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Das Massaker von Eulau


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 18.03.2022

1. KAPITEL STEIN

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 4/2022

Seit 4500 Jahren eng umschlungen im Grab

Eine Rekonstruktion aus Skelettresten: links die Mutter mit einem Sohn, rechts der Vater mit dem zweiten Sohn. Offenbar existierten schon sehr früh in der europäischen Geschichte intime Familienbande. Das Grab bei Eulau gilt als weltweit frühester Beleg für die Existenz einer Kernfamilie

Die 30 Jahre alte Frau ist mit ihrer fünfjährigen Tochter gerade dabei, von den Hecken am Rand des Dorfes Beeren abzulesen, als sie ein Pfeil mitten in die Brust trifft. Ein zweiter schießt ihr in die Wirbelsäule. Sie verblutet so schnell, dass sie die anderen nicht mehr warnen kann.

Es sind erfahrene Krieger, die ihr aufgelauert haben. Und die, nachdem sie ihre Tochter er-

schlagen haben, im Weiler noch drei weitere Familien mit Pfeilschüssen und Axthieben töten.

Der Überfall ist ein Schock, die Angehörigen sind erschüttert

In dem Dorf, das Archäologen der ...

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... Schnurkeramik-Kultur zuordnen, sterben an jenem Tag vor rund 4500 Jahren 13 Menschen. Als ihre Angehörigen später mit Holz und geernteter Gerste zurückkehren, sind sie ins Mark erschüttert. Der Überfall wird im Jahr 2005 als Massaker von Eulau bekannt.

»Sie würden sich wohl im Grab umdrehen, wüssten sie, dass sie heute nach ihren Töpferwaren benannt werden«

Bestseller-Autor Kai Michel über die kriegerischen Schnurkeramiker und Glockenbecherleute

Das Drama von Eulau ist ein Teilchen im Puzzle der Zeitenwende, in der gegen Ende der Jungsteinzeit in Europa zwei neue Kulturen auftauchen, die sich rasch und möglicherweise auf kriegerische Weise verbreiten: zum einen die Schnurkeramik-Kultur, früher als Streitaxt-Kultur bekannt, die zwischen 2800 bis 2000 v. Chr. von der Ukraine bis in die Schweiz vordringt. Und zum zweiten die Glockenbecher-Kultur, die sich ab 2600 v. Chr. von Marokko bis nach Ungarn und bis 1800 v. Chr. auch in Großbritannien ausbreitet.

Am Ende der Jungsteinzeit kommen Steppenhirten aus der heutigen Ukraine

Ihre Wanderungen und Siedlungen streifen das Gebiet der Menschen der älteren Schönfelder Kultur. Diese leben zwischen 2900 und 2100 v. Chr. beiderseits der Elbe: südöstlich von Hamburg bis Böhmen – und damit nicht allzu weit von Eulau entfernt.

Bei den einwandernden Steppenhirten der Schurkeramik-Kultur handelt es sich zu jener Zeit hauptsächlich um Männer. Anhand ihres Y-Chromosoms, das auf der männlichen Linie weitergegeben wird, lässt sich nachverfolgen, wie sich die Einwanderer in Europa ausbreiten. Eine Theorie besagt, dass diese Ausbreitung nicht friedlich stattfindet, sondern dass es ein endloses, grauenhaftes Massaker an den einheimischen Männern gibt. Eine andere Theorie geht davon aus, dass ein Pesterreger wütet. Jedenfalls kommt es im 3. Jahrtausend v. Chr. in Mitteldeutschland zu einem umfassenden Bevölkerungswechsel: 75 Prozent der Schnurkeramiker-DNA stammt schließlich von den Steppennomaden.

Kultur der Glockenbecher

Die keramischen Glockenbecher haben einen flachen Boden und sind üblicherweise von oben bis unten vollständig mit horizontalen Mustern geschmückt. Das abgebildete Tongefäß wurde in Niederösterreich entdeckt

Kultur der Schnurkeramik

Das Gefäß ist mit den typischen Rillenmustern der Schnurkeramik verziert: Die Ornamente wurden dabei mit einer gedrehten Schnur in den weichen Ton gedrückt. Rechts vorne ist das Relikt eines Steinbeils

Zu dieser Zeit gilt die Streitaxt als das wichtigste Symbol männlicher und sozialer Überlegenheit. Krieger werden häufig mit ihrer Lieblingsaxt in der erhobenen Hand bestattet, und um die Becher der waffentragenden Herrschaften wird ein besonderer Kult getrieben.

Mancherorts gehört jeder dritte Mann einem kämpfenden Kriegerclub an

Zur Kriegerkaste der Schnurkeramik-Kultur gehören männliche Dorfbewohner, die das Recht haben, Waffen zu tragen. Deren bescheidener Reichtum besteht aus schönen Äxten und Trinkbechern, Dolchen und Keulenköpfen aus Stein. Je nach Region gehört ein Drittel der Männer solchen Kriegerclubs an, die weitgehend egalitär sind. Den Funden zufolge schätzen die Mitglieder vor allem das Kämpfen, Reisen und Alkoholtrinken – Kriegervorlieben, die man auch in den späteren Menschheits epochen findet. Das Statussymbol dieses frühen Kriegeradels ist die Streitaxt: eine Waffe, die schwere und tiefe Verwundungen schlägt und aus nächster Nähe benutzt wird. Und bei deren Herstellung die Menschen der Schnurkeramik-Kultur viel Sorgfalt aufwenden.

Sie pflegen aber nicht nur einen Axt-Kult. Wahrscheinlich haben die Schnurkeramiker auch die indoeuropäische Sprache mitgebracht, die Mutter vieler heutiger europäischer Sprachen.

Zugleich entsteht die neue Kultur der Glockenbecher, benannt nach ihren glockenförmigen Trinkgefäßen. Sie verbreitet sich von der Iberischen Halbinsel in vornehmlich zwei Wellen – einmal durch Ideentransfer, ein zweites Mal durch Migration. Den Beleg für die erste Welle findet ein Forscherteam bei der Untersuchung alter DNA in Knochenproben von 4000 Skeletten in Mittel-und Westeuropa. Die DNA aus den Gräbern der Glockenbecher auf der Iberischen Halbinsel unterscheidet sich von denen der Glockenbecher in Mitteleuropa, was beweist, dass Kulturtransfer auch durch Ideenkontakt geschah. In anderen Regionen weist das Erbgut Gemeinsamkeiten auf, was auf Migration hindeutet.

Die Glockenbecherleute bestatten ihre Toten in Hockstellung auf der Seite liegend und in Nord-Süd-Ausrichtung, wobei sowohl Männer als auch Frauen mit dem Blick nach Osten gebettet werden. Die Schnurkeramiker, zu ihnen gehören die Menschen aus dem Dorf bei Eulau, legen ihre Toten zwar auch in Hockstellung ins Grab, doch in Ost-West-Ausrichtung mit Blick nach Süden. Die Angehörigen der beiden zeitgleich existierenden Kulturen scheinen sich also bewusst voneinander abzugrenzen. Möglicherweise vertreten sie unterschiedliche religiöse Auffassungen.

Die Glockenbecherleute verarbeiten nicht nur das bereits bekannte Kupfer, sondern verwenden auch eine Legierung mit Zinn, wodurch sich feste Werkzeuge und Waffen herstellen lassen. Es ist der Beginn der Bronzezeit. Zinnlagerstätten finden sich aber nur im britischen Cornwall, wo sich Glockenbecherleute ab 2450 v. Chr. niederlassen. Archäologen schlussfolgern daraus, dass diese Menschen das Wissen über die Herstellung von Zinnbronze über den Kontinent verteilen. Die metallurgischen Techniken dafür stammen aus dem Orient.

Wo die Angehörigen der Glockenbecher-Kultur siedeln, kann sich in Mitteleuropa die frühe Bronzezeit entwickeln. Ihren männlichen Toten legen sie einen Kupferdolch und eine Armschutzplatte bei, die sie zu Lebzeiten beim Bogenschießen getragen haben.

Die Krieger der Bronzezeit sind nicht nur kampferprobt, sondern auch eitel

Mit der Bronzezeit entwickelt sich ein neues Krieger-Ethos. Die Elite gefällt sich noch mehr als die Kriegerclubs der Schnurkeramik-Kultur im Kämpfen, Trinken, Fahren mit dem Reisewagen und Pflegen der Waffen. Dass die Mitglieder ihrer körperlichen Erscheinung besonderen Wert beimessen, legen Grabbeigaben wie Rasiermesser, Pinzetten und Kämme nahe.

Imponierende Körperlichkeit und Prahlerei mit Waffen verschiedenster Art bezeugen auch Menhire, aufragende Steine, die die Menschen dieser Kultur in der Bretagne und in Südtirol hinterlassen. Einer der vier im südtirolerischen Algundo gefundenen Steine zeigt einen mit Dolchen und Streitäxten behangenen Bronzezeitkrieger. Dieser beeindruckt nicht nur mit mehreren scharfen Klingen, die er mit sich führt. Er trägt auch einen Halsschmuck und einen aufwendig gewirkten Gürtel.

Einige donauländische Kulturen haben statt Menhiren reiche Waffendepots hinterlassen. So birgt der Schwertfund von Hajdúsámson bei Debrecen in Ungarn ein besonders kunstvolles Schmuckschwert und zwölf Streitäxte, die in besonderer Anordnung um etwa 1800 v. Chr. rituell bestattet wurden.

Rund vier Jahrtausende nach der Blüte dieser neuen Kriegereliten werden im Jahr 2005 die Gräber der im Massaker von Eulau Getöteten in einer Kiesgrube entdeckt. Eulau erinnert zunächst an die rätselhaften Gewaltausbrüche des jungsteinzeitlichen Europas (siehe Beitrag ab Seite 36). Doch beim Blick auf die Details fällt auf: Die Opfer kommen aus verschiedenen Kulturen und sind liebevoll bestattet. Zudem muss der Überfall gut geplant gewesen sein. Denn junge, wehrhafte Erwachsene sind nicht im Dorf, sonst wären einige von ihnen auch unter den Opfern.

Das Grabungsteam untersuchte vier nahe beieinander liegende Gräber, in denen insgesamt zwei Männer, drei Frauen und acht Kinder bestattet sind – in seitlicher Hockstellung, wie es für die Kultur der Schnurkeramiker üblich ist. Doch ihre Skelette liegen als Familien beisammen. Eltern halten ihre Kinder auch nach 4500 Jahren im Arm, und liegen Gesicht zu Gesicht zu ihnen, ungeachtet der sonst üblichen religiös motivierten Ausrichtung. Es ist unmöglich, von den Bildern dieser auch im Tod eng umschlungenen Familien nicht berührt zu sein. Dass Tote zu dieser Zeit so liebevoll, und so inszeniert, beerdigt werden, ist außergewöhnlich.

Der Sensationsfund wird damit zum Kriminalfall, der interdisziplinär erforscht wird. Um das Rätsel zu lösen, bergen die Archäologen alle vier Gräber im Kiesblock und untersuchen sie im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Eine der Fragen lautet: Wer richtete das Massaker bei Eulau an?

Im heutigen Sachsen-Anhalt, wo Eulau liegt, leben damals außer den Menschen der Schnurkeramik-Kultur auch Angehörige der älteren Schönfelder Kultur, die ihre Toten verbrennen und die Asche in Urnenschalen bestatten. Es zeigte sich, dass die Täter Krieger dieser benachbarten Kultur sein mussten. Zum einen, weil sie querschneidige Pfeile benutzten, wie sie in einem der Frauenskelette stecken; zum anderen, weil die Wunden der Opfer nur mit den breitschneidigen Streitäxten beigebracht werden konnten, die in der Schönfelder Kultur gebräuchlich waren.

Denkbare Gründe für Konflikte gab es genug, etwa Auseinandersetzungen zwischen Ackerbauern und Viehhaltern oder Kämpfe um

»Das ist weltweit eine völlig neue Bestattungsform in der steinzeitlichen Epoche der Schnurkeramik«

Die Toten werden verbrannt und in Urnenschalen beigesetzt

Archäologe Robert Ganslmeier über die Gräber von Eulau

Rohstoffe. Isotopenanalysen der Zähne der ermordeten Frauen zeigen, dass sie keine Einheimischen waren und anders als die mit ihnen beerdigten Männer und Kinder nicht aus Eulau stammen. Das Strontium-Isotopenverhältnis passt zum ein paar Tagesmärsche entfernten Harzvorland und damit zum Gebiet der Schönfelder Kultur.

Denkbar ist also, dass die Schönfeld-Krieger einen vor Jahren durch Schnurkeramiker begangenen Frauenraub rächen sollten. Oder dass die auswärtigen Hochzeiten trotz allem kein Vertrauen zwischen den Sippen stiften konnten. Es wäre damit ein Beispiel für einen hoch emotionalen Konflikt zwischen alteingesessenen Schönfeldern und den neuen Schnurkeramikern, der blutig gelöst wurde und die Jungsteinzeit in Mitteleuropa auch als eine Epoche der professionellen Krieger skizziert.

Aber nicht deswegen zählt das »Time Magazine« 2008 den Fund zu den zehn wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen der Welt: Außer einem Beispiel für eine neue professionelle Kriegerkultur liefert Eulau den sensationellen Beleg dafür, dass die Kernfamilie weitaus älter ist als bis dahin angenommen.

LESETIPP

Harald Meller, Arnold Muhl, Klaus Heckenhahn: »Tatort Eulau. Ein 4500 Jahre altes Verbrechen wird aufgeklärt«. Theiss 2010, antiquarisch