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„Das Kino ist eine Kriegsmaschine“


L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 27.08.2021

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Die Filmregisseurin Albertina Carri wurde in eine Diktatur hineingeboren. Als sie drei Jahre alt war, putschte die argentinische Armee. Kurz darauf wurden ihre Eltern verhaftet und gelten seitdem als verschollen. Diese entsetzliche Erfahrung hat sie in ihrer Kunst verarbeitet. Die künstlerische Leiterin des LGBTIQ*-Filmfestivals „Asterico“ in Buenos Aires lebt derzeit als DAAD-Stipendiatin in Berlin.

Ein guter Anlass für L-MAG, um mit ihr über die soziale und politische Wirkung von bewegten Bildern zu sprechen.

Albertina, dein letzter Film, „Las hijas del fuego“, hat den Preis als bester Spielfilm beim Pornfilmfestival Berlin vor zwei Jahren gewonnen. Schon vorher warst du eine wichtige Figur des Neuen Argentinischen Films, nicht als Pornoregisseurin. Wobei –Fun Fact – du hast vor 20 Jahren schon mal einen Porno gedreht – mit Barbie-Puppen ... Albertina Carri: Als ich anfing, Film zu studieren, ...

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... war ich sehr erstaunt darüber, dass die allerersten Bilder, die in fast allen Kinos der Welt gezeigt worden sind, medizinisch und pornografisch waren. Dieses Interesse der Menschen für den Körper ist verständlich. Das Kino ist aber auch eine Kriegsmaschine: Mit seinen Bildern werden bestimmte Formen der Herrschaft über Körper verbreitet, die letztlich auch Formen der Herrschaft über Subjekte sind. Damals habe ich mir viele Pornos angesehen, um zu verstehen, worum es in diesen Geschichten geht. In meinem Puppenporno „Barbie también puede estar triste“ (Auch Barbie kann traurig sein) verlässt Barbie den gewalttätigen Ken für die Puppe Teresa, mit der sie multiple Orgasmen hat. Sie lebt dann mit ihr und ihren Freund:innen in einer WG und wird zur Heldin ihres eigenen Lebens. Seitdem habe ich davon geträumt, mit Menschen subversive Pornos zu drehen. Aber ich habe fast 20 Jahre gebraucht, um Schauspieler:innen zu finden, die emotional und intellektuell bereit waren, sich bei so einem Projekt zu engagieren. Dabei ist zu beachten, dass sie alle Schauspieler:innen sind, keine Pornodarsteller:innen. Sie sind Aktivist:innen aus verschiedenen lesbischen und feministischen Organisationen und fast alle von ihnen haben auch einen anderen Hauptberuf – als Rechtsanwält:innen, Anthropolog:innen oder Journalist:innen. Obwohl „Las hijas del fuego“ ein Pornofilm ist, ist er vor allem ein Film, der die herrschenden Diskurse dieses Genres in Frage stellt.

Wie findest du die Darstellung von lesbischem Sex in Filmen und Pornofilmen?

„Las hijas del fuego“ entstand aus Neugier auf Pornos und aus dem Bedürfnis heraus, sich mit diesem Genre auseinanderzusetzen, aber auch aus der Erfahrung heraus, dass ich mehrere Jahre lang queere Filme für das Asterisco-Filmfestival kuratiert habe. Ich war sehr überrascht, dass es nur sehr wenige Geschichten gibt, in denen die L-Identität gefeiert wird. Generell wurden Lesben in der Geschichte des Kinos als konfliktreiche, unerwünschte Menschen dargestellt. Nur in der Pornoindustrie waren sie wünschenswert, aber nur für ein männliches Publikum: Zwei Frauen, die Sex haben, um einen Mann – oder mehrere – aufzuwärmen, eine sehr machohafte Vision der Sexualität und Erotik. Dann kommen die Geschichten, die eher innerhalb der Community selbst gemacht werden. Aber wie viele Monika Treuts gibt es auf der Erde, und sollte es nicht viel mehr von ihnen geben? Die fehlende Darstellung unserer Identität und unserer Lebensweise ist auch eine Art, Herrschaft auszuüben. In einer Welt, in der scheinbar alles in Bildern gesagt wird, sollten wir uns vielleicht fragen, welche Bilder uns fehlen. Und wenn sie fehlen: Wer profitiert von ihrer Abwesenheit? Was wird zum Schweigen gebracht?

Vielleicht eine Form von Freiheit, die den Hetero-Kapitalismus erschreckt? Letztendlich habe ich diesen Film gemacht, weil ich mich nicht repräsentiert fühlte und weil ich das dringende Bedürfnis hatte, das Loslassen, die Freiheit und das Vergnügen zu feiern – alles Themen, die ich gerne öfter in lesbischen Filmen sehen möchte.

„Es gibt nur sehr wenige Geschichten, in denen die L-Identität gefeiert wird“

Woran arbeitest du gerade?

An zwei Filmprojekten gleichzeitig! Der eine ist eine Fabel über die liebevolle Beziehung eines Mannes mit einem entstellten Gesicht zu einem wortkargen Teenager in einer gefrorenen und verlorenen Stadt in den Bergen. Der andere ist ein Roadmovie mit der gleichen Besetzung wie in „Las hijas del fuego“, der Liebe, Körper, Territorium, Begehren und das Ungeheuerliche reflektiert.

Deine Filme drehen sich oft um problematische, dysfunktionale Familien. Warum?

In Familien werden viele Grausamkeiten im Namen der Familie begangen. Daher ist es mir wichtig, die Struktur, die das Konzept „Familie“ zusammenhält, zu enthüllen, mit all diesen Liebesbekundungen, obwohl die Familie oft nur eine wirtschaftliche Organisation der Gesellschaft ist.

Deine Eltern sind „Desaparecidos“, wie man in Argentinien Oppositionelle nennt, die während der Diktatur „verschwanden“. Diese traurige Geschichte hast du in einem Film mit Playmobilfiguren verarbeitet. Warum diese besondere Erzählweise?

Meine Eltern wurden vor meinen Augen entführt, als ich vier Jahre alt war. Dann lebte ich in einer Diktatur, in der man nicht sagen durfte, dass sie verschwunden waren.

Erst später, als Argentinien wieder demokratisch wurde, begann die historische Rekonstruktion, bei der den Aussagen der Opfer – der Überlebenden, ihrer Familien – große Bedeutung zukam. Und das alles in einem Land, das durch sieben Jahre blutige Diktatur tief erschüttert war. Als ich „Los Rubios“ drehte, hielt ich es für wichtig, die Erinnerungen meiner Generation zu retten. Wir haben alle diese Grausamkeiten im Kindergarten oder in unserer Grundschulzeit erlebt. Wir waren echt kleine Kinder!

Deshalb habe ich mich für Playmobilfiguren entschieden. Sie gehörten zu den kultigsten Spielzeugen meiner Generation. Während eine Generation ermordet und ein Land ausgeplündert wurde, spielten wir Kinder mit schwedischen Figuren. Seltsam.

„Meine Eltern wurden vor unseren Augen entführt, als ich vier Jahre alt war“

Eine Filmkritikerin hat dich einst als „Filmemacherin der Unbequemlichkeit“ beschrieben. Fühlst du dich damit angesprochen?

Ja, das bin ich! Wir leben in einer sehr ungerechten Welt, und ich denke, es ist notwendig, unser bequemes Verständnis dafür unbequem zu machen. Obwohl ich nicht viel Vertrauen in die Menschheit habe, möchte ich das Leben für so viele Leute wie möglich lebenswert machen. Und dafür brauchen wir Zuneigung aus der Community. Zuneigung kann man auf unendlich vielfältige Weise ausdrücken, angefangen bei der Gewährleistung der elementarsten Menschenrechte: zum Beispiel der Zugang zu Gesundheit, Wohnen, Arbeit und Vergnügen.

Und wie ist die Lage in Argentinien für Lesben und queere Menschen?

Ihre Situation hat sich in den letzten Jahren mit den Gesetzen zur gleichberechtigten Ehe und zur Geschlechtsidentität stark verändert. Derzeit wird ein Gesetz über Quoten für trans* Menschen in Unternehmen diskutiert, die immer noch die am stärksten von Diskriminierungen betroffene Bevölkerungsgruppe sind. Als mein Sohn vor zwölf Jahren geboren wurde, musste ich ihn als Sohn einer alleinerziehenden Mutter anmelden, weil es keinen gesetzlichen Rahmen für die Anerkennung unserer Familie gab. Heute hat er drei Nachnamen, weil er zwei Mütter und einen Vater hat und seine Rechte voll anerkannt werden. Es war ein langer Weg für uns, voller Kämpfe mit den Behörden.

Gewalt und Diskriminierung gibt es zwar immer noch in Argentinien, aber es gibt immer weniger LGBTIQ*-Menschen, die im Schrank sind – und immer mehr vollständige Rechte für queere Menschen.

// Annabelle Georgen