem Auftauchen einer VCÖ-Idee und dem Zeitpunkt, wann diese Idee Wirklichkeit wird. Vieles ist umgesetzt, z.B. die Lkw-Maut oder Abgasnormen. Anderes, wie die Abschaffung des Dieselprivilegs – das haben wir bereits 1989 gefordert – ist noch nicht umgesetzt. Das zeigt, dass es einen sehr langen Atem braucht – durchschnittlich drei Legislaturperioden. Daher darf die Arbeit nicht an einzelnen Personen hängen. Einen so langen Atem hat nur eine Organisation mit den dazugehörigen Prozessen und Vorgangsweisen.

Die fossile Mobilität ist das große Sorgenkind Österreichs.

Wieso? Rasmussen: Das hat viel mit den Treibstoffpreisen und der Besteuerung in Österreich zu tun. Österreich hat sich schon vor Jahren entschieden, auf einem niedrigen Preisniveau zu bleiben. Durch die zentrale geografische Lage in Europa führt das aber zu sehr viel Tanktourismus. Die Politik hat so in Kauf genommen, dass wir die Klimaziele verfehlen. Dazu kommt, dass durch den billigen Treibstoff auch der Verbrauch im Inland

gestiegen ist und die Alternativen weniger attraktiv geworden sind. Immer noch fällt bisweilen das Wort der Subventionierung des Öffentlichen Verkehrs. Aber in Wirklichkeit wird der Kfz-Verkehr über unterschiedliche Förderschienen wie Firmenwagen-Besteuerung, Pendlerförderung oder fehlende oder unzureichende Mauten subventioniert.

Nowak: Diese negative Entwicklung hängt nicht an einzelnen Personen oder nur einer Regierung. Die Politik der letzten Jahrzehnte hat uns in diese Öl- und Gasabhängigkeit geführt. 80 Prozent des nach Österreich importierten Erdöls gehen in den Verkehr. Dass das nicht nur verkehrs- und energiepolitisch eine Sackgasse ist, sondern auch Menschenrechte und Demokratie beschädigt, ist gerade sehr deutlich zu sehen. Diese politische Dimension war viel zu wenig bewusst und fällt uns jetzt auf den Kopf.

Nun haben wir zwei Probleme gemeinsam zu lösen: die hohe Abhängigkeit von fossilen Energien zu beenden und die Klimakatastrophe abzuwenden. Und wir haben eine Bevölkerung, die über weite Strecken nicht bereit und teilweise auch nicht fähig ist, die höheren Kosten zu tragen. In anderen Staaten gibt es seit vielen Jahrzehnten eine Valorisierung der Treibstoffbesteuerung. Dadurch sind viele Probleme dort gar nicht entstanden bzw. die Alternativen haben bessere Chancen.

Rasmussen: In Österreich sind die beharrenden Kräfte besonders mächtig. Es fehlt die Vertretung der zukünftigen Generationen. Deren Bedürfnisse bleiben ausgeblendet, auch weil der größere Rahmen fehlt.

Was sind die wichtigsten Maßnahmen, die kurzfristig, mittelfristig und langfristig umgesetzt werden müssen?

Rasmussen: Wir brauchen erstens ein verbindliches Klimaschutzgesetz, in dem Sektorziele, Zielpfade, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten verankert sind und geklärt ist, was passiert, wenn Ziele nicht erreicht werden.

Zweitens braucht es eine Bewegung für ein lebenswertes Lebensumfeld. Das Maß dafür müssen Kinder sein. Wenn sich Kinder ohne Gefahr bewegen und sich allein zurechtfinden können, dann passt es auch für alle anderen Gruppen. Was es braucht, ist Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Städten, mehr Begrünung und Beschattung, Plätze, an denen der Aufenthalt attraktiv ist. Das reicht bis zur Kreislaufwirtschaft in der Bauwirtschaft: Straßen sollten nur mehr aus Abbruchmaterialien gebaut werden, Gebäude nur mehr mit dem Gedanken der flexiblen Nutzung. Zum Beispiel sollten Garagen so errichtet werden, dass sie – dann, wenn es deutlich weniger Autos braucht – auch als Veranstaltungsplätze genutzt werden können. Wir stehen vor einem riesen Systemwandel, der enormes Potenzial hat.

Drittens sollten Unternehmen für den Arbeitsweg ihrer Beschäftigten Verantwortung übernehmen und sich Lösungen überlegen. Das lohnt sich auch für die Unternehmen, denn beispielsweise haben Radfahrende weniger Krankenstandstage, generell nimmt die Zufriedenheit im Unternehmen zu und in vielen Fällen kann auch vergeudete Zeit am Arbeitsweg vermieden werden, sowohl durch Homeoffice als auch durch die Nutzung von guten öffentlichen Verkehrsverbindungen.

Es lohnt sich, wenn Unternehmen Lösungen für den Arbeitsweg suchen: Radfahrende haben weniger Krankenstandstage, die Zufriedenheit nimmt generell zu und in vielen Fällen kann vergeudete Zeit am Arbeitsweg vermieden werden.

ULLA RASMUSSEN

Nowak: Städte sind eine sehr effiziente Form des Zusammenlebens. Es ist höchste Zeit, dass alte Konzepte der Stadtentwicklung und Stadtplanung, wie die autogerechte Stadt, verschwinden. Die Motorisierung hat Städte verändert und über weite Strecken zerstört. Verkehrsflächen und Straßen waren immer Verbindungen zwischen Menschen und Orten, sie sind der Platz der Begegnung und des Aufenthalts. Dieses andere Denken zu etablieren, dafür braucht es den VCÖ. Groß denken und dann ganz konkret werden. Beispielsweise das Modell der 15-Minuten-Stadt, wo alle wesentlichen Funktionen des täglichen Bedarfs innerhalb von 15 Minuten zu Fuß erreichbar sind, zum Standard werden lassen.

Was ist eure Lösung für den ländlichen Raum?

Rasmussen: Es braucht besonders in ländlichen Gebieten eine Mobilitätsgarantie, die Mobilität unabhängig vom Auto sicherstellt. Mobilität ist Teil der Daseinsvorsorge, um unabhängig von Alter, Geschlecht oder wirtschaftlichen Verhältnissen, zur Befriedigung der Grundbedürfnisse mobil sein zu können. In der Schweiz gibt es beispielsweise unterschiedliche Erschließungsklassen: Für alle Gemeinden gibt es eine garantierte Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Je nach Anzahl der in der Gemeinde lebenden Menschen fahren Bus und Bahn dann im Zwei-Stunden-Takt, Ein-Stunden-Takt oder viel häufiger.