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Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen


Donna - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 05.06.2019

Ja, es gibt wichtigere Dinge als die Kleidergröße – nämlich die Freundschaft mit sich selbst. Manchmal dauert es, bis man sagen kann: So bin ich eben


Wir tun es ständig. Selbst diejenigen, die eigentlich gar nichts haben, was zu verbergen wäre, und wahrlich schon Beeindruckenderes geleistet haben, als in Konfektionsgröße 38 zu passen. Solche, die so viel Erfolg mitbringen, um etwa in Talkshows zu sitzen. Auch sie sieht man die Hände vor dem Bauch verschränken, um ihn sogar in Gedanken noch einzuziehen. Weil wir verinnerlicht haben, wo bei der Beurteilung unserer Qualitäten oft noch die Prioritäten ...

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Bildquelle: Donna, Ausgabe 7/2019

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... liegen: auch auf der Figur. Zum Glück setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass das Leben viel zu kurz ist, um den Bauch einzuziehen. So heißt auch das Buch der Stuttgarter Tanzpädagogin Sandra Wurster. Wie die 28-Jährige setzen sich immer mehr Frauen mit den alten Denkmustern auseinander, reflektieren, welche Rolle die Erziehung dabei spielte. Und immer öfter erfahren sie dabei, wie das Leben auch mit ein paar Extrapfunden viel leichter wird, wenn wir die Vielfalt feiern, anstatt nach anderer Leute Maßstäben zu leben. So wie diese drei Frauen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen die Entscheidung getroffen haben: mehr Selbstliebe, weniger Selbstkritik!

Sandra feiert ihren Körper und das Leben. In Vorträgen und Workshops motiviert sie Frauen, ihr Selbstwertgefühl zu entdecken


Die Teenagerzeit

Ein Blick in mein Tagebuch reicht aus, um wieder das elfjährige Mädchen mit den dicken Beinen und dem hübschen Gesicht zu spüren. Meine Gedanken kreisten nur ums Abnehmen. Ich wollte so sein wie die Mädchen aus den US-Teenager-Komödien und dachte damals, wenn ich dünn bin, dann werde ich ein glückliches Leben haben.

Meine Mutter, mein Körper und ich

Das Hauptthema bei den Frauen meiner Familie bei Kaffee und Kuchen (!) war immer: Hast du gehört? Die hat wieder abgenommen! Oder: Für mich nur Kaffee, ich bin auf Diät. Meine Mutter hat mir oft gesagt: Du hast so ein hübsches Gesicht, aber du musst mit dem Essen aufpassen. Ich bin ihr nicht böse deshalb, weil sie ja selbst immer wieder mit ihrer Figur, mit Selbstzweifeln ge-kämpft hat und mich vor diesem Schmerz schützen wollte. Aber was Eltern häufig vergessen: Diese Glaubenssätze begleiten uns oft ein Leben lang.

Das falsche Ideal …

Ich habe natürlich schnell gemerkt, dass nicht nur ich, sondern auch andere Frauen ihrem Körper schlimme Dinge antun, um dünner zu sein. Dass sie ihn mit Sport knechten und aufhören zu essen. Wie ich. Irgendwann habe ich kapiert, dass nicht mein Körper das Problem ist, sondern ein Schönheitsideal, dem nur etwa fünf Prozent der Gesellschaft entsprechen, und ich beschloss, meinen Wert nicht mehr an dem Umfang meiner Schenkel zu bemessen.

… und die falsche Ernährung

Vor fünf Jahren habe ich kurzzeitig den Kampf um Kleidergröße 38 gewonnen. Ich trug bauchfreie Tops, enge Jeans. Ich sah fantastisch aus, habe viele Komplimente bekommen und war ständig unterwegs in Clubs, um meinen neuen Körper zu feiern. Was niemand sah: dass ich unter der Woche kaum etwas gegessen, aber viel geraucht habe und Entwässerungstabletten schluckte. Ich bekam Kreislaufprobleme, hatte kaum noch Energie. Dafür wurde ich in der Disco von Typen angesprochen, die mir nicht mal gefielen. Da dachte ich: Wie sehr liebst du dich wirklich, wenn du deinen Hunger ignorierst, nur um von irgendwelchen Männern angemacht zu werden?

Endlich verliebt! In mich selbst

Ich tue viel dafür, mit Selbstliebe gegen die alten Muster anzugehen. Dazu gehört mein morgendliches Ritual: Ich stehe jeden Tag um sieben Uhr auf, meditiere, mache Yoga. Und ich schreibe in mein „Ich-Buch“, was mich inspiriert. Um die längste und wichtigste Beziehung in meinem Leben zu pflegen: die zu mir. Selbstliebe heißt ja nicht, dass man nicht abnehmen darf. Aber man sollte reflektieren, warum. Weil die Werbung Frauen wie mich ignoriert? Oder weil ich mich selbst nicht wohlfühle? Während der Arbeit an meinem Buch habe ich fünf Kilo zugenommen, mit denen ich mich einfach nicht wohlgefühlt habe, obwohl ich mich toll finde. Aber mein Körper ist auch ein Instrument, und ich möchte, dass er in Bestform ist. Ich koche jetzt wieder bewusster, versuche, mich mehr zu bewegen und viel zu trinken.

Meine Erkenntnis

Als ich jünger war, hatte ich keine Beauty-Vorbilder. Aber es gab ein Schönheitsideal bei den Männern in meinem Umfeld: superschlanke Frauen mit wenig Busen. Ein Raster, in das ich überhaupt nicht gepasst habe. Irgendwann dachte ich: Was soll ich machen? Mir meine Brüste wegoperieren lassen? Aber in einen gesunden Körper einzugreifen kam für mich einfach nicht infrage. Mit jedem weiteren Tag bringen einen die Falten oder Gewichtszunahme von den gängigen Schönheitsstandards weg. Umso mehr Lebenszeit müsste man investieren, ihnen wieder näherzukommen – ein ohnehin aussichtsloser Kampf. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Nach einer Herzmuskelentzündung habe ich noch einmal mehr erlebt, welchen Wert Gesundheit und ein gut funktionierender Körper haben. Seitdem genieße ich bewusster.


„Warum will man abnehmen: um sich oder anderen zu gefallen?”


Kinder verändern alles

Für meine Mutter war es sehr wichtig, schön zu sein und meinem Vater zu gefallen. Wann im„mer bei uns zu Hause Fotos gemacht wurden, fiel der Satz: „Mach dich erst mal schön!“ Dazu gehörte bei den Frauen immer, sich zu schminken und die Haare zu frisieren. Ich möchte, dass meine Kinder nie das Gefühl haben, „ungemacht“ nicht zu genügen. Übrigens: Ich finde es total faszinierend, dass man in seinem eigenen Körper Leben schaffen kann. Das habe ich als stärkend empfunden, und es war nicht mehr wichtig, dass mein Bauch nie wieder so aussah wie vor den Schwangerschaften.

Generation 40 plus

Patricia Cammarata (44) ,ist IT-Spezialistin, Speakerin, Autorin, Podcasterin, Bloggerin und Mutter zweier Kinder

Patricia weiß: Ein gesunder Körper ist das Beste


FOTO: MARCUS RICHTER

Leben und leben lassen

Heute habe ich mich mit meinem Körper versöhnt. Es geht mich auch nichts an, wie andere aussehen. Aber das war nicht immer so. Ich habe mich früher in meinem Blog schon mal über Frauen lustig gemacht, die im Frühjahr ihre Beine noch nicht rasiert hatten. Darüber bin ich heute total entgeistert und peinlich berührt. Ich finde: Das Aussehen sollte bei der Beurteilung von Menschen überhaupt keine Rolle spielen.

Generation 50 plus

Bettina Kok (55) ,arbeitet bei der Staatsoper Hamburg als Assistenz der Castingdirektion und ehrenamtlich in einem Hospiz

Sie habe von allem zu viel, sagt Bettina – vor allem große Freude am Leben


Meine unsichtbare Jugend

Eine super Figur war auch früher nie mein Ziel. Ich wollte nur einfach nicht auffallen. Und ich wollte nicht mehr diese zweifelhaften Komplimente hören, die stets an ein „Aber“ oder ein „Trotzdem“ gekoppelt waren. Immer hieß es: „Wenn du ein bisschen abnimmst, dann …“ Ich war beliebt, aber nicht auf die Art und Weise der hübschen Mädchen. Ich war cool, frech und kreativ. Aber nicht begehrenswert. Heute weiß ich, dass auch bei den Hübschen ganz bestimmt nicht alles anstrengungslos war. Aber für mich hat es damals so ausgesehen. Wenn ich heute einen Brief an mein jüngeres Ich schreiben könnte, würde ich ihm sagen: Lächele auf Fotos! Du bist wunderschön! Mich macht es traurig, mich auf Bildern von damals zu sehen. Ich sah so entzückend aus, aber anscheinend konnten weder ich noch andere das ohne ein Wenn und Aber erkennen.

Die Weight Watchers

Schon als es noch kein gesellschaftlicher Trend war, haben sich meine Eltern sehr für gesunde Ernährung interessiert. Aber meine Oma kam nicht gegen ihr Naturell an. Sie sagte immer: „Kind, nimm doch noch ein Stück Kuchen!“ Noch während der Kuchen über meinem Teller schwebte, fiel es ihr wieder ein: „Kind, du müsstest wirklich mal abnehmen!“ Es war absurd. Auch dass ich schon als Teenager mit Nachbarinnen zu den Weight Watchers geschickt wurde. Meist erfolglos.

Warten auf das Leben

Ich habe immer geglaubt, das Gute komme erst noch, irgendwann später. Und als das „Irgendwann“ da war, so mit Mitte 30, dachte ich: So, jetzt müsste das Leben langsam in seinen Hauptteil übergehen. Passierte aber nicht. Ich habe dann angefangen, über mich selbst und mein Selbstwertgefühl nachzudenken. Und mich davon zu befreien, anderen und ihren Idealen entsprechen zu wollen.

Dicke Freunde: mein Körper und ich

Mein Körper geht nun schon so lange mit mir durch dick und nicht-ganz-so-dick. Er hält zu mir, obwohl ich nicht immer sehr nett zu ihm war. Wie käme ich also dazu, Teile von ihm als „Problemzonen“ zu bezeichnen oder bezeichnen zu lassen? Es gibt wirklich andere Themen, gerade wenn man nicht mehr 25 ist. Ich arbeite seit einiger Zeit ehrenamt- lich in einem Hamburger Hospiz. Das verändert schon einiges. Man begegnet Menschen, die am Ende ihres Lebens angekommen sind, und damit auch Körpern, die am Ende ihres Weges sind. Man kapiert dort, dass das Leben wirklich zu kurz ist, um den Bauch einzuziehen. Und man lernt, sich zu akzeptieren. Wie ich mich, mit meiner viel zu großen Klappe, dem zu dicken Hintern, zu vielen grauen Haaren. Ich hab erkannt, was ich habe: nämlich viel Spaß an Kleinigkeiten und viel Freude am Leben. Ich bin seit 25 Jahren Vegetarierin, esse sehr gern Gemüse und Salat, und bevor ich mich mit schlechten Kalorien vollstopfe, esse ich tagsüber lieber nichts, um mir zu Hause dann etwas Vernünftiges zu kochen. Ich genieße das, bin da sehr anspruchsvoll und glaube, dass mein Körper das so will. Den Bauch ziehe ich sowieso nicht ein: Ich habe nichts zu verstecken!


„Mein Körper geht schon so lange mit mir durch dick und nichtganz-so-dick”


Protokolle: Constanze Kleis

FOTO: CHARLOTTE SCHREIBER; HAARE & MAKE-UP: HANNAH BURCKHARDT/NINA KLEIN