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„Das magische Gefühl, alles selbst gebaut zu haben“


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Kleiner Wohnen Spezial - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 01.09.2022

NOAM UND LEA, SACHSEN-ANHALT

Artikelbild für den Artikel "„Das magische Gefühl, alles selbst gebaut zu haben“" aus der Ausgabe 1/2022 von Kleiner Wohnen Spezial. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kleiner Wohnen Spezial, Ausgabe 1/2022

Mittlerweile baut Noam Blockhäuser, doch viele Jahre seines selbstständigen Berufslebens hat er erfolgreich individuelle Tiny Häuser entworfen und gebaut. So auch das eigene Haus – dieses zusammen mit seiner Frau Lea. Es beeindruckt mit zwei Etagen, 42 Quadratmetern Wohnfläche und einem ausfahrbaren Erker auf einer Seite (der einen Teil der Wohnfläche um einen zusätzlichen Meter verbreitert) sowie insgesamt drei Zimmern, viel Stauraum und sogar einer Badewanne im Bad. So „viel“ Platz wird auch benötigt, denn die beiden leben dort nicht allein, sondern zusammen mit ihrem Sohn (7 Jahre) und ihrer Tochter (4 Jahre). Für das Haus wurden rein ökologische Materialien verwendet: Der Rahmen und die Verschalung sind aus Holz, für die Dämmung wurden Zellulose, Holzfaser und Schafwolle genutzt.

Lea und Noam sind seit 2009 ein Paar und haben zusammen schon turbulente Jahre mit ...

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... vielen Ortswechseln erlebt. Kennengelernt haben sie sich in Südamerika. Noam, ursprünglich aus Israel stammend, lebte zu diesem Zeitpunkt in Kanada, Lea in Holland, wo sie Europawissenschaften studierte. So führten sie das erste Jahr eine Fernbeziehung zwischen Vancouver und Den Haag. Als Lea nach dem Studium zurück nach Berlin ging, „holte ich mir Noam hierhin“. Doch Berlin entpuppte sich für beide zu diesem Zeitpunkt noch nicht als der richtige Ort, und so zogen sie weiter nach Frankreich, in die Provence, wo auch ihr Sohn geboren wurde. Als dieser 18 Monate war, ging die kleine Familie zurück nach Deutschland – zuerst für drei Jahre zu Leas Eltern nach Kleinmachnow, einem Vorort von Berlin, danach für kurze Zeit auf einen alten Hof in Brandenburg. Mittlerweile zu viert, denn in der Zwischenzeit wurde ihre Tochter geboren.

Es galt sich zu orientieren. Einerseits hatten sie noch nicht den Ort gefunden, an dem sich beide dauerhaft verwurzeln wollten – andererseits entstand schon länger und zunehmend der Wunsch nach einem eigenen Haus. Das Konzept eines Tiny-House-Lebens erschien ihnen daher sehr überzeugend. Auch, weil Noam in Frankreich sein erstes Tiny House als Auftragsarbeit gebaut hatte. Es sollte ein Lebens- und Geschäftsmodell für die kommenden Jahre werden.

In Berlin entstand eine langjährige Kooperation und Zusammenarbeit mit dem Architekten Van Bo Le-Mentzel. Er ist bekannt für seine gesellschaftspolitischen Utopien zu bezahlbarem und nachhaltigem Mini-Wohnraum, gerade in Städten, für Menschen mit wenig Einkommen. In einem einjährigen, durch Van Bo kuratierten Projekt, dem „Bauhaus Campus Berlin“, wurde neben anderen Tiny Häusern auch Noams „Holy Foods House“ konzipiert, gebaut und ausgestellt : Ein Tiny House mit einem öffentlichen Foodsharing-Regal, ein freies Projekt und künstlerisch-gesellschaftliches Experiment für ökologische Nachhaltigkeit. Ein Thema, das Noam sehr am Herzen liegt und das er nicht auf ein Tiny-House-Leben beschränkt sehen möchte – er hofft, dass es noch viel weiter in den gesellschaftlichen Fokus rückt.

In seinen Auftragsarbeiten hat er die Tiny Häuser für seine Kunden zuerst allein gebaut, mit Hilfe von befreundeten Kollegen. Mit der Zeit ging er aber zunehmend dazu über, Kunden Workshops anzubieten, um deren individuelle Wünsche auszugestalten und in Baupläne zu übersetzen – und ihnen schließlich dabei zu helfen, an ihren Minihäusern mitzubauen.

Ein sehr erfolgreiches Geschäftsmodell: Es entstanden viele Workshops in seiner Werkstatt, Begegnungen mit Menschen – und Häuser unterschiedlichster Art. Ein Selbstläufer mit so vielen Aufträgen, dass er und seine Familie gut davon leben konnten. Doch irgendwann merkte Noam, dass er für seine Arbeit nicht mehr richtig brannte. Als Zimmermann liebte er es, mit Holz zu arbeiten, doch in der Arbeit an Tiny Häusern sah er eher eine Holzverarbeitung denn eine wahre Holzbearbeitung, so wie er es aus seiner Arbeit in Kanada gewohnt war. Als sich dann die Möglichkeit bot, freiberuflich für einen Blockhausbauer zu arbeiten, musste er nicht lange überlegen und nahm das Angebot an. Sein Tiny-House-Geschäft läuft zwar parallel weiter, jedoch zeichnet er nur noch die Entwürfe und delegiert die Bauarbeiten an befreundete Kollegen.

Wie für den Großteil der Menschen, die sich in Deutschland für ein Leben im Tiny House entschieden haben, ist die Stellplatzsuche auch für Lea und Noam das größte Problem. In Sachsen-Anhalt, nahe der Landesgrenze zu Brandenburg, sind sie vorläufig fündig geworden.

Ihr Wagen steht im hinteren Teil des weitläufigen Grundstücks einer noch leerstehenden Villa, die von einer Eigentümergemeinschaft erworben wurde und in Eigenarbeit schrittweise saniert wird. Das Grundstück befindet sich recht abgelegen zwischen zwei Ortschaften und ist eingerahmt von Feldern und einer Landstraße. Eine weitere Familie lebt dort mit ihren Kindern ebenfalls in einem Tiny House, es gibt ein paar Gemeinschaftseinrichtungen wie die Toilette, ein Sauna-Tiny-House, oder eine zusätzliche Außenküche.

Gute Anbindung gesucht

Für die Kinder ist das Leben auf dem weitläufigen Gelände ein kleines Paradies, inmitten der Natur und in Nähe zu Tieren, sogar auch wilden – wie dem Wolf, der in der Gegend wieder ansässig ist. Für Lea und Noam ist der Standort dagegen noch nicht ganz perfekt. Zwar bietet sich ausreichend Platz fürs Gärtnern (beide beschäftigen sich mit regenerativer Landwirtschaft). Andere Punkte empfinden sie dagegen als zu großen Kompromiss. Jede Fahrt – sei es in einen Laden, zu Noams Arbeit, in die Wald-Kita oder zu Freunden der Kinder – dauert aufgrund der recht abgelegenen Lage mindestens 20 Minuten. Für all diese täglichen Fahrten benötigen sie das Auto, was im Widerspruch zum eigenen ökologischen Anspruch steht und jedesmal einen inneren Konflikt für sie darstellt. Da ihr Sohn demnächst eingeschult wird und auf eine Waldorfschule in der Nähe von Potsdam gehen soll, sind Lea und Noam auf der Suche nach einen neuen Standort für ihr Tiny House – möglichst nah am Schulort und mit einer guten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Sie würden, wenn die Parameter passten, auch ein Grundstück kaufen, denn bei beiden wächst die Sehnsucht, irgendwo anzukommen. Die vielen Ortswechsel der Vergangenheit empfanden sie zunehmend ermüdend. Die ständige Mobilität schließt auch vieles aus: So fehlt etwa Lea, die sich in Vollzeit um die beiden Kinder kümmert, ein soziales Netzwerk. Ihr absoluter Traum, geprägt durch ihre eigene Kindheit am Schlachtensee, ist ein Grundstück in direkter Wasserlage, gerne an einem See. Vielleicht ist dies in Brandenburg mit seinen unzähligen Seen ja doch irgendwie zu realisieren.

Doch wie lebt es sich als vierköpfige Familie in einem Tiny House? Und wollen sie dies auch langfristig tun? Noam eher nicht, Lea ist dagegen mit dem „Tiny-House- Lebensgefühl noch nicht ganz durch“. Sie sieht aber, dass das Haus, je älter die Kinder werden, zu wenig Platz und Raum für Rückzug bietet. „Man kriegt einfach alles mit, es fehlt ein bisschen Intimsphäre.“ Während sie das zu Beginn, als die Kinder noch sehr klein waren, als schön und bereichernd empfanden, schlug dieses Gefühl mit der Zeit ein wenig um. Dem Problem kann man baulich zwar noch etwas entgegenwirken, indem man im Haus Türen einbaut – oder am nächsten Standort, sollte er denn dauerhaft sein, das Haus um einen festen Wintergarten erweitert. Denn eines ist klar: Beide wollen mit ihren Kindern in einem Haus wohnen, und so schnell möchte Lea das eigene Tiny House nicht aufgeben, denn es ist für sie weiterhin „ein cooles und magisches Gefühl, dies alles selbst gebaut zu haben“.

Aber auch einen Umzug kann sie sich letztendlich vorstellen. Allerdings nicht in ein neu zu bauendes Haus – denn sie möchte keine weiteren Flächen mit einem Betonfundament versiegeln, sondern hat vielmehr das Bedürfnis nach nur minimalistischer Einflussnahme auf die Umwelt. Einen alten Hof zu sanieren und dort in einer Gemeinschaft zu leben, könnte sie sich als Alternative zum Tiny House dagegen gut vorstellen. Und wenn doch ein neues Haus gebaut werden soll, dann nur ein Blockhaus – zusammen mit Noam und am besten direkt am See. •