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DAS LEUCHTEN AFRIKAS


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 25.04.2019

Seit den 70er-Jahren sammelt CARLOS SANTANA afrikanische Songs und Sounds. Jetzt hat er mit Rick Rubin eine Hommage an die Musik des Kontinents aufgenommen


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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 5/2019

GITARREN: CARLOS SANTANA

FÜR DIE AUFNAHMEN ZU SEINEM AFRIKA-ALBUM hat Carlos Santana zehn Tage gebraucht, aber eigentlich waren es 50 Jahre. In den frühen 70er-Jahren unternahm der Gitarrist und Bandleader, der unlängst zum Star geworden war, erste Konzertreisen nach Europa. Vor allem Paris hatte es dem Mittzwanziger angetan, denn dort kam er in Berührung mit einer afrikanischen Musikkultur, die ihn faszinierte. Persönlich, in der Begegnung mit anderen ...

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... Musikern, vor allem aber in den Plattenläden der Stadt, aus denen er stapelweise Schallplatten und später CDs afrikanischer Künstler trug.

Schon als junger Teenager in den späten 50er-Jahren hatten den Gitarristen daheim im mexikanischen Tijuana die Rhythmen der Música Tropical von Künstlern wie Desi Arnaz fasziniert, freilich auch der afroamerikanische Blues. Doch erst seit seinem Umzug nach San Francisco 1962 begann Santana zu verstehen, dass die brasilianische, puerto-ricanische oder kubanische Musik eigentlich afrikanische Musik ist, weil deren Rhythmen – Rumba, Cha-Cha-Cha, Mambo, Danzón und so weiter – afrikanischen Ursprungs sind. „B. B. King, Albert King, Freddie King, John Lee Hooker, sie alle integrierten diese Rhythmen in gewisser Weise in ihr Spiel“, sagt Santana, „und dasselbe galt bald darauf für Eric Clapton, Jimmy Page, Jeff Beck und Peter Green. Aber sie alle verrgaßen eine wichtige Zutat von Künstlern wieManu Dibango(wegweisender kamerunischer Musiker) , nämlich die afrikanischen Gewürze und diese wundervolle Schwingung. Es war alles toll und großartig, was sie machten, aber mir wurde schnell klar, dass ich meinen Weg nicht in Richtung Robert Johnson gehen, sondern das Multidimensionale, Polyrhythmische zum Ausgangspunkt meiner Musik machen wollte.“

Damit gelangt man an eine Grundfeste von Carlos Santana, der seine Musik nicht als Latin Rock versteht – „das ist ein Label, das Hollywood erfunden hat“. Doch erst jetzt, im sechsten Jahrzehnt seiner Karriere, entsteht aus der Erkenntnis ein dezidiert afrikanisches Album:„Africa Speaks“ . „Ich komme gelegentlich etwas in Schwierigkeiten, weil manche sagen, ich würde die Bedeutung Afrikas für die westliche Musik übertreiben. Aber ich sage: Ihrunter treibt sie! Wir würdigen unsere Ursprünge nicht genug. Ich kann dir Song um Song um Song aufzählen, der seinen Kern in Afrika hat, von ‚La Bamba‘ bis irgendwas von Led Zeppelin. Ich möchte gegenüber meinen Brüdern und Schwestern in Afrika einfach nur fair sein, weil ich meinen Lebensunterhalt damit verdiene, ihre Musik zu spielen, ihre Farben und ihre Emotionen. Und das tue ich, in dem ich den Leuten sage: Hört euch an, wo all unsere Musik herkommt! Diese Rhythmen sind wie eine sehr nahrhafte Zutat für eine gesunde Mahlzeit. Wir alle brauchen Rhythmus – man kann morgens nicht immer nur Cerealien essen, man braucht auch etwas Würze.“

Die Musik, die Santana seit den 70er-Jahren in Paris und anderswo zusammengetragen hat, ist also der Grundstock für„Africa Speaks“ . Santana kompilierte auf seinem Smartphone eine Liste von ungefähr 200 Lieblingssongs und fififilterte daraus eine Sammlung von 70 Stücken, die das Fundament des Albums werden sollten. „Es gibt vermutlich keinen Musiker, der mehr afrikanische Musik gesammelt hat als ich“, sagt Santana. „Wenn wir jetzt nach Paris reisen würden, würde ich vermutlich 99 von 100 Künstlern kennen, die du mir zeigst – aber nicht nur ihre Namen, sondern auch ihre Songs. Die Musiker fragen mich: Warum kannst du unsere Lieder spielen? Und ich sage: Weil ich sie so sehr liebe!“

RICK RUBIN

Mit den 70 Songs wandte sich Carlos Santana an einen Produzenten, dessen Geist er für offen genug für sein Vorhaben hielt: Rick Rubin. Rubin ist einer, der Künstler zu deren Essenz führt, und als die ersten Meldungen über die Zusammenarbeit kamen, dachte man: Rubin hat einen weiteren altgedienten Musiker gefunden, der an sich selbst erinnert werden muss. Johnny Cash. Neil Diamond. Berühmte Routiniers, die nur noch routinierte Platten aufnahmen und ihre einstige Inspiration verloren hatten, was auch mit nachlassendem kommerziellen Erfolg und geringerer Bedeutsamkeit einherging. Jahrelang schlug er Cash geeignete Songs und Musiker vor, überwachte die Sessions, rief und trieb ihn an.


„ICH SAGTE RICK RUBIN: ICH MÖCHTE EINE PLATTE VON KOMPROMISSLOSER INTEGRITÄT UND MIT SEHR VIEL ENERGIE MACHEN – NICHTS LAUWARMES“


Doch hier ist es etwas anders – Santana brachte das fertige Konzept mit, und er wollte keine Wiedererweckung. „Er musste darauf vertrauen, dass wir wussten, was wir taten. Und wir wussten es ja: Es gibt keine andere Band, die die göttliche Sprache der Rhythmen so tief versteht wie Santana. Ich sagte ihm, ich möchte eine Platte mit kompromissloser Integrität und sehr viel Energie machen – nichts Lauwarmes. Nein, das hier sollte Leidenschaft sein und Gefühl und eine Hitze wie kochendes Wasser.“ Rubin selbst hat es wohl ähnlich empfunden. „Ich war schockiert, wie aufregend die Musik klang!“, sagt er. „Ich empfinde es als großes Glück, dass ich im Aufnahmeraum erleben konnte, wie sie erschaffen wurden.“ Dabei galt das Interesse wohl nicht nur der musikalischen Qualität des Projekts, sondern auch dem Künstler selbst. „Ich habe es wirklich genossen, mit Carlos Zeit zu verbringen. Er ist eine wundervolle Seele – die Musik fließt in einer sehr reinen Form durch ihn hindurch.“ Der so Gelobte gibt die freundlichen Worte gern zurück: „Rick sagt Leuten nicht, was sie zu tun und zu lassen haben – er geht im Studio herum und hört zu. Vielleicht flüstert er dem Bassisten ein paar Worte ins Ohr: Versuch mal dies, lass das weg – so was. Es ist, als würde man jemandem dabei zusehen, wie er einem Bonsaibaum die Blätter schneidet.“ Wenn das keine schöne Beschreibung ist! Zehn Tage lang arbeiteten Santana in Rick Rubins Shangri-La-Studios in Malibu – und nahmen unfassbare 49 Songs auf, von denen elf es schließlich auf das Album schafften. Der Künstler spricht von 14 Songs; es wird wohl eine Deluxe-Version der Platte geben.

49 SONGS

Neunundvierzig Lieder in zehn Tagen, das muss man sich so vorstellen: Im Vorfeld der Aufnahmen hatte Santana seine Band – die angestammte Live-Besetzung, zu der auch Trommlerin und Gattin Cindy Blackman gehört – mit der beschriebenen Song-Auswahl ausgestattet. Dann entstanden jene Demos, die Rick Rubin bewogen, die Rolle des Produzenten zu übernehmen. Für die Sessions im Shangri-La bereitete Tommy Anthony, der zweite Gitarrist der Band, Akkord-Charts vor, die am Abend vor jedem nächsten Studiotag ausgegeben wurden. Während der Aufnahmen sagte Anthony durch ein Mikrofon, welcher Part als Nächstes kommt: Jetzt die Bridge, jetzt der Doppel-Chorus, auf ins Solo! Die Bandaufnahme als Impro-Theater. „Tommy war unser GPS“, sagt Santana über seinen Musical Director. „Der Rest ist die Sprache der Musik, die wir alle beherrschen.“

„Africa Speaks“ ist keine Sammlung von Coverversionen. Eher bedient sich Santana der DNA der ausgewählten Lieder, indem er die jeweiligen Rhythmen identifiziert, vielleicht ein Riff stehen lässt oder eine Melodie übernimmt – eine Arbeitsweise, die von Anfang an zu Santanas Diskografie gehört hat. Ist es wichtig zu wissen, welche Originale hinter der Tracklist stehen? Nicht unbedingt, sagt Santana. „Man findet diese Songs ja, wenn man will. Ich möchte, dass die Leute auf die Suche gehen und in die afrikanische Musik eintauchen. So wie ich es gemacht habe.“

Spiritualist Santana:„Ich habe keine Angst mehr“


Wer sucht, der findet zum Beispiel die nigerianische 70er-Jahre-Psych-Rock-Band BLO, deren „Chant To Mother Earth“ hier „Blue Sky“ heißt und ein zentraler Song des Albums ist. Bei BLO eine halluzinogene Opiumhöhle, macht Santanas Band aus „Chant“/“Sky“ eine neun Minuten lange jazzrockige Exkursion in die afrikanische Savanne. Die Farben sind betörend wie Fotografien dieser Landschaften, die Harmonien reich, die Emphase ist die der alten Jazz-Rock-Schule, die Santana freilich verkörpert. Über dem ganzen Jam liegt ein magischer Enthusiasmus. Da versteht man, was Santana mit der nahrhaften Speise meint: Am Ende des Lieds ist man satt. Einmal hat der malische Musiker Mory Kanté Santana ein Lob übermitteln lassen: „Dein Bauch ist voll, aber du bist hungrig danach, den Menschen zu essen zu geben.“

Ein anderes Lied, „Yo Me Lo Meresco“, heißt im Original „Blacky Joe“ und stammt von der ebenfalls nigerianischen 70er-Jahre-Band P.R.O., deren Fuzz-Gitarre und Psychedelik offenbar typisch für die dortige Rockszene jener Zeit sind. Carlos Santana übernimmt das langsam trottende Riff und entwickelt daraus eine rauschende Desert-Blues-Rock-Zelebration. Andere Songs sind weit weniger obskur, etwa „Breaking Down The Door“ von der trinidadischen Sängerin Calypso Rose. Das original „Abatina“ betitelte Lied wurde von Manu Chao komponiert und erschien 2016 auf Rose’ Album„Far From Home“ .

„Africa Speaks“ ist eine Mischung aus Komposition und Jam, inklusive wilder Wah-Wah-Soli und Percussion-Wirbel nach Art der frühen Santana-Werke. Rick Rubin tut nicht mehr und nicht weniger, als im Rahmen seines hellen, krispen Signature-Sounds die Signale so nebeneinanderzustellen, dass die Energie erlebbar wird. Santana schwärmt von der unmittelbaren Inspiration der Sessions. „Wenn Miles Davis oder John Coltrane im Raum gewesen wären, hätten sie gefragt: Wie habt ihr das gemacht?“

WOODSTOCK

Am Morgen des 16. August 1969 steigen Carlos Santana und seine Band – Gregg Rolie, Michael Shrieve, Michael Carabello, David Brown und José „Chepito“ Areas – in einen Helikopter, der aussieht, als käme er direkt aus Vietnam, um von Woodstock (dem Ort) zum Woodstock (dem Festival) geflogen zu werden. Die Wiesen von Max Yasgurs Farm sehen aus der Luft aus wie ein Flickenteppich – ein Flickenteppich aus 400.000 Menschen. „Nice crowd!“ sagt Santana scherzhaft zu Sänger Gregg Rolie. Er muss an seinen Vater denken, der ihm immer eingebläut hat, dass es egal ist, vor wie vielen Leuten man auftritt. Ein Restaurant in Tijuana oder eine Wiese in Woodstock – ein richtiger Musiker spielt immer aus tiefster Überzeugung und nimmt die Leute mit auf eine Reise.

Santanas eigene Reise an diesem Tag beginnt ein, zwei Stunden später, als er von seinem neuen Freund Jerry Garcia eine Portion Meskalin zum Frühstück bekommt. Laut Plan ist Santanas Bühnenzeit sehr spät am Abend – genug Zeit zum Wassertrinken und Drogen-Auspinkeln. Doch an diesem, dem zweiten Tag des Festivals ist Woodstock schon längst in ein Verkehrschaos gestürzt, diverse Bands kommen zu spät. Als Santana gegen 14 Uhr vorzeitig auf die Bühne geschoben werden, ist Carlos Santana tief in einem Trip versunken, der jede Note in Ewigkeit zerdehnt und den Hals seiner Gibson SG in eine Schlange verwandelt.

An die erste Hälfte des Sets wird er sich nicht mehr erinnern können, die zweite beschreibt er im Rückblick als Kampf mit dem Reptil – es ist eine der schönsten Folkloren von der „Woodstock Music & Art Fair“. Das Set wird ein Triumph, obwohl das Debütalbum der Band noch gar nicht veröffentlicht ist und kaum jemand auf dem Gelände die Band kennt. Sie bekommen gerade mal 750 Dollar Gage – werden dafür aber legendär. „Ich kann von Herzen sagen, dass ich sehr dankbar für diesen Tag bin“, erklärt Santana im Rückblick. „Im einen Moment bin ich Schüler an der Mission High School in San Francisco, und ein Augenzwinkern später stehe ich Seite an Seite mit Jimi Hendrix, The Who und Sly Stone auf einer Bühne. Wir waren gut vorbereitet damals – wir spielten sehr gut. Wenn ich mir heute die Filmaufnahmen des Festivals ansehe, sage ich: Sly Stone war die Nummer 1 in Woodstock, dann kam Jimi Hendrix, dann wir – und dann lange niemand. Selbst heute klingt unsere Musik frisch: weil sie etwas Neues brachte.“

Im August 2019 werden gleich zwei Festivals das Woodstock-Jubiläum begehen: eines am originalen Schauplatz in Bethel/New York, das andere drei Autostunden entfernt in Watkins Glen/ New York. Santana spielen auf beiden. Ist es wirklich gut, das größte Festival aller Zeiten mit einem Festival zu feiern, das nicht annähernd dieselbe Strahlkraft entwickeln kann? „Ich kann nur für mich persönlich sprechen. Das hier ist die Band, die vor 50 Jahren dabei war, und diese Band hat heute viel mehr Kraft als damals. Ich war damals ein ängstlicher junger Mann: Ich hatte Angst vor Vietnam, und ich hatte Angst, abgeschoben zu werden, Angst vor so vielen Dingen. Jetzt bin ich 71 Jahre alt und kann sagen: Ich habe keine Angst mehr. Wenn ich nun also noch einmal zurück nach Woodstock gehe, ist das keine Nostalgie – es ist eine neue Energie, die ich teilen möchte.“

SUPERNATURAL

Neben dem Woodstock-Jahrestag hat Carlos Santana 2019 selbst zwei Jubiläen zu feiern: das des Erscheinens seines Debütalbums,„Santana“ (1969), und das der Quasi-Wiedergeburt mit dem Album„Supernatural“ (1999). Letzteres hatte Clive Davis, damals Chef der Plattenfirma Arista, eingefädelt. Davis ist ein gewitzter Plattenmann, der in den 80er-Jahren die Karriere von Whitney Houston plante. Santana war ein respektierter „Classic Artist“, natürlich, und die Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame 1998 konnte man als Preis für das Lebenswerk verstehen, der dem Künstler möglicherweise nahelegen sollte aufzuhören.

Doch Davis hatte eine andere Idee: Der Gitarrist sollte im Rahmen eines Staraufgebots für die moderne Welt reaktiviert werden. Das fand man damals ein bisschen schwierig, weil es zu sehr nach Reißbrett klang, und weil das Album bei all den beteiligten Köchen kein stimmiges Rezept zu finden schien. Aber der Vorwurf des reinen Marketingkonzeptes greift nicht – man kann etwas an die große Glocke hängen, aber ob sie bimmelt, weiß man nicht. Und wie es dann bimmelte: Der von Matchbox-Twenty-Sänger Rob Thomas mit geschriebene und mit gesungene Song „Smooth“ hielt das Album, das sich millionenfach verkaufte, wochenlang an der Spitze der Charts. Der Erfolg hatte wohl mit Santanas Inspirationskraft zu tun. Mit dem richtigen Song, dem richtigen Momentum, der richtigen Plattenfirma. Dem richtigen Sound.

Doch bevor Santana sich auf Davis’ Projekt einlassen konnte, musste er einem anderen Branchenmogul trotzen: Island-Records-Chef Chris Blackwell hatte Santana unter Vertrag und ein Anrecht auf drei weitere Alben. Blackwell hatte Bob Marley, Tom Waits und Steve Winwood unter Vertrag, und wenngleich Carlos Santana nicht mehr sehr erfolgsträchtig war, hatte Blackwell doch noch einiges mit dem Star vor. Santana kannte Blackwell seit Jahrzehnten. Er machte etwas sehr Verblüffendes und Geschäftsunübliches, wie er selbst erzählt. „Ich ging zu ihm und sagte: Chris, ich bin schwanger. In mir wächst ein Meisterwerk, das zu den vier Enden der Erde gehen wird. Aber ich will es euch nicht geben, weil ich weiß, dass ihr es ruinieren werdet. Du musst mich gehen lassen!“

Dem Vernehmen nach war Chris Blackwell so beeindruckt, dass er sogleich die Verträge auflöste. Vielleicht hat es mit diesem Leuchten in Santana zu tun. Vielleicht hat Blackwell auch Angst bekommen. Vielleicht erkannte er eine höhere Notwendigkeit. Vielleicht erreichte ihn diese mystische, kosmische Frequenz der Übereinkunft. „Carlos Santana lebt sein Leben als friedliche Botschaft der Einheit“, sagt Rick Rubin. „Das ist in ihm und seinem Spiel immer gegenwärtig.“


„WIR NENNEN ES DAS ERWACHEN DES KOLLEKTIVEN BEWUSSTSEINS. ES IST EINE FREQUENZ, AUF DIE SICH ALLE EINSTIMMEN, DIE WIR IN WOODSTOCK VERKÜNDETEN“


BUIKA UND DER HEILIGE GEIST

Wenn man über„Africa Speaks“ redet, muss man über Buika reden. Die in Spanien geborene Sängerin mit westafrikanischen gerin Wurzeln singt Flamenco, Soul, Jazz, Reggae, Funk – alles geht bei der mehrfach grammynominierten Musikerin, die schon mit Pat Metheny und Chick Corea sang und zuweilen mit Nina Simone verglichen wird. Sie kam im Anschluss an die beschriebene zehntägige Session ins Shangri-La und arbeitete weitere zehn Tage an ihren Aufnahmen, während Santana in Australien und Neuseeland Konzerte spielten. „Ich mag sie wirklich sehr!“, bekennt Rick Rubin. „Als ich ihre Stimme hörte, schlug ich Carlos sofort vor, dass sie auf dem gesamten Album singt. Die Verbindung aus ihrer Ästhetik und Carlos’ Musik erschafft eine neue musikalische Form.“

Santana gab seiner Gastsängerin (außer ihr hat nur die britische Chanteuse Laura Mvula einen kurzen Auftritt) kaum Anweisungen – Buika „erträumte“ die Kompositionen zumeist ganz neu und nahm auf, was ihr in den Sinn kam. „Es war gleichzeitig sehr verunsichernd und befreiend, so zu arbeiten“, sagt die in Miami lebende Künstlerin. „Ich war nervös, ja. Aber ich war auch stolz. Und ich fühlte eine große Verantwortung.“ Buika lernte Santana erst während der letzten Tage ihrer Aufnahmen kennen. „Ich habe schon mit vielen Maestros gearbeitet“, sagt sie. „Sie alle leuchten hell, aber die meisten von ihnen haben keine Wärme. Als Carlos ins Studio kam, war das anders – als wäre der Raum plötzlich mit Menschlichkeit erfüllt!“

Buika macht das Afrikanische auf„Africa Speaks“ noch afrikanischer. Die stimmliche Emphase, die Kolorierung im Mehrstimmigen – man erkennt die musikalische Welt sofort. Aber gleichzeitig sind diese Gesänge Fanale der Freiheit: Buika singt die Grenzen hinweg. „Die Musik brachte mich zum Weinen, sie setzte etwas frei in mir. Nicht so sehr meine afrikanische Herkunft – mir wurde klar, dass ich genauso amerikanisch bin und spanisch und indisch und chinesisch. Ich bin jeder, wir alle sind in einem Lied vereint. Ich begann Texte zu singen, die einfach aus mir herauskamen, und Melodiebögen, die ich noch nie gesungen hatte.“

Klar, sagt Santana, das passiere, wenn der Heilige Geist über jemanden komme und auf eine tiefere spirituelle Ebene führe. „Es ist ein Ritual, um mit dem Universellen in Kontakt zu kommen – diese Rituale haben Menschen zu jeder Zeit vollzogen.“ Darin sind sich der Gitarrist und die Sängerin ganz nah – auch wenn das alles für weniger spirituelle Menschen ein Rätsel bleiben mag.

DIE JOHN-LENNONFREQUENZ

Damit ist man beim zweiten Thema dieses Albums, das für Carlos Santana ein Lebensthema ist: dem spirituellen Bewusstsein. Santana erkennt in seiner Musik mindestens seit Mitte der 70er-Jahre eine göttliche Qualität, eine Schwingung, die er als Grund für seinen Erfolg beschreibt. „Wir sind an einem Wendepunkt“, glaubt Santana. „Wir verändern die Narrative – es gibt ein inneres Licht, das jetzt sichtbar wird. Wir nennen es das Erwachen des kollektiven Bewusstseins. Wir sind alle verbunden, wir alle können die Welt positiv verändern. Bisher haben wir geglaubt, man bräuchte dafür einen Vermittler – einen Politiker, einen Priester, was auch immer –, aber wir verstehen langsam, dass jeder von uns segnen und Wunder vollbringen kann. Das ist eine ganz andere Botschaft als die, die derzeit viele Regierungen und Organisationen überbringen. Es ist wie eine Frequenz, auf die sich alle einstimmen. Wir haben sie schon in Woodstock verkündet und gefeiert, und wir tun es weiterhin. Künstler wie John Lennon oder Bob Marley wussten um diese Frequenz, und deshalb fühle ich mich bei ihnen in bester Gesellschaft. Ich bin sie, und sie sind ich.“


FOTOS VON MARC ROYCE

FOTO: GETTY IMAGES