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Das Leben leicht machen


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Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 09.03.2022

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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 4/2022

Christof Herrmann hätte zufrieden sein können. Er hatte einen gut bezahlten Job als Informatiker, lebte in einer schönen Wohnung und in einer glücklichen Beziehung. Doch wenn er morgens und abends im Firmenwagen mit 200 Stundenkilometern über die Autobahn zu einem Kunden raste und wieder zurück, nagte der Zweifel an ihm. War das das Leben, das er sich wünschte? Die Arbeit nahm den größten Teil seiner Tage ein. Doch sie erfüllte ihn nicht. Als Ausgleich ging er shoppen, kaufte Berge an Büchern, CDs und Schallplatten – ohne die Zeit zu finden, sie zu lesen oder die Musik zu hören. Stattdessen wurden die Stapel der Dinge in seinem 2-Zimmer-Apartment immer höher. „Irgendwann ging kaum mehr etwas in die Wohnung hinein“, erzählt er.

Um dem stressigen Alltag zu entkommen, f log er mehrmals pro Jahr in die Ferien. Doch die erwartete Erholung blieb aus. „Die Reisen strengten mich an, statt mich glücklich zu ...

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... machen“, sagt Christof Herrmann. Er fühlte sich zunehmend träger, irgendwann sogar „kurz vor dem Burnout“. Die Last auf der Seele schlug sich im Gewicht nieder: Früher war er schlank gewesen, doch schon länger ernährte er sich ungesund, aß viele Süßigkeiten und machte kaum Sport. Schließlich zeigte die Waage fast 100 Kilogramm an – ein Schock, der den Mittdreißiger zum Umdenken brachte. „Mein Körper, meine Wohnung, mein ganzes Leben fühlte sich vollgestopft an“, erzählt Christof Herrmann. „Es war höchste Zeit, die Reißleine zu ziehen.“

Mehr, schneller, weiter: Die Welt um uns herum steckt voller Möglichkeiten. Sie bietet uns ein Leben ganz nach unseren Wünschen. Was wir brauchen oder wonach wir verlangen, ist immerzu erreichbar – genau in diesem Augenblick, nur einen Mausklick entfernt. Wer heute noch im winterlichen Deutschland sitzt, kann sich – sofern Corona nicht wieder einen Strich durch die Rechnung macht – schon morgen in einem fernen Land am Strand sonnen. Das günstigste Flugangebot buchen wir vom Sofa aus und bestellen gleich noch eine neue Taucherbrille. Wie bequem.

Doch die unendliche Vielfalt des Angebots macht das Leben auch deutlich komplizierter. Denn nicht nur der Konsum lockt: Viele Menschen müssten an mehreren Orten gleichzeitig sein, um alles zu schaffen, was sie sich vornehmen. Aus Angst, etwas zu verpassen, hetzen sie selbst in Zeiten von Homeoffice von einem Termin zum nächsten. Gleich fängt das Onlineseminar an, das Telefon zeigt fünf verpasste Anrufe und die Kaffeemaschine verlangt nach einer gründlichen Reinigung. In kurzen Pausen checken sie die Nachrichten, während das Essen auf dem Herd brodelt. Jetzt bloß nichts anbrennen lassen!

Das Versprechen, immer überall das Beste auswählen zu können, setzt uns unter Druck. Ständig sind wir aufgefordert, Entscheidungen zu treffen, überall. Gelegenheiten und Verpf lichtungen. Das Leben fühlt sich schwer an.

„Das Alltagsgerödel nimmt zu“, bestätigt Marcel Hunecke, Professor für allgemeine, Organisations-und Umweltpsychologie an der Fachhochschule Dortmund, der zu nachhaltigen Lebensstilen forscht. „Menschen, die voll im Leben stehen, müssen immer mehr selbst regeln, von der Steuererklärung bis zum IT-Problem.“ Nicht wenige fühlen sich inzwischen von den Reizen ihrer Umgebung überf lutet – und von den Optionen überfordert. Sie sehnen sich nach Einfachheit.

Schlankheitskur für den Alltag

Ein Weg, die Komplexität zu reduzieren, ist Minimalismus. Für die irische Soziologin und Publizistin Mary Conroy bedeutet der Begriff viel mehr als den Verzicht auf Besitz, mit dem er vor allem verbunden wird. Minimalismus stehe dafür, zu erkennen, was für ein sinnerfülltes Leben wirklich wichtig ist – und was bloße Ablenkung.

Entscheidend ist dabei die Frage: Was zählt für mich mehr? Die Zeit mit lieben Menschen würden die meisten wohl als deutlich wertvoller einschätzen als die Gewissheit, einen perfekten Haushalt zu führen. Und innerlich in Balance zu sein ist in der Regel erstrebenswerter, als jeden Trend und jedes Event mitzumachen. Doch warum leben wir dann nicht so? Irgendwie scheint uns der Blick auf unsere wahren Werte verstellt zu sein. Wie also schaffen wir es, die verdeckten Bedürfnisse wieder klarer zu sehen, das Handeln nach den persönlichen Zielen auszurichten – um dann Kraft, Zeit und Geld in uns selbst zu investieren?

Der ganze Kram nimmt in unserer Wohnung und in unserem Kopf immer mehr Raum ein. Wir können schlecht entspannen, keine Kraft tanken

Gefragt ist eine Schlankheitskur für den Alltag. Und die beginnt im eigenen Zuhause. Denn wenn das sichtbare Chaos um einen herum überhandnimmt, fällt es auch innerlich schwer, die Übersicht zu behalten. Im Laufe des Lebens sammeln sich wie von selbst mehr und mehr Gegenstände an, von praktischen Küchenutensilien über hübsche Dekoartikel bis zu Erinnerungsstücken. Durchschnittlich soll jeder Mensch in Deutschland etwa 10 000 Dinge besitzen. Nur einen Bruchteil nutzen wir tatsächlich. Der Rest kostet vor allem Platz – in Wohnung oder Haus, Garage, Schuppen oder Keller. Ist ein Regal voll, wird kurzerhand ein neues aufgebaut.

„Bei einigen Menschen erfüllen die Dinge ein Grundbedürfnis nach Sicherheit in der chaotischen Welt“, sagt Marcel Hunecke. Doch viele andere spüren die Kehrseite: Der ganze materielle Besitz bedrohe unseren Wunsch nach Autonomie, so Hunecke. „Eine vollgestopfte Wohnung kann Menschen in ihrer Freiheit einschränken. Das betrifft zum einen ganz praktisch die Bewegungsfreiheit. Viele Gegenstände liegen oder stehen im Weg herum.“ Zum anderen müssen die Dinge gepf legt und verwaltet werden. So benötigen zum Beispiel elektronische Geräte regelmäßig Updates. „Es entstehen schnell Belastungen, an die man vor einer Anschaffung nicht gedacht hat.“

Auf diese Weise nimmt der Kram auch im Kopf immer mehr Raum ein. Forschungsergebnisse bestätigen, dass zu viel Gerümpel das Wohlbefinden negativ beeinf lusst. Wir können uns im eigenen Zuhause einfach nicht mehr entspannen und Kraft tanken. Stattdessen verbringen wir die Zeit damit, unentwegt nach verlegten Gegenständen zu suchen oder ein übers andere Mal mit der Familie über das Aufräumen zu streiten. Und nicht selten ist ein Zimmer gar nicht mehr ideal nutzbar, weil das viele Zeug uns daran hindert.

Das Chaos kann sogar körperliche Folgen haben: In einer Studie ernährten sich Studentinnen schlechter, wenn sie in einer unordentlichen Küche saßen und an eine besonders verworrene Zeit in ihrem Leben zurückdenken sollten. Womöglich fühlten sie sich von Umgebung und Aufgabe derart gestresst, dass sie ihren Süßigkeitenkonsum weniger gut kontrollieren konnten.

Auch Christof Herrmann stieß sein materialistischer Lebensstil zunehmend sauer auf. Gemeinsam mit seiner Freundin fasste er den Entschluss, eine Auszeit zu nehmen und mit dem Fahrrad auf Weltreise zu gehen. Kurzerhand kündigten die beiden Jobs und Mietvertrag. Dann räumten sie die Wohnung aus. Nur die wichtigsten Sachen stellten sie bei den Eltern unter. Der Rest wurde verschenkt oder verkauft. „Da habe ich zum ersten Mal gespürt, wie gut es tut, Dinge loszulassen und wegzugeben“, erzählt Christof Herrmann. „Das Gefühl, vollgestopft zu sein, wich einer Erleichterung im Körper. Ich hatte plötzlich viel mehr Energie, die Reise zu organisieren.“

Glückliche Minimalisten

Als er 2006 losfuhr, passte sein ganzes Leben in fünf Taschen. Mit jedem Meter auf dem Rad ließ er seinen verhassten Alltag weiter hinter sich. Die ersten Monate führten Herrmann und seine Freundin nach Jordanien. Danach f logen sie nach Perth und radelten durch Australien, dann durch Neuseeland und schließlich durch Südostasien bis nach China. Wo es möglich war, schliefen die beiden im Zelt. Sie lebten von ihren Ersparnissen. Mit dem Schreiben von Presseartikeln verdiente Christof Herrmann unterwegs ein wenig Geld. „Es fehlte mir an nichts. Im Gegenteil: Ich fühlte mich reich beschenkt“, schwärmt er.

Als Herrmann nach eineinhalb Jahren und 20 000 Kilometern nach Deutschland zurückkehrte, hatte er 20 Kilogramm verloren und die Erkenntnis gewonnen: Um die Leichtigkeit der Reise zu bewahren, musste er auch zu Hause Ballast abwerfen.

Was es mit unserer Psyche anstellt, bewusst einfacher zu leben, beschäftigte im Jahr 2020 die britische Psychologin Kasey Lloyd und ihren Kollegen William Pennington an der University of East London. Das Forschungsteam führte lange Gespräche mit zehn Menschen, die sich selbst als Minimalisten bezeichneten und freiwillig auf Besitz verzichteten. Die Befragten berichteten, dass es ihnen mit dem einfachen Lebensstil in vielerlei Hinsicht besser gehe. Sie erlebten mehr Autonomie und genossen, stärker im Einklang mit ihren Werten zu leben. Außerdem hatten sie das Gefühl, ihre Umgebung besser kontrollieren zu können, einen klareren Kopf zu haben und sich eher bewusst zu sein, was ihnen wichtig war. Insgesamt nahmen sie sich selbst als fröhlicher und innerlich ruhiger wahr.

Doch ordentlich auszumisten ist leichter gesagt als getan. Viele schrecken davor zurück, das eigene Chaos zu ordnen und etwas wegzugeben. „Verlusterfahrungen werden fast immer negativ bewertet“, erklärt Marcel Hunecke. Dabei könne das Entrümpeln richtig guttun. „Das Freiheitsgefühl danach ist vergleichbar mit dem Moment, in dem man eine frisch gereinigte Wohnung betritt: Man kommt in eine geordnete Welt“, sagt Hunecke. Wer weniger besitzt, spart auch zukünftig Zeit und Kraft: Er muss seltener aufräumen und eine geringere Menge an Gegenständen in Schuss halten.

Unser erweitertes Selbst

Besonders schwer trennen wir uns von Dingen, denen wir eine emotionale Bedeutung zuschreiben. Das Problem dabei: „Verkörpert der Besitz unser erweitertes Selbst, bekommt er eine gewisse Macht über uns“, schreibt Mary Conroy in ihrem Buch Simplify Your Life. Dann werden die Hightechküche und der Elektronikschickschnack zum Teil unserer Identität. Conroy sieht das Entrümpeln auch als Chance, Raum zu schaffen für ein zukünftiges Ich, das sich vielleicht leichter und authentischer anfühlt.

Minimalismus hört nicht bei einer geordneten Wohnung auf. Wer den Blick für die eigenen Bedürfnisse schärfen will, sollte auch sein Inneres aufräumen. Denn obwohl die Anforderungen von außen enorm sein können: Den größten Stress erzeugen wir oft selbst. Statt den Berg in Serpentinen zu erklimmen, gehen wir steil bergauf. Und wenn wir uns dabei verirren, stapfen wir umso schneller weiter, statt nach dem Weg zu fragen.

Wie unnötig schwer wir uns das Leben machen, wird im Alltag in vielerlei Situationen deutlich. Zum Beispiel wenn wir nach einer anstrengenden Arbeitswoche Freitagabend ein aufwendiges Menü zubereiten, statt im Supermarkt nur ein paar Snacks und Brot zu kaufen. Wenn wir früh am nächsten Morgen den Sohn zum Fußballtraining fahren, statt ihn in den Bus zu setzen. Oder wenn wir uns im Job in verschiedenen Projekten verzetteln, bis eine wichtige Frist nahezu abgelaufen ist, statt sinnvoll zu priorisieren.

Selbst wenn Zeit oder Kraft offensichtlich nicht ausreichen, tun viele mehr als ihr Möglichstes, in Arbeit, Freizeit und Familie. Dabei fällt ihnen meist nicht mal auf, in wie vielen Bereichen sie die Messlatte zu hoch setzen. Die Flut an Aufgaben lenkt derart ab, dass sie den täglichen Kampf als selbstverständlich hinnehmen.

„Grundsätzlich sind hohe Ansprüche nichts Schlechtes, sondern fördern inneres Wachstum und Entwicklung“, sagt die Psychologin Christine Altstötter-Gleich, die an der Universität Koblenz-Landau zu Perfektionismus forscht. „Doch wenn man unter den hohen Ansprüchen leidet, nie zufrieden ist mit dem, was man erreicht hat, selbst wenn andere längst sagen: ,Ist doch prima!‘, dann sprechen wir von dysfunktionalem Perfektionismus.“

Während wir fernen Idealvorstellungen hinterherrennen, laufen wir Gefahr, uns völlig aufzureiben. Wie Frau A., die sich mit großer Hingabe um ihre drei Kinder und ihren Mann kümmerte und gleichzeitig ihre bettlägerige Mutter pf legte. Zusätzlich zu ihren Verpf lichtungen im Alltag verarbeitete sie im Sommer kiloweise Obst zu Marmeladen und buk in der Weihnachtszeit 20 Linzer Torten, um sie an Freunde und Verwandte zu schicken. In diesen Zeiten war sie vollkommen übermüdet und klagte über Rückenschmerzen. Die Familie freute sich keineswegs über die süßen Kreationen, sondern war genervt davon, dass die Frau unentwegt über die viele Arbeit jammerte, die sie sich ja selbst auf bürdete. Doch sie konnte einfach nicht aus ihrer Haut. Weniger zu machen kam für sie lange Zeit nicht infrage.

Die Bürde des Perfektionismus

Die Psychotherapeutin Friederike Potreck aus Freiburg, deren Patientin Frau A. war, begründet die übertriebene Fürsorge so: „Die eigenen hohen Ansprüche zu erfüllen erzeugt ein Gefühl von ,Ich bin wertvoll‘. Es verspricht, ein besserer Mensch zu sein. Und die Anerkennung durch andere. Nach diesem guten Gefühl streben wir.“

Potreck verwendet ein Bild, um das Verhalten zu erklären: In jedem Menschen verlangen drei Stimmen nach Aufmerksamkeit. Die erste gehört dem inneren Kritiker, der uns streng zu guten Leistungen antreibt. Dagegen möchte der Faulpelz in uns lieber auf den Pausenknopf drücken und sich eine Auszeit gönnen. Das Ganze beobachtet der wohlwollende Begleiter als Dritter im Bunde mit einem liebevollen Blick und grundsätzlicher Akzeptanz der Gefühle.

Ballast abwerfen schafft Raum für ein zukünftiges Ich

Die drei Anteile unseres Selbst sollten ein gutes Team bilden. Nicht selten bekommt jedoch der innere Kritiker zu viel Gehör – und stellt überhöhte Ansprüche. Im schlimmsten Fall bleiben wir täglich auf der Strecke und werden niemandem mehr gerecht. Weder lassen sich dann die selbstgesteckten Ziele zur eigenen Zufriedenheit erfüllen, noch andere Menschen beeindrucken. Die versprochene Belohnung – das gute Gefühl – bleibt aus und verkehrt sich ins Gegenteil: Man habe den Eindruck, „nicht zu genügen“, sagt Friederike Potreck.

Der erste Schritt aus dieser Falle besteht darin, sie zu erkennen. Dafür ist es nötig, in sich hineinzuhorchen und sich zu fragen: Fühle ich mich gut, während ich mich anstrenge? Wachse ich also an den Herausforderungen des Alltags? Oder fressen mich die Anforderungen auf? Nicht selten wird deutlich: Ich übertreibe, renne den Erwartungen hinterher – und habe mich auf dem Weg selbst verloren, manchmal schon vor langer Zeit.

Ein übermenschliches Ideal

Die eigenen Schwächen und Grenzen anzuerkennen ist besonders für diejenigen Menschen, die typischerweise hohe Ziele verfolgen und viel von sich verlangen, eine schwierige Aufgabe. „Es bedeutet, die eigene Durchschnittlichkeit anzunehmen. Zu akzeptieren, dass man nicht so diszipliniert, organisiert, verzichtsbereit ist, wie man gerne wäre“, sagt Friederike Potreck.

Dann besteht eine Differenz zwischen dem idealen Selbst und dem tatsächlichen Selbst. Diese Differenz rufe Enttäuschung und Scham hervor, schreibt der klinische Psychologe Paul Gilbert, Begründer der compassion focused therapy. In seinem Buch über Selbstkritik und Selbstmitgefühl erzählt er die Geschichte eines Mannes, der einige Bekannte zum Essen einlädt, in der Hoffnung, neue Freunde zu gewinnen. Der Gastgeber macht sich viel Mühe mit der Planung des Abends. Doch erst als seine Bekannten schon eingetroffen sind, bemerkt er, dass eine wichtige Kochzutat fehlt. Schnell versorgt er die Gäste mit Getränken, rennt dann zum Supermarkt und vergisst dabei den Topf auf dem Herd. Das Essen verbrennt.

Nun kann dieser Mensch sich blamiert, klein und unfähig fühlen und den Rest des Abends bedrückt und einsilbig dasitzen. Oder er lacht über die Panne, bestellt kurzerhand ein Ersatzmenü vom Imbiss und hat trotzdem eine schöne Zeit mit den Bekannten. Die Bewertung hängt von der Macht des inneren Kritikers ab. Paul Gilbert konzentriert sich in seiner Arbeit darauf, die Gegenstimme zu stärken: den wohlwollenden Anteil, das Selbstmitgefühl. Es hilft dabei, sich nicht permanent zu beobachten und zu bewerten, sondern den Moment zu genießen. Fehler und Misserfolge gehören schließlich zum Leben dazu.

▶ Das Paretoprinzip Das Paretoprinzip – benannt nach dem italienischen Ingenieur, Ökonomen und Soziologen Vilfredo Pareto (1848–1923) – besagt, dass 20 Prozent des Gesamtaufwands zu 80 Prozent des Ergebnisses führen. Die für ein perfektes Resultat fehlenden 20 Prozent erfordern dagegen 80 Prozent des Aufwands. Vor dem Hintergrund dieser Rechnung liegt es nahe, weniger perfektionistisch zu sein und die gewonnene Zeit und Energie besser für etwas anderes zu verwenden

Der mitfühlende Anteil in uns unterdrückt die Enttäuschung nicht etwa, sondern nimmt sie ganz bewusst wahr. Meist folgen Angst oder Ärger, wenn wir die eigene Leistung als ungenügend einschätzen. Die emotionale Reaktion schmerzt, ist aber auch nützlich. „Die Angst zu versagen ist ein Zeichen dafür, dass ich über meine Grenzen gehe“, bestätigt Christine Altstötter-Gleich. „Solange ich beim Kochen eines aufwendigen Essens Spaß habe und mich nicht ständig fragen muss, ob es auch schmeckt, darf ich einen ganzen Tag dafür in der Küche stehen. Wenn ich es aber nur mache, um Aufmerksamkeit oder Anerkennung zu bekommen, wird es Zeit zu überdenken, ob es das wert ist.“

Weil wir seit der Kindheit für gute Leistungen belohnt würden, falle es schwer, sich von hohen Ansprüchen zu lösen, meint Altstötter-Gleich. Der Rat, einfach mal Fünfe gerade sein zu lassen, laufe daher ins Leere. Sie rät vielmehr dazu, die eigenen Ängste zu hinterfragen: Mögen mich meine Mitmenschen tatsächlich weniger, wenn ich weniger leiste? Wie gehen sie damit um, dass ich einen Fehler gemacht habe? Und sind sie vielleicht sogar entspannter, wenn nicht alles perfekt erscheint? Wer ehrlich antwortet, merkt schnell, wann er über das Ziel hinausschießt. „Wir sollten uns selbst ernst nehmen, statt zu denken: Augen zu und durch!“, sagt Altstötter-Gleich. Nur dann können wir das eigene Verhalten mit einem wohlwollenden Blick verändern.

Sitzen bleiben. Und sich daran gewöhnen, dass man es darf

Praktisch bedeutet das, Zeit oder Kraft zu sparen. Zum Beispiel indem wir andere um Unterstützung bitten, Aufgaben delegieren und angebotene Hilfe annehmen. Christine Altstötter-Gleich empfiehlt kleine Experimente statt großer

Schritte. Das kann heißen, einen Babysitter zu engagieren, die Getränke liefern zu lassen, die Kinder bei der Hausarbeit stärker einzubinden und die Suche nach dem besten Urlaubsangebot dem Reisebüro zu überlassen, statt im Internet stundenlang Angebote zu vergleichen und sich dann bei der Auswahl in die Haare zu geraten. Den Alltag entrümpeln kann also heißen: schlicht weniger machen. Zwei statt zwanzig Linzer Torten backen (wofür sich die Patientin von Friederike Potreck schließlich entschieden hat), ein Event nicht besuchen und dafür einen freien Abend genießen.

„Nur Mut zur Lücke!“, ruft der Faulpelz uns zu. Und das Paretoprinzip gibt ihm recht (siehe Definition auf Seite 19). Oft ist es erstaunlich, wie viel wir mit minimaler Anstrengung schaffen können.

Drei Wege, das Zuhause zu entrümpeln

1. Klein anfangen Wer sich zu viel vornimmt, schiebt das Aufräumen vor sich her. Besser: Jeden Tag nur eine Schublade oder ein Regalfach entrümpeln. Dazu Fach oder Schublade zuerst komplett ausleeren, auswischen und dann Stück für Stück entscheiden, welche Gegenstände zurück auf die saubere Fläche dürfen. Am besten mit den Wohnungsnischen beginnen, die wir Gästen eher nicht zeigen würden, empfehlen die Bestsellerautoren Werner Tiki Küstenmacher und Lothar Seiwert. Ebenfalls hilfreich: sich ein Zeitlimit setzen, etwa täglich nur eine halbe Stunde aufzuräumen. Das Gefühl, auf diese Weise beständig voranzukommen, motiviert für die nächsten Aufräumeinheiten.

2. Nach Kategorien vorgehen Die Japanerin Marie Kondo ist mit ihrer Aufräummethode KonMari berühmt geworden. Sie empfiehlt, zunächst alle Dinge einer Kategorie zusammenzusuchen, die man besitzt, und auf einen Haufen zu legen, zum Beispiel alle Kleidungsstücke, Bücher oder alles Geschirr. Anschließend nimmt man jedes Teil in die Hand und fragt sich: Macht mich dieser Gegenstand glücklich? Nur dann bekommt das Teil einen Platz im aufgeräumten Zuhause, sonst wird es aussortiert. Auf diese Weise liegt der Fokus auf den schönen Dingen statt auf dem, was weg kann.

3. Fragen stellen Habe ich diesen Gegenstand innerhalb des vergangenen Jahres genutzt? Würde ich ihn heute wieder kaufen? Findet dieses Teil einen Platz in meiner Wohnung oder meinem Haus? Lautet die Antwort auf diese drei Fragen wenigstens einmal ja, behält die irische Minimalistin Mary Conroy das betreffende Objekt. Ansonsten: weg damit!

Nele Langosch

Werner Tiki Küstenmacher, Lothar J. Seiwert: Simplify your life. Einfacher und glücklicher leben. Campus, Frankfurt 2016 (17. Auflage)

Auch lohnt es sich, bewusst Pausen einzuplanen. Das fiel Olga Mecking lange Zeit schwer. „Jedes Mal, wenn ich mir erlaube, mich hinzusetzen, fängt mein Haus an, mit mir zu sprechen“, beschreibt sie ihre eigene Betriebsamkeit als Mutter dreier Kinder, Ehefrau und Unternehmerin. „Andauernd ergeben sich neue Aufgaben.“ Das Gegenmittel entdeckte sie in ihrer Wahlheimat Niederlande: niksen. Das Wort kann übersetzt werden mit „Müßiggang“ oder auch „süßes Nichtstun“. Es bedeutet, etwas ohne Sinn und Zweck zu machen, zum Beispiel nur aus dem Fenster zu schauen oder mit einer Tasse Kaffee auf dem Sofa herumzulümmeln. Dabei sollte man die Aufmerksamkeit nicht auf eine Sache fokussieren, sondern sich innerlich treiben und die Gedanken schweifen lassen. Niksen ist also vergleichbar mit Tagträumen.

Laut Olga Mecking merken wir erst beim Niksen, wie gestresst wir eigentlich sind. Das untätige Herumsitzen könne sich daher anfangs ungewohnt anfühlen: Ich muss doch irgendwas machen! Dann sollte man erst recht sitzen bleiben und sich daran gewöhnen, dass man sich das erlauben darf. Denn das Niksen habe viele positive Effekte: Unter anderem mache es ausgeglichener, gelassener, kreativer und produktiver, schreibt Mecking in ihrem Buch über das „Glück des Nichtstuns“.

Ob man nun das Niksen für sich entdeckt oder andere Formen der Ruhepausen genießt wie Spaziergänge oder Musikhören: Auszeiten sind unerlässlich für mehr Leichtigkeit im Leben. Denn sie helfen, den Fokus immer wieder auf das zurückzulenken, was wirklich zählt. Zu erkennen, was den eigenen Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Und sie zum Mittelpunkt des Lebens zu machen.

Was wir gern machen und wobei wir Freude empfinden, ist nicht nur für die Freizeitgestaltung relevant: Mary Conroy empfiehlt für ein erfülltes Arbeitsleben, sich immer mal wieder zu fragen, ob der aktuelle Job noch zum Leben passt. Manchmal entwickeln wir uns weiter, wachsen aus Rollen heraus, halten gleichzeitig aber an alten Routinen und Gewohnheiten fest. Dann kann eine Kurskorrektur der Schlüssel zu mehr Zufriedenheit sein – und zum Erfolg in dem, was man da tut. Stimmten Ziele und Werte überein, werde eine Kraft in uns entfesselt, schreibt Conroy. Wer macht, was er liebt, ist oft besonders gut darin. „Wir blühen auf, wenn wir unsere Talente gut einsetzen können und wenn wir wirklich spüren, dass wir etwas bewirken.“

Conroy rät dazu, sich Zeit freizuschaufeln für Aktivitäten, für die man wirklich brennt: „Wenn Ihre Leidenschaft das Schreiben ist, dann blockieren Sie zwei oder drei Zeitfenster pro Woche, in denen Sie sich zurückziehen und schreiben. Wenn Ihre Leidenschaft das Malen ist, dann schreiben Sie sich in einen Abendkurs ein und schwören Sie sich darauf ein, zwei weitere Stunden pro Woche zu üben.“ Die tägliche To-do-Liste zuerst entrümpeln, bloß um sie dann mit neuen Verpf lichtungen wieder zu füllen: Das mag zunächst kontraintuitiv erscheinen, gesteht die Minimalismus-Advokatin. Doch es ist keine aufgezwungene, sondern persönliche Zeit, die da hinzukommt, und deshalb wirkt sie nicht ermüdend, sondern belebend.

Christof Herrmann hat seine Berufung auf dem Fahrrad gefunden. „Ich hatte in den eineinhalb Jahren meiner Weltreise viel Zeit zum Nachdenken“, sagt er. Schnell war klar: In den alten IT-Job wollte er nicht wieder einsteigen. Stattdessen überlegte er, was ihm wirklich Freude machte, und kam auf Musik, Schreiben, Wandern und Reisen.

Zurück in Deutschland fühlte er sich durch die Erfahrungen der Reise ermutigt für den Schritt in die Selbständigkeit. Zunächst betrieb er einen Webshop für Schallplatten. „Das lief gut, war mir aber bald zu eintönig“, sagt er. Heute schreibt Christof Herrmann Wanderführer, hat ein Buch über Minimalismus verfasst und betreibt einen Blog zum Thema (einfachbewusst.de). Bald möchte er von seinem Wohnort in Franken nach Rom laufen und seine Erlebnisse in einem Reisebericht festhalten. „Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht“, sagt er.

Das Zuhause hat er mit der Zeit weiter ausgemistet. Früher nannte er über 5000 CDs und Schallplatten und 2000 Bücher sein Eigen. Heute besitzt er nur noch seine Lieblingsalben auf Vinyl und leiht Bücher aus der Bibliothek. Völlig auf Besitz zu verzichten kommt für Christof Herrmann aber nicht infrage: „Dafür habe ich zu viele Interessen, brauche zum Beispiel spezielles Equipment zum Wandern und schätze gute Küchenutensilien zum Kochen.“ Solange die Dinge Freude bereiteten, solle man sie behalten. Entscheidend sei, sich auf das zu konzentrieren, was einen erfülle, meint er: „Seit ich einfacher lebe, bin ich so glücklich wie nie zuvor.“

ZUM WEITERLESEN

Christof Herrmann: Das Minimalismus-Projekt. 52 praktische Ideen für weniger Haben und mehr Sein. Gräfe und Unzer, München 2020

Mary Conroy: Simplify Your Life. Waste Less, Value More, Go Minimalist. Hay House, London 2020

Friederike Potreck-Rose: Von der Freude, den Selbstwert zu stärken. Klett-Cotta, Stuttgart 2021 (15. Auflage)

Olga Mecking: Niksen. Vom Glück des Nichtstuns. Kailash, München 202 1

Psychologie Heute compact, Nr. 58: Vom Glück des Weniger. Zu beziehen über psychologie-heute.de/compact

Nur die aufgezwungene Zeit zerrinnt