Lesezeit ca. 8 Min.

DAS LEBEN IST KEIN KINDERSPIEL


Logo von Buchkultur
Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 198/2021 vom 13.10.2021

Artikelbild für den Artikel "DAS LEBEN IST KEIN KINDERSPIEL" aus der Ausgabe 198/2021 von Buchkultur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 198/2021

Wie man als Mädchen allen Widerständen der Erwachsenen zum Trotz Großes bewirken kann, das hat Greta Thunberg vorgemacht. Dass die Rettung der Welt kein (Wald-)Spaziergang ist – diese Erfahrung machen auch Charlotte, Yvette, Freigunda und Antonia aus Kirsten Fuchs’ ausgezeichnetem Roman »Mädchenmeute«. In »Mädchenmeuterei«, der Fortsetzung, gehen sie – ohne das Wissen ihrer Eltern – an Bord eines Containerschiffs mit Kurs auf Marokko, um ihrer Freundin Bea zu helfen. Die steckt dort mit ihrem Vater, einem Fernfahrer, in großen Turbulenzen. Und nicht nur die Gezeiten laufen aus dem Ruder. Der Fisch stinkt vom Kopf her, die Mannschaft meutert und die Mädchen müssen lernen, dass Freiheit ihren Preis hat (den oft andere zahlen).

Kirsten Fuchs’ »Mädchenmeute« ist also wieder unterwegs. Sieben Mädchen, die aus dem Ferienlager verschwinden und allein im Wald eine Art Initiationsritus im Erwachsenwerden ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Buchkultur. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 198/2021 von LEBEN UND LESEN LASSEN!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LEBEN UND LESEN LASSEN!
Titelbild der Ausgabe 198/2021 von LEGENDEN DES FRANZÖSISCHEN CHANSONS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LEGENDEN DES FRANZÖSISCHEN CHANSONS
Titelbild der Ausgabe 198/2021 von LEBEN ZWISCHEN WASSER UND LAND. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LEBEN ZWISCHEN WASSER UND LAND
Titelbild der Ausgabe 198/2021 von ARMES, REICHES LATEINAMERIKA. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ARMES, REICHES LATEINAMERIKA
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
SCHURKENSTÜCKE
Vorheriger Artikel
SCHURKENSTÜCKE
MIT LÄSSIGKEIT UND LÄSTIGKEIT
Nächster Artikel
MIT LÄSSIGKEIT UND LÄSTIGKEIT
Mehr Lesetipps

... erleben – das brachte 2016 den Deutschen Jugendliteraturpreis und Hymnen im Feuilleton. Im ersten Teil waren die Mädchen auf dem Weg ins Erzgebirge, wo sie einen makabren Fund aus der DDR-Zeit machten und noch ein paar Hunde befreiten (die gar nicht hätten gerettet werden müssen).

Von ungeheurem Sog ist auch der Nachfolgeband »Mädchenmeuterei«, der fünf von ihnen wieder mit an Bord nimmt. Fünf Mädchen, deren Charaktere so unterschiedlich sind wie die Farben des Meeres bei Tag und bei Nacht. Da ist die schüchterne Charlotte, die heimliche Galionsfigur und Ich-Erzählerin (ein entferntes Alter Ego der Autorin). Bea, das Mädchen mit Macken, das seit der Scheidung ihrer Eltern regelmäßig von zu Hause wegläuft. Freigunda, die auf Mittelaltermärkten Geld für ihre fahrende Familie verdienen muss. Die reiche, aber an Freundinnen arme Yvette. Und Antonia, das Nesthäkchen.

Das Buch setzt exakt dort an, wo der erste Teil aufhört. Alle Mädchen bis auf Bea (von der seither jede Spur fehlt) sind nach Hause zurückgekehrt und werden als lokale Berühmtheiten weitergereicht. Charlotte feiert gerade ihren sechzehnten Geburtstag, als sie Beas versteckter Hilferuf in Form einer Videobotschaft erreicht. Charlotte, Yvette und Freigunda überlegen nicht lange – ein Privileg der Jugend – und machen sich auf die Reise. Antonia kommt als blinde Passagierin mit.

Die Wellen schlagen hoch, die Gefühle ebenso. Moderne Seefahrt ist nicht lustig und die »Lexy Barker« kein Traumschiff. Der führungsschwache Kapitän steht unter dem Kommando des wenig empathischen Ersten Offiziers. Der hat seinen »Seewolf« gelesen und erprobt ihn an Mannschaft und Passagieren. Auch die Fracht, die er mit sich führt, bewegt sich illegal auf zwei bis vier Beinen fort. Beim Landgang in Le Havre wechselt ein rätselhaftes steinernes Ei die Besitzerin. Das Ei ist »der Ursprung nicht nur eines bestimmten Lebens, sondern des Lebens überhaupt«, erklärt Kirsten Fuchs im Interview. Dahinter verbirgt sich auch eine Hoffnung, dass »wir es nicht nur beenden, weil wir alles kaputtmachen und die Meere dann kippen usw., sondern dass man vielleicht auch die Möglichkeit hat, so etwas wieder zu beleben.«

Wir verraten das Ende nicht. Nur so viel: Tiere zu Wasser und zu Land spielen auch diesmal eine tragende Rolle. Kinder und Jugendliche sind heute die treibende Kraft im Arten- und Naturschutz. So spannt Kirsten Fuchs einen großen Bogen von alten Meeresmythen bis zu unserer Verantwortung für unsere Umwelt heute.

Niemand trifft Stimmung und Tonfall der Adoleszenz besser als die Berliner Autorin, die mit lakonischem Sprachwitz in die Tiefe geht. Authentisch, menschlich und überaus berührend erzählt sie auf der Seite der Mädchen. Ernste Themen werden da verhandelt: »Kinder sind überhaupt nicht in Watte gepackt.

Je mehr Freiheit man hat, desto mehr Verantwortung hat man.

» Kirst en Fuchs

Wenn immer so gesagt wird, man versucht, alles von ihnen fernzuhalten: Ich wüsste gar nicht, wie. Sobald sie im Kindergarten sind, machen sie diese Erfahrung: Dass etwas nur einmal da ist und sie es erst später haben können. Dass Freundschaften kaputtgehen, tut ja auch unglaublich weh. Das ist kein kleinerer Schmerz, als wenn Eltern sich trennen oder ein Hund stirbt.« Die Welt ist nicht in Schwarz-Weiß gemalt und Erwachsenwerden ein schmerzvoller Prozess. Charlotte lernt schätzen, was sie an ihrem Zuhause hat. Illusionen gehen über Bord. Die wichtige Botschaft: Was für den einen Freiheit ist, bedeutet für den anderen den sicheren Untergang. Die Männer auf dem Schiff (aus der Ukraine und den Philippinen) und Charlotte fahren durch dieselbe Welt, doch nur wenige leben gut darin.

»Freiheit«, erklärt Kirsten Fuchs, »bedeutet jetzt Verantwortung. Im ersten Teil besteht die Verantwortung darin, wie ich mich annähernd durch den Tag bringe und wo ich in der Gruppe bin. Freiheit bedeutet Verantwortung für mich oder für die Bindung, die ich eingehe, oder für die Hunde, für die ich dann zuständig bin. Je mehr Freiheit man hat, desto mehr Verantwortung hat man. Im zweiten Teil geht es darum, dass die Freiheit, über die wir reden, oft völlig naiv ist. Dass unsere Freiheit die Freiheit der anderen einengt. Dass wir immer auf dem Rücken der anderen leben. Ob wir auf Urlaub fahren, was wir konsumieren, wie wir so vor uns hindenken und uns selbst finden – das ist völlig an der Realität von vielen anderen vorbei.« Die Mädchen müssen nun Verantwortung für viel mehr übernehmen: »Nicht nur für den Hund, den sie haben, sondern – wenn sie es wirklich ernst meinen – für mehr Tiere, für Konsumverhalten. Dass Freiheit nicht nur bedeutet, wie entscheide ich mich jetzt, wie ziehe ich mich an, wer bin ich. Dass wir nicht das Zentrum sind. In anderen Ländern heißt Freiheit etwas ganz anderes. Da ist das wirklich ein politischer Kampf. Im ersten Teil geht es um die Freiheit der Mädchen, im zweiten geht es um die Freiheit auch der Männer auf dem Schiff und um die Frauen und Familien, die da dranhängen. Den Preis für unsere Freiheit bezahlen oft andere.«

Freiheit bedeutet für jeden etwas anderes und meint heute etwas anderes als gestern. Die in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, geborene Kirsten Fuchs war zwölf, als die Mauer fiel. Ein schwieriges Thema, bis heute. »Eine Weltsicht wurde über Nacht abgebaut. Und ringsherum sagten alle, sie hätten das gewusst, nur du nicht. Mein Bruder, der drei Jahre älter ist, sagte dann auch, er wusste, dass die DDR nicht gut ist. Die hatten in der Schule in Staatsbürgerkunde Diskussionen, wo Kinder mit Westkontakt andere Sachen sagten. Da gab es dann heiße Diskussionen. Das passierte bei mir alles noch nicht. Für mich ist wirklich – auch wenn ich das immer schwierig finde zu erklären, aber meistens verstehen die Leute es dann doch – eine Art heile Welt kaputtgegangen. Das ist meine Wahrheit, so hat man mir das gesagt. Und dann sagt man auf einmal: Das stimmt nicht. Ich kam mir vor wie die letzte dumme Trine auf der Welt. Und es ist bis heute schwierig. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass das meine Erfahrung mit der DDR war und dass die DDR ein Super-Halunke war, auch wenn ich sie lieb hatte. Vielleicht ist es so, wie wenn man über einen sehr geliebten Großvater etwas Schlimmes erfährt. Alle ringsum sagen: Der war ein Schwein, der hat das und das gemacht. Und man sagt: Ja, aber mir hat er immer vorgelesen.«

Geblieben ist eine gesunde Skepsis großen Visionen gegenüber, die – wenn sie mit großem Regelwerk und großen Einschränkungen einherkommen – so gut wie immer scheitern. »Ich habe durch die Erfahrung immer das Gefühl, dass Gesellschaft etwas Unzuverlässiges ist. Dass ich die Dinge für mich und im Umfeld gut machen kann oder versuche, mich in meinen Texten verantwortungsvoll zu verhalten. Aber dass ich das nicht als Vision verkünden oder belehren kann, weil das immer viele übergeht. Ich habe das Gefühl, dass ich nie in diesem neuen Land gelandet bin. Jetzt wissen wir, was alles schiefgeht. Mit Firmen, Politik, alles, was es an Schweinereien gibt, steht in der Zeitung. Das stand in der DDR nicht in der Zeitung. Jetzt tut es das – und trotzdem passiert nichts.«

In ihrem Fall, sagt sie, »ist es eine Beschädigung, von der ich zumindest beruflich wenigstens profitiere. Durch eine andere Wahrnehmung. Ich glaube, das macht es auch mit den Kinder- und Jugendbüchern leichter, weil es da einfach einen Knick bei mir gibt. Da gibt es einen Bruch, an der Stelle ist etwas in der Entwicklung gestört. Deshalb bin ich da näher dran.«

Kirsten Fuchs ist eine der vielseitigsten Erzählerinnen unserer Zeit, aber ihr Humor ist einzigartig. 2003 gewann sie den Literaturwettbewerb »Open Mike«. Der Titel ihres Debütromans »Die Titanic und Herr Berg« ist Programm: Eine Sozialhilfeempfängerin verliebt sich da in ihren zuständigen Sachbearbeiter. Es wird nicht gutgehen. In ihren hintersinnigen Lesebühnentexten (sie hat auch ihre eigene Bühne, »Fuchs und Söhne«, in Berlin-Moabit) und als Kolumnistin für »Das Magazin« zündet Kirsten Fuchs kleine satirische Feuerwerke. Ein Original ist der in einer finsteren Baumhöhle hausende »Miesepups« (für Kinder ab vier), der viel von der »grantelnden« Liebenswürdigkeit eines echten Wieners hat.

Kirsten Fuchs wurde 1977 in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, geboren und ist gelernte Tischlerin. 2003 gewann sie den Literaturwettbewerb Open Mike. Sie schreibt für Kinder (»Der Miesepups«), Jugendliche und Erwachsene (»Die Titanic und Herr Berg«, »Heile, heile«), Satirisches (»Kaum macht man mal was falsch, ist das auch wieder nicht richtig«), Kolumnen für »Das Magazin« und ist Gründerin der Lesebühne »Fuchs & Söhne«. Ihr Roman »Mädchenmeute« brachte den Deutschen Jugendliteraturpreis. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Selbstkritisch, aber entspannt, kommentiert sie die Debatte um »political correctness«. »Manche meiner Texte würde ich so nicht mehr lesen, weil sich Sachen verändern, die ich selber erst gelernt und verstanden habe. Zum Beispiel, dass man nicht mehr ›dumm‹, ›blöd‹ usw. sagt, weil das Ableismus ist. Wenn solche Bewegungen der Sprache für mich Sinn ergeben, dann übernehme ich das auch. Meistens ergibt es Sinn. Es ist nicht so, dass das irgendwelche nervigen Leute sind, die das durchdrücken wollen, sondern das sind Menschen, die ihr ganzes Leben lang damit verletzt wurden und damit zu tun haben und sagen, nur weil du das nicht fühlst oder hast, heißt das nicht, dass es nicht da ist. Ich habe in meinen Texten oft einen sehr direkten Humor, zumindest in den Texten für Erwachsene. Auch wenn die Mädels miteinander reden, ist es oft sehr schnell und grenzverletzend, und das ist das Lustige daran. Aber ich beobachte das jetzt trotzdem immer, ob das nötig ist oder ob man es nochmals anders machen kann.«

Für Kinder zu schreiben ist große Kunst. Schon Astrid Lindgren wusste, dass ein gutes Kinderbuch einem Roman für Erwachsene qualitativ in nichts nachstehen darf. Da ist es nur konsequent, dass Kirsten Fuchs’ im Hauptprogramm des Berliner Rowohlt-Verlags erschienene »Mädchenmeute« quer durch alle Altersgruppen gelesen wurde (mehr als die Hälfte der Leser/innen waren Erwachsene) – auch von vielen männlichen Lesern. »Die Kleineren lesen es nach vorn, die Älteren nach hinten: Das will ich einmal machen oder das hätte ich gern gemacht. Beides ist eine Sehnsucht, aber eine andere.«

Ihre beiden Töchter wachsen zumindest zu Hause abseits stereotyper Rollenbilder auf. Was in Kindergarten und Schule an sie herangetragen wird, muss man liebevoll begleiten. Sich über sich selbst und nicht über andere zu definieren, sei gerade für Mädchen wichtig. Welche Folgen wird die Pandemie für die Kinder haben? Vielleicht müsste man die Fähigkeit, wie man mit seinen Gefühlen umgehen kann, wie man lernt, dass Verletzungen dazugehören, viel früher an Kinder und Jugendliche heranbringen. Vielleicht »schafft es ein Bewusstsein dafür, wie wichtig seelische Gesundheit ist. Dafür, wie instabil wir sind und was nötig ist, uns stabil zu halten. Und dass es insgesamt, ganz allgemein, eine politische Sache ist, wenn zum Beispiel im ganzen Pflegebereich, im sozialen Bereich gespart wird. Ich versuche immer, den Kopf oben zu behalten, stabil zu bleiben, aufrecht. Ich hoffe, dass ich das meinen Kindern so mitgeben kann. Ich weiß aber, dass das bei vielen nicht so ist und dass das an dem Bedarf von vielen Menschen vorbeigeht: Das ist, als ob man zu depressiven Menschen sagt, sie sollen positiv denken. Die brauchen ja wirklich Hilfe. Und eigentlich ist das die Aufgabe des Staates. Das kann nicht immer die Familie tragen oder der Mensch alleine. Und da sind Schulen und alle möglichen anderen Stellen gefragt. Wenn ich darüber nachdenke, werde ich wütend, also versuche ich, auch daran zu denken, dass die Welt sich insgesamt auf lange Sicht positiv entwickelt. Dass viele Sachen besser sind, als wir sie wahrnehmen. Hoffentlich.«

Zurück zum Ursprung. Freundschaft ist mehr als ein Abenteuer: Die Mädchen bündeln ihre Kräfte und öffnen einander ihre Herzen. Schwäche zu zeigen kann auch eine Stärke sein. Und über seinen Schatten zu springen kann Leben retten. Wenn es um die wichtigen Dinge geht, segeln die Mädchen auf einer Welle. Was müssen wir tun, damit die Zukunft Fahrt aufnimmt? Man ist – frei nach Greta – nie zu klein dafür, das Ruder herumzureißen.