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„Das Leben ist flüchtig. Deshalb konzentriere ich mich auf das Gute“


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flow - epaper ⋅ Ausgabe 68/2022 vom 01.09.2022

Lebenslauf

Artikelbild für den Artikel "„Das Leben ist flüchtig. Deshalb konzentriere ich mich auf das Gute“" aus der Ausgabe 68/2022 von flow. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: flow, Ausgabe 68/2022

BÄRBEL SCHÄFER (*1963) wuchs in Bremen auf. Während eines Schuljahres in den USA sammelte sie erste Moderationserfahrungen. Nach ihrem Abitur machte sie zunächst eine Ausbildung zur Hotelkauffrau, begann dann, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft zu studieren. Über ein Praktikum kam sie schließlich zum Fernsehen, wo sie verschiedene Showformate moderierte. Seit Neuestem hat sie einen Podcast mit Susanne Fröhlich. Mit ihrem Mann, dem Publizisten Michel Friedman, und den beiden gemeinsamen Söhnen lebt sie in Frankfurt.

VERGANGENHEIT

„VON EINEM KINDERREICHEN BREMER VORORT ZOGEN WIR MITTEN IN DIE BREMER INNENSTADT. ODER BESSER GESAGT: MITTEN INS DROGEN-UND PARTYVIERTEL.“

Die ersten Jahre meines Lebens habe ich in einer kinderreichen Sozialbausiedlung in einem Bremer Vorort verbracht. Mein drei Jahre jüngerer Bruder Martin und ich waren ständig draußen, spielten Fußball und Eishockey vor dem ...

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... Haus und gründeten kleine Gangs, die manchmal miteinander kämpften – natürlich nicht ernsthaft. Einmal war ich sogar in den Verkehrsmeldungen, als ich zusammen mit einer Freundin mit ihrem Pony auf der B75 unterwegs war. Da gab es natürlich Ärger, aber ansonsten ließen mir meine Eltern viele Freiheiten. Aber ich habe mich immer behütet gefühlt. Meine Eltern hatten sich früh beim Tennisspielen kennengelernt. Ein Hobby, das sie auch an uns Kinder weitergaben. Gleichzeitig arbeiteten beide daran, uns ein gutes Leben aufzubauen. Dazu zählte auch, dass sie nach dem Tod meines Großvaters in dessen Haus mitten in die Bremer Innenstadt zogen. Oder besser gesagt: mitten ins Drogen- und Partyviertel der Stadt. Aber aus Sicht meiner Eltern war ein eigenes Haus für uns alle besser als unsere Mietwohnung mit ihren hellhörigen Wänden.

Für mich als Zwölfjährige war Bremen eine andere Welt. Hier fuhr niemand mehr Kettcar oder stand ständig auf dem Tennisplatz. Die gingen auf Partys und knutschten. Ich wollte da unbedingt mithalten, was sich leider bald auf meine Schulnoten auswirkte. Ich schwänzte öfter die Schule und hatte in allen naturwissenschaftlichen Fächern nur noch Vieren und Fünfen. Hätte ich über meinen Bremer Tennisclub nicht die Möglichkeit bekommen, als Austauschschülerin in die USA zu gehen, hätte ich die zehnte Klasse vermutlich wiederholen müssen. Viele US-Schulen suchten damals Unterstützung für ihre Schulmannschaften und ich spielte gut genug, um dafür infrage zu kommen.

Obwohl ich in den Bewerbungsunterlagen für die USA New York als meinen Wunschort angegeben hatte, landete ich in einer Kleinstadt auf dem Land im spießigen North Dakota, wo man keine Jungen mit aufs Zimmer nehmen und erst mit 21 Jahren Alkohol trinken durfte. Aber das Paar, bei dem ich wohnte, war unheimlich lebensfroh. Meine Eltern waren eher ruhig, und auch wenn ich mit meinem Vater hitzige Diskussionen über Politik führen konnte, wurde beim gemeinsamen Essen oft nicht viel geredet. In meinem Zuhause in den USA herrschte hingegen immer ein fröhliches Durcheinander. Meine Gastmutter hatte sechs Geschwister, immer war jemand da, der redete, aber auch jemand, der zuhörte. Wir sind bis heute befreundet. Ich war sogar bei der Hochzeit ihres Sohnes dabei. Auch die Lehrer:innen an meiner Schule waren sehr zugewandt und förderten uns ganz individuell nach unseren Talenten. In den USA merkte ich zum ersten Mal, dass Schule auch Spaß machen kann. Im Grunde kam ich dort auch zum ersten Mal mit meinem heutigen Job in Berührung – für das Lokalfernsehen moderierte ich die Sendung Guest in Town. Ich wollte es einfach ausprobieren, und zum Erstaunen aller hat es funktioniert. Allerdings konnte ich mir damals noch nicht vorstellen, daraus eine Karriere zu machen. Insgesamt empfand ich mein Jahr in den USA wie einen Glückstopf, in den ich gefallen bin.

Wieder zu Hause, verteilte ich meine mitgebrachten Geschenke, meine Wäsche wurde gewaschen, und dann war wieder Alltag. Was ich über meine Erlebnisse erzählte, wie ich sie reflektiere – dafür hatte keine:r ein Ohr. Dass ich nach meinem Abitur bis nach Köln zog, war dann aber trotzdem eher Zufall. Ich stamme ja aus der sogenannten Babyboomer-Generation und konnte mir den Ausbildungsplatz nicht frei aussuchen, sondern bewarb mich einmal quer durch die Republik für eine Ausbildung zur Hotelkauffrau. Als ich die Zusage in Köln bekam, nahm ich sofort an. Es war körperlich sehr anstrengend – meine internationalen Kolleg:innen und ich arbeiteten bis zu 70 Stunden pro Woche. Abzubrechen kam für mich dennoch nicht infrage. Wenn ich etwas anfange, bringe ich es auch zu Ende. Außerdem habe ich aus dieser Zeit ein großes Verständnis dafür mitgenommen, wie Menschen ihr Leben meistern.

GEGENWART

„ICH BIN MEINE KARRIERE IMMER MIT VIEL ENGAGEMENT, ABER WENIG KONKRETER PLANUNG ANGEGANGEN. AUS NEUGIER HABE ICH ZU BERUFLICHEN PROJEKTEN FAST IMMER JA GESAGT.“

Ich bin ein positiver Mensch. Ich sehe überall eine Chance und stürze mich in fast jede Gelegenheit voller Zuversicht hinein. Im Grunde bin ich so auch zu meiner Fernsehkarriere gekommen. Nach meiner Ausbildung studierte ich Theater-, Film und Fernsehwissenschaften. Um mir meinen Lebensunterhalt während des Studiums zu finanzieren, arbeitete ich unter anderem als Kellnerin, Putzhilfe und in einer Galerie. Dann bekam ich einen Nebenjob als Kabelhilfe beim WDR angeboten. Vom ersten Tag an fühlte ich mich in dieser Umgebung wohl, arbeitete mit viel Engagement – später auch als Aufnahmeleitung. Anfang der 1990er wechselte ich vom WDR in die Redaktion des Osteuropa-Magazins der Deutschen Welle. Als dort unerwartet die Moderatorin Wibke Bruhns ausfiel, wurde ich gefragt, ob ich einspringen könnte. Ich erinnerte mich an meine Zeit in den USA und sagte spontan zu. Zuerst war ich irre aufgeregt und hatte Angst, mir zu viel zugetraut zu haben. Aber als ich auf Sendung ging, war das weg. Danach durfte ich die Sendung im Wechsel mit Wibke Bruhns moderieren.

Aus einer großen Neugier heraus habe ich zu beruflichen Projekten fast immer Ja gesagt, wenn mich jemand gefragt hat, und bin meine Karriere selten mit übermäßig konkreter Planung angegangen. Ich glaube heute, dass das sowohl mein größter Vorteil, aber auch ein gewisser Nachteil ist.

Weil in meiner Vita alles zu finden ist – von politischen Talkshows, Samstagabendformaten über Quizsendungen bis hin zum Daily Talk –, macht mich das weniger greifbar als Kolleg:innen, die sich immer nur auf ein Showformat konzentriert haben. Aber diese Vielseitigkeit gibt mir gleichzeitig die Freiheit, das zu machen, was ich wirklich liebe: Menschen zu begegnen und mit ihnen darüber zu reden, wie sie das Leben meistern. Es sind die Bruchstellen, die mich interessieren und über die man einander näherkommt.

Mein erster schwerer Bruch traf mich in einer Phase des Aufbruchs. Meine nach mir benannte Talkshow auf RTL lief sehr erfolgreich und ich hatte gerade zusammen mit meinem Bruder unsere Produktionsfirma Couch Potatoes gegründet, als mein Lebensgefährte Kay Degenhardt bei einem Autounfall starb. Wenn man einen geliebten Menschen verliert, gibt es eigentlich keinen Trost. Es ist nur unfassbar schmerzhaft. Aber ich habe mit diesem Schmerz einfach weitergemacht. Auch weil mein Bruder Martin immer an meiner Seite war. Nach Kays Tod ist er zu mir gezogen, hat mir zugehört, mich getröstet und zum Lachen gebracht – er war einfach da. Wir waren schon in der Kindheit sehr eng miteinander. Er war nicht nur mein Bruder, sondern auch mein Kollege und – neben meinem Mann – mein bester Freund. Als auch er vor neun Jahren genau wie Kay bei einem Autounfall starb, hat das in mir eine riesige Wunde hinterlassen, die immer wieder aufreißt. Wenn ich etwa ein Thema habe oder etwas erlebe, das ich gern mit ihm besprechen würde, und niemand ist da, den ich anrufen kann – dann kommt meine Trauer wieder hoch. Ich versuche die Erinnerung an ihn aufrechtzuerhalten. In meinem Arbeitszimmer steht ein Ordner mit alten Briefen von ihm, die ich manchmal lese, und an seinem Geburtstag kochen wir mit Freund:innen sein Lieblingsessen. Aber das sind alles nur Versuche, die leider nicht dagegen helfen, dass seine Stimme und sein Geruch immer weiter verblassen. Durch seinen Tod ist unser Dialog zum Monolog geworden.

Trost, aber auch Kraft und neue Energie finde ich in meiner Familie – bei meinem Mann Michel und unseren beiden Söhnen. Wir reden über alles, was uns bewegt und wichtig ist. Dieser zugewandte und grundehrliche Umgang miteinander ist mir sehr wichtig. Denn nur so entsteht wirkliches Vertrauen. Dazu gehört auch, dass ich meine Familie und auch meine Beziehung ganz aus der Öffentlichkeit heraushalte. Ich stehe beruflich zwar vor der Kamera, dennoch war ich nie ein Mensch, der gerne über den roten Teppich läuft. Denn es ist ja so: Du kannst dich dort auf keinen Blick, der auf dir ruht, verlassen.

ZUKUNFT

„MEIN ALTER BESCHÄFTIGT MICH NICHT SONDERLICH. AUCH WEIL ICH NACH WIE VOR ALLES MACHEN KANN, WAS MICH INTERESSIERT, UND ICH DABEI VIEL NEUES LERNE.“

Aus all meinen Erfahrungen und Abschieden habe ich mitgenommen, wie flüchtig das Leben ist. In dem einen Moment ist alles leicht und im anderen schon vorbei. Ich versuche daher, mich noch mehr auf die guten Seiten zu konzentrieren. Dadurch entscheide ich aber auch viel radikaler, mit welchen Menschen ich mich treffe. Ich habe keine Lust mehr auf Blabla-Freundschaften. Und habe mich deshalb von unverbindlichen Bekanntschaften losgesagt. Das ist oft nicht leicht, weil mit ihnen auch Erinnerungsstränge wegfallen. Mein Elternhaus, meine Kindheit – vieles davon muss ich jetzt allein erinnern.

Trauer und alles, was damit verbunden ist, zu enttabuisieren ist mir sehr wichtig. Seit 2004 engagiere ich mich deshalb als Botschafterin für Trauerland, ein Zentrum in Bremen, das einen geschützten Rahmen für Kinder und Jugendliche bietet, die einen geliebten Menschen verloren haben. Ich wünsche mir, dass wir auch bei unbequemen Themen mehr in den Dialog kommen. Die weit verbreitete Sprachlosigkeit hat mich unter anderem zu meinem Buch Ist da oben jemand? inspiriert. Ich wollte wissen, ob einem der Glaube da möglicherweise raushelfen kann, und habe mich über mehrere Monate mit Anhänger:innen des Christentums, Islams, Judentums und Buddhismus getroffen und an verschiedenen Zeremonien teilgenommen. Aber ich bin einfach kein gläubiger Mensch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dort oben jemand auf uns wartet. Dass ich dennoch wegen meines Mannes zum Judentum konvertiert bin, möchte ich mittlerweile in der Öffentlichkeit nicht mehr diskutieren. Nur so viel: Es war keine spirituelle Auseinandersetzung, eher pragmatisch. Wäre ich noch Protestantin, würde mich vermutlich sowieso niemand danach fragen.

Ich spüre aber auch, dass Antisemitismus wieder ein hochaktuelles Thema ist. Gerade deshalb hat mir mein Buch Meine Nachmittage mit Eva so sehr am Herzen gelegen. Zusammen mit der Auschwitzüberlebenden Eva Szepesi wollte ich nach den Ursprüngen dieser unglaublichen Gewalt und dieses Hasses suchen. Ich frage mich, warum alle so still waren. Meine Familie war da keine Ausnahme. Ich weiß, dass meine Großeltern mitgelaufen sind. Aber wenn ich sie danach gefragt habe, setzte es entweder eine Ohrfeige oder sie schwiegen. Mich erfüllt es mit Sorge, dass wir momentan wieder alle so still sind. Wir haben vergessen, wie fragil die Demokratie ist. Wir müssen das Gespräch suchen und dürfen nicht schweigen, nicht weghören. Wir müssen uns fragen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Darum geht es im Grunde auch in meinem aktuellsten Buch Avas Geheimnis. Während des ersten Lockdowns habe ich gemerkt, was es bedeutet, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Ava, die ich für mein Buch interviewt habe, erlebt das seit Jahren jeden Tag. Da ist niemand, mit dem sie sich verbinden kann. Ich selbst fühle mich nicht einsam. Ich habe mit meinem Mann glücklicherweise immer einen Ansprechpartner.

Zu den Lebenswunden anderer vorzudringen kann mitunter belastend sein, weil es auch bedeutet, mich regelmäßig mit meinem Schmerz auseinanderzusetzen. Ich glaube schon, dass meine Schultern einiges tragen können. Dennoch muss ich ab und zu meinen Speicher löschen. Das gelingt mir, indem ich ohne Handy mit meinem Hund Snoopy spazieren gehe oder auf eine einsame Nordseeinsel fahre. Ich bin auf jeden Fall nicht der Typ, der Netflix guckend auf dem Sofa liegt. Da starre ich lieber mal gegen die Wand oder lese ein Buch.

Auch wenn ich mittlerweile nicht mehr im Fernsehen bin, habe ich das Glück, nach wie vor alles machen zu können, was mich interessiert, und dabei viel Neues zu lernen – Bücher schreiben, eine Radiosendung moderieren und einen Podcast mit meiner Freundin Susanne Fröhlich aufnehmen. Vielleicht beschäftigt mich auch deshalb mein Alter nicht so sehr. Das Leben ist voller Veränderungen. Manche davon sind sehr schmerzhaft, aber oft schubsen sie dich auch an und bringen dich voran.

TEXT YVONNE ADAMEK