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Das Markenzeichen des Johannes


Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 23.07.2021

Die Taufe des Johannes im Kontext seiner Zeit

Artikelbild für den Artikel "Das Markenzeichen des Johannes" aus der Ausgabe 3/2021 von Welt und Umwelt der Bibel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 3/2021

Prof. Dr. Markus Öhler

leitet das Institut für Neutestamentliche Wissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. Sozialgeschichte des frühen Christentums und antike Religionsgeschichte.

Allen Zeugnissen über Johannes, die aus der antiken Literatur überliefert sind, ist gemeinsam, dass sie diesen Mann stets als „Täufer“ (baptistēs) bzw. als „Taufenden“ (baptizōn) bezeichnen. Die Taufe war sein signature move, also jene Handlung, an der man ihn offenbar von anderen religiösen Gestalten unterschied. Das Wort „taufen“, das etymologisch von „tauchen“ herkommt, nimmt die Bedeutung des Griechischen baptizō sehr gut auf: Der Täufer tauchte eine Person in Wasser vollständig unter. Als Ritual hatte dieses Untertauchen eine symbolische Funktion. Es diente nicht zur Reinigung von Schmutz, sondern ...

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... zur vollständigen Reinigung des Menschen an Körper und Seele.

Waschungen in griechischen und römischen Kulten Religiöse Waschungen mit Wasser waren in der Antike selbstverständlich und sie sind es bis heute z. B. im Judentum oder Hinduismus. Die Vorstellung, dass Reinheit zur Begegnung mit einer Gottheit nötig ist, teilt die antike Welt insgesamt. In griechischen und römischen Kulten spielten Waschungen daher eine wichtige Rolle. Dementsprechend legten Regeln fest, dass Reinigungsbäder vor dem Betreten von Heiligtümern zu erfolgen hätten. Damit konnten Verunreinigungen, die mit Tod oder Sexualität zusammenhingen, beseitigt werden. In einer Ordnung eines Heiligtums für Men Tyrannos (Laurion, 2./3. Jh. nC) wurde z. B. festgelegt, dass man sich „von Kopf bis Fuß“ waschen müsse, um im Heiligtum Opfer darbringen zu dürfen (IG II 2 1366). Der Protagonist Lucius erzählt in dem Roman Metamorphosen des Apuleius (2. Hälfte 2. Jh. nC), dass er vor der Einweihung in die Mysterien der Isis zuerst ein normales Bad nehmen musste, dann aber auch von dem Priester ringsum mit Wasser besprengt wurde (11,23).

Waschungen im antiken Judentum Für die Taufe des Johannes waren alttestamentliche Traditionen und die gelebte Praxis jüdischer Religiosität bestimmend. Selbst der Stoiker Epiktet erwähnt das Eintauchen als typisch jüdischen Brauch (diss. 2,21). Reinheit und Unreinheit galten im alten Israel und antiken Judentum als Qualitäten, die über die Kultfähigkeit entschieden. Hatte sich ein Mensch durch bestimmte Handlungen (z. B. Essen verbotener Speisen, Berührung von Toten) oder körperliche Phänomene (z. B. Krankheit, Samenfluss, Menstruation) verunreinigt, war ein Reinigungsritual vorgeschrieben. Bei manchen, wie etwa bei Aussatz oder dem Austritt von Körperflüssigkeiten, enthielt dies auch ein Bad (Lev 14-15). Diese Bestimmungen galten für Priester grundsätzlich beim Betreten des Heiligtums (Lev 16,24; vgl. Ex 30,18-21). Außerdem wurden auch Kleidung, Häuser oder andere Gegenstände mittels eines Waschrituals gereinigt, sodass die Verunreinigung nicht mehr übertragbar war.

QUELLEN TEXT

Reinigung des Lucius vor der Einweihung in die Mysterien der Göttin Isis:

„Und schon verlangte es die Zeit, wie der Priester sagte, dass er mich, umgeben von der Schar der Frommen, zum nächsten Bad führt, und nachdem ich zunächst ein gewöhnliches Bad genommen hatte, betet er um der Götter Gnade und reinigt mich dann völlig, mich ringsum mit Wasser besprengend.“ (Apuleius, Metamorphosen 11,23, Übers. Helm)

In Palästina wurden dementsprechend zahlreiche Bäder gefunden, in denen diese Reinigungen stattfanden, wenngleich selbstverständlich auch natürliche Gewässer dafür genutzt wurden. Die ältesten dieser Mikwen stammen aus dem 1. Jh. vC. Die Ausgestaltung eines solchen Tauchbades und sein Gebrauch wurde später durch die Rabbinen in Mischna und Talmud festgehalten (Traktat Mikwaot). Die zahlreichen Funde von Mikwen in Israel, u. a. in Jerusalem, Massada, Sepphoris und Qumran, zeigen, wie verbreitet diese Praxis war. Sowohl die Texte von Qumran als auch die späteren rabbinischen Vorschriften, die bis heute gelten, zeigen folgende Eigenheiten: Tauchbäder wurden immer wieder durchgeführt. Man tauchte sich selbst unter, entweder im privaten Rahmen oder im Zusammenhang mit einer Synagoge.

Das Bad hatte die Funktion, die kultische Reinheit – den eigentlichen Zustand des Menschen – wiederherzustellen. Dies wird auch an den archäologischen Zeugnissen erkennbar: Die Stufen, die in das Wasser führen, sind häufig geteilt. Auf einer Seite geht man verunreinigt in das Becken, auf der anderen steigt man gereinigt heraus.

Reinigungsbäder in Qumran

In der sogenannten Sektenregel von Qumran wurde für denjenigen, der der Gemeinschaft beitreten will, festgelegt, dass er „zur Tora des Mose umkehren müsse“. Erst dann dürfe er „ins Wasser kommen“ (1QS 5,8-14). Er „wird gereinigt von allen seinen Verschuldungen … sich zu heiligen durch Wasser seiner Reinheit“ (1QS 3,6-12). Umkehr, Sühne und Tauchbad ermöglichen, in die Gemeinschaft einzutreten und Gott anzubeten. Das Reinigungsbad bleibt daher auch den Mitgliedern der Gemeinschaft vorbehalten (1QS 2,25-3,6). Auch die Essener, die Josephus darstellt, kannten solche Tauchbäder als eine der Voraussetzungen für die Aufnahme in die Gemeinschaft (Jüdischer Krieg 3,138). Diese Rituale waren auch fortwährend Teil ihrer kultischen Versammlungen (3,129).

Reinigung angesichts des Gerichts

Johannes gestaltete die bekannte Form der Waschungen zu einer eschatologischen Zeichenhandlung um: Das Reinigungsbad vollzogen Menschen nicht mehr selbst, sondern er, Johannes, der von Gott gesandte Prophet, tauchte die Umkehrwilligen öffentlich im Jordan unter. Als der letzte Warner vor dem Anbruch des Gerichtstages Gottes gewährte er die einzige Möglichkeit zur Rettung.

Die Taufe sollte den Menschen von den Sünden reinigen, die ihn für die unmittelbar bevorstehende Begegnung mit Gott ungeeignet machen würden. Sie stand aufgrund ihres endzeitlichen Charakters damit allerdings in einer gewissen Spannung zum Opferritus am Jerusalemer Tempel. Das meinte freilich keine grundsätzliche Ablehnung von Opfern. Es entsprach vielmehr einer Haltung, die für Propheten typisch ist: Sie wirkten immer schon außerhalb der etablierten Strukturen, weil diese nicht erreichen konnten, was nach Meinung der Gesandten Gottes unbedingt nötig war. Im Fall von Johannes sah er allein in der Waschung im Jordan, die er durchführte, die Rettung vor dem kommenden Gericht. Eine andere Möglichkeit, der „Taufe mit Feuer“ (Mt 3,11 par. Lk 3,16) zu entkommen, sah er nicht. Nur wer sich diesem von ihm vollzogenen Ritual unterzog, konnte vor Gott bestehen. Opferhandlungen und das Hoffen auf Gottes Erbarmen reichten nach Meinung des Johannes dafür nicht aus. Eine ähnliche Aussage findet sich übrigens Ende des 1. Jh. nC in einer jüdischen Überarbeitung des 4. Buches der Sybille. Darin wird gefordert, den ganzen Leib in ewig fließendem Wasser zu reinigen, um Vergebung zu bitten sowie Sühne zu leisten und so dem Gericht zu entgehen (Sib 4,162-170).

Für die Taufe des Johannes waren alttestamentliche Traditionen und die gelebte Praxis jüdischer Religiosität bestimmend

Zeichen der Umkehr

Zum anderen hatte die Taufe des Johannes auch eine initiatorische Funktion. Der oder die Getaufte trat damit in eine neue Lebensphase ein, die zugleich auch eine Wiederherstellung der ursprünglichen Gottesbeziehung war. „Johannes predigte die Taufe der metanoia zur Vergebung der Sünden“, fasst der Evangelist Markus zusammen (Mk 1,4). Bei Matthäus heißt es noch deutlicher, dass die Taufe „zur metanoia“ führen sollte (Mt 3,11). Der Terminus metanoia, der dann auch in frühchristlicher Verkündigung eine Rolle spielt, meint hier „Umkehr“, die „Veränderung des Sinnes“ (meta-noia). Auch die Qumrangemeinschaft legte Wert darauf, dass mit der Waschung die Einhaltung der Tora verpflichtend war. Für Johannes geschah dies in pointierter Weise vor dem Horizont des nahen Gerichts. Der Täufer forderte daher auch „Frucht, die der Umkehr würdig ist“ (Mt 3,8 par. Lk 3,8). Deshalb ist, auch wenn dies in den Texten nicht ausdrücklich gesagt wird, davon auszugehen, dass das Untertauchen im Jordan ein einmaliges Ereignis war, im Unterschied zu den wiederholten Waschungen im zeitgenössischen Judentum. Wer einmal getauft worden war, konnte nicht noch einmal kommen, denn sonst wäre seine Umkehr keine Umkehr gewesen.

Josephus über die Johannestaufe

Bei dem jüdischen Historiker Josephus findet sich eine eigenständige Beschreibung der Taufe, verfasst um 93/94 nC (Antiquitates 18,117):

„Diesen [sc. Johannes] nämlich tötete Herodes, obwohl er ein guter Mann war und die Juden dazu aufforderte, wenn sie Tugend übten und Gerechtigkeit gegeneinander und Frömmigkeit gegenüber Gott, zur Taufe zu kommen. Dann werde ihm [sc. Gott] die Taufe angenehm sein, wenn sie diese nicht als Abbitte für ihre Sünden anwenden, sondern zur Heiligung des Körpers; denn die Seele sei nämlich schon zuvor durch die Gerechtigkeit gereinigt worden.“

Für Josephus geschieht die Reinigung nicht durch das Ritual des Tauchbades, vielmehr fungiert dieses als Zeichen der schon zuvor geüb-ten Gerechtigkeit. Auch wenn Josephus den inneren Umkehrprozess in den Vordergrund rückt, ist hier ebenfalls die ethisch-religiöse Neuorientierung mit dem Tauchbad verbunden. In dieser Beschreibung des Johannes fehlt allerdings der Aspekt des nahen Gerichts, der in den Evangelien stark betont wird. Der Grund für diese Art der Darstellung liegt darin, dass Josephus einem nichtjüdischen Publikum Johannes als eine Art Lehrer tugendhaften Verhaltens präsentieren wollte. Die Taufe spielte daher nur eine zeichenhafte Rolle. Doch wie aus den Evangelien wird auch aus Josephus deutlich: Die Taufe des Johannes war mit der Forderung der Umkehr verbunden. Sie war keine magische Handlung, die automatisch vor dem Gericht retten sollte.

Wasserrituale der Mandäer

In der antiken Religionsgeschichte waren es die Mandäer, bei denen die Verehrung des Täufers und die Praxis der Waschungen eine breitere Entfaltung fanden. Zu dieser Gemeinschaft gehören gegenwärtig etwa 60.000 Menschen, vor allem im südmesopotamischen Raum. In ihr spielen Wasserrituale eine wichtige Rolle, was sich u. a. an der arabischen Fremdbezeichnung „Sabier“ (Täufer) zeigt. Sie selbst nennen sich „Nazoräer“, da sie sich an Enthaltungsvorschriften des Alten Testaments halten (vgl. Num 6). Waschungen finden bei den Mandäern in Becken statt, die „Jordan“ genannt werden. Sie zelebrieren sie wöchentlich sowie an Feiertagen, bei Hochzeiten oder Priesterweihen, aber auch im Fall von Verunreinigungen. Mandäer erwarten von den Waschungen Reinigung, Vergebung der Sünden, vor allem aber die Verbindung mit der Welt des Lichts: „Lasst den Jordan frei fließen und tauft euch. Tauft eure Seelen mit der lebendigen Taufe, die ich euch aus den Lichtwelten gebracht habe, mit der alle Vollkommenen und Gläubigen getauft sind“ (GR I,123). Bei ihrem Ritual tauchen sich die Gläubigen selbst unter, werden aber auch durch Priester mit Wasser besprengt. Häufig wird angenommen, dass sich die mandäische Religion aus antiken jüdischen Traditionen bzw. Täufertraditionen entwickelte. Dafür sprechen u. a. die Bedeutung des Jordan und die prominente Rolle von Johannes, wie sie z. B. im „Johannesbuch“ der Mandäer erkennbar wird. Dagegen wird auf die eindeutige geografische Verankerung in Mesopotamien verwiesen. Denkbar wäre daher, dass sich diese Religion aus iranischer Kultur mit Einflüssen des babylonischen Judentums entwickelte und die Johannestraditionen erst durch den Kontakt mit dem spätantiken Christentum hinzukamen. (Markus Öhler)

Die Taufe Jesu

Der Umstand, dass sich Jesus von Nazaret von Johannes taufen ließ, gehört zu den wenigen Elementen der Biografie Jesu, die zu Recht in der Regel für historisch zutreffend gehalten werden. Jesus wurde damit einerseits mit einer bedeutenden Gestalt seiner Zeit verbunden, doch zeigen die Evangelien andererseits, dass das Verhältnis zwischen Johannes und Jesus für die christlichen Autoren ein theologisches Problem darstellte. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Taufe, die Johannes durchführte, mit Umkehr und Vergebung der Sünden zusammenhing. Sollte denn Jesus, der Christus und Gottessohn, eine solche Taufe nötig gehabt haben? Das Markusevangelium legt dies nahe. Im Matthäusevangelium wird es aber im Grunde schon verneint (Mt 3,13-15). Das Lukasevangelium erzählt die Taufszene gar nicht mehr, sondern konstatiert nur die Tatsache der Taufe (Lk 3,21). Im Evangelium nach Johannes erfährt man schließlich gar nicht mehr, dass Jesus getauft worden war.

Wer einmal getauft worden war, konnte nicht noch einmal kommen, sonst wäre seine Umkehr keine Umkehr gewesen

Jesu Taufen und die christliche Taufe Im Johannesevangelium findet sich die Bemerkung, wonach Jesus selbst getauft hätte (Joh 3,22-27). Diese Aussage ist so ungewöhnlich, dass sie noch im selben Buch korrigiert wird (Joh 4,2): Nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger hätten getauft. In der Tat ist wenig wahrscheinlich, dass Jesus das Ritual des Johannes übernommen hat. Abgesehen davon, dass die anderen Evangelien davon nichts wissen, hätte eine entsprechende Praxis Jesu perfekt als Begründung der christlichen Taufe fungieren können. Als die Christusgläubigen aber selbst zu taufen begannen, wurde nie auf das Beispiel Jesu verwiesen. Auch der Taufbefehl, den Matthäus am Ende seines Evangeliums formuliert (Mt 28,19), weiß nichts davon, dass hier eine vorösterliche Praxis weitergeführt werden sollte.

Die frühchristliche Taufe war vielmehr das Ergebnis eines Ritualtransfers, bei dem manche Elemente übernommen oder weggelassen wurden, andere neu hinzukamen. Das geschah wahrscheinlich schon in den ersten Wochen nach Ostern, da die Taufe von allen Formen des frühen Christentums geteilt wurde. Wie bei Johannes taufte man sich nicht selbst und tat dies nur ein einziges Mal. Die Taufe war ein öffentliches Geschehen gegenüber Gott und den Menschen. Sie diente wie bei Johannes „zur Vergebung der Sünden“ (Apg 2,38; vgl. Röm 6,1-11). Der Gerichtsaspekt trat in den Hintergrund, betont wurde die Verbindung mit der Geistesgabe, vor allem in der Apostelgeschichte (vgl. auch 1 Joh 2,20.27). Zentral wurde das Element der Zugehörigkeit: Der „auf den Namen Jesu“ Getaufte gehört Christus, er ist sein Eigentum. Daher spielte in der christlichen Taufe auch die Person des Taufenden keine Rolle mehr (vgl. 1 Kor 1,13-17). Und: Der Getaufte wurde Teil einer Gemeinschaft, die u. a. dadurch gekennzeichnet war, dass alle dasselbe Ritual durchlebt hatten. „In einem Geist sind wir alle zu einem Körper getauft worden“, schrieb Paulus (1 Kor 12,13).

Die Etablierung einer Gemeinschaft von Getauften war nicht das Ziel der Johannestaufe, denn der Täufer erwartete das unmittelbare Gericht. Der Umstand, dass es lange nach seinem Tod noch „Jünger des Johannes“ gab, ergab sich aus der besonderen Rolle, die ihm im Wirken Gottes zugesprochen wurde. Abgesehen von Jesus, der nach Lk 7,28 Johannes als den größten Propheten betrachtete, sind hier Apollos und die Johannesjünger aus der Apostelgeschichte zu nennen (Apg 18,25; 19,1-7). Die Überlegung, dass das Johannesevangelium auch Täuferanhänger ansprechen wollte, hat viel für sich: Gerade in diesem Evangelium werden sowohl Hochschätzung des Johannes wie Überlegenheit Jesu besonders betont.

Das Proselytentauchbad

Die Möglichkeit, sich als Nicht-Jude dem Judentum anzuschließen, hatte im antiken Judentum eine lange Tradition. Männliche Konvertiten, die „Proselyten“ (Hinzugekommene) genannt werden, mussten sich beschneiden lassen. Zu Konvertitinnen finden sich keinerlei Angaben zu einem spezifischen Ritual. Daher wird oft angenommen, dass für Frauen das erst in späterer Literatur belegte Tauchbad üblich war. Erst der Talmud erwähnt ein solches zusätzlich zur Beschneidung, wenngleich es dort noch umstritten ist, wie nötig es ist (bYev 46a). Die Besonderheit des Tauchbades von Konvertiten und Konvertitinnen im Vergleich zu den üblichen Waschungen im Judentum ist lediglich die Einmaligkeit. Von der Johannestaufe unterscheidet es sich u. a. dadurch, dass es keinen Täufer gibt. Zudem ist es nicht ausdrücklich mit Sündenvergebung verbunden. Außerdem richtete Johannes seine Aufforderung an Juden und Jüdinnen, während das Proselytentauchbad ausschließlich für Menschen aus den Völkern vorgesehen ist. Der Mangel an vorrabbinischen Belegen für das Proselytentauchbad lässt daher darauf schließen, dass es sich erst in späterer Zeit als eigenständiger Ritus entwickelte, der mehr und mehr Bedeutung gewann. Möglicherweise trug dazu auch die hohe Wertung der christlichen Taufe bei.

Lesetipps

• Markus Öhler (Hg.), Taufe, Themen der Theologie 5, Tübingen 2012.

• David Hellholm (Hg.), Ablution, Initiation, and Baptism, BZNW 176,1-3, Berlin/New York 2011.

• Everett Ferguson, Baptism in the Early Church, Grand Rapids 2009.