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Das Leben DER ÄLTEREN


digit! - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 25.10.2019

Wie sähe die Welt aus, wenn sie ausschließlich von und für Seniorinnen und Senioren gemacht wäre? In ihrer Serie „Republik im Ruhestand“ zeichnet die 23-jährige Fotografin Paulina Hildesheim das bunte und irritierend heile Bild einer alternden Gesellschaft.


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Bildquelle: digit!, Ausgabe 6/2019

Zwischen Inszenierung und Snapshot: Hildesheim hat sich ihrem Thema essayistisch genähert.


Alles so schön bunt hier: Seniorenfreuden als aseptische Idylle.



Hildesheim visualisiert Klischees über die Lebenswirklichkeit älterer Menschen und konterkariert sie zugleich.


Wie fühlt es sich an, wenn man alt ist, die Knie steif sind, der Rücken schmerzt, das ...

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... Gesichtsfeld eingeschränkt ist? Und wie wird man aussehen, wenn man 75 ist? Paulina Hildesheim, 23, hat sich diese Frage gestellt – und das ganz praktisch. Für „Republik im Ruhestand“ hat sich die Absolventin des Lette-Vereins mit einem Rollator durch die Gegend bewegt, in der Berliner Charité einen Alterssimulationsanzug angezogen, der die Gebrechen älterer Menschen körperlich erfahrbar macht. Sie war auf einer Seniorenmesse unterwegs, in Kurorten und auf einem Donaudampfer. Sie hat ein paar Tage in einem Altersheim gelebt (und ist in dieser Zeit kein einziges Mal vor die Tür gekommen), sie hat Portraits von alten Menschen gemacht und ihre Umgebung gezeigt: Speisesaal, barrierefreie Badezimmer, Reha-Sportgeräte – all das, was im Herbst des Lebens an Bedeutung gewinnt: Blumenfelder, Pillendosen, Heile-Welt-Tinnef.

Am Ende hat sie sogar ihr eigenes Gesicht auf alt getrimmt – in einer aufwändigen Photoshop-Prozedur. Hildesheim zeigt das Leben der Älteren. Nicht wie es ist, sondern in destillierter Form, aus ihrem Blickwinkel. „Republik im Ruhestand“, wie sie ihre Serie genannt hat, ist keine Reportage, sondern vielmehr ein Essay. Visuelle Gedankenblasen, die über einem Zukunfts-Szenario schweben, über einer „Was wäre wenn“-Frage. Was wäre, wenn alles, buchstäblich alles, auf die Bedürfnisse und Vorlieben von Seniorinnen und Senioren ausgerichtet wäre? Hildesheim zeichnet in ihrem Gedankenexperiment eine farbenfrohe und zugleich un- wirkliche, blutleere Welt, die in ihrer Asepsis an die Atmosphäre in der Mediensatire „The Truman Show“ erinnert. Entstanden ist die Serie im Rahmen ihrer Abschlussarbeit am Berliner Lette-Verein. An jener fotografischen Ausbildungsstätte, deren Ausbildungskonzept irgendwo zwischen überbetrieblicher Ausbildung und Fotodesign- Studium angesiedelt ist, mit dem Ziel, beides zu vermitteln: Praxis-, also Marktorientierung und zugleich die Befähigung zum freien, konzeptuellen Arbeiten.

„Republik im Ruhestand“ ist eine konzeptuelle Serie, keine Frage. Warum allerdings, fragen wir uns und dann sie, warum bitte sucht sich eine 23-Jährige ein derartig faltenreiches Sujet aus? Eins zudem, das denkbar weit von der aktuellen Lebenswirklichkeit entfernt ist?

Konterkarierte Klischees

„Für meine Abschlussarbeit habe ich mir das Thema ‚Zukunft‘ ausgesucht. Erst dachte ich an naheliegende Settings. Ich habe foto grafisch über die Wüstenstadt Masdar in Abu Dhabi gearbeitet, über die Widersprüche, die das Leben in dieser ‚ersten CO2-neutralen Wissenschafts-Stadt der Welt‘ mit sich bringt. Außerdem habe ich eine Reportage über die Fridays-for-Future-Bewegung begonnen. Irgendwann kam mir dann aber die Idee, das Pferd von hinten aufzuzäumen und mich auf eine Gruppe von Menschen zu konzentrieren, die vordergründig nichts mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun hat, indirekt allerdings doch eine ganze Menge: Man muss kein Hellseher sein, um zu verstehen, dass der Generationenvertrag irgendwann nicht mehr funktioniert, dass die Rente für meine Generation kaum finanzierbar sein dürfte angesichts der demografischen Entwicklung“, erklärt Paulina Hildesheim.

Auch deshalb habe sie sich für das Thema alternde Gesellschaft entschieden. Die junge Fotografin kreiste das Thema mittels Portraits, Moment- und Still-Life-Aufnahmen von Dingen und Orten ein, die sinnbildhaft für das Leben im Alter stehen, aber auch mittels Inszenierungen. Herausgekommen ist ein Essay, das Klischees über die Lebenswirklichkeit älterer Menschen visualisiert und diese gleich wieder gegen den Strich bürstet. Etwa durch eine farbliche Überzeichnung, die im Kontrast steht zu den gedeckten Farben, mit denen sich die meisten Seniorinnen und Senioren umgeben.

Für ihre Serie hat die Fotografin in einem Altersheim gelebt und alte Menschen bei Freizeitbeschäftigungen beobachtet.



Die hohe Farbigkeit erzielt Hildesheim durch die Motivwahl und den Einsatz eines „Bare-Bulb“-Blitzes.


Eigener Look als Sprungchance

Ihr besonderer Look, ihre plakative Bildsprache, die reizvoll mit der oftmals subtilen Motivwahl kontrastiert, mit der Art, wie sie immer auch das Nichtoffensichtliche, Nebensächliche ins Bild fasst und den Betrachter so zu eigenen Interpretationen anregt, taucht auch in den meisten ihrer anderen Serien auf. Etwa wenn sie chinesische Pauschalreisende auf einem Trip durch Europa begleitet und das Klischeebild, das sich die Asiaten vom alten Konti- nent machen, mit ihrer Kamera einfängt. Oder in ihren Reportagen über archaische Fastnachtsbräuche oder ein tropisches Hallenbad- Paradies.

Mit ihrer besonderen Herangehensweise scheint die junge Fotografin einen Nerv getroffen zu haben: Schon gegen Ende ihrer Ausbildung zählte sie namhafte Zeitschriften, Zeitungen sowie Corporate- Publishing-Magazine zu ihren Kunden. Hildesheim: „Ich hatte das Glück, dass ein paar Magazine direkt auf mich zugekommen sind und ich ein paar Strecken machen konnte, die andere Bildredakteure gesehen haben und mich daraufhin engagiert haben. Anders als viele Kolleginnen und Kollegen, die gerade erst in den Beruf starten, kann ich dadurch bereits von meiner Fotografie leben.“



„Ich hatte eine tolle Zeit am Lette-Verein“


Paulina, was bei deinen Bildern sofort ins Auge springt, ist ihre hohe Farbigkeit. Woher kommt diese Vorliebe?

Paulina Hildesheim: Martin Parr und seine Farbigkeit haben mich immer schon fasziniert, außerdem war ich begeistert von den Fotografien des Amerikaners M. Scott Brauer, der unter anderem den US-Wahlkampf in farbig knallenden und entlarvenden „Behind the scene“-Bildern nachgezeichnet hat. Hinzu kommt: Wir mussten am Anfang der Ausbildung komplett analog arbeiten und schwarzweiß. Ich habe wirklich geflucht am Anfang, später fand ich diese Beschäftigung mit den Ursprüngen, den Basics der Fotografi, aber sehr hilfreich, auch weil ich dadurch erst wirklich verstanden habe, wie früher gearbeitet wurde und was für eine Leistung hinter den ikonischen Aufnahmen der analogen Ära steht, die ja überwiegend im One-Shot-Verfahren entstanden sind. Während dieser Phase der farblichen Abstinenz in der Dunkelkammer habe ich allerdings auch ein unbändiges Bedürfnis nach starken Farben entwickelt

Wie hast du die Ausbildung am Lette-Verein erlebt?

PH: Wir hatten sehr früh die Möglichkeit, uns zu spezialisieren. Für mich war das ein großes Plus. Schon nach dem ersten Jahr war ich frei in der Art meiner Fotografie. Gleichzeitig habe ich viel Unterstützung von meinen Dozentinnen und Dozenten bekommen.

Kurz: Für mich war das wirklich eine tolle Zeit – und für all jene, die sich noch nicht sicher sind, in welche Richtung die fotografische Reise gehen soll, kann ich die Ausbildung sehr empfehlen. Noch einmal zurück zum Thema Farbe: Wie erreichst du diese hohe Farbigkeit?

PH: Zum einen dadurch, dass ich bereits meine Motive nach diesem Aspekt auswähle, zum anderen durch einen speziellen „Bare- Bulb“-Blitz von Walimex, der einen frei liegenden Blitzkopf und eine hohe Leitzahl besitzt. „In der Bildbearbeitung verstärke ich dann die hohen Kontraste und die intensive Farbigkeit, die das Blitzlicht hervorruft, noch zusätzlich.

Du hast im Rahmen der Serie auch ein Selbst-Portrait von dir auf Rentnerin getrimmt. Was war das für ein Gefühl?

PH: Ein wenig seltsam war es schon, zumal ich tagelang am Rechner saß, in das Bild hineingezoomt und überlegt habe, wo ich jetzt noch eine Falte oder einen Altersfleck einbauen soll. Inzwischen gibt es ja auch diese „Age apps“, die das automatisiert durchführen – damit hätte ich mir viel Arbeit sparen können.

PAULINA HILDESHEIM wurde 1995 in Wiesbaden geboren und wuchs in einem kleinen Ort in der Nähe von Hannover auf. Nach ihrem Schulabschluss arbeitete sie als Assistentin bei einem Werbefotografen in Hamburg, seit 2015 lebt und arbeitet sie in Berlin, wo sie 2019 ihre Ausbildung am Lette-Verein als staatlich geprüfte Fotodesignerin abgeschlossen hat. Die mehrfach ausgezeichnete Fotografin (u.a. Finalistin beim BFF-Förderpreis 2019, Deutscher Jugendfotopreis 2018) arbeitet für Kunden wie 11Freunde, Focus, Taz, Zeit-Magazin, AOK und Best Western. Die hier vorgestellte Serie „Republik im Ruhestand“ ist über ihre Website auch als Buch erhältlich.
paulinahildesheim.de