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Das lern’ ich spielend


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 2/2010 vom 07.04.2010

Beim Spielen erobert das Kind seine Welt. Es bewältigt Konflikte, schult seine Motorik, findet Freunde und lernt fürs Leben.


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Bildquelle: ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie, Ausgabe 2/2010

Ein Kind spielt in seinen ersten sechs Jahren rund 15.000 Stunden, das sind bis zu neun Stunden täglich. Ein Vollzeitjob. Und einer, den Erwachsene anerkennen und nicht als unwichtige „Kinderei“ abtun sollten, denn „Spielen ist die Arbeit des Kindes“. Gesagt hat das die berühmte Pädagogin Maria Montessori schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Ziel des Kindes sei der Weg zum Erwachsensein, begründete die Pädagogin. Das Kind wolle „seine Talente entwickeln, lernen, logisch zu ...

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Ein Kind spielt in seinen ersten sechs Jahren rund 15.000 Stunden, das sind bis zu neun Stunden täglich. Ein Vollzeitjob. Und einer, den Erwachsene anerkennen und nicht als unwichtige „Kinderei“ abtun sollten, denn „Spielen ist die Arbeit des Kindes“. Gesagt hat das die berühmte Pädagogin Maria Montessori schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Ziel des Kindes sei der Weg zum Erwachsensein, begründete die Pädagogin. Das Kind wolle „seine Talente entwickeln, lernen, logisch zu denken und seine Bewegungen kontrolliert und präzise durchzuführen“.

Moderne Pädagogen sehen das genauso. Kinder, die nach Herzenslust spielen können, hätten die beste Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung, erklärt Professor Jeffrey Goldstein, Psychologe und Spieleexperte von der Universität Utrecht. Durch das Spiel erwerben Kinder wichtige Fähigkeiten wie soziale Kompetenz, motorische Geschicklichkeit und Vorstellungskraft. Spielen hilft gegen Übergewicht, Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität, argumentiert der Fachmann. Die Koblenzer Sozialpädagogin Professor Daniela Braun beschreibt Spielen als Schutzraum, in dem Kinder gefahrlos ihr Handeln erproben können. Im Spiel füllen sie unterschiedliche Rollen aus und lernen soziales Miteinander. Sie erfahren, was es bedeutet, Regeln einzuhalten, Kompromisse zu schließen, Gedanken in Worte zu fassen, mit den eigenen Gefühlen und denen anderer umzugehen. Alles, was ihnen sonst schwer fällt – zum Beispiel mit anderen teilen oder sich an Vorschriften halten –, gelingt ihnen leichter, wenn das Spiel es verlangt.

Ooch – ist das weit weg: Beim Spielen erwerben Kinder nicht nur soziale Kompetenz, sondern auch motorische Geschicklichkeit.


Spielend Probleme bewältigen

Spielend bewältigen Kinder Situationen, die ihnen bedrohlich vorkommen, und verarbeiten Frust und Angst: Die Mutter hat geschimpft – die Tochter lässt Dampf ab, indem sie die Puppe „bestraft“. Nach dem Arztbesuch spielt das Kind wieder und wieder Doktor – wobei es dann selbst der Arzt ist und der Teddy der Patient. Oder die bösen Diebe, die ins Lego-Haus einbrechen, werden vom Schleich-Dino verscheucht und schließlich von Playmobil-Rittern gefangen und abgeführt.

Bei schier endlosen Sandkastenspielen wird der Eimer gefüllt und wieder ausgeschüttet, der Sand gesiebt und mit Wasser vermischt. Bauklötze und später Konstruktionsspiele fördern die Feinmotorik und geben ein Gefühl für statische Zusammenhänge. Bei Bewegungsspielen lernen Kinder, ihren Körper zu kontrollieren und ihre Kräfte einzuschätzen. Wie hoch kann man sich aufs Klettergerüst hinaufwagen? Gelingt es, über die große Pfütze zu springen? Auch wenn nicht gleich alles funktioniert: Mit Übung und Ausdauer klappt es irgendwann. Das gibt Selbstvertrauen.

Kinder können jedoch nur dann mit ihren selbst gestellten Aufgaben wachsen, wenn die Erwachsenen nicht ständig herbeispringen und helfen. Wer seinem Kind jede Mühe abnimmt, erzieht es einerseits zu Bequemlichkeit und nimmt ihm andererseits Selbstvertrauen und das stolze Gefühl, etwas allein schaffen zu können. Dass die Erwachsenen im Prinzip noch lange alles schöner, besser und schneller können, wissen Kinder. Schnell verlieren sie die Freude an der eigenen Leistung, wenn die Eltern ihnen diesen Vorsprung ständig demonstrieren. Wenn Kinder bauen, malen oder basteln, kommt es nicht darauf an, dass ein „schönes“ Ergebnis entsteht. „Kinder müssen von Erwachsenen inspiriert werden, nicht angeleitet“, sagt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther in einemSpiegel -Interview.

Papa muss mitspielen

Gerade in den ersten Lebensjahren ist elterliche Intuition gefragt, um zu erkennen, ob das Kind Einmischung und Hilfe beim Spiel will. Gesellschaft ist auf jeden Fall erwünscht – kein Kleinkind spielt gern für sich in seinem Zimmer. Es kann sich zwar durchaus allein beschäftigen, möchte aber jemanden in der Nähe haben, der ansprechbar ist. Wenn es gut läuft, kann derjenige dann auch mal kurz in die Zeitung schauen. Deshalb spielen die Kleinen auch lieber bei Mama oder Papa unterm Küchentisch, neben dem Schreibtisch oder im Wohnzimmer als allein in einem sorgsam ausstaffierten Kinderzimmer. Auch als Spielkameraden sind die Erwachsenen oder ältere Geschwister in den ersten Lebensjahren wichtig. Sie sind Vorbilder, die von Kindern nachgeahmt werden; sie reagieren zugewandt auf die Spielideen der Kleinen und sie haben die nötige Geduld, die Rassel, die der Knirps mit großer Ausdauer aus dem Kinderwagen wirft, stets wieder aufzuheben.

Mit Gleichaltrigen spielen Kleinkinder zu Anfang wenig. Interesse an anderen Kindern haben sie ab etwa sechs Monaten; doch es dauert noch eine ganze Weile, bis ein echter Austausch stattfindet. Bis zum zweiten Lebensjahr spielen die Kleinen meist nebeneinander her: Jeder ist für sich beschäftigt, beobachtet aber gleichzeitig, was der andere so macht. Allmählich kommt es zur Annäherung, die oft so aussieht, dass sie sich ihre Spielsachen erst einmal gegenseitig wegnehmen wollen. Eine durchaus gängige Methode der ersten Kontaktaufnahme bei zukünftigen Spielgemeinschaften. Etwa mit dem Eintritt in den Kindergarten spielen die Kinder dann miteinander.

Am Anfang geht’s ohne Spielzeug

Schon zur Geburt werden reichlich niedliche Eisbären, Schmusepuppen, Mobiles, Spieluhren und Plüschbälle, große Plastikschlüssel und Klötzchen geschenkt. Anfangen können die Kinder damit erst mal nichts. Im ersten Lebenshalbjahr haben Babys noch genug damit zu tun, sich selbst zu entdecken, und spielen ausgiebig mit den eigenen Händen und Füßen. Dann haben sie Freude an Dingen, die Geräusche machen: Rasselringe, Spieluhren, Quietschtiere, Rascheltücher. Einjährige sammeln, sortieren und stapeln gern, mit Bauklötzen aller Art macht man ihnen eine Freude. Zwei- bis Vierjährige machen aus allem ein Spiel(zeug). Sie lieben Rollenspiele und Verkleidungen. In ihrer Fantasie ersetzen sie nicht Vorhandenes: Ein Stock wird zum Pferd, ein Kieselstein zum Schatz.

Allerdings sollten die Sachen sicher und robust sein. Denn zimperlich gehen Kinder mit ihrem Spielzeug nicht um. Was bei rüder Behandlung auseinanderfällt oder Kleinteile verliert, gehört in den Müll. An kaputten Teilen können sich Kinder verletzen. Gerade Kleinkinder nehmen noch vieles in den Mund und könnten lose Teile verschlucken.

Viel Schrott auf dem Markt

Insbesondere nach den Skandalen um verseuchtes Spielzeug aus China sind viele Erwachsene verunsichert: Was kann man den Kindern noch guten Gewissens in die Hand geben? Von Billigprodukten lassen immer mehr Verbraucher die Finger, stellen Marktbeobachter fest. Die Eltern sind vorsichtiger geworden, achten auf die Qualität, schauen nach den verarbeiteten Materialen und bevorzugen häufig wieder Holzspielzeug, vor allem wenn es aus heimischer Produktion kommt.

Qualität kann man manchmal sehen – etwa, wenn das Spielzeug robust und solide verarbeitet ist – und riechen: Wenn aus der Packung chemische Duftwolken aufsteigen, Finger davon lassen. Doch meistens sieht man es einem Spielzeug nicht an, ob es problematische Weichmacher, giftige zinnorganische Verbindungen und/oder weitere Rückstände von Chemikalien enthält. Die Tests von ÖKO-TEST zeigen leider, dass Spielzeug bei der Sicherheit und der Schadstoffbelastung erhebliche Mängel aufweist. Immer wieder bekommen sowohl unsere Tester als auch die zuständigen Untersuchungsämter Spielzeug mit so gravierenden Mängeln in die Hände, dass diese Produkte nicht hätten verkauft werden dürfen. Bei Billigspielzeug werden am häufigsten gesundheitsschädliche Stoffe und Grenzwertüberschreitungen festgestellt.

Will man Qualität, spricht vieles für Secondhand-Spielzeug: Wenn ein Spielzeug die Beanspruchung durch ein Kind heil überstanden hat, hält es auch noch weitere Spielrunden aus. Dass man mit gebrauchten Sachen jede Menge sparen kann, scheint für viele Erwachsene jedoch kein großer Anreiz zu sein, denn das Geld für (neues) Spielzeug sitzt locker. Die Ausgaben wachsen stetig.

Gebraucht und gut

Die Krise ist noch nicht im Kinderzimmer angekommen, vermutet Willy Fischel, Geschäftsführer des Bundesverbands des Spielwaren-Einzelhandels, bei der Jahrespressekonferenz der Branche im November 2009. „Im Durchschnitt bekommt jedes Kind in Deutschland Weihnachtsgeschenke im Wert von insgesamt 240 Euro.“

Dabei kommen insbesondere die Kleinkinder ganz prima ohne blinkendes „Baby-Center“ mit fünf anwählbaren Kinderliedern, tanzenden Bären oder singenden Kinderkameras aus. Hat ein Kind Spielgefährten – anfangs die Eltern, später andere Kinder –, ist das mehr wert als ein mit allem Schnickschnack ausgestattetes Kinderzimmer, in dem das Kind allein hockt. Psychologen warnen davor, mit einer Fülle von Spielzeug einen Mangel an Zeit, Zuwendung, Freiheit und Kontakt kompensieren zu wollen. Es ist immer besser, den Kindern Zeit zu schenken, als ihnen ein teures, wenn auch pädagogisch wertvolles Spielzeug vorzusetzen.

Lieber Zeit als Spielzeug

Inzwischen gilt auch in Krippen und Kindergärten die Maxime, die Kleinen möglichst viel selbst tun zu lassen. In den rund 700 deutschen Waldkindergärten sind die Kinder bei jeder Witterung draußen und beschäftigen sich ohne Spielzeug. Auch viele konventionelle Kindergärten räumen einmal im Jahr den Spielkram weg und setzen auf die Eigeninitiative der Kinder. Ohne Spielsachen und Unterhaltungsprogramm werden die Kleinen ungeheuer aktiv.


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Foto: banana stock