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DAS NÖRDLICHE SARDINIEN: Traumhaft, schön und wild


Ratgeber Frau und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 29.05.2020

Korkeichenwälder, grüne, hügelige Landschaft im Inneren der Insel, bizarre Felsen an der Nordküste und feine, weite Sandstrände begeistern unsere Autorin Renate Scheiper auf der Mittelmeerinsel Sardinien


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Bildquelle: Ratgeber Frau und Familie, Ausgabe 6/2020

Castelsardo – ein romantisches, mittelalterliches Dorf


Nördlicher geht’s nicht. Jedenfalls nicht auf Sardinien. Im hübschen, hoch über dem Meer gelegenen Städtchen Santa Teresa di Gallura mit farbenfroh leuchtenden Häusern ist die Welt zu Ende. Genau genommen aber erst auf der vorgelagerten Halbinsel Capo di Testa. Dort hat der im Winter oft von drei Seiten heranpeitschende Wind Krokodile, Schlangen, aber ...

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... auch Liebespaare und andere Fantasiegebilde jeder Art als bizarre Formationen in die Granitfelsen gefräst. Es ist ein Vergnügen besonderer Art, im Sommer hier unterhalb des Leuchtturms herumzuklettern und einen „Entdeckerwettbewerb“ zu machen. Denn immer kann man nicht am feinen Sandstrand liegen, der sich einladend zu Füßen des Ortes wie ein breiter Saum am blauen und türkisfarbenen Meer hinstreckt, von bunten Mittagsblumen gerahmt. Bei klarem Wetter ist von hier aus die Insel Korsika zu sehen.

Traditionelle Hochzeit

Als wir bei der Ankunft vor zwei Tagen im entzückenden, im sardischen Stil gestalteten kleinen „Hotel Moderno“ im Zentrum von Santa Teresa di Gallura eincheckten, hörte ich Musik. „Oben, am Ende der Straße bei der Kirche, findet eine Hochzeit statt. Da können Sie zuschauen“, sagte der nette Hotelbesitzer. Nichts wie hin. Schon von weitem sehe ich junge Frauen in der typischen rot-blauen Tracht des Ortes aufgeregt klagend hin und her laufen. Zwei Pferde traben zu einem Haus neben der Kirche. Der Brautvater erscheint und schimpft erbost. Seine Tochter sei zu schade für diesen Mann, der nur ein Bauer sei. Hinter ihm ein weinendes Mädchen. Was soll das alles? Später frage ich die Frauen, ob jemand englisch spricht? – „Nein. Aber sprechen Sie etwa deutsch?“, lacht eine von ihnen. Sie stammt aus Süddeutschland, kam vor 15 Jahren hierher, um Urlaub zu machen, verliebte sich, heiratete und sei nun eine glückliche „Hiesige“. Sie klärt mich über die Hochzeit auf. Dreimal im Jahr kann ein Brautpaar sich wünschen, seine Hochzeit nach altem Ritual durchzuführen. Dazu gehöre das „Theater“ mit viel Dramatik unter Beteiligung der „Dorfbewohner“, das ich grad noch in der Endphase erlebte. Mit viel Hin und Her unter Teilnahme der „Dorfbewohner“, die die jungen Frauen spielten. Am Ende wird natürlich alles gut. Es ist der Tag vor der Hochzeit, die morgen, am Sonntag in der Kirche stattfindet. Doch da bin ich leider unterwegs.

Kurvenreich und hügelig

Mit einem Kleinbus geht es kurvenreich durch die grüne, hügelige Landschaft zur eindrucksvollen Costa Smeralda an der Nordostküste. Wir machen einen Stopp an dem berühmten Gigantengrab bei Arzachena. Vor über 4000 Jahren wurden die Verstorbenen in solchen, für Sardinien berühmten, „Nuraghen“ genannten aufwändigen Steinbauten beigesetzt. Viele der kleinen berühmten Figuren aus Bronze, deren Kopien als Souvenirs zu kaufen sind, fanden Archäologen hier als Grabbeigaben. Waren sie reich, die Menschen damals, die solche Kunstwerke anfertigen konnten? Wir wissen es nicht. „Stein-reich“ aber waren sie auf jeden Fall. Mehr als reich sind die Menschen heute, die an der Costa Smeralda im Millionärsort Porto Cervo ein Haus oder wenigstens eine Wohnung ihr Eigen nennen. Die um 1960 von Karim Aga Khan für die Super-Reichen der Welt am Reißbrett entworfene Idylle ist allerdings nur im Juli und August bewohnt. Dann liegen im Hafen, erzählt unsere Reiseleiterin, die Super-Yachten der Milliardäre dicht an dicht. Jetzt im Mai liegt eine protzige Yacht einsam etwas außerhalb am Kai. Vom Busparkplatz laufen wir die vielen Stufen hinunter zum Hafen, vorbei an den vorschriftsmäßig im neosardischen Stil errichteten Villen und kleinen zweistöckigen Häusern. Auch alle Restaurants und Cafés sind im neosardischen Stil errichtet. Diese traditionelle Architektur war und ist immer noch exakt vorgeschrieben. Dazwischen eingestreut sind – ebenfalls verordnet – viele kleine, blumenreiche Parkanlagen. Außer Touristen streifen nur Katzen durch die Straßen und Gassen. Bis auf wenige kleine vornehme Läden mit Souvenirs sind die Top- Designer-Paläste geschlossen. Eine Boutique allerdings mit eleganten Sonnenbrillen ist geöffnet. Eine in der Auslage sticht mir ins Auge. Sie ist mit Swarovski-Steinen besetzt. Ich frage nach dem Preis – und werde blass. So haben andere Passanten wenigstens noch Freude daran beim „Window-Shopping“.

Kurz danach überrascht bei der Weiterfahrt ein großer Elefant, der offenbar die Straße überqueren will. Doch nein. Er bleibt stehen. Auch er ist aus einem einzelnen Felsen durch die Laune der Natur so geformt und natürlich eine Touristenattraktion. Sogar eine Kolonne strammer Radfahrer stoppt und steigt ab zum Fotografieren. Von der Rückseite wirkt der Elefant ziemlich durchlöchert. In seinem Inneren fanden Archäologen jahrtausendealte Kistengräber mit den typischen kleinen Bronzefiguren als Grabbeigaben. Etwas weiter künden zwischen flachen Tafelbergen im Grün der Felder und bunten Wiesen turmartige Festungsbauten von Menschen, die hier schon vor Jahrtausenden siedelten. Auch hierin waren Tote bestattet.

Auf steilem Felsgelände

Erst „gestern“ sozusagen, also im Mittelalter, wurde an der Nordwestküste der Insel auf steilem Felsgelände die Stadt Castelsardo angelegt. Über steile Treppengassen arbeiten wir uns diesmal prustend hinauf. Wie gut, dass man ab und zu stehen bleiben kann, um den traditionellen Korbflechterinnen bei der schwierigen Arbeit zuzuschauen und dabei etwas verschnaufen zu können. Fantastisch ist oben der Blick weit übers Meer und den geschützten Hafen, der im Seehandel früher eine große Rolle spielte. Fast verborgen im Gassengewirr, etwas unterhalb der Festung liegt die unscheinbare Chiesa di Santa Maria delle Grazie. Ohne den guten Führer hätten wir außer der zauberhaften Madonnenfigur und dem kostbaren Altar nie die verborgene Schatzkammer gefunden mit wertvollen Gemälden des „Meisters von Castelsardo“.

Costa Smeralda – Traumstrände und ein Hauch von Luxus


Nuraghen – prähistorische Bauten aus Stein, die es in dieser Art und vor allem in der Menge nur auf Sardinien gibt


Der Elefantenfelsen – ein durch Verwitterung geformter, etwa fünf Meter hoher Felsbrocken, in der Nähe von Castelsardo


Korkeiche Sardiniens

Gern kehren wir für drei Nächte immer wieder zurück ins idyllische Santa Teresa di Gallura und bummeln durch die kleinen Gassen. Jedes der Zimmer in dem traditionellen Hotel Garni hat einen Balkon, auf dem auch die hier übliche Wäscheleine nicht fehlt und von wo aus man das Geschehen in der Nachbarschaft bestens beobachten kann. Eigentlich ist dieser sich vom Meer bis hoch hinauf erstreckende Ort mit seinem großen, feinen Sandstrand und klippenreichen Wanderpfaden ideal für einen kompletten Urlaub. Fast wehmütig brechen wir deshalb am vierten Tag auf nach Cala Gonone an der Westküste etwa in der Mitte der langen Insel, unserem zweiten Domizil. Durch die berühmte, „Gallura“ genannte Landschaft Nordsardiniens, wieder mit bizarren Granitfelsen zwischen dorniger Macchia und Wacholderbüschen am Straßenrand, geht die Fahrt. Der Duft von Salbei und Rosmarin weht durch die geöffneten Fenster des Kleinbusses. Weiten Feldern mit Olivenbäumen folgen endlose Korkeichenwälder. Bei einigen ist der untere Teil des Stammes geschält. Immer wieder bleibt der Bus in Schafherden stecken. Kurvenreich schlängelt sich die Straße durch weite, grüne Hügellandschaften, in der Ferne im Westen von hohen Bergketten begrenzt. Nur selten verstecken sich Häuser im grünen Meer aus Bäumen, Büschen und Feldern. Ein Weingut wird besichtigt. Zum Dinner öffnet der Hausherr die Flaschen mit einem satten „plopp“. Sardinische Winzer sind stolz darauf, ihre Flaschen mit dem geschälten Kork ihrer Eichen zu verschließen.

Blick auf den Hafen von Castelsardo


Der Vino Renosu Rosso passt prächtig zu den Schnecken in Knoblauch-Kräuter-Sud.

Meisterwerk der Natur

Nach der Weiterfahrt quer durch die grüne Insel – alle dösen nach dem guten Essen und den zwei, drei Gläschen Wein wohlig vor sich hin, – stoppt der nette Busfahrer Salvatore und sagt: „Bitte aufwachen, kurz aussteigen und den Fotoapparat nicht vergessen!“

Die Steilküste Cala Luna mit vielen ausgespülten Höhlen ist auch bei Kletterern sehr beliebt


Tief unterhalb des mit duftenden Fichten und Pinien bedeckten Berges liegt wie im Märchen unser Ziel: der Ferienort Cala Gonone. Volantartig reihen Strände sich in kleinen Buchten entlang der Küste. Das Meer schimmert in allen Blau- und Türkisfarben. Abwärts fahren wir in langen Serpentinen. Vor einer malerischen Bergkulisse liegt unser schönes Hotel, das aus kleinen Häusern besteht, die um einen riesigen Swimmingpool gruppiert sind. Zehn Fußminuten sind es bis zum nächsten Strand. Etwas weiter entfernt und vom Hafen aus in einer halbstündigen Bootsfahrt zu erreichen liegt die Traumbucht Cala Luna. Kristallklar ist das Wasser, paradiesisch fein der Strand. Vom im Winter stürmischen Meer in Jahrmillionen in die Felsen gepeitschte Höhlen spenden Schatten. Andere haben einen mitgebrachten Sonnenschirm in den Sand gepflanzt. Allein die Bootsfahrt entlang der abwechslungsreichen Bergkulisse ist ein Erlebnis. Wer am Spätnachmittag das letzte Boot verpasst, kann immer noch in einer zweistündigen Wanderung über verschlungene Bergpfade den Ort und das Hotel erreichen.

Zwei weitere Ausflüge ins Inselinnere locken uns vom Strand: Im Museum von Nuero blendet uns die ganze Pracht sardinischer Folklore mit farbenfrohen Trachten der einzelnen Regionen und schönem Korallenschmuck. Mühsam war und ist das Leben der Bauern, die dem steinigen Boden Getreide und Gemüse abringen, aber auch schon früh Wein anbauten und bis heute die Rinde der danach benannten Eichen zu Korken verarbeiteten. Große Schafherden sicherten das Überleben. Das Bergdorf Orgosolo war einst die Heimat von Banditen, später und bis heute Rückzugsort von Widerstandskämpfern. An jedem Haus künden eindrucksvolle Gemälde, „Murales“ genannt, von Protesten gegen politische und soziale Ungerechtigkeiten, gegen Verordnungen, die oft von Italien diktiert werden, zu dem Sardinien politisch gehört. Das Dorf gleicht einem anklagenden Geschichtsbuch. Warum die Flagge Sardiniens einen schwarzen Kopf mit Stirnbinde zeigt, die früher sogar die Augen verdeckte, kann mir niemand glaubwürdig erklären. Das macht nichts. Sardinien muss man erleben, nicht erklären.

Inmitten einer zauberhaften Landschaft, voll wilder und unberührter Natur, liegt das Bergdorf Orgosolo


Über 100 sehenswerte, politische Wandmalereien durchziehen Orgosolo


Die Cala Luna gehört zu den schönsten Stränden der Insel

Gut zu wissen

Unterkünfte: Santa Teresa di Gallura: Hotel Moderno 3 Sterne (B & B). Entzückend im sardischen Stil gestaltet. www.modernohotel.eu. Cala Gonone: Am Ortsrand Hotel „Nuraghe Arvu“ 4 Sterne. www.hotelnuraghearvu.com/de.

Info: Die einwöchige Sardinien-Reise „smart & small“ mit maximal 16 Teilnehmern wird durchgeführt von Studiosus München. Preis inklusive Flug ab München oder Frankfurt nach Olbia ab 1 795 Euro mit Flug, ohne Flug 1 355 Euro pro Person im Doppelzimmer. 3 Nächte in Santa Teresa di Gallura, 4 Nächte in Cala Gonone. Studiosus München. Auskünfte: Tel.: 00800 24022402 (gebührenfrei).

Reiseführer: „Sardinien“ Michael Müller Verlag, 26,90 Euro. Baedeker „Sardinien“, 22,99 Euro.

Restauranttipp: Über dem Hafen von Cala Gonone – das „Ristorante il Pescatore“. Mit Blick auf das weite Meer und den Hafen genießt man hier hausgemachte sardische Spezialitäten, vor allem Fischgerichte.

Weinprobe und Führung im Gut Tenute Dettori. www.tenutedettori.it

Informationen über Sardinien: www.sardinien-inside.info