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DAS KÖNNEN WIR AUCH! Ein Plädoyer für deutsche TV-Serien


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 13.11.2018

„Game of Thrones“, „Breaking Bad“, „The Big Bang Theory“: US-amerikanische TV-Serien sind den deutschen meilenweit voraus, meinen viele Fans und Kritiker. „Stimmt nicht mehr!“, erwidert Christian Alvart, der Kopf hinter dem neuen Berliner Netflix-Hit „Dogs of Berlin“. Hier schreibt er, warum hiesige Produktionen längst Weltspitze sind und dass mit ein wenig Mut und Freigeist viel mehr möglich ist, als wir denken – in Serien und im wahren Leben.


REGIE/PRODUKTION:Christian Alvart

Artikelbild für den Artikel "DAS KÖNNEN WIR AUCH! Ein Plädoyer für deutsche TV-Serien" aus der Ausgabe 12/2018 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 12/2018

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Vom Kinohit „Antikörper“ über die Til-Schweiger-„Tatorte“ bis „Dogs of Berlin“: Christian Alvart, 44, ist einer der ...

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... produktivsten Filmemacher Deutschlands.


Und… Action!

WAS CHRISTIAN ALVART JEDEM RÄT, DER ERFOLG HABEN WILL

STUDIER DEN ALLTAG
Aushilfsjobs wie jener an der Tankstelle brachten Alvart Geld – und Menschenkenntnis. Manche seiner Figuren basieren auf einstigen Kunden.

STUDIER ALLE KLASSIKER
Filmschulen besuchte Alvart nie. Dafür wälzte er sich durch Standardwerke wie Sidney Lumets „Making Movies“.

WENN ALLE STRICKE REISSEN, kann ich als Tankwart arbeiten. Es mag komisch klingen, aber diese Gewissheit hilft mir in meinem Beruf als Film- und Serienmacher ungemein. Als Siebzehnjähriger habe ich mich mit einem Job an der Zapfsäule über Wasser gehalten, deswegen weiß ich: Selbst wenn plötzlich alle meine Filme und Serien floppen würden und mir niemand mehr Aufträge gäbe, könnte ich überleben. Und diese Erkenntnis gibt mir die Freiheit, mich für niemanden verbiegen zu müssen, sondern Geschichten wie den Sektions-Thriller „Abgeschnitten“, die „Tatorte“ mit Til Schweiger oder meine neue Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ genau so zu erzählen, wie ich es für richtig halte. Und vielleicht ist ja gerade meine Kompromisslosigkeit der Grund, warum Deutschlands Tankstellen aktuell ohne mich auskommen müssen. Überhaupt haben wir deutschen Serienmacher einigen Grund für etwas mehr Selbstvertrauen.

ES NERVT MICH, WENN ES HEISST, deutsche Serien könnten nicht mit den US-Produktionen mithalten. Natürlich kommen viele Meisterwerke wie „The Wire“ oder „Game of Thrones“ aus den Staaten, und eine Zeitlang sind wir in Deutschland auch tatsächlich etwas hinterhergehinkt. Aber in den letzten Jahren haben wir mit Serien wie „Bad Banks“ im ZDF mächtig aufgeholt, und wir brauchen den weltweiten Vergleich nicht mehr zu scheuen. Wie das möglich ist? Nun, da kann ich nur für mich sprechen. Aber ich bin der festen Überzeugung: Nur wer unabhängig denkt, kann Dinge neu erfinden und so Maßstäbe setzen. Und genau darum geht es für mich – beim Serienmachen und im Leben. Möglicherweise verdanke ich meine innere Unabhängigkeit auch dem Umstand, dass ich eher von der Seite in die Filmbranche gestolpert bin. Eigentlich wollte ich wie die meisten anderen zur Hochschule gehen, aber dann war mein erster Film, der von Freunden finanzierte Amateurstreifen „Curiosity Killed the Cat“, so erfolgreich, dass ich Angebote für mein Kinodebüt „Antikörper“ bekam, das wiederum zu Offerten aus Hollywood führte.

Schnitt!

„EINFACH MACHEN!“ IST NICHT MEIN MOTTO. Ich habe mich in alle wichtigen theoretischen Werke verbissen. Eines meiner Lieblingsbücher ist beispielsweise Sidney Lumets „Making Movies“. Und ich habe obsessiv Filme und Serien gesehen und analysiert, warum mir etwas gefällt, warum nicht und – am wichtigsten – warum etwas funktioniert, obwohl es alle Regeln bricht und eigentlich nicht funktionieren dürfte. Diese Studien betreibe ich schon mein ganzes Berufsleben – bis heute. Bei aller Unabhängigkeit: Um deine Ideen umzusetzen, brauchst du Menschen, die dich fördern. Ich musste mir mein Netzwerk selbst aufbauen. Dabei habe ich schnell gelernt, welche Kontakte mich weiterbringen können. Entscheidend dafür ist ein gewisser Business-Instinkt. Als ich zum Beispiel Boris Schönfelder kennenlernte, der gerade eine eigene Produktionsfirma gründete, dachte ich mir: Die Firma hat eine Finanzierung, sie muss mit einem ersten Projekt durchstarten. Warum also nicht mit meinem Film „Antikörper“? So ein Instinkt kommt aber auch nicht von allein. Ich habe zum Beispiel zum Start meiner Karriere alle wichtigen Fachmagazine wie „Blickpunkt Film“ oder „Kameramann“ abonniert, um zu lernen: Wie heißen diese Filmleute alle? Was machen die? Wer fängt wo an? Wer wird gefördert? Auch bedeutet Unabhängigkeit nicht, keine Vorbilder zu haben. In „Dogs of Berlin“ habe ich alles, was ich an Serien liebe, untergebracht. Der Goldstandard ist für mich „The Wire“(die preisgekrönte HBO-Dramaserie beleuchtet die sozialen Probleme der US-Stadt Baltimore; Anm.) – mörderspannend, komplex wie ein Roman, mit wahnsinnigen Figuren. Da gab es einen Protagonisten, der aus dem Polizeidienst gefeuert wird. Normalerweise heißt das, dass er aus der Serie rausgeschrieben wird. Hier wird er Lehrer und bekommt einen ganz neuen Handlungsbogen. Da dachte ich mir: „Serie kann und darf alles!“

Szenenw echsel!

WER SO FREI ARBEITEN WILL, MUSS AUCH MAL WAS RISKIEREN. „Dogs of Berlin“ war keine Auftragsarbeit – ich habe das für meine eigene Schublade entwickelt, ohne zu wissen, wie ich das bei einem Sender unterbringe. Erst war ich in Gesprächen mit dem NDR. Aber ich merkte dann, dass die regulären Sender in ihrem Korsett aus festen Sendeplätzen, zugewiesenen Budgets und Jugendschutzbestimmungen gefangen sind. In dieser Situation kam Netflix auf mich zu. Die Zusammenarbeit ist für mich sehr spannend. Die Hierarchien sind flach, alle sind Überzeugungstäter. Aber auch die regulären TV-Sender holen auf – ein Beweis, dass es sich lohnt, gemeinsam mit Verbündeten für seine Überzeugung zu kämpfen. Als die Amerikaner in den Nullerjahren mit Serien wie „Mad Men“ vorlegten, übten begeisterte Autoren, Regisseure, aber auch Journalisten Druck auf die Sender aus, zu den US-Produktionen aufzuschließen. Das hat – zugegebenermaßen – etwa zehn Jahre gedauert, aber heute gibt es Werke wie „Dark“, die dem internationalen Vergleich standhalten.

DIE EINZIGEN, DIE DIESE ENTWICKLUNG GEFÄHRDEN KÖNNEN, sind die Zuschauer selbst. Es ist schon brutal, was da im Internet für idiotische Kommentare geschrieben werden und welche Kleinigkeiten Beschwerden auslösen. Das finde ich teilweise ekelhaft. Gleichzeitig brauche ich als Filmemacher die Reaktion des Publikums, um zu lernen und besser zu werden. Deshalb setze ich mich in Testvorführungen meiner Filme, selbst wenn ich da regelrechtes Herzrasen bekomme. In solchen schwierigen Momenten hilft die Lektüre von Biografien erfolgreicher Menschen – ob Lemmy Kilmister, Steve Jobs oder Bernd Eichinger. Wenn es dir schlecht geht, dann machen sie dir bewusst, dass andere das Gleiche durchgemacht haben. Deshalb kommt es für mich nicht in Frage, aufzugeben oder nachzugeben. Und ich weiß, was Gegenwind heißt. Sprichwörtlich. Denn ich bin auch leidenschaftlicher Kanufahrer und mache lange Touren, wo ich schon mal mehrere Tage unterwegs bin und zelte – zuletzt auf der Brandenburgischen Seenplatte. Wenn du da nach langer Zeit auf dem Fluss auf den See herausfährst und dir eine Brise entgegenbläst, musst du dich ganz schön reinhängen. Aber für das Gefühl der Freiheit auf dem Wasser ist es das wert.

FREDERIK JURK

HOL DIR TROST VON LEGENDEN

In schwierigen Momenten denkt Alvart an Biografien von Lemmy Kilmister oder Steve Jobs: Auch seine Helden lagen immer wieder am Boden.


„NUR WER FREI DENKT, KANN MASSSTÄBE SETZEN.“


LIEBE DEN GEGENSTROM

Um dich durchzusetzen, musst du Widerstand mögen, meint Alvart. Sein Hobby: ausgiebige Kanu-Touren – gerne auch gegen den Strom.


CHRISTIAN ALVART

CHRISTIAN ALVART, GETTY IMAGES (3)