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DAS NÄCHSTE GROSSE DING


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 26.03.2020

Eine Befragung unter Designexperten: Welche Objekte werden dieses Jahrzehnt prägen? Mit welchen neuen Erfindungen lösen wir unsere Probleme? Geht es noch um Gegenstände?


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Bildquelle: Monopol, Ausgabe 4/2020

Seidenhaus

PAOLA ANTONELLI sieht in Neri Oxmans Raupen die Zukunft spinnen

Was könnten nachhaltige Baumethoden für die Zukunft sein? Können wir vielleicht sogar mit einer anderen Spezies, wie etwa Seidenraupen, bei der Konstruktion von Objekten und Gebäuden zusammenarbeiten? Und könnte uns diese Arbeitsweise dem Kreislauf der Natur näherbringen? Dies waren nur einige der Fragen, die sich Neri Oxman in ihren Arbeiten stellt, welche wir ...

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... unter dem Titel „Material Ecology“ derzeit in einer Ausstellung am MoMA zeigen.

Als Designerin, Architektin und Gründungsdirektorin der Mediated Matter Group am MIT Media Lab prägte Oxman den Begriff der „Material Ecology“. Sie beschrieb damit neue Möglichkeiten für Menschen und Natur, über maschinelle Fertigungsprozesse miteinander zu interagieren, um neue Objekte und Strukturen wachsen zu lassen.

So entstand bereits 2013 die erste Seidenkuppel, die mithilfe von 6500 Seidenraupen und eines computergesteuerten Roboterarms hergestellt wurde. Das Team erforschte, wie Seidenraupen auf Veränderungen ihrer räumlichen und ökologischen Bedingungen reagieren. Es konnte dann die Spinnmuster der Tiere so beeinflussen, dass sie nicht wie üblich eiförmige Kokons, sondern ein flaches Vlies zu spinnen begannen. Und anders als bei der traditionellen Seidenernte, bei der die Larven lebendig in ihren Kokons gekocht werden, um den Seidenfaden zu gewinnen, erlaubt dieser Prozess den Seidenraupen, ihre natürliche Verwandlung - und damit ihren Lebenszyklus - ungestört durchlaufen zu können.

Der „Silk Pavilion II“ entstand nun speziell für unsere Ausstellung. Im Laufe von zehn Tagen spannen 17 000 Seidenraupen ihre Fäden horizontal über ein wasserlösliches Gestrick, das über einem Rahmen aus rostfreiem Stahl drapiert wurde. Ein rotierender Stift half, die Spinnbewegungen der Insekten nach oben fortzuführen. Veränderungen in Wärme und Licht beeinflussten die Bewegung der Seidenraupen, sodass die so entstandene Seide in der Struktur und in ihrer Dichte variiert.

Die Italienerin PAOLA ANTONELLI arbeitet seit 1994 am Museum of Modern Art in New York. Sie ist dort als Senior Curator im Department of Architecture and Design sowie als Gründungsdirektorin für den Bereich Research and Development tätig.

Kalk Ink

CLEMENS WEISSHAAR glaubt an Dynamik und Reichweite von Stefan Ytterborns E-Motorrad

Kalk Ink nennt sich das neueste elektrische Geländemotorrad der jungen Elektromotorrad-Marke Cake aus Schweden. Das Label wurde von dem renommierten Unternehmer Stefan Ytterborn gegründet. Zu Beginn seiner Karriere hat er als Design-Manager Firmen wie Ikea, Iittala, Absolut Vodka und McDonald’s beraten und schließlich 2005 mit POC sein eigenes Unternehmen gegründet, das sowohl von ambitionierten Laien als auch von Profisportlern für seine funktionale und gestalterisch anspruchsvolle Ski- und Radkleidung geschätzt wird.

Das schwarze Kalk Ink ist Teil einer neuen Motorradtypologie, die jetzt durch den Elektroantrieb möglich wird. Die Modelle sind schwerer als ein Downhill-Mountainbike, aber deutlich leichter als ein per Verbrennungsmotor angetriebenes Geländemotorrad. Während sich die bisherigen Versuche der großen Motorradmarken und kleinerer Boutique-Firmen darauf beschränkten, Elektromotoren in Motorräder einzubauen, die damit so schwerfällig wirken wie der Scrambler, der Urvater aller Motocross-Maschinen, sind Ytterborn und sein Team einen anderen Weg gegangen. Sie haben das Motorrad neu durchdacht und ein Fahrzeug mit zahlreichen Spezialteilen entwickelt, dem ein guter Ausgleich zwischen Gewicht, Fahrdynamik und Reichweite gelingt. Vor allem aber wird diese Formel zur Form und schafft ein cooles Icon, das künftig Maßstab für ähnliche Entwicklungen sein wird. Mit anderen Worten: Cake ist das schwedische Tesla der Motorradwelt.

Der Designer CLEMENS WEISSHAAR führt zusammen mit Reed Kram das Büro Kram/Weisshaar in London, München und Stockholm. Im Auftrag von Firmen wie Adidas oder Audi untersuchen die beiden die Auswirkungen von digitalen Medien, Algorithmen und Robotik auf das Industriedesign.

Schöne Maske

MARK GUTJAHR wehrt mit Ewa Nowaks Schmuck Gesichtserkennung ab

Ich trage eine Brille. Mit ihr kann ich gut sehen, aber sie ist auch ein Accessoire, das definiert, wie ich aussehe. Wenn ich das Brillenmodell wechsle, ändert sich meine Erscheinung, mein Look. Eigentlich will ich für meine direkte Umwelt sichtbar und erkennbar sein, aber künftig wird sich das, was wir darunter verstehen, ganz anders darstellen. Zur Sicherung des öffentlichen Raums werden immer häufiger Kameras und Gesichtserkennungssoftware eingesetzt, um Passanten zu identifizieren und Bewegungsprofile festzuhalten. Hier setzt die polnische Designerin Ewa Nowak an. Sie fragt: Wie entwickelt sich eine Gesellschaft, die mit Überwachung ihrer Mitglieder versucht, Ordnung herzustellen?

Gesellschaftliches Zusammenleben ist komplex und gründet auf Wertesystemen, die alle akzeptieren. Kameras helfen nicht, dieses System zu festigen. Daher drehen sich einige von Nowaks Ideen um die Verschleierung und die Maskierung der Gesichtskonturen, die eine maschinelle Gesichtserkennung verhindern sollen.

Insbesondere ihr Projekt „Face Jewellery“ stellt das Verhältnis von Erkennbarkeit und Identifizierbarkeit in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Wenn man ihren Gesichtsschmuck anlegt, bleibt man für Freunde erkennbar, kann aber mithilfe von Algorithmen nicht mehr identifiziert werden. Dabei wird die reine Funktionalität aufgebrochen und mit Farbe, Formen und Material gearbeitet, wie sie für Schmuck typisch sind. Eine einfache, aber effektive Formensprache. Denn um der Überwachung zu entgehen, müssen wir nicht mit schwarzen Streifen im Gesicht auf die Straße gehen, ein schönes Accessoire reicht vollkommen. Ich freue mich schon auf das Set an neuen Entwürfen, das dem Konzept sicherlich folgen wird. So könnte man seinen Anti-Gesichtserkennungs-Look sogar noch verändern, wie bei einer Brille.

MARK GUTDAHR ist ausgebildeter Gestalter und arbeltet als Trendforscher und Head of Design fUr die BASF Coatings in MGnster.

Ocean Cleanup

MATEO KRIES denkt liber die Beseitigung von Dingen naclh

Wir brauchen nicht mehr Objekte, sondern weniger, dafür aber bessere. Deshalb ist das Objekt der Zukunft für mich kein Objekt, sondern ein Projekt, das die Folgen der Objektflut abmildern soll: „The Ocean Cleanup“, das der Holländer Boyan Slat 2012 gestartet hat. Wie ein riesiger Fangarm soll es Plastik aus dem Meer fischen. Die ersten Prototypen sind noch nicht ausgereift, aber wer hätte auch erwartet, dass eine so visionäre und auf den ersten Blick größenwahnsinnig wirkende Idee auf Anhieb funktioniert? Der junge Erfinder blieb dran, und die letzten Versuche von 2018/19 zeigen erste Erfolge: Langsam sammelt die Riesenmaschine tatsächlich Plastikabfälle aus dem Meer.

Wird „The Ocean Cleanup“ in Zukunft auf den Müllstrudeln im Pazifik treiben und dort tonnenweise Badelatschen, Shampooflaschen und Mikroplastik absaugen, das sonst im Nahrungskreislauf des Meeres landet und für alle Lebewesen drastische Folgen hat? Ich weiß es nicht, und wahrscheinlich kann das momentan noch niemand wirklich vorhersagen. Aber wir brauchen Projekte und Erfinder, die es wagen, in dieser Größenordnung zu denken.

Auch wenn das Ziel von „The Ocean Cleanup“ vermessen scheint, zeigt es die Richtung, in die Designer künftig denken müssen. Formfragen treten in den Hintergrund, es geht um die Systeme, in denen unsere Dinge entstehen und nachwirken.

Woher kommen die Ressourcen für ein Objekt, was passiert mit ihm, wenn es weggeworfen wird? Was sind die reellen externalisierten Kosten eines Objekts, wenn Müllbeseitigung und Luftreinigung auf Kosten unserer Gesellschaft gehen? Und wie können Designer nicht den Zuwachs an Objekten gestalten, sondern die Reduktion und die Beschränkung auf das Notwendige und Sinnvolle? Fragen, die sich jedoch nicht nur Designer stellen sollten, sondern auch wir als Konsumenten. Eine Sisyphos-Arbeit, aber eine notwendige - genauso wie „The Ocean Cleanup“.

Der Kunsthistoriker und Autor MATEO KRIES ist Direktor des Vitra Design Museums in Weil am Rhein.

Bio-Plastik

JAN BOELEN setzt auf Materialien wie Mikroalgen zum Selbstanbau

Werden wir künftig Materialien und Gegenstände in der Küche selbst anbauen, ernten und produzieren? So wie bei diesen Gefäßen aus Mikroalgen? Für diese Objekte mischten die Gestalter von Studio Klarenbeek & Dros sowie die Forscher von Atelier Luma aus Arles in Südfrankreich gewachsene Mikroalgen mit einem Biopolymer und erhielten so einen Bio-Kunststoff, der biologisch nicht abbaubare, mineralölbasierte Werkstoffe ersetzen kann. Anhand des 3-D-Drucks erprobten die Projektteilnehmer ein neues Modell der Kreislaufwirtschaft - also von der Biofabrikation bis hin zur dezentralisierten Herstellung.

Die Entwicklungsarbeit begann bereits 2017 mit dem sogenannten Algae Lab, einem Bio-Labor, das das Potenzial der lokal wachsenden Mikro- und Makroalgen erforschen sollte. Algen sind aber nur eines von vielen Materialien, mit denen die Gruppe heute arbeitet. Kerngedanke ist es, Prozesse umzudrehen und Rohstoffe nicht mehr global anzubauen und zu transportieren, sondern sie lokal zu ernten und vor Ort weiterzuverarbeiten.

Ein weiteres Bio-Design-Labor wird in diesem Frühjahr in Deutschland eröffnet. Als work in progress konzipiert, wird das Bio Design Lab HfG Karlsruhe als hybrider und evolutionärer Raum im Lichthof der HfG Karlsruhe starten, einem Raum, der die beiden Ausstellungsräume des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) miteinander verbindet. Das Labor soll künftig aktiv als Ort für Präsentation, Bildung und Wissensvermittlung genutzt werden. Die Besucher bekommen die Möglichkeit, mit den ausgestellten Objekten zu interagieren, während die Labormitarbeiter dort ihre Arbeit verrichten.

Die neuen Projekte des Labors konzentrieren sich auf die Region, ihre Mate- rialien und Möglichkeiten und zielen aktiv auf eine Neuordnung und ein Umdenken der Produktionsweisen im Süden Deutschlands ab. Zu den Forschungsbereichen gehören Algen, Boden, Pflanzen, Körper und Landwirtschaft.

Die Zukunft der Kreislaufwirtschaft wächst und gedeiht in den Laboren und womöglich bald auch in unseren Küchen.

Der belgische Gestalter JAN BOELEN ist Artistic Director des Atelier Luma im französischen Arles, außerdem leitet er als Rektor die Hochschule für Gestaltung (HfG) Karlsruhe.

Klima-Uhr

TULGA BEYERLE misst mit Joris Wegners Countdown die Zeit

Nun ist es also eine einfache elektronische Uhr geworden, mit digitaler Anzeige, die rückwärts zählt, so wie bei einer Zeitbombe. Tatsächlich tickt hier auch nichts anderes als eine Zeitbombe. Die Uhr zählt unaufhaltsam Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Monate und Jahre bis zu dem Moment, an dem sich bei gleichbleibendem CO2-Ausstoß die Erderwärmung nicht mehr auf 1,5 Grad begrenzen lässt.

Als ich um einen Vorschlag gebeten wurde, ein Objekt der Zukunft zu nennen, dachte ich noch an Nachhaltigkeit, Reparierbarkeit und Gender-Fragen. Doch dann sah ich dieses unscheinbare, selbst gebaute Objekt des Master-Studenten Joris Wegner auf der Jahresschau der Hochschule für Künste in Bremen. Nichts an dem Objekt ist besonders gestaltet: Elektronische Elemente, eine Platine, Drähte sind übersichtlich und einfach konstruiert. Aber genau das Einfache, Unspektakuläre, das Prosaische dieser Uhr, die uns erbarmungslos auf den „Tag X“ hinweist, macht sie so stark, dass man sich ihr nicht entziehen kann.

Mir ist bewusst, dass es viele Berechnungen zum Point of no Return gibt. Joris Wegner hat sich an den Berechnungen des verbliebenen CO2-Budgets des Berliner Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change aus dem Jahr 2018 orientiert. Er hat ganz bewusst nicht den Tag gewählt, an dem die Welt rettungslos verloren wäre, sondern den Zeitpunkt, an dem der Menschheit die Kontrolle über die Konsequenzen ihres Handelns langsam entgleitet.

Die kleine Uhr (16 mal 7 Zentimeter) ist somit eine Mahnung. Sie erinnert uns daran, endlich aktiv zu werden, radikaler umzusteuern, als wir es in unserer Bequemlichkeit gerne täten. In der Konsequenz werden die dringend notwendigen Schritte Einfluss auf unser Wirtschaftssystem, unsere Produktion, unseren Konsum, unser ganzes Leben nehmen. Ich bin Optimistin und glaube an die Innovationskraft der Menschen, Design spielt da eine wesentliche Rolle. Aber viel Zeit, uns grundlegend zu ändern, bleibt nicht mehr. Am 9. Februar habe ich die Uhr gesehen, da waren es noch sieben Jahre, zehn Monate, 23 Tage, 21 Stunden, null Minuten und 14 Sekunden.

Die Wiener Industriedesignerin TULGA BEYERLE leitet seit Dezember 2018 das Museum für Kunst undGewerbe in Hamburg.

Laborfleisch

HANNI RÜTZLER wartet auf das technologisch kultivierte Steak

Vor sieben Jahren durfte ich - unter den Augen der Weltöffentlichkeit - als erster Mensch in einen „kultivierten“ Hamburger beißen. Das von einem niederländischen Forscherteam um Mark Post entwickelte und 2013 in London im Rahmen einer weltweit live übertragenen Präsentation vorgestellte Burger-Patty wurde nicht aus Hackfleisch hergestellt, sondern aus im Labor vermehrten Fleischzellen. Ein kleiner Biss für eine Frau, aber eine riesige Innovation für die Menschheit.

Tatsächlich könnte kultiviertes, also in Bioreaktoren erzeugtes Fleisch, für das keine Tiere mehr getötet werden müssen und das industrielle Massentierzucht überflüssig machen würde, einen Paradigmenwechsel in den globalen Esskulturen auslösen, die - allen veganen Hoffnungen zum Trotz - auch in Zukunft nicht ohne Fleisch auskommen werden. 2013 repräsentierte das erstmals verkostete Patty - als Ergebnis jahrelanger Forschung - noch einen Gegenwert von 250 000 Euro. Heute werden vergleichbare Prototypen von zahlreichen weiteren Forschungsteams schon für einen Bruchteil dieser Summe hergestellt.

Forscher arbeiten längst auch schon daran, mit diesem Know-how nicht nur hackfleischähnliche Pattys herzustellen. Das israelische Unternehmen Aleph Farms ist dabei, die biotechnologische Innovation mit dem als 3-D-Druck bekannten Fertigungsverfahren zu verbinden, wodurch die kultivierten Fleischzellen auch in Form dünner Steaks produziert werden könnten.

Bis diese auch tatsächlich auf unseren Tellern landen werden, gilt es freilich, nicht nur prozesstechnische und gesetzliche Hürden zu überwinden, sondern auch kulturelle. Besonders im deutschsprachigen Raum sind die Vorbehalte gegen biotechnologische Innovationen bei Lebensmitteln noch sehr ausgeprägt. Als Ironie der Geschichte aber könnte sich erweisen, dass ausgerechnet der Veganismus „kultiviertem Fleisch“ zum Durchbruch verhilft: Nicht nur aus ethischen Gründen, sondern weil auch veganes plant-based food das Ergebnis hochtechnologischer Verarbeitungsprozesse ist und seinen Ursprung im Labor hat.

HANNI RÜTZLER ist Ernährungswissenschaftlerin und Trendforscherin. Sie führt das Futurefoodstudio in Wien und publiziert jedes Jahr den „Food Report“ für das Zukunftsinstitut von Matthias Horx.


Fotos: The Mediated Matter Group, Courtesy The Mediated Matter Group. privat (vorherige Doppelseite). Matthias Ziegler. CAKE. © Ewa Nowak. privat.

Fotos: © The Ocean Cleanup. © Bettina Matthiessen, Vitra Design Museum (vorherige Doppelseite). © atelier LUMA. © Z33/Veerle Frissen. © Henning Rogge. © Joris Wegner

Fotos: Aleph Farms. Ursula Röck