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Das Paradox der Hässlichkeit


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 03.09.2021

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 10/2021

KRASS HÜBSCH? | Den Punk-Look finden manche durchaus schick. Das zeugt von der Wandelbarkeit des Schönheitsempfindens.

Auf einen Blick: Schrecklich schön!

1 Was Menschen zunächst ästhetisch abstößt, kann mit der Zeit oder bei einem Perspektivenwechsel plötzlich attraktiv erscheinen. Oft sind hässliche und erhabene Elemente auch in ein und demselben Kunstwerk verbunden.

2 Das zeigt, dass unser Schönheitsempfinden nicht starr ist, sondern sich je nach Sichtweise, Deutungsmuster und Gewohnheit unterscheiden sowie verändern kann.

3 Zu den vier Hauptdimensionen des Schönen zählen laut der Forschung: unmittelbare, »elementarästhetische« Reaktionen, Ordnungsempfinden, persönliche Verbundenheit sowie Komplexität.

Horrorfilme zeigen keine lieblichen Bilder, haben aber eine Menge Fans. Eine Fahrt in der Achterbahn bedeutet Stress für Körper und Geist, dennoch genießen viele Menschen diesen Nervenkitzel. Und oft lieben wir gerade solche Musik, die uns zum Heulen bringt oder in den Ohren dröhnt. Das sind nur einige Beispiele für ...

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... ein Phänomen, das sich durch die ästhetische Forschung zieht: Wie psychologische Experimente zeigen, finden wir zwar symmetrische Körper attraktiver als asymmetrische und bevorzugen harmonische Klänge gegenüber dissonanten. Doch in Mode, Kunst und Kultur spielen diese Vorlieben allenfalls eine Nebenrolle. Ästhetisch Bedeutendes bricht vielmehr mit Erwartungen und hat wenig damit zu tun, was normalerweise als schön gilt.

In seinem Buch »Sprachen der Kunst« prägte der US-amerikanische Philosoph Nelson Goodman (1906– 1998) dafür den Ausdruck »Paradox der Hässlichkeit«. Er beschreibt, dass auch solche Objekte in gewissem Sinn schön wirken können, die auf den ersten Blick alles andere als attraktiv erscheinen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dieses Paradox aufzulösen. Die scheinbar einfachste ist, den Begriff des Schönen enger zu fassen. Zählt dazu im Wesentlichen nur das, was sich als attraktiv, angenehm oder lustvoll erweist? Ein gruseliger Film oder ein verstörendes Gedicht wären in diesem Sinne eben nicht schön, höchstens interessant oder bewegend. Die Abgrenzung ist in der Kunstszene verbreitet, wo das Attribut »schön« für ein Bild oder Buch fast schon als Beleidigung gilt, beinahe so schlimm wie »gefällig« oder »kitschig«.

Auch der Biologe Klaus Richter vertrat in seinem Buch »Die Herkunft des Schönen« diese Auffassung: »Während das Schöne mit dem Emotionalen und dem Unbewussten in Beziehung steht, wird das Interessante vorrangig vom Intellekt erfasst.« Allerdings gilt in den Neurowissenschaften die alte Gegenüberstellung von Gefühl einerseits und Intellekt andererseits heute als überholt. Offenbar hatte Richter bei seiner These selbst schon Bedenken, denn er schränkte sie im nächsten Satz gleich wieder ein: »Das schließt natürlich nicht aus, dass Interessantes auch gefühlsbezogen oder gefühlswirksam sein kann.«

Nelson Goodman brachte das Dilemma so auf den Punkt: »Wenn das Schöne das Hässliche ausschließt, ist Schönheit kein Maßstab für ästhetischen Wert; wenn aber das Schöne hässlich sein kann, dann wird Schönheit lediglich zu einem anderen und irreführenden Wort für ästhetischen Wert.«

Doch warum irreführend? Tatsächlich lässt sich Schönheit viel besser verstehen, wenn wir sie weiter fassen – so wie in der Umgangssprache, wo wir nicht nur von schönen Menschen und Landschaften, sondern auch von schönen Texten, schönen Konzerten und schönen Erlebnissen sprechen. Wir kommen nicht daran vorbei, dass uns selbst Musik begeistern kann, die nicht so harmonisch klingt wie Mozart, und dass uns Gemälde »gefallen«, die ganz und gar nicht gefällig sind.

Kants Idee des interesselosen Wohlgefallens

Sind sie damit auch schön? Ja, zumindest nach den einschlägigen philosophischen Definitionen. Eine bekannte stammt von Immanuel Kant (1724–1804), der Schönheit als »interesseloses Wohlgefallen« verstand. Kant grenzte das Schöne vom Angenehmen und vom »vernünftig Guten« ab. Wenn uns etwas gefalle, weil es einfach angenehm, nützlich oder vernünftig ist, sei das mit Interesse verbunden. Das wahrhaft Schöne aber sei davon losgelöst, so Kant.

Noch genauer ist die Definition des spanisch-amerikanischen Philosophen George Santayana (1863–1952), der Schönheit an drei Merkmalen festmachte: Sie sei stets mit einer positiven Bewertung verbunden, intrinsisch (also interesselos) und objektbezogen. Letzteres bedeutet, dass wir Schönheit immer einem Etwas zuschreiben – sei es einem Gegenstand, einer Pflanze, einem Gesicht oder auch einer Idee –, nicht bloß dem eigenen Gefühl oder Lustempfinden.

Dies widerspricht offensichtlich der Auffassung, wonach es bei wahrer Kunst nicht auf Schönheit ankommt.

Schönheit neuronal betrachtet

Das Wort schön verwenden wir im Alltag oft synonym mit attraktiv oder lustvoll. Doch an Schönheitsurteilen sind andere Hirnregionen beteiligt als beim Lusterleben. Wenn uns beim Anblick von etwas Leckerem das Wasser im Mund zusammenläuft oder wir uns von einem attraktiven Menschen angezogen fühlen, wird das neuronale Belohnungszentrum aktiviert. Eines seiner Kerngebiete ist der Nucleus accumbens. Beurteilen wir hingegen ein Gesicht als wohlgeformt oder ein Essen als exzellent, liegt der Fokus des neuronalen Geschehens im orbitofrontalen sowie im präfrontalen Kortex des Stirnhirns. Es handelt sich um ein bewusst getroffenes Urteil. Etwas schön zu finden, setzt zunächst voraus, dass wir es in einem ästhetischen Kontext betrachten. Das macht das subjektive Moment an der Sache aus, denn es ist meist an die Entscheidung geknüpft, ob wir diese Position einnehmen oder nicht.

Vielmehr kann ein vordergründig verstörendes Bild auf einer höheren Ebene schön sein, wenn es uns als Kunstwerk anspricht. Schönheit wäre demnach der übergeordnete Begriff, der Kern aller ästhetischen Werte. Dies entspricht dem berühmten Dreiklang Platons, der alle großen Ideen in das »Wahre, Schöne und Gute« einteilte und keinen Grund sah, noch das Verstörende oder Interessante hinzuzufügen. Im Schönen war schon alles enthalten, was dazugehört.

Wie aber lässt sich das Paradox der Hässlichkeit noch auflösen, wenn nicht durch eine Einengung des Schönheitsbegriffs? Ein Weg führt über das Konzept der Kontextualisierung (heute oft Framing genannt): Horrorfans können ihren Filmabend genießen, weil sie wissen, dass alles nur ein Film ist und sie sich selbst in sicherer Distanz zum Geschehen befinden. Die Achterbahnfahrt bereitet Vergnügen, weil sie im Bewusstsein erfolgt, dass letztlich alles unter Kontrolle ist. Würde ein Bus-fahrer in ähnlicher Weise durchs Gelände preschen, fänden wir es vermutlich nicht so lustig.

Und die traurige Musik? Sie ist unter anderem deshalb schön, weil sie uns bewegt. Die ästhetische Forschung hat bestätigt, dass wir Kunstwerken, die uns emotional berühren, auch einen hohen ästhetischen Wert zuschreiben. Interessant ist daran, dass die meisten Menschen das Bewegtsein nicht als eine eigenständige Emotion betrachten. Ein Team um Winfried Menninghaus vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik hat Versuchspersonen für eine 2015 veröffentlichten Studie 25 Filmclips gezeigt. Die Ausschnitte waren im Schnitt zweieinhalb Minuten lang. Manche hatten einen traurigen Inhalt (etwa eine Trennung oder den Tod eines Partners), andere einen fröhlichen Inhalt wie eine Liebeserklärung oder eine Versöhnung. Die Versuchspersonen wurden gefragt, welche Gefühle die Szenen bei ihnen auslösten. Konnten sie die Antworten frei formulieren, nannten nur 20 Prozent dabei »bewegend« oder verwandte Formulierungen. Waren hingegen verschiedene Antwortmöglichkeiten vorgegeben wie etwa »fröhlich«, »wütend«, aber eben auch »bewegend«, zählte Letzteres zu den häufigsten Antworten. Das Gefühl ist den meisten Menschen demnach vertraut, selbst wenn es ihnen selten spontan einfällt.

Wir empfinden nicht nur rein positiv oder negativ; in bewegenden Momenten kommt beides zusammen

Was solche Experimente auch belegen: Wir empfinden nicht nur rein positiv oder negativ; in wirklich bewegenden Momenten kommt beides zusammen. Um das festzustellen, kann man Versuchspersonen zum einen nach ihren Empfindungen fragen. Zum anderen messen Psychologen die Qualität von spontanen emotionalen Reaktionen oft an der Aktivität zweier Gesichtsmuskeln. Der Corrugator supercilii, der Stirnrunzler, zieht die Augenbrauen zusammen, wenn uns etwas unangenehm ist oder wir Schmerz empfinden. Kontrahiert dieser Muskel – und sei es nur unmerklich –, gilt das als Hinweis auf Missempfinden. An der Wange wiederum befindet sich der Zygomaticus major. Dieser Lächelmuskel verläuft vom Mundwinkel bis zum Ohr, und seine Aktivität deutet auf positive Gefühlsregungen hin.

Dem Schönen wohnt ein Schauer inne

Laut Experimenten werden die bewegendsten und damit schönsten Elemente meist auch von negativen Emotionen begleitet. Das konnten Max-Planck-Forscher um Eugen Wassiliwizky 2017 anhand von Filmen und vor allem auch Gedichten nachweisen, erklärt Menninghaus: »Wir haben Höchstwerte für negativen Affekt parallel mit Höchstwerten für positiven Affekt gefunden. Eine Prise Negativgefühl ist offenbar die maximale Würze, um starke ästhetische Lust hervorzurufen.«

Menninghaus hat zusammen mit Kollegen das »Distancing-Embracing«-Modell entwickelt. Beim Embracing (Umarmen) fühlen wir uns einem Kunstwerk verbunden, wenn es eine Mischung gegensätzlicher Emotionen hervorruft. Deren Ambivalenz sorgt für die Zuschreibung von Tiefe und Bedeutung. Doch erst die gleichzeitig erlebte Distanz erlaubt es uns, das negative Gefühl zu genießen. Dies kann neben Trauer auch Ärger oder Ekel sein. Das belegt eine Studie, die Thomas Jacobsen von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg zusammen mit den Frankfurter Forschern 2014 durchführte. Sie benutzten dazu Fotografien von mehr oder weniger ekligen Objekten: schimmlige Toastbrote, eine schmutzige Badewanne und dergleichen. Die Fotos wurden Probanden in zwei verschie denen Kontexten gezeigt: Ein Teil sollte die Bilder aus »hygienischer Sicht« bewerten. Den anderen wurde gesagt, es handle sich um künstlerische Fotografien. In diesem Kunstkontext gefielen sie den Probanden deutlich besser.

Obwohl das Distancing-Embracing-Modell im Zusammenhang mit Kunstwerken entwickelt wurde, hält Menninghaus es für allgemein gültig. Menschen sprechen auch von einer »schönen Beerdigung«, wenn diese würdevoll gestaltet war und man eine besondere Stimmung unter den Trauergästen spürte. Und haben tolle Sonnenuntergänge nicht auch etwas Melancholisches? Tatsächlich verleihen Menschen Landschaften, die sie als besonders schön bezeichnen, häufig negative Attribute wie »einsam« oder »überwältigend«. »Etwas in dieser Naturwahrnehmung ist definitiv positiv«, meint Menninghaus. »Aber es gibt ein Gegengewicht, etwas, was als mild traurig wahrgenommen wird.«

Negative Emotionen fesseln unsere Aufmerksamkeit stärker, wirken intensiver und bleiben länger im Gedächtnis. Das gilt für Gedichte und Sonnenuntergänge ähnlich wie für Achterbahnfahrten. Negatives ist nur dann schön, wenn wir es in einem Kontext erleben, der uns nicht unmittelbar bedroht. Das macht unser Schönheitserleben aus: dass wir unser Erleben in einen ästhetischen Kontext stellen – also die Aufmerksamkeit bewusst darauf lenken, ob uns das, was wir sehen, hören oder fühlen, gefällt oder nicht.

Das Konzept der Kontextualisierung liefert einen möglichen Ansatz, um das Paradox der Hässlichkeit zu lösen. Aber es beantwortet nicht die Frage, welche Kriterien das Hässliche erfüllen muss, damit wir es auf einer höheren Ebene doch schön finden.

Am 12. September 2001, dem Tag nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon, erschien die bis dahin wohl ungewöhnlichste Ausgabe der »New York Times«: Den Terrorakten widmete die Zeitung volle 27 Seiten mit 60 Berichten, und das, anders als sonst, ohne jede Werbeanzeige. Der damalige Chefredakteur Howell Raines, zum Zeitpunkt des Anschlags gerade eine knappe Woche im Amt, bedankte sich bei seinen Mitarbeitern für ihren Einsatz. Auf die »New York Times« jenes Tages könnten sie stolz sein: »Ihre düstere Schönheit ist der Dimension der Ereignisse angemessen.« Für ihn war die Lektüre der Zeitung trotz der schlimmen Nachrichten ein ästhetisches Erlebnis. Es mag zynisch klingen, aber wir verstehen sofort, was er meint: Natürlich galt sein ästhetisches Urteil nicht den Anschlägen, sondern der Art, wie die Zeitung mit dem Thema umging – wie sie also die Anschläge kontextualisierte. Dieser Rahmen bewirkte die Ästhetisierung.

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Doch warum sprach Raines von »angemessen«? Auch Angemessenheit ist ein ästhetischer Wert. Die Wortwahl oder Länge einer Rede gelten als angemessen, wenn sie dem Anlass gerecht werden. Ebenso kann die Darstellung eines bedrückenden oder beängstigenden Sachverhalts in einem Film, einem Gemälde oder einem Gedicht schön sein, weil sie ihrem Gegenstand gerecht wird. Aus diesem Grund stoßen Experimente, die sich allein mit der Wahrnehmung von ästhetischen Mustern befassen, an Grenzen: Sobald die Muster eine Bedeutung bekommen, ist plötzlich nicht mehr das Symmetrische, Harmonische und Gefällige schön, sondern womöglich das Gegenteil: Weil wir es als angemessen empfinden, bewegt es uns.

Die Dimensionen des Schönen

Damit sind wir beim Kern des Problems angelangt: Es gibt verschiedene Arten von Schönheit. Die eines attraktiven Gesichts ist eine andere als die eines Sonnenuntergangs. Eine Sinfonie ist anders schön als eine mathematische Formel. In meinem Buch »Was ist schön?« (siehe Literaturtipp) habe ich versucht, alle Kriterien und Bedingungen für Schönheitserleben, die in der Fachliteratur beschrieben werden, zu ordnen. Heraus kamen vier Kategorien, die man mit den Kürzeln E (wie Elementarästhetik), O (wie Ordnung), S (wie Subjekt) und K (wie Komplexität) bezeichnen kann:

E-Werte beschreiben vor allem die ästhetische Wirkung einfacher vegetativer Sinnesreize, die wir angenehm oder attraktiv finden. Das können sexuelle Stimuli sein, ein süßer Geschmack, Wellenrauschen, euphorisierende Substanzen, ein warmes Bad – »elementarästhetische« Reize also, die im weitesten Sinn mit Lustempfinden zu tun haben. Sie decken sich meist mit jenen Stimuli, die sich in psychologischen Experimenten als angenehm erweisen, was oft evolutionsbiologisch begründet wird: Wir lieben Süßigkeiten, weil süßer Geschmack für unsere Vorfahren ein Indiz für reife Früchte und energiereiche Nahrung war. Dabei sind die angenehmen Reize selbst nicht automatisch schön: Das stellt sich erst ein, wenn wir den schönen Moment als solchen bewusst erleben. E-Werte setzen kein abstraktes oder symbolisches Denken voraus. Wir sehen in den Reizen keine Gestalt und kein Zeichen für etwas anderes. Das unterscheidet diesen Fall von den drei anderen ästhetischen Werten.

O-Werte sind formale Eigenschaften von Objekten oder Mustern. Dazu gehören Symmetrie, Einfachheit, Balance oder Vollständigkeit. Eigenschaften also, die einem Muster eine gewisse Ordnung verleihen und kognitiv leicht erfassbar sind. O-Werte können auch eine Beziehung zwischen zwei Mustern beschreiben. Angemessenheit ist eine solche Eigenschaft: Die »New York Times« vom 12. 11. 2001 fiel völlig aus dem Rahmen. Aber das war angemessen.

Bei S-Werten kommt die Person ins Spiel, denn diese Werte charakterisieren die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt. Hier geht es um Dinge, die wir schön finden, weil sie uns persönlich etwas bedeuten, uns bewegen, unseren wie auch immer entstandenen Idealen entsprechen oder an Erinnerungen anknüpfen. S-Werte beruhen auf dem (wenn auch kurzfristigen) Gefühl der Verbundenheit mit einem Objekt oder mit einem größeren Ganzen.

K-Werte sind komplexere Eigenschaften von Handlungen. Mich kann ein Buch begeistern, weil es mich in eine unbekannte Gedankenwelt entführt. Eine Stadt kann mir gefallen, weil es in ihr immer wieder Neues zu entdecken gibt. Nicht das Buch oder die Stadt sind streng genommen schön, sondern der Prozess des Lesens oder des Erkundens. Nichtsdestoweniger hängen K-Werte unmittelbar von Eigenschaften des Objekts ab. Es sollte über eine gewisse Neuartigkeit oder Komplexität verfügen, die weder zu klein noch zu groß ist, damit wir die Erfahrung positiv finden. K-Werte hängen somit auch mit dem Erleben von Spannung, Neugier und Kreativität zusammen.

Diese vier Dimensionen sind zunächst voneinander unabhängig, können sich aber ergänzen oder gegenseitig bedingen. Die Rede einer Politikerin kann begeistern, weil sie mit wenigen, gut gewählten Argumenten eine Position überzeugend darlegt. Das sind O-Werte. Allerdings ist es möglich, dass uns durch die Rede auch die Politikerin selbst sympathisch wird – weil wir uns mit ihr identifizieren und ihre Ideale teilen. Dann sind das S-Werte.

Komplexität statt Ordnung

Es kann aber auch das Gegenteil passieren: Schon beim Vergleich von O-und K-Werten fällt auf, dass sie sich in einem natürlichen Konflikt befinden. Im einen Fall schätzen wir die erkennbare Ordnung eines Objekts; doch damit die Beschäftigung mit ihm anregend ist, erwarten wir eine gewisse Komplexität und Unübersichtlichkeit. Perfekte Ordnung löst oft wenig Resonanz aus: Würde uns die Mona Lisa vor einem klar strukturierten Hintergrund perfekt symmetrisch anlächeln, würde sie viel an Wirkung verlieren.

So hilft uns also die Unterscheidung verschiedener Arten von Schönheit, das Paradox der Hässlichkeit zu erklären. Häufig besteht es schlicht darin, dass etwas in Bezug auf den einen Wert hässlich, mit Blick auf einen anderen aber schön ist. Ein Gemälde mag asymmetrisch, unelegant und wenig strukturiert sein. Und doch kann es mir etwas bedeuten, weil es an Erinnerungen anknüpft oder ich mich darin wiederfinde.

Auch was elementarästhetisch als hässlich gilt, kann plötzlich schön werden, wenn man mehr darüber erfährt. Die meisten Menschen werden die auf S. 33 abgebildeten Wesen auf den ersten Blick nicht hübsch finden; sie entsprechen nicht dem klassischen Schönheitsideal. Doch beim Betrachten passiert etwas: Wir suchen Ähnlichkeiten zu Vertrautem. Wir erkennen symmetrische Strukturen und – bei allen Unterschieden – sogar Ähnlichkeiten mit dem menschlichen Körper. Das macht uns neugierig. Und wenn wir dann erfahren, dass es sich um eine elektronenmikroskopische Aufnahme von Fischlarven handelt, können die Bilder durchaus S-Werte vermitteln: Obwohl es sich um winzige Tierchen handelt, zeigen sie vertraute Züge – wir sehen Augen und Münder; assoziieren mit der linken und rechten Larve vielleicht sogar unterschiedliche Charaktere. Vielleicht erzeugen sie gar ein Gefühl der Verbundenheit mit der Welt des Lebendigen.

Wenn das Unstimmige stimmig wird

Kunst funktioniert offenbar genauso: Ein Werk, das eine Welt im Ungleichgewicht darstellen will, ob sprachlich, akustisch oder bildhaft, wird dieses Ungleichgewicht zum Ausdruck bringen, etwa durch stilistische Brüche und das bewusste Verletzen von Harmonie und Symmetrie. Die formal »hässlichen« Elemente ergeben auf der Bedeutungsebene einen Sinn, indem sie auf ein äußeres Ungleichgewicht verweisen und so ein Gefühl von Stimmigkeit erzeugen. Und wenn die Darstellung so gelungen ist, dass sie uns als Person berührt und wir sie mit unserer Welt identifizieren, kann das Werk zugleich s-wertig sein. Dies entspricht im Grunde dem Distancing-Embracing-Modell: Ein Objekt, dem O- und E-Werte fehlen, kann dennoch eine s-wertige Verbundenheit hervorrufen.

Ein Paradox der Hässlichkeit zeigt sich schließlich auch in der Mode. »Mode ist so unerträglich, dass wir sie alle halbe Jahre ändern müssen«, witzelte einst Oscar Wilde. Und es stimmt: Gäbe es so etwas wie »optimal schöne« Kleidung, verlöre die Mode jede Grundlage. Sie lebt vom Bedürfnis nach Neuem – also K-Werten. Meist berücksichtigt sie durchaus gewisse Standards: Selbst wenn sich der Schnitt von Hemden, Hosen und Jacken wandelt, bleiben sie meist symmetrisch geschnitten, und Farben, die sich »beißen«, werden selten kombiniert.

Aber selbst klassische Schönheitsregeln können verletzt werden, um ein Zeichen zu setzen – so wie es die Punks in den 1980er Jahren taten. Sie trugen bewusst Schmuck und Frisuren, die eine Art Gegenmodell zur etablierten Ästhetik darstellten, und genau das war in ihren Augen schön.

Paradoxien der Hässlichkeit gibt es auch mit umgekehrten Vorzeichen: wenn das »an sich« Schöne hässlich wird. In solchen Fällen finden wir die Dramaturgie eines Stücks zu glatt, einen Auftritt zu perfekt und ein Musikstück zu harmonisch. Formal mögen all diese Dinge o-wertig sein, doch ihre Form wirkt unangemessen, unrealistisch oder unnatürlich.

Eine pathetische Rede kann gestelzt wirken, eine Liebesszene im Film theatralisch, das exquisite Vier-Gänge- Menu dem Anlass unangemessen. Selbst elementarästhetisch schöne Reize können somit hässlich wirken – die Arie zu gekünstelt, der Duft zu süßlich oder das Bild vom Sonnenuntergang kitschig. Kitsch ist somit nur ein anderes Wort für »zu schön, um schön zu sein«.

LITERATURTIPP

Paál, G.: Was ist schön? Die Ästhetik in allem. Könighausen & Neumann, 2020. Ausführliche Darstellung der ästhetisch-psychologischen Forschung

QUELLEN

Menninghaus, W. et al.: The distancing-embracing model of the enjoyment of negative emotions in art reception. Behavioral and Brain Sciences 40, 2017

Menninghaus, W. et al.: What are aesthetic emotions? Psychological Review 126, 2019

Reber, R. et al.: Processing fluency and aesthetic pleasure: Is beauty in the perceiver’s processing experience? Personality and Social Psychology Review 8, 2004

Wagner, V. et al.: Art schema effects on affective experience: The case of disgusting images. Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts 8, 2014

Wassiliwizky, E. et al.: The emotional power of poetry: Neural circuitry, psychophysiology and compositional principles. Social Cognitive and Affective Neuroscience 12, 2017

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1910131