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DAS KÖNIGREICH MUSTANG IM HIMALAYA, EINST FÜR FREMDE VERBOTENES TERRITORIUM, ÖFFNET SICH DER WELT …


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 16.12.2022
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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 1/2023

Im kargen Hochgebirge im Norden Nepals erinnert ein buddhistischer Schrein Reisende an den Sieg des Guten über das Böse. Eine neue Straße bringt die Außenwelt in das ehemalige Königreich Mustang. Der inoffizielle Herrscher sorgt sich, dass sein Volk seine traditionelle Lebensweise verliert.

… ABER WERDEN SEINE EINMALIGE KULTUR UND SEINE KOSTBAREN TIBETISCHEN SCHÄTZE DEN WANDEL ÜBERLEBEN?

DER KÖNIG VON MUSTANG WIRD SIE JETZT EMPFANGEN.

IN ABGETRAGENEN JEANS und grüner Fleecejacke steht der König in der Mitte eines niedrigen Raums in seinem jahrhundertealten Palast. Er rezitiert buddhistische Gebetsformeln und lässt dabei eine Gebetskette durch die Finger gleiten. Um ihn herum sind die Wände und Holzsäulen, die das durchhängende Dach stützten, mit feinsten Darstellungen buddhistischer Wesenheiten geschmückt. Einige von ihnen lehnen sich glückselig zurück, in goldene Gewänder gekleidet. Andere heulen wütend, mit Schwertern bewaffnet, von Flammen umgeben.

Es ist Mitte Oktober, und der zugige Palast mit seinen kalten Lehmwänden, versteckt in diesen unwirtlichen Gebirgsausläufern am Rande des nördlichen Himalaya, lässt den herannahenden Winter erahnen. Ein Fenster öffnet den Blick über die ...

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... 600 Jahre alte ummauerte Stadt Lo Manthang, historische Hauptstadt der legendären nepalesischen Region Mustang, nur 15 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Unter dem Palast erstrecken sich enge Reihen von weiß getünchten Häusern. Rauchwölkchen steigen aus Dächern auf, und Himalaya-Pappeln mit ihren goldenen Blättern schimmern in der Nachmittagsbrise. Im Südosten breitet sich wie ein Fächer ein Geflecht von Nebenarmen des Flusses Kali Gandaki aus. Sie fließen auf eine grandiose Wand schneebedeckter Gipfel zu.

Die National

Geographic Society setzt sich dafür ein, die Wunder unserer Welt zu beleuchten und zu schützen. Sie unterstützt seit 1999 die Expeditionen von Mark Synnott und seit 2014 die Arbeit des Fotografen Cory Richards.

Dieser Anblick war Ausländern wie mir früher verwehrt. Weite Teile des 20. Jahrhunderts über kontrollierte die nepalesische Regierung den Zugang zu Mustang streng. Doch jetzt begleitet mich der König zu seinem Palast, um mir eine der zahlreichen Herausforderungen zu zeigen, vor denen sein Reich heute steht.

Der volle Name des Königs lautet Jigme Singhi Palbar Bista; er stellt sich mir schlicht als Jigme vor. Der schlanke Mann mit schütterem grauem Haar besitzt eine Energie, die über seine sechs Jahrzehnte hinwegtäuscht. Er führt mich auf einem schummrigen Hindernisparcours durch den Palast, den seine Familie verlassen hat, nachdem ein Erdbeben ihn 2015 schwer beschädigt hatte. Wir steigen alte Holztreppen hinauf, weichen Luken im Fußboden aus und kommen an bröckelnden, mit Malereien geschmückten Wänden vorbei. Trotz der Schäden ist der Raum, in den wir gelangen, außerordentlich gut erhalten. Ein Porträt zeigt ein Paar in traditioneller tibetischer Kleidung. „Meine Eltern“, sagt Jigme. „Das hier war der Gebetsraum meines Vaters. Er war der letzte König von Mustang, der 25. unserer Dynastie. Ich bin der 26.“

Im Raum steht ein mit Blattgold überzogener deckenhoher Schrank aus Sandelholz. Darin finden sich nebeneinander angeordnete Bronzefiguren buddhistischer Wesenheiten, die durch die Glastüren starren. Votivlampen, in denen Yakbutter brennt, erfüllen den Raum mit dem ranzigen Geruch, der überall im Himalaya die buddhistischen Tempel durchzieht. Jigme erklärt, die Figuren seien mehr als nur Kunstwerke – sie seien lebendige Geister, die seit uralten Zeiten über seine Familie wachen. Bevor eine Statue auf den Altar gestellt werde, führe ein Hohepriester ein Ritual durch, um sie mit der Erleuchtung von Körper, Sprache und Geist zu beleben.

In einer säkularen Welt könnte ein Antiquitätenhändler diese kleine Sammlung auf dem Schwarzmarkt für ein Vermögen verkaufen. Jahrhundertelang war die Vorstellung, jemand könnte sie stehlen, in dieser isolierten, zutiefst buddhistischen Stadt kaum denkbar. Doch die Außenwelt ist an der Schwelle von Mustang angekommen, und Kunstraub ist nur ein neues Thema, das dem König Sorge bereitet. Während Jigme und ich gemeinsam diesen Moment der Ruhe in seinem Gebetsraum verbringen, ist entfernt das schwache Rumpeln von Erdbaumaschinen zu hören, die die von Süden in die Stadt führende Straße ausbessern.

Für die etwa 450 Kilometer lange Reise in Nepals Hauptstadt Kathmandu brauchte man früher Wochen zu Fuß, Pferd oder Yak. Heute sind es mit dem Auto und guten Nerven nur drei Tage. Die Fahrzeuge nehmen eine schwindelerregende Folge von engen Serpentinen auf einem rauen, schmalen Weg, der in die Fels- wände der Kali-Gandaki-Schlucht gehauen ist. Immer wieder blockieren Erdrutsche den Weg, und ganze Kolonnen von Fahrzeugen bleiben an den Felswänden stecken. Dennoch bringt die Straße den Menschen in Mustang substanzielle Verbesserungen wie die bessere Versorgung mit Waren und medizinische Hilfe.

Der Strom von Waren und Menschen könnte sich schon bald zu einer anschwellenden Kommerzflut entwickeln. Im Norden haben sich die Chinesen bereits auf eine lukrative neue Handelsroute vorbereitet und warten mit einer frisch asphaltierten Straße, die die Grenzregion mit

Fernstraßen bis nach Peking verbindet. Sobald die Straßen zusammengeführt sind, kann in diesem legendären Winkel des Dachs der Welt eine neue Ära des Handels beginnen. Für Jigme und die Menschen von Mustang stellt sich die Frage, ob sie die Teile dieses winzigen Königreichs bewahren können, die es jahrhundertelang zu etwas Besonderem gemacht haben. Jigme setzt sich auf eine Bank und senkt den Blick, als ob er beten oder meditieren würde. Doch dann zieht er mit einer schnellen Handbewegung sein iPhone hervor und checkt seine Nachrichten.

ES WÜRDE DURCHAUS passen, wenn Mustang wieder zu einer Drehscheibe des Handels würde. Der Palast, den Jigme mir gezeigt hat, ist ein Relikt aus dem goldenen Zeitalter der Stadt, das bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Zu der Zeit kannte man den nördlichen Teil der Region als das Königreich Lo. Seine Bewohner, die Lopa, ethnisch verwandt mit den Tibetern, hatten den Handel durch das Kali-Gandaki-Tal kontrolliert und waren so sehr reich geworden. Im Westen flankiert vom siebthöchsten Gipfel der Welt, dem Dhaulagiri und im Osten vom zehnhöchsten, dem Annapurna, bot die Schlucht eine der direktesten Handelsrouten zwischen den Salzlagerstätten der tibetischen Hochebene und den Märkten Indiens. Hier besteuerten die Lopa die Yak-Karawanen, die außer Salz auch Gerste, Türkise und die Drüsen von Moschushirschen für Arzneien und Parfums transportierten.

Schon bevor Mustang sich zur Handelsdrehscheibe entwickelt hat, war es ein wichtiger Wegpunkt für buddhistische Gelehrte und Pilger, die zwischen Indien und China verkehrten. Schließlich verbanden sich buddhistische Lehren mit animistischen Ritualen der Region. Im Lauf der Zeit nahm das Königreich den neuen Glauben an und errichtete kunstvolle Tempel und Klöster.

KARTE: RILEY D. CHAMPINE, PATRICIA HEALY, EVE CONANT, NG. TERRAINRENDERING: STEPHEN TYSON. QUELLEN: GALEN MURTON, JAMES MADISON UNIVERSITY; TIM WILLIAMS; INSTITUT FÜR ARCHÄOLOGIE DES UNIVERSITY COLLEGE OF LONDON; REGIERUNG VON NEPAL; PLANET LABS PBC; MERIT DEM;

Als sich im 18. Jahrhundert entlang der Grenzen Mustangs mächtige Staaten entwickelten, reiste der König von Lo zum König des frisch vereinigten Nepal. Jigme beschreibt, wie sein Vorfahre Senfkörner, Nadeln und Erde als symbolische Geschenke mitbrachte, um zu zeigen, dass Mustang Menschen, Waffen und Land zu bieten habe. Der König Nepals bot ihm darauf Schutz an, im Austausch gegen Steuerzahlungen und eine jährliche Abgabe.

Zwei Jahrhunderte später sollte diese Verbindung Mustang vor einem Schicksal bewahren, das Tibet durch die chinesische Besetzung nach der Invasion unter Mao Zedong 1950 erlebte. Im Lauf des folgenden Jahrzehnts wurden Tausende buddhistischer Stätten in Tibet geschlossen. Mustangs Schätze blieben unangetastet.

EINIGE BEZEICHNUNGEN AUF DIESER KARTE VERWENDEN TIBETISCHE TRANSLITERATIONEN, DIE SICH VON DEN OFFIZIELLEN NEPALESISCHEN NAMEN UNTERSCHEIDEN.

Trotz seiner isolierten Lage wurde das Königreich in den Kalten Krieg hineingezogen. In den frühen Sechzigern operierten von der CIA trainierte tibetische Guerillakämpfer von Mustang aus. Unterstützt von der US-Luftwaffe, die Proviant und Waffen abwarf, planten sie Angriffe auf die chinesische Armee und die Errichtung eines Basislagers in Tibet. Sie fingen einige wichtige Geheimdienstdokumente ab, doch letztlich erreichten sie nur wenig. 1974 wurden sie von der nepalesischen Regierung entwaffnet. In der Folge schirmte Nepals Regierung die Region stärker ab als je zuvor.

Das war die Welt, in der Jigme aufwuchs: ein verbotenes Königreich, das isoliert in einer der unwirtlichsten Gegenden der Erde lag. Sein Vater hatte den Schutz der Grenzen im Blick, doch wichtiger war ihm der Frieden im eigenen Land. Er legte Fehden und Eigentumsstreitigkeiten bei. „Selten war er länger als zwei Tage am Stück zu Hause“, erzählt Jigme. „Wenn er von einem Streit hörte, sprang er aufs Pferd und galoppierte los. Sein Wort war Gesetz.“

Mit 21 Jahren ging Jigme zum Studium nach Kathmandu. Im Winter kam auch sein Vater in die Hauptstadt. Er machte sich wie seine Vorfahren auf die drei Wochen lange Reise über die Berge, um den Vertrag mit dem König von Nepal zu bestätigen. „Er hatte immer regionale Besonderheiten für den König dabei – Wollteppiche, Decken, Pferde“, erzählt Jigme. „Er besprach die Ausgaben der Regierung und bat um Geld für neue Projekte.“

2008 wandelte sich die Situation. Nach einem Jahrzehnt Bürgerkrieg verabschiedete Nepal eine neue Verfassung und wurde zu einer Bundesrepublik. Die Monarchien wurden abgeschafft. Plötzlich gab es die Rolle, auf die Jigme sich vorbereitet hatte, zumindest offiziell nicht mehr. „Mich hat das nicht erschüttert“, sagt Jigme. „Ich habe verstanden, dass die Zeiten sich ändern und ich mein eigenes Leben leben muss.“

Die meisten Lopa sehen in Jigme nach dem Tod seines Vaters 2016 dennoch den rechtmäßigen König, obwohl er keinerlei offizielle Macht hat. Sie verlassen sich bei religiösen Ritualen auf ihn und manchmal auch beim Schlichten lokaler Fehden. Ihre Verehrung ist offensichtlich. Wenn er durch die engen Gassen von Lo Manthang spaziert, nehmen die Bewohner ehrerbietig ihre Kopfbedeckung ab und neigen den Kopf in seine Richtung. Jigme grüßt jeden lächelnd mit Namen.

WIE KANN EIN KÖNIG ohne wirkliche Macht oder Autorität das kulturelle Erbe seines Reichs bewahren? Jigmes vom Erdbeben zerstörter Palast ist nur ein Beispiel für die Herausforderungen, mit denen er konfrontiert ist. Das Bauwerk soll 1441 vom Sohn des Ame Pal, des legendären ersten Königs von Mustang, errichtet worden sein, und wurde mitsamt der mittelalterlichen Altstadt in die Vorschlagsliste der potenziellen UNESCO-Welterbestätten aufgenommen. Doch wegen der Schäden durch das Erdbeben und das zunehmend feuchte Klima braucht es viel Geld, um den Verfall zu stoppen.

Auch jenseits der Mauern von Lo Manthang gibt es zahlreiche Täler und Schluchten mit vielen alten Palästen und Tempeln, mit Gottheiten aus vor-buddhistischer Zeit und reich an Schätzen. Ich hatte vor allem von einer Stätte gehört – einem verlassenen buddhistischen Nonnenkloster namens Gompa Gang, das auf einem Felsvorsprung über dem Kali-Gandaki-Fluss liegt, auf halbem Weg das Tal hinauf. Am nächsten Morgen machte ich mich mit Jigmes Cousin, Tsewang Jonden Bista, vor Sonnenaufgang auf den Weg dorthin.

Wir fahren am Fluss entlang, der träge durch die weite Ebene fließt. Herden von zotteligen Kaschmirziegen trotten die Straße entlang, gehütet von staubbedeckten Teenagern. Fruchtbare Terrassenfelder säumen Flussufer. Es ist Erntezeit, und ganze Familien sind auf dem Weg in die grünen Buchweizenfelder und zu den Obstgärten voller Äpfel.

Am Fuß einer hoch aufragenden Lehmwand parken wir. Der obere Teil ist übersät von dunklen, fensterartigen Öffnungen. Tsewang, der für ein von seinem Cousin Jigme gegründetes Trekking-Unternehmen arbeitet, wechselt in den Reiseführer-Modus und erklärt, dass Mustang berühmt sei für seine geheimnisvollen „Himmelshöhlen“. Tausende überziehen die Felswände der Region. Laut Datierung mit der Radiokarbonmethode wurden einige vor mehr als einem Jahrtausend gegraben. Ein Team von NATIONAL GEOGRAPHIC gelangte 2008 in eine Höhle in etwa 200 Meter Höhe. Darin befand sich ein großer Raum mit Tausenden Manuskripten mit Schriften und Bildern aus buddhistischer und vorbuddhistischer Zeit. In anderen Höhlen entdeckte man Skelette. Niemand weiß, wer die Höhlen gegraben oder warum man sich solche Mühe gemacht hat, um diese Verstecke zu schaffen.

Ein Pfad führt hinauf zu einem Kamm mit Blick über den Fluss. Dort steht ein weiß getünchtes Lehmgebäude in einem dichten Weidenwäldchen. Ein eisernes Tor führt in den Hof. Eine verwitterte Gebetsfahne ist an einem Holzpfosten befestigt, der in einem Haufen aus Steinen und ausgebleichten Yakhörnern steckt. Die Fahne flattert im Wind, während Tsewang erklärt, wie zur Blütezeit des Nonnenklosters im 18. Jahrhundert Pilger aus ganz Nepal, Indien und Tibet hierher reisten, um zu beten und Segnungen zu empfangen. Mit dem Niedergang Mustangs verfiel allmählich auch das Kloster.

Wir treten durch eine niedrige Tür in den Hauptsaal, den eine gewaltige, zwei Stockwerke hohe Statue des Buddhas Maitreya beherrscht. Sein Kopf ragt durch eine Öffnung in der Decke in eine Kammer im zweiten Sock, wo Sonnenstrahlen sein Gesicht beleuchten. Tsewang zufolge repräsentiert diese Inkarnation von Buddha einen künftigen Lehrer, der nach einer langen Periode von Hungersnot und Krieg Weisheit in der Welt verbreiten werde.

Tsewang richtet eine Taschenlampe auf die Wand, und ihr Schein offenbart, dass der Raum mit Wandmalereien geschmückt ist. Ein Gemälde stellt einen buddhistischen Lehrmeister dar, der mit untergeschlagenen Beinen auf einer Wolke neben einer Frau sitzt, die in der einen Hand das Haus einer Meeresschnecke hält und mit der anderen eine Silberschale darbietet. Zahllose Figuren sind in komplexen und farbenprächtigen, wenn auch inzwischen verblassten Szenen dargestellt. Wir arbeiten uns in der Dunkelheit vorwärts.

Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass viele Gemälde bröckeln. Eines ist voller kleiner Löcher, ein anderes von Rissen durchzogen, und stellenweise wölbt sich der Putz blasenförmig. Jahrhundertelang regnete es in dieser Region nahe dem tibetischen Hochland nur wenig, doch das Klima ändert sich rasant, und der Bau aus gestampfter Erde ist mit Feuchtigkeit konfrontiert, für die er nicht konstruiert ist. „In der Vergangenheit haben Regen und Schmelzwasser nur eine Ziegelschicht durchfeuchtet“, sagt Tsewang. „Jetzt gibt es zwar weniger Unwetter, aber sie sind heftiger. Manchmal bekommen wir die Schneemenge eines ganzen Winters während eines einzigen großen Frühlingssturms. Wenn diese Menge auf einmal schmilzt, dann passiert das hier.“

Feuchtigkeit sickert tief in die Erdmauern ein und dringt in die trockenen Innenräume. Wenn das Wasser verdunstet, bilden sich Salzkristalle hinter der Farbschicht und lassen die Wandgemälde abblättern. Überall im Himalaya ist es ähnlich, und wenn der Prozess erst einmal eingesetzt hat, ist er praktisch nicht mehr aufzuhalten. „Selbst das Wetter hat sich gegen uns verschworen“, sagt Tsewang.

Hinter dem großen Buddha zeigt er auf eine Stelle an der Hüfte, wo die Statue grob mit Lehm ausgebessert worden ist. „Vor etwa 20 Jahren sind Diebe eingebrochen und haben das gsung gestohlen – die Schätze, mit denen die Statue gesegnet und belebt wird“, sagt er.

Rituelle Skulpturen haben, unabhängig von ihrer Größe, einen Hohlraum. Während der Segnung wird der Hohlraum mit Gebetstexten und kostbaren Objekten wie Achatperlen, Bronzefiguren, Gold und Edelsteinen gefüllt. Der Schatz hilft, die Statue zu beleben. Die Preziosen können aber auch den Wiederaufbau des Klosters finanzieren, sollte es beschädigt oder zerstört werden.

Lokale Oberhäupter und der Wissenschaftler Charles Ramble, der den Diebstahl untersucht hat, sagen, ein tibetischer Lama sei um das Jahr 2000 zum Gompa Gang gekommen und habe angeboten, wieder eine Gemeinschaft von Nonnen zu etablieren. Die Verantwortlichen vor Ort seien begeistert gewesen und hätten ihm das karchak gezeigt, ein Buch mit den wichtigsten Fakten über das Gebäude, in dem auch das gsung beschrieben ist. Der Lama sei abgereist und habe versprochen, bald zurückzukehren. Kurze Zeit später habe der Verwalter des Tempels das Loch in der Hüfte des Buddhas entdeckt. Von dem Lama habe man nie wieder gehört. Gompa Gang gilt seither als machtlos. Kaum jemand komme noch zum Beten hierher, erzählt Tsewang.

„HAST DU DEN BUS GESEHEN?“, fragt Jigme, als wir damals 2019 an einem Nachmittag beim Tee sitzen. Er meint einen indischen Bus, der sich kurz zuvor ächzend und schwankend die staubigen Serpentinen hinauf nach Lo Manthang gequält hat. Der Bus hatte die Stadt Jomsom, 95 Kilometer südlich von Lo Manthang, vor Tagesanbruch verlassen, voll besetzt mit Einheimischen und ein paar nepalesischen Touristen. Ein großes Transparent war locker vorne an das Fahrzeug gebunden. Darauf stand, dies sei der erste öffentliche Bus, der diese Fahrt je unternommen habe. „Als Kind hätte ich mir nie vorstellen können, dass wir eines Tages von Kathmandu hierher fahren könnten“, sagt Jigme.

Doch diese Wahrnehmung hat sich schon in den vergangenen Jahren geändert. Der Boom der chinesischen Wirtschaft und die Entwick- lung in anderen Regionen Nepals haben Jigme und allen anderen in Mustang klargemacht, dass der Bau einer Straße unabwendbar ist. Wir sitzen an einem Ort, der das beste Beispiel dafür ist: im Royal Mustang Resort. Jigme hat dieses Hotel mit 22 Zimmern unmittelbar außerhalb der Stadtmauern von Lo Manthang gebaut, auf einem Grundstück, das er von seinem Vater geerbt hat. Die Dachterrasse bietet einen Postkartenausblick auf das Tal. Wir sitzen im Empfangsbereich in eleganten Ledersesseln und trinken unseren Tee vor einem Holzofen, in dem ein Feuer aus getrockneten Weidenzweigen knistert.

Seit 1992 dürfen Touristen Mustang besuchen, doch lange wurden nur wenige Genehmigungen pro Jahr erteilt. Bis jetzt entwickelt sich alles langsam, aber Jigme ist zuversichtlich, dass sich das bald ändern wird. Denn Nepal ist zwar berühmt für Everest-Expeditionen, doch einen großen Teil des Tourismussektors mit einem Umsatz von einer halben Milliarde US-Dollar machen Trekking-Touristen und religiöse Pilger aus, für die Mustang eine besondere Anziehungskraft hat. Mustang, so Jigme, habe nicht nur spektakuläre Landschaften, sondern biete dazu einen Einblick in die tibetische Kultur, die andernorts weitgehend verschwunden sei.

Trotz Jigmes optimistischer Prognose scheint die Rentabilität dieser beträchtlichen Investition noch weit entfernt. Tsewang und ich sind die einzigen Hotelgäste. Und Jigme ist nicht der Einzige, der auf den Tourismus baut. Zum Zeitpunkt meines Besuchs gibt es bereits Dutzende Hotels in Lo Manthang, einer Stadt mit offiziell nur 1300 Einwohnern. Mustangs raues Klima ermöglicht Besuche nur etwa sechs Monate im Jahr. Im Winter fällt die Temperatur regelmäßig weit unter den Gefrierpunkt. Rohre frieren dann zu, und die Toiletten im Hotel funktionieren nicht. Im Sommer werden die Straßen oft wochenlang durch vom Monsun ausgelöste Erdrutsche blockiert.

Während Jigme hofft, dass die Straße Menschen nach Lo Manthang bringen wird, macht sie es umgekehrt auch leichter für die Menschen vor Ort, Mustang zu verlassen. Die harte Arbeit mit den großen Ziegen- und Yakherden im Tal verliert rasch an Anziehungskraft. Im Laufe der letzten Jahre sind scharenweise junge Erwachsene fortgegangen, um ihr Glück in Kathmandu, Japan, Korea und in den Vereinigten Staaten zu suchen. Nach einer Zählung leben mehr als 2000 Lopa in New York City, mehr als die gesamte Bevölkerung von Lo Manthang. Falls dieser Trend sich fortsetzt, sagt Jigme, werde die Region in den nächsten 20 Jahren 80 Prozent seiner Einwohner verlieren.

Die Aussicht auf den Tourismus befördert zudem zügellose Landspekulation. „Es gab mal eine ungeschriebene Regel, dass die Lopa kein Land an Fremde verkaufen konnten“, erklärt Jigme. Doch da die Immobilienwerte in die Höhe schießen, wird dieses Tabu gebrochen. Jigme erzählt mir, dass eine 0,4 Hektar große steinige Wiese, nicht weit von dort, wo wir sitzen, kürzlich für 700 000 Dollar verkauft wurde. „Kann man einem Bauern, der nur 700 Dollar im Jahr verdient, vorwerfen, dass er verkauft und nach Kathmandu oder New York City zieht?“, fragt er.

ICH ERWÄHNTE JIGME GEGENÜBER, dass ich die chinesische Grenze besuchen will. Also schickt er mich eines Morgens mit Tsewang in einem Geländewagen los. Wir fahren auf einer glatten Schotterstraße, die uns Richtung Norden zu einer braunen Bergkette mit schneebestäubten Gipfeln führt. Nach einer Stunde halten wir an einem Checkpoint der nepalesischen Armee. Ein junger Soldat sieht mich auf dem Rücksitz, runzelt die Stirn und sagt etwas auf Nepali. „Er sagt, Ausländer dürfen die Grenze nicht besuchen“, sagt Tsewang. „Das ist neu, seit ich das letzte Mal hier war.“

Wir machen kehrt, und nach ein paar Kilometern halten wir an einem kleinen Nudel-Restaurant. Als der Besitzer hört, was vorgefallen ist, sagt er, es gebe noch einen anderen Weg zur Grenze. „Ich kann ihn euch zeigen“, sagt er. Schon bald rase ich mit ihm auf seinem Motorrad über einen staubigen Pfad, die Arme fest um seine Lederjacke geschlungen. Richtung Norden geht es immer weiter aufwärts. Zerfurchte Serpentinen führen uns über den 4660 Meter hohen Kora-La-Pass. Ein paar Kilometer später endet die Route abrupt an einem Stacheldrahtzaun, der sich über das karge Land erstreckt, so weit das Auge reicht.

Der Wind heult. Überall liegen zerbrochene Bierflaschen und Plastikverpackungen herum. Ein Schild mit der Aufschrift auf Englisch: „Parken im Niemandsland verboten“ und „Fotografieren verboten“. Einige nepalesische Touristen, die ebenfalls mit Motorrädern gekommen sind, ignorieren das Schild und machen Selfies um einen niedrigen Betonpfeiler herum, der die Grenze zwischen Nepal und China markiert. Etwa hundert Meter hinter dem Zaun, auf der chinesischen Seite, wird unsere Sicht von drei Gebäuden versperrt, jedes ungefähr von der Größe eines Supermarkts und scheinbar mit weißem Marmor verkleidet. Zahlreiche Kameras auf Metallstangen sind auf uns gerichtet.

„UM UNSERE KULTUR ZU RETTEN, BRAUCHEN WIR TOURISMUS“, SAGT KÖNIG JIGME. „UND UM DEN TOURISMUS ZU FÖRDERN, BRAUCHEN WIR DIE STRASSE.“

Später finde ich Satellitenbilder, auf denen zu sehen ist, was sich hinter den Gebäuden befindet: Bauten, die die Einheimischen für Kasernen halten, und ein langes, schwarzes Asphaltband, das nordwärts über die tibetische Ebene führt.

Es ist kein Zufall, dass Nepals Straßenbau zur gleichen Zeit boomt wie das chinesische Projekt „Neue Seidenstraße“. Das gigantische Infrastrukturprogramm soll Chinas ökonomischen und politischen Einfluss von Ostasien bis nach Europa ausdehnen. Wenn es fertiggestellt ist, werden zahlreiche Straßen über den Himalaya führen, doch vielleicht wird keine von ihnen eine so direkte Route nach Indien bieten wie die Straße von Kathmandu hierher an die Grenze.

Auch die Entdeckung eines großen Uranvorkommens in Mustang im Jahr 2014 könnte einiges ändern. China baut mit hohem Tempo Atomkraftwerke, um seinen wachsenden Energiebedarf zu decken sowie die Verpflichtung zur Senkung des CO2-Ausstoßes zu erfüllen. Es wird zwar noch kein Uran abgebaut, doch es scheint nur logisch, dass es irgendwann ein weiterer von Mustangs heiß begehrten Schätzen sein wird.

AM ABEND lädt mich Jigme zum Abendessen in das Royal Mustang Resort. Neben unserem Tisch kämpft ein Propanofen gegen die Kälte im Raum, der mit tibetischen Malereien und sepiafarbenen Fotos von der königlichen Familie geschmückt ist. Beim Essen prophezeit Jigme, dass die Chinesen bald einen Gewerbepark am Kora-La-Pass bauen werden, mit Hotels, Casinos und vielleicht einem Flughafen. „Der Tourismus wird boomen“, sagt er. Vielleicht seien Tourismus und Industrie genau das, was Mustang brauche. Doch das, gibt er zu, könne auch einen Tsunami von ungewollten äußeren Einflüssen auslösen und vergessen machen, was es bedeutet, ein Lopa zu sein. Wie alle Lopa, mit denen ich gesprochen habe, hält auch Jigme das für ein notwendiges Risiko. „Um unsere Kultur zu retten, brauchen wir den Tourismus“, sagt er. „Und um den Tourismus zu fördern, brauchen wir die Straße.“

An meinem letzten Vormittag in Mustang treffe ich Jigme zum Frühstück. Bei Kaffee und Eiern sagt er, dass er mir die geheimen Schätze zeigen wolle, die in seiner königlichen Dynastie von Generation zu Generation weitergereicht wurden. Ich verspreche, den Ort nicht zu verraten. Wir öffnen eine knarzende Holzklappe im Boden, die zu einer primitiven Treppe führt, knipsen unsere Stirnlampen an und steigen hinab in einen fensterlosen Raum. Wir ducken uns, um nicht an die handgehauenen Balken zu stoßen. Die Luft ist abgestanden und staubig. Jigme zündet eine Yakbutter-Lampe an, und aus der Dunkelheit taucht eine Reihe fast lebensgroßer Bronzestatuen auf, geschmückt mit Gold, Silber, Türkisen und Korallen. Sie schimmern im gelben Licht. In den Schatten dahinter sind verstaubte Holzkisten zu erkennen, wie gestapelte Fracht im Laderaum eines Schiffs.

„Das habe ich alles geerbt“, sagt Jigme mit einer ausholenden Handbewegung. „Ich zeige Ihnen das, weil es mein Traum ist, ein Museum zu gründen, wo ich das alles ausstellen und am Leben erhalten kann. Eines Tages kann ich dann alles an meine Kinder weitergeben. Aber dafür brauche ich eine Menge Geld, das ich nicht habe.“ Lachend fügt er hinzu: „Was ich wirklich brauche, ist eine Gelddruckmaschine.“

Jigme nähert sich den Statuen und entzündet eine zweite Lampe. Er betet leise auf Tibetisch. Ob er spürt, wie Körper, Sprache und Geist dieser uralten Wesenheiten auf ihn übergehen, wie bei den Mustang-Königen vor ihm? Der Docht knistert, die Flamme wirft dunkle Schatten auf die bröckelnden Wände. So viel gibt es hier zu bewahren. Und noch viel mehr zu verlieren. j Aus dem Englischen von Dr. Karin Rausch

Mark Synnott schrieb im April-Heft 2022 über eine Kletterexpedition zu Guyanas Tafelbergen. Cory Richards fotografierte für die März-Ausgabe 2021 in Kaschmir eine Reportage über den Grenzkonflikt zwischen Indien und Pakistan.