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Das Märchen aus dem Orient


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myself - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 15.09.2021

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Fatma Said (rechts) und ihre Schwester Aisha singen zu Hause gemeinsam, die Bühnen zwischen Mailand und Hamburg erobert die Sopranistin allein.

Fatma Said, 30

Niemand kennt meine Stimme besser als meine Schwester. Wir singen zusammen seit unserer Kindheit, waren viele Jahre zusammen im Schulchor, hatten beide Gesangsunterricht und haben mehrmals am Wettbewerb „Jugend musiziert“ teilgenommen. Wenn Aisha eines meiner Konzerte besucht, muss ich ihr danach nicht erklären, wie ich meinen Auftritt beurteile. Sie hört feinste Nuancen und sieht jede Kleinigkeit in meinen Bewegungen. Meine Schwester hätte genau wie ich eine Karriere in der Musikwelt anstreben können. Das Potenzial hatte sie. Aber Aisha wollte seit der Grundschule Lehrerin werden.

2009 zog ich von Kairo nach Berlin, um Gesang zu studieren. Das war nicht nur für ägyptische Verhältnisse ein ungewöhnlicher Schritt, sondern auch in meiner Familie. Mein Vater ist zwar ein liberaler Politiker, aber niemand ist besonders musikalisch. Die Liebe zur Oper habe ich durch meinen Musiklehrer am ...

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... Gymnasium entdeckt, zu Hause haben wir keine Klassik gehört, sondern arabische Lieder, französische Chansons und Musicals. Diese Vielseitigkeit prägt mich bis heute. Es gibt Opernsänger, die sagen, dass sie keinen Pop singen können. Aber ich möchte mich in meiner Repertoireauswahl nicht einschränken lassen. Als ich damals nach Berlin kam, war ich erst 17 Jahre alt. Ich kannte niemanden, kannte auch das Land nicht. Meine Geschwister und ich hatten zwar die deutsche Schule in Kairo besucht, dennoch war das ein großer Schritt ins Ungewisse. Kontrollanrufe meiner Eltern, wann ich nach Hause gekommen sei oder wen ich träfe, fand ich überf lüssig. In meiner Wahrnehmung spielte das überhaupt keine Rolle: Ich wollte einfach allen zeigen, dass mein Studienfach genauso anspruchsvoll war wie Jura oder Medizin. Heute verstehe ich ihre Sorge.

Pop oder Oper – warum sollte man sich beim Repertoire einschränken?

Als Aisha zwei Jahre später zu mir zog, um Anglistik und Pädagogik zu studieren, hatte sie diese liebevoll gemeinte Überwachung nicht. Sie musste auch nie für ihre Berufswünsche kämpfen, weil ich all diese Unabhängigkeitskämpfe schon ausgefochten hatte. Das Schicksal einer großen Schwester. Eine Zeit lang fand ich das ungerecht, aber im Rückblick sehe ich vor allem, wie viel Vertrauen meine Eltern mir entgegengebracht haben, als sie mich allein ins Ausland gehen ließen. Heute sind sie stolz, wenn ich auf großen Bühnen oder bei einem Festival unter dem Eiffelturm singe.

Ich halte mich als Sopranistin aber nicht für etwas Besonderes. Ich möchte Menschen für klassische Musik begeistern, die sich damit noch nicht auskennen. Aisha vermittelt als Lehrerin Wissen, ich den Zauber unterschiedlicher Klangkulturen.

Aisha Said, 28, die Schwester

Manchmal werde ich gefragt, ob ich in der WG mit meiner Schwester eigentlich nur Klassik hören darf und ausschließlich Arien im Hintergrund laufen. Man glaubt, für eine Opernsängerin klinge Popmusik niveaulos. Dabei hatten Fatma und ich gerade auf Konzerten von JLo oder Beyoncé schon richtig viel Spaß.

Auch als wir noch in Kairo gelebt haben, haben wir Musical und Tanz geliebt. Wir waren immer eng miteinander, das hat sich nach unserem Umzug nach Berlin noch intensiviert. Ganz am Anfang war ich noch die „kleine Schwester“, auf die Fatma aufpassen sollte. Aber das hat sich schnell erledigt. Ich habe in Potsdam studiert, Fatma hatte als angehende Sopranistin auch kaum Zeit, auf mich aufzupassen. Sie musste unglaublich viel und hart arbeiten, da hat jeder seinen eigenen Alltag gehabt. Trotzdem hat uns die Zeit sehr zusammengeschweißt, und ich habe miterlebt, welche Opfer eine Karriere in der Klassik mit sich bringt. Fatma ist wahnsinnig diszipliniert, achtet sehr auf ihren Schlaf, ihre Ernährung, ihre körperliche Konstitution. Die Stimme ist ein sensibles Instrument, alles beeinf lusst sie.

Das ist auch ein Grund, warum ich diesen Beruf niemals ausüben könnte. Ich liebe zwar Musik, singe gerne und war immer im Chor, aber zum Leben einer Profimusikerin gehört so viel mehr als nur Talent. Fatma braucht neben Disziplin auch viel Flexibilität, weil sie oft verreist, in Hotels übernachtet, müde ankommt und wenig später auf der Bühne brillieren muss. Das bewundere ich. Mir würde auch die Geduld fehlen, wieder und wieder die gleichen Sequenzen zu üben. Nur wenn ich Englisch unterrichte, finde ich immer neue Wege, meinen Schülern etwas zu vermitteln, bis sie es verstehen. Für mich ist Lehren, besonders wenn es um Sprache geht, ebenfalls ein Kunsthandwerk, das viele poetische und musische Aspekte aufgreift. Das Arabische ist sehr melodisch. Als Kinder hat unsere Mutter uns abends oft Gedichte in unserer Muttersprache vorgelesen. Insofern ist es gar nicht überraschend, dass Fatma und ich beide ein Ohr für den Klang der Welt haben.

Das Arabische ist melodisch, deshalb haben wir ein Ohr für den Klang der Welt

Biografien

Fatma Said wurde 1991 in Kairo geboren. Mit 17 Jahren ging sie nach dem Abitur nach Berlin und studierte an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin Gesang. Ein Stipendium brachte sie ans renommierte Teatro alla Scala in Mailand. Sie ist die erste ägyptische Sopranistin, die jemals dort auftrat. Seitdem hat die 30-Jährige mehrere Klassik-Preise gewonnen und singt auf internationalen Bühnen und Festivals. Letztes Jahr erschien ihr hochgelobtes De bütalbum „El Nour“ (Warner Classics, 15 Euro). Sternzeichen: Krebs. Hobbys: Tanzen und (seit Neuestem) Schwimmen.

Aisha Said, geboren 1993 in Kairo, zog 2011 von Ägypten nach Deutschland.

Sie studierte in Potsdam Anglistik und Pädagogik auf Lehramt. Seit drei Jahren arbeitet sie als Lehrerin an einer Waldorfschule in Berlin. Die Schwestern haben noch einen jüngeren Bruder, der in den USA studiert. Sternzeichen:

Fische. Hobbys: Backen, Karaokebars, Joggen.