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DAS LERN ICH JETZT!


Frau im Leben - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 18.12.2019

STUDIEREN AN DER UNI – und zwar Philosophie, im Chor singen, tanzen, Marathon laufen: Vier Frauen und ein Hirnforscher erzählen, warum es nie zu spät ist, etwas Neues auszuprobieren. Und wieso Lernen immer eine gute Idee ist – für den Kopf und den Körper


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Bildquelle: Frau im Leben, Ausgabe 1/2020

Was für ein Glück, es ist noch nicht zu spät! Die Tür steht weit offen zum Vorlesungssaal. Atemlos schlüpfen die Studenten in den Saal. „Ich bin auch oft erst auf den letzten Drücker da“, gesteht Gisela Woll aus Lampertheim. Seit einem Jahr studiert sie Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Mannheim. Mit ihren 66 Jahren zählt sie zu den ...

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Nur nicht träge werden

Regelmäßig in neue Themenfelder eintauchen, das gehörte schon immer zu Giselas Leben. Als die beiden (längst erwachsenen) Kinder klein waren, holte sich die Kauffrau beim Besuch von EDVund Französischkursen Impulse. Nach der Rückkehr in den Beruf wechselte sie ins Marketing und engagierte sich für den Weltladen ihrer Stadt. Seit drei Jahren ist Gisela Woll in Rente – und immer noch hungrig nach frischem Futter für den Kopf. „Neues lernen ist für mich wie atmen, ein Lebensantrieb. Gibt man den auf, wird man träge“, davon ist sie überzeugt. Dass es mit Mitte 60 noch ein Studium sein muss, überraschte dann aber doch selbst enge Freunde.

„Das Vorurteil hält sich hartnäckig, dass sich ein älteres Gehirn schwer Neues aneignen kann“, sagt Dr. Ben Godde, Pro- fessor für Neurowissenschaften an der Jacobs University in Bremen. „Aus vielen Studien wissen wir inzwischen aber, dass die Plastizität, also die Formbarkeit des menschlichen Gehirns, bis ins hohe Alter erhalten bleibt“, erklärt der Hirnforscher. Der Kopf kann ein Leben lang Neues lernen – wenn er trainiert wird. Am schnellsten und effektivsten klappt das, wenn frische Fakten mit Bewegungen (Instrument spielen) oder Geräuschen (gesprochene Vokabeln) zusammenkommen. Der Input auf verschiedenen Sinneskanälen erhöht die Aufmerksamkeit, weil zur selben Zeit Gehirnregionen beansprucht werden, die für die Verarbeitung von Bewegungen, akustischen Reizen und der Speicherung von Daten zuständig sind. „Mit Musik kommt eine weitere Dimension hinzu. Emotionen werden angesprochen, das Lernen geht bis tief in unser unbewusstes Gefühlszentrum“, erklärt Prof. Godde. Ob Spanischkurs, Klavierstunden oder Tanztraining mehr Spaß machen, ist Geschmackssache. Aber jeder Kick hilft dem Gehirn, Neues aufzunehmen – in jedem Alter.


„Seit meinem ersten Stadtlauf habe ich bei jedem Training etwas Neues über mich selbst gelernt
Marion Fürstenberger wollte anfangs vor allem wissen: Schaffe ich zehn Kilometer?


Silvia Becker (75) aus Sandhausen legt mehrmals pro Woche die Übungs-CD ihres Chores in die Stereoanlage. „Meine Rettung“, gesteht die Englisch- und Französischlehrerin. „Ich habe nie ein Instrument gespielt, konnte lange keine Noten lesen.“ Durch die Hörbeispiele fällt es ihr leichter, der Partitur zu folgen, „und mir meine Stimme einzuprägen“. Im Sommer hatte eine befreundete Chorleiterin gefragt, ob Silvia nicht Lust hätte, bei den Altstimmen mitzusingen. Ein abenteuerlicher Gedanke für die 75-Jährige – auch was die musikalische Stilrichtung angeht. „Ich bin ein Kind der 68er, liebe die Stones, die Beatles, Jazz.“ Klassische Musik? Und gleich die Johannes-Passion von Bach? War für Silvia Neuland – und vielleicht gerade deshalb so reizvoll. „Im Chor mitten im Klang zu stehen ist für mich eine neue, wunderbare Erfahrung“, schwärmt die 75-Jährige, die inzwischen öfter klassische Musik auflegt und eine weitere Freundin mit dem Chorvirus infiziert hat. Im März steht das erste Konzert an.

Das Gehirn trainieren

Mit 50, 60, 70 plus etwas Neues lernen funktioniert besonders gut, wenn das Gehirn nie verlernt hat zu lernen. Der Schweizer Psychologe Dr. Philippe Rast fand heraus, dass sich auch Menschen zwischen Mitte 60 und Anfang 80 blitzschnell Begriffe merken – wenn sie ihr Leben lang einen großen Wortschatz hatten. Selbst schnelle, komplexe Bewegungsabläufe wie Jonglieren sind kein Problem, bewies Professor Arne May vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dafür ließ der Neurowissenschaftler Freiwillige zwischen 50 und 70 Jahren Jong lieren üben. Nach drei Monaten zeigte eine Untersuchung im Kernspin, dass die entsprechenden Teile des Gehirns deutlich gewachsen waren: der für Lernen und Gedächtnis zuständige Hippocampus, ein Teil des Belohnungszentrums, sowie der Bereich, der für die visuelle Vorstellungskraft zuständig ist.

Das Gehirn ähnelt in diesem Punkt einem Muskel: Wer es fit halten will, sollte trainieren. Tatsächlich ist das Gehirn ein Netzwerk aus Millionen Neuronen, die durch hauchfeine Ner venautobahnen verbunden sind. Immer wenn wir etwas Neues lernen, tauschen sich die Hirnareale aus und bilden bis ins hohe Alter neue Synapsen.

Flexibel bleiben, gern mal aus der Reihe tanzen, das war auch immer Marga Riedls (69) Ding. „Nur auf dem Parkett hat es leider nicht geklappt. Da waren mein Mann und ich eher die klassische Foxtrott-Fraktion“, erzählt die Heidelbergerin, die früher als Rektorin gearbeitet hat. 20 Jahre lang nahmen sie sich vor, endlich einen gemeinsamen Tanzkurs zu machen – bis Gerd Eisenbrand seine Frau beim letzten Geburtstag mit einem Gutschein überraschte. Einmal pro Woche geht das Paar inzwischen in eine Heidelberger Tanzschule. „Ein Riesen-Input für den Körper – und den Kopf“, schwärmt das Paar.

Tanzen ist Kommunikation

Zwischen zwei Kursabenden pauken die Riedls nicht nur eifrig die Grundschritte von zwölf Standardtänzen, sondern basteln auch an kleinen Choreografien und üben schon mal beim Spazierengehen am Neckar flotte Drehungen und Paraden. „Ich habe öfter einen Muskel kater“, erzählt Marga Riedl. „Aber vor allem haben mein Mann und ich durch das Tanztraining gelernt, auf eine neue Art zu kommunizieren. Das macht uns aufmerksamer und wacher.“

Im Kopf beweglich sein – das fällt umso leichter, wenn auch der Körper lange fit bleibt. Sprachwissenschaftler David Singleton vom Trinity College in Dublin konnte in Tests zeigen, dass auch Rentner eine neue Fremdsprache – sogar akzentfrei – sprechen lernen können, wenn ihr Gehör sie nicht im Stich lässt. Klavier lernen? Kein Problem, wenn die Finger beweglich bleiben. Malen? Solange die Augen fit sind. Auch neue Vokabeln oder Grammatik prägen sich Ältere problemlos ein. Entscheidend ist, dass ihr Ultrakurzzeitgedächtnis gut trainiert ist, das Konzentration und Aufmerksamkeit steuert.

Für einen wachen, fitten Kopf lohnt es sich, ab und zu eine Tasse grünen Tee zu trinken. Forscher der Universität Basel fanden heraus, dass Grüntee die Zusammenarbeit der Gehirnareale verbessert und die Merkfähigkeit steigert. „Auch Sport und Bewegung halten den Kopf jung“, bestätigt Hirnforscher Godde. Egal ob man regelmäßig spazieren geht, gern schwimmt oder tanzt: Immer wird der ganze Körper und damit das Gehirn mit sauerstoff - reichem Blut versorgt, so Godde, der in Bremen erforscht, wie sich Herz-Kreislauf- und Feinmotorik-Training aufs Gedächtnis auswirkt. Krafttraining kann die Denkleistung um bis zu zehn Prozent steigern, das haben amerikanische Wissenschaftler der Universität Georgia Tech herausgefunden. Und auch Menschen, die regelmäßig Yoga praktizieren, haben ein besseres Gedächtnis.

Marion Fürstenberger (52), Kosmetikerin in Wies loch, kennt den sportlichen Kick für den Kopf genau: „Vor zwei Jahren habe ich mich zu meinem ersten Stadtlauf über zehn Kilometer angemeldet, damals noch ein bisschen plan los und untrainiert“, erzählt sie lachend. Ins Ziel kam sie trotzdem, mit einem ersten Aha-Effekt und dem Gefühl, etwas durchgezogen zu haben, was sie sich selbst so nicht zugetraut hätte.


„20 Jahre lang wollten wir einen Tanzkurs machen. Jetzt klappt es endlich!”
Marga Riedl bekam den Kurs geschenkt


„Seitdem habe ich Schritt für Schritt bei jedem Lauftraining Neues über mich gelernt.“ Die eigenen Kräfte einzuteilen zum Beispiel, sich nicht auszubremsen durch falsche Vorstellungen und achtsamer auf den eigenen Körper zu hören. Auch den inneren Schweinehund überlistet sie inzwischen routiniert: Zwei- bis dreimal pro Woche läuft sie, Wind und Wetter zum Trotz, für ein bis zwei Stunden durch den Wald. Auch mental geht sie aktiv ans Thema Laufen ran: Bei Vorträgen informiert sich die 52-Jährige über Möglichkeiten, mit dem richtigen Training ihre Knieprobleme loszuwerden. Auf ihrem Nachttisch stapeln sich Bücher über die perfekte Marathon-Vorbereitung. „Mein Traum ist, einmal beim Berlin-Marathon mitzulaufen. Aber bis dahin habe ich noch jede Menge Neues zu lernen.“
Kristina Junker

„Unser Gehirn will wie ein Muskel trainiert werden“

Der Bremer Hirnforscher Prof. Ben Godde schwört auf die Macht der Neugier und gibt Tipps für die besten Lernstrategien

Neues lernen – funktioniert das mit 60 anders?
Prof. Godde Das menschliche Gehirn funktioniert grundsätzlich in jedem Alter gleich. Allerdings fängt ein älterer Mensch nur selten bei null an. Stattdessen haben wir oft unendlich viele Fakten im Kopf – oder unterschiedliche Bewegungsmuster gespeichert, an die wir mit neuen Lernerfahrungen anknüpfen können.
Erfahrung schlägt Jugend?
Godde Ein Schüler muss das Lernen erst lernen – wie er effektiv Vokabeln büffelt oder seine Schusstechnik beim Fußball verbessert. Mit 50, 60, 70 wissen wir in der Regel, wie wir uns Neues gut merken und komplexe Themen verstehen können. Und ob das morgens, mittags oder abends besser klappt.
Was muss man im Alter neu lernen?
Godde Geduld! Gerade wenn wir nach der Schule oder Ausbildung lange nichts Neues mehr gelernt haben, lässt das Gedächtnis, genauer das Ultrakurzzeitgedächtnis, mit den Jahren etwas nach. Dann hilft es, die Lerninhalte in kleinere Päckchen zu teilen: Also nicht gleich das ganze Musikstück einstudieren, sondern besser Takt für Takt üben. Vokabeln nicht eine Stunde lang pauken, sondern lieber drei Mal 20 Minuten.
Und dazwischen fleißig Sudoku und Kreuzworträtsel lösen?
Godde Aus Freude ja, als Gehirntraining nein. Weil Knobelspiele zwar analytisches Denken oder Allgemeinwissen abfragen, aber immer nach Schema F funktionieren. Und das Gehirn eher einem Muskel ähnelt, der trainiert werden möchte: Damit das Training effektiv ist, muss ein bisschen Abwechslung rein.

Dr. Ben Godde ist Professor an der Jacobs University Bremen. Sein Forschungsinteresse gilt der Plastizität des menschlichen Gehirns


Fotos: Hardy Müller (4), privat; Location: Tanzschule Nuzinger; Illustrationen: Sabine Schickel/ Agentur2