Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

Das Leben als Ratespiel


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 05.04.2019

KOOPERATION Wann helfen wir einander, und wann handeln wir eher egoistisch? Das erforschte der Spieltheoretiker John Forbes Nash.


DIE GRÖSSTEN EXPERIMENTE

Artikelbild für den Artikel "Das Leben als Ratespiel" aus der Ausgabe 5/2019 von Gehirn & Geist. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 5/2019

Den meisten Wirtschaftswissenschaftlern galt der Mensch lange Zeit als Egoist. Laut dem klassischen Modell vom Homo oeconomicus trifft er seine Entscheidungen, um größtmöglichen persönlichen Gewinn zu erzielen. Eigennutz ist demnach der wichtigste Motor für die Entwicklung unserer Spezies. Damit lässt sich allerdings kaum erklären, wieso Menschen häufig zusammenarbeiten, um Ziele zu erreichen, die dem Einzelnen selbst kaum Vorteile bringen. Warum ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Gehirn & Geist. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2019 von GEISTESBLITZE: Kreativität: Musik stört beim Denken. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GEISTESBLITZE: Kreativität: Musik stört beim Denken
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Bildgebung: Gehirnveränderungen beim Broken-Heart-Syndrom. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bildgebung: Gehirnveränderungen beim Broken-Heart-Syndrom
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Sozialverhalten: Geldsegen macht geizig. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sozialverhalten: Geldsegen macht geizig
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von GEISTESBLITZE: Nachtruhe: Die Neurone, die uns den Schlaf rauben. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GEISTESBLITZE: Nachtruhe: Die Neurone, die uns den Schlaf rauben
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Forschungsmethoden: Lügen für ein paar Dollar. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Forschungsmethoden: Lügen für ein paar Dollar
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Warum es uns besser geht, als wir glauben. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Warum es uns besser geht, als wir glauben
Vorheriger Artikel
Digitale Schlummerhilfe
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Jedes Gehirn lernt anders
aus dieser Ausgabe

... teilen wir miteinander und nehmen oft sogar Einbußen in Kauf, wenn es der Gemeinschaft dient? Kurz gesagt: Wieso gibt es altruistisches Verhalten?

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten Forscher einen neuen Ansatz, der diese Fragen zu beantworten helfen sollte: die Spieltheorie. Hier werden verschiedene Entscheidungsstrategien in Experimenten auf die Probe gestellt, um ihr Für und Wider zu ermessen. Dahinter steckt die Idee, dass sich Menschen bei ihrem Handeln meist daran orientieren, was andere tun oder was sie von ihnen erwarten. Indem sie alle möglichen Optionen abwägen, passen sie ihr Handeln flexibel an die jeweilige Situation an. Spieltheoretiker übersetzen dies in mathematische Formeln, die das zukünftige Verhalten von Menschen vorherzusagen helfen.

UNSERE AUTORIN

Daniela Ovadia ist Neuroethikerin und Wissenschaftsjournalistin in Pavia (Italien).

Die erste Formulierung der Spieltheorie geht auf den österreichisch-ungarischen Mathematiker und Kybernetiker John von Neumann (1903–1957) sowie den Wirtschaftswissenschaftler Oskar Morgenstern (1902–1977) zurück. In ihrem 1944 veröffentlichten Buch »Theory of Games and Economic Behavior« beschrieben sie grundlegende Prinzipien und Strategien in Entscheidungsszenarien, bei denen kein Beteiligter sicher sein kann, was die anderen tun. Erstaunlicherweise gelingt es uns in solchen Fällen häufig, einen gemeinsamen Gewinn zu erzielen, konstatierten von Neumann und Morgenstern.

Ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 1994, erhielt der Mathematiker John Forbes Nash (1928–2015) den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften zusammen mit dem Deutschen Reinhard Selten und dem amerikanisch-ungarischen Ökonomen John Harsanyi. Nashs kreativem Geist verdanken wir nicht nur jene experimentellen Szenarien, auf denen ein Großteil der spieltheoretischen Erkenntnisse fußt. Das Mathematikgenie, das mit etwa 30 Jahren an Schizophrenie erkrankte, definierte auch die wesentlichen Regeln, nach denen Spieler vorgehen, die einander weder kennen noch wissen, was die Beteiligten im Schilde führen. Auf Grund seiner wiederkehrenden psychotischen Schübe musste Nash seine Arbeit zwar zwischenzeitlich ruhen lassen. Später stabilisierte sich sein Zustand jedoch, so dass er weiter wissenschaftlich tätig sein konnte. Er starb 86-jährig bei einem Autounfall auf dem Heimweg von einer Preisverleihung.

Zu Nashs bleibenden Einsichten zählt die folgende: Wann immer Menschen um Geld, Macht oder andere Ressourcen konkurrieren, stellt sich irgendwann ein Zustand ein – auch »Nash-Gleichgewicht« genannt –, bei dem tunlichst niemand ausschert. Denn der Erste, der sich rührt, erfährt dadurch einen Nachteil. Dies trifft beispielsweise auf das von Nash entworfene Gefangenendilemma zu. Dabei sitzen zwei Häftlinge in getrennten Zellen, so dass sie nicht miteinander kommunizieren können. Nun erklärt man ihnen, wer immer von beiden gesteht, kommt frei; der andere (Ungeständige) muss hingegen für sieben Jahre ins Gefängnis. Gestehen beide, wandern sie für je sechs Jahre hinter Gitter. Gesteht keiner, fällt das Urteil allseits mild aus: Dann ist nur je ein Jahr Gefängnis wegen unerlaubten Waffenbesitzes fällig.

Keiner der Häftlinge weiß, was der andere tut. Wie minimiert man hier das eigene Haftrisiko? Auf den ers ten Blick wäre es am besten zu gestehen, denn nur dann entgeht man der Bestrafung womöglich ganz (falls der andere schweigt). Verfolgt der Mithäftling jedoch das gleiche Kalkül und gesteht ebenso, drohen sechs Jahre Haft. Wer dagegen nicht gesteht, riskiert zwar die Höchststrafe von sieben Jahre, setzt aber auf den für beide glimpflichen Ausgang mit je einem Jahr Freiheitsentzug.

Der Mathematiker John Forbes Nash gilt als Wegbereiter der Spieltheorie. Trotz einer Schizophrenie, die ihn jahrzehntelang begleitete, war er wissenschaftlich sehr produktiv. In dem von Nash mitbegründeten »Öffentliche-Güter-Spiel« tragen die Teilnehmer ein Guthaben zusammen, das anschließend vervielfacht und aufgeteilt wird. So dient der Eigennutz letztlich allen.


Auf einen Blick: Einmaleins des Teilens

1 Spieltheoretiker wie der USAmerikaner John Nash entwickelten spezielle Szenarien, um herauszufinden, unter welchen Bedingungen Menschen miteinander teilen oder eigennützig handeln.

2 Das vermutete Kalkül der anderen sowie der Gruppendruck spielen dabei eine große Rolle. So kooperieren wir eher, wenn wir glauben, dies sei die Norm.

3 Das »Nash-Gleichgewicht« beschreibt einen Zustand, in dem niemand agiert, weil dann Nachteile drohen. Es stellt sich vor allem bei Konkurrenten ein, die sich weder kennen noch vertrauen.

Das Nash-Gleichgewicht besagt in diesem Fall: Beide gestehen und gehen je sechs Jahre ins Gefängnis. Das ist eindeutig nicht die günstigste Variante, für die beide schweigen müssten. Dies setzt allerdings voraus, dass die Probanden rational agieren – und einander vertrauen.

Das Gefangenendilemma wurde unter anderem auf das atomare Wettrüsten zur Zeit des Kalten Kriegs übertragen. Gemäß dem Nash-Gleichgewicht ist die Aufrüstungsspirale sicher nicht die beste Lösung, aber beinah zwangsläufig für zwei Kontrahenten, die einander nicht vertrauen.

Die Suche nach der verborgenen Rationalität

Später entwickelten Nash sowie andere Ökonomen eine Spielvariante, um die verborgene Rationalität hinter kooperativem Verhalten zu ergründen: das Öffentliche-Güter-Spiel. Der Aufbau ist wiederum einfach. Jeder Teilnehmer hat ein Startguthaben zur Verfügung und kann entweder alles oder einen Teil davon in eine Gemeinschaftskasse einzahlen. Deren Inhalt wird anschließend mit einem bestimmten Faktor multipliziert, woraufhin man dieses »öffentliche Gut« gleichmäßig unter allen aufteilt. Zusätzlich behält jeder das Kapital, das er nicht in die Kasse einzahlte.

Weil niemand weiß, ob oder wie viel die anderen zum gemeinsamen Fonds beitragen und wie sehr das Gemeinschaftskonto wächst, verlangt die rationale Wahl, um kein Geld zu verlieren: Mach da nicht mit! Das kommt in der Realität allerdings kaum vor. Es gibt fast immer jemanden, der etwas abgibt. Mit Hilfe des Öffentliche-Güter-Spiels identifizieren Forscher zahlreiche Faktoren, die die Kooperationsbereitschaft beeinflussen. Auf dieser Basis lassen sich auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse besser verstehen, die für das Gemeinwohl wichtig sind.

So zeigten Experimente, dass das Wissen über den gewählten Multiplikationsfaktor das Engagement für die Gemeinschaft fördert. Wer weiß, wie viel (theoretisch) zu gewinnen ist, trägt im Schnitt mehr zum gemeinsamen Vermögen bei. Ähnliches gilt laut dem britischen Sozialforscher Valerio Capraro auch beim Thema Steuermoral: In Ländern mit sicheren und transparenten Sozialleistungen ist die Steuerflucht in der Regel niedriger.

Zudem spielt der Faktor Zeit eine Rolle. Mit zunehmender Anzahl der Runden sinken tendenziell die Beiträge zum Gemeinwohl, da inzwischen wohlhabend gewordene Akteure von den im Schnitt geringeren Beiträgen der Ärmeren abgeschreckt werden. Je öfter man das Spiel wiederholt, desto stärker sinkt also die kollektive Zahlungsfreude – es sei denn, man gibt von außen ein Beitragsminimum vor. Das liberale Gesellschaftsmodell sieht eine solche Instanz freilich nicht vor, weshalb hier meist eine größere Ungleichverteilung von Waren und Wohlstand zu verzeichnen ist.

Und noch ein Phänomen stach Spieltheoretikern ins Auge: Wer nicht schon früh etwas in den gemeinsamen Topf einzahlt, tut es meist auch im weiteren Verlauf des Spiels nicht mehr. Sobald ein Teilnehmer erkennt, dass der Zugewinn mit der Zeit nachlässt, hält er es meist für sinnvoller, sein Kapital beisammenzuhalten. Man muss folglich immer neue Anreize zur Beteiligung setzen.

Weitere Studien, die vor allem in den 2000er Jahren durchgeführt wurden, offenbarten die außerordentliche Bedeutung der Transparenz. Legt jeder Teilnehmer seinen individuellen Anteil an der Kasse offen, so dass alle Bescheid darüber wissen, wie viel die Mitspieler abgegeben haben, lässt dies das Engagement oft deutlich steigen. Dahinter steht vermutlich der soziale Druck, nicht knauseriger dazustehen als der Rest. Ausgehend von solchen Beobachtungen fordern manche Experten, Steuererklärungen grundsätzlich öffentlich zu machen, denn dies reduziere die Neigung zum Hinterziehen.

Auch Strafe und Belohnung beeinflussen naturgemäß das Verhalten von Menschen. In manchen Varianten des Öffentliche-Güter-Spiels bekommen diejenigen, die sich nicht am Gemeinwohl beteiligen, Geld abgezogen – oder diejenigen, die am meisten beitragen, erhalten einen Sonderbonus. Strafen erweisen sich vor allem dann als effektiv, wenn sie nicht nur persönliche, sondern zudem kollektive Kosten verursachen – wenn also die ganze Gruppe für das Fehlverhalten Einzelner büßt. Andererseits fallen die freiwillig gezahlten Beiträge meist niedriger aus, wenn das Spiel Sanktionen vorsieht: Die Teilnehmer sparen dann offenbar einen Teil ihres Kapitals, sei es aus Trotz oder für den Fall, dass sie für ihren eigenen Geiz oder den anderer zur Kasse gebeten werden. Umgekehrt den Gemeinsinn zu belohnen, bringt nur dann etwas, wenn sich Geiz unterm Strich weniger rentiert.

PSYCHOLOGIE / KOOPERATION

Nicht zuletzt ist der Kontext von Bedeutung. Wendet man das Öffentliche-Güter-Spiel etwa auf gemeinnützige Felder wie den Umweltschutz an, sind die Ergebnisse oft andere als etwa bei der Parteienfinanzierung, wo Partikularinteressen im Vordergrund stehen. In einer Studie von 2015 machten die Ökonomen Ned Augenblick und Jesse Cunha mehrere tausend Spender aus früheren US-Wahlkämpfen ausfindig. Diese wurden auf verschiedene Weise zum erneuten Spenden aufgerufen: entweder indem man ihnen die Spenden anderer Sympathisanten ihrer bevorzugten Partei offenlegte oder indem man auf die Spenden für den politischen Gegner hinwies. Positive Vorbilder aus dem eigenen Lager animierten 84 Prozent weniger Teilnehmer dazu, erneut zu spenden, als ein Hinweis auf die Unterstützung des Gegners. Wurde keine der Informationen gewährt, sank die Spendenbereitschaft nochmals um 34 Prozent.

Die Höhe der Beiträge hing ebenfalls von der Perspektive ab: Andere Finanziers mit der gleichen politischen Überzeugung animierten tendenziell zu ähnlich hohen Spenden. Der Geldsegen für die politische Kon-kurrenz veranlasste die Probanden jedoch, fast doppelt so viel zu geben!


Wann immer Menschen konkurrieren, stellt sich irgendwann ein Zustand ein, bei dem tunlichst niemand ausschert


Das Öffentliche-Güter-Spiel verdeutlicht, wie wichtig die Identifikation mit einer Gruppe für unser eigenes Denken und Handeln ist (siehe dazu auch den Beitrag ab S. 29 in diesem Heft). Selbst jenseits der Psychologie lassen sich viele komplexe Systeme erstaunlich gut spieltheoretisch beschreiben, beispielsweise in der Biologie und in der Medizin.

So konkurrieren unsere Gene ebenfalls darum, von einer Generation zur nächsten weitergegeben zu werden. Dabei übertragen sich mitunter selbst Erbfaktoren, die unvorteilhaft sind, etwa weil sie Abläufe in den Zellen stören. Dies kann, spieltheoretisch betrachtet, aber immer noch günstiger sein, als eine gänzlich neue Gen-Kombination zu wagen. Manche aus der Spieltheorie abgeleiteten Rechenmodelle beschreiben also offenbar Grundprinzipen der Natur.

QUELLEN

Augenblick, N., Cunha, J.: Competition and cooperation in a public goods game: a field experiment.Economic Inquiry 53, 2015

Nash, J. F.: Non-cooperative games.Annals of Mathematics 54, 1951

Von Neumann, J., Morgenstern, O.: Theory of games and economic behavior.Princeton University Press, 1944

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1628780


DRAFTER123 / GETTY IMAGES / ISTOCK

GEHIRN&GEIST / MARTIN BURKHARDT

GEHIRN&GEIST / MARTIN BURKHARDT