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DAS PORTRÄT: DIE GRÜNE REVOLUTIONÄRIN


TASPO GARTEN-DESIGN - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 12.04.2019
Artikelbild für den Artikel "DAS PORTRÄT: DIE GRÜNE REVOLUTIONÄRIN" aus der Ausgabe 3/2019 von TASPO GARTEN-DESIGN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TASPO GARTEN-DESIGN, Ausgabe 3/2019

Nichts weniger als die nächste grüne Revolution auszurufen – das hat sich das Landschaftsarchitekturbüro Phyto Studio in Arlington, Virgina, auf die Fahnen geschrieben. Eine grüne Revolution, die auf gleichermaßen widerstandsfähigen, ökologisch wertvollen und ästhetisch ansprechenden Pflanzungen basiert. Lets make America green again – vor allem Kommunen auf dem amerikanischen Kontinent sind an den Pflanzkonzepten des Teams interessiert. Wir stellen mit Claudia West eine Geschäftsführerin von Phyto Studio vor.

Als Claudia West 1983 in Meerane zur Welt kam, verdiente man im nahegelegenen Zwickau sein Geld ...

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... mit Bergbau, Uranaufbereitung und Metallverarbeitung. Die Farben grau, gelb und braun prägten die Städte und die Landschaft. In Meerane selbst gab es eine Textilfabrik. „Die Farbe der Flüsse bei uns wechselte wöchentlich, je nachdem, was gerade eingefärbt wurde.“

Ihre Eltern nutzten nach der Wende die Chance, sich in Ostdeutschland einen Lebenstraum zu erfüllen: Sie machten ihr Hobby zum Beruf und gründeten mehrere Floristikgeschäfte und einen Gartenbaubetrieb mit kleiner Gärtnerei. Was an Fachwissen fehlte, eignete sich das Ehepaar an, auch mit Hilfe von Wolfgang Oehme, einem Freund der Familie.

Garten ohne Rasen

Oehme, 1930 in Chemnitz geboren und 1953 nach Westberlin übergesiedelt, war Gartenarchitekt und lebte in den 1990ern bereits seit mehr als 20 Jahren in den USA. Dort wurde er mit einer revolutionären „Erfindung“ bekannt: dem Garten ohne Rasen. Statt aufwändig zu pflegender, steriler Rasenflächen pflanzte er Stauden und Gräser und legte so den Grundstein für die Präriepflanzungen, die Gartendesignern wie Piet Oudolf als Vorbild dienten.

Als Kind half Claudia West ihren Eltern in der elterlichen Gärtnerei dabei, Stecklinge zu vermehren, lernte Pflanzen kennen und lieben. Regelmäßig kam Wolfgang Oehme zu Besuch, zeigte Bilder seiner Gärten, erzählte von seiner Arbeit und schmuggelte den einen oder anderen Samen in die USA, wo die Auswahl an Zierpflanzen lange Zeit eher beschränkt war. Mit Pflanzen wie Goldrute, Rudbeckia und Dost, gepaart mit verschiedensten Gräsern gestaltete der Planer große, emotionale Landschaften.

Zerstörte Landschaft kann heilen

Auch die graue Umgebung, die Claudia West als Kind in Ostdeutschland kennengelernt hatte, veränderte sich nach und nach. Die verschmutzten Flüsse wurden sauberer, die Abraumhalden ihrer Kindheit rekultiviert. „Daran merkt man, wie widerstandsfähig Natur tatsächlich ist. Zerstörte Landschaften können heilen – und wir können sie dabei unterstützen.“

Claudia West (großes Bild) möchte Pflanzungen schaffen, die widerstandsfähig, attraktiv und vielfältig sind.


Foto: Rob Cardillo

Artenreiche, wilde Landschaften gibt es in Nordamerika nur noch selten, wie hier im Morton Arboretum in Illinois.

Foto: Elliot Rhodeside

Nach dem Abitur half ihr Wolfgang Oehme, ein Praktikum in der Bluemount Nurseries in Maryland zu bekommen und besichtigte beinahe jedes Wochenende mit ihr die von ihm angelegten Szenerien. „In diese Landschaften habe ich mich verliebt“, erinnert sich Claudia West. Um so enttäuschter war sie, was die natürlichen Freiflächen in den USA anging. Die meisten waren von Wiesen mit tausenden blühenden Pflanzen weit entfernt.

Nach ihrem Landschaftsarchitektur-Studium an der Technischen Universität München packte Claudia West 2008 zwei Koffer und beschloss, sich mitten in der Wirtschaftskrise in den USA einen Job zu suchen. „Durch einen Freund konnte ich in einer Gärtnerei anfangen. Dort konnte ich auch an ökologischen Planungen mitarbeiten. Damals habe ich gemerkt, wie schlecht es eigentlich um die amerikanische Landschaft bestellt ist. In Grunde ist sie ein ökologischer Notfall. Unkontrolliertes Bauen, der Einsatz von Chemikalien, der Klimawandel – unvorstellbar viele Arten, die das alles überlebt haben, stehen auf der Roten Liste.“

Ohne Pflege stirbt die Pflanzung

Nach und nach stellte die Landschaftsarchitektin fest, dass auch die von ihr so geliebten Pflanzungen ihres Mentors Oehme ökologisch nicht unbedingt optimal waren. „Darunter gab es etliche, aus Europa eingeführte invasive Arten, viele davon extrem aggressiv.“ Ohne ständige, intensive Pflege entwickelten sich aus den vormals attraktiven Flächen Monokulturen, viele der Pflanzen verkümmerten, das Bodenleben starb. „Das hat mich nachdenklich gemacht“, erinnert sich Claudia West.

Wie kann man entkräftete Natur heilen? Wie kann man Pflanzungen so anlegen, dass sie möglichst widerstandsfähig sind?

Jede Landschaft hat ihr eigenes Profil. So besiedeln bodendeckende Pflanzen in Graslandgemeinschaften die untere Schicht und wachsen dort, wo genügend Sonnenlicht den Boden erreicht. Ihr Wurzelsystem ist eher flach und konkurriert nicht mit dem der höheren Pflanzen. Im von Carex dominierten Pflanzbeet leuchten hier Goldener Alexander (Zizia aurea) und die Kanadische Akelei (Aquilegia canadensis).


Foto/Grafik: Ivo Vermeulen/ Claudia West

Pflanzung am Evolve Corporate Center in Radnor, Pennsylvania. Wo vorher Rasen und kranke Bäume waren, sind jetzt riesige Pflanzflächen entstanden, die von einer Pflegefirma in Schuss gehalten werden.


Foto: Rob Cardillo

Orioles Garden in Downtown Baltimore, Maryland. Hier entstand am Eingang des Baseballstadions ein Garten für Insekten und Vögel.


Foto: C. West

Das Nachdenken darüber, wie man gleichzeitig Artenreichtum, Pflanzenvielfalt und Schönheit der Pflanzungen erhalten kann, führte sie zum bewährten Konzept der Mischpflanzungen, das in den frühen 1990er Jahren in Deutschland entstanden war. Dabei handelt es sich um Pflanzungen, die das ganze Jahr über einen Blühaspekt zeigen; um Zwiebelblumen, Stauden und Gräser, die so ausgesucht sind, dass sie von Höhe, Menge und Struktur ansprechende Bilder ergeben und wenig, allerdings qualifizierte Pflege benötigen. In Deutschland gibt es mittlerweile Staudenmischungen für die unterschiedlichsten Ansprüche – eine der Bekanntesten ist wohl der Silbersommer, der im Bund deutscher Staudengärtner konzipiert wurde.

Die bodennahe Schicht bringts

Neben den Mischpflanzungen beschäftigte sich Claudia West auch mit gut funktionierenden natürlichen Pflanzengesellschaften. „Sie sind sehr vielschichtig aufgebaut und gut an die Umgebung angepasst.“ Was sie besonders interessierte waren die Pflanzen, die unter der Blütenpracht kaum wahrgenommen oder gleich ganz vernachlässigt werden: die Bodendecker, die viel Biomasse liefern. „Was direkt am Boden wächst ist so immens wichtig für die Insekten, den Wasserhaushalt und die Bodengesundheit“, ist Claudia West überzeugt. Ihre Schlussfolgerung: Damit das Bodenleben lange erhalten und die Pflanzung gesund bleibt, muss man sich bei der Begrünung auch mit der bodennahen Schicht befassen. Statt mit künstlichen Düngern und Mulch immer wieder Nährstoffe nachzuliefern, sollte man von Anfang an unter den Pflanzungen üppige Energiedepots anlegen.

Planting in a Post-Wild World

In Landschaftsarchitekt Thomas Rainer fand Claudia West einen Mitstreiter, der sich schon lange für innovative und ökologisch- funktionale Pflanzkonzepte einsetzte. Er hatte bereits für Oehme, van Sweden and Associates gearbeitet, die Firma, die Wolfgang Oehme gemeinsam mit dem Landschaftsplaner James van Sweden Ende der 1970er-Jahre in Washington, D.C. gegründet hatte.

Die Überzeugung, dass widerstandsfähige, funktionale Pflanzungen in Zukunft überlebensnotwendig für Mensch und Tier sein werden, mündete 2015 in einem gemeinsamen Buch: „Planting in a Post-Wild World: Designing Plant Communities for Resilient Landscapes“. Es ist eine handwerkliche Anleitung, die das Wissen über Geselligkeitsstufen, Strategietypen und die Erkenntnisse über Mischpflanzungen mit dem kombiniert, was natürliche Pflanzengesellschaften gesund erhält: dichte Bepflanzung – sowohl horizontal als auch vertikal – und viele verschiedene Arten. Gleichzeitig kommt auch der ästhetische Aspekt nicht zu kurz.

Im Buch werden die Besonderheiten des amerikanischen Kontinents berücksichtigt, was sich beispielsweise in der Verwendung möglichst einheimischer Arten zeigt. Das hat einen Grund: „Hier sind 99 Prozent der Insekten immer noch Spezialisten, die mit europäischen Pflanzen nichts anfangen können“, sagt Claudia West. Während sich im viel früher besiedelten Europa die Insekten besser an Pflanzen aus dem Ausland angepasst hätten, sei das in den USA und Kanada nicht der Fall.

KONTAKTDATEN

PHYTO STUDIO LLC
2901 5th Street S Arlington ,
VA 22204
Tel: 001-443-928–1159
connect@phytostudio.com
phytostudio.com

Vom Buch zur Firma

Auf das Buch folgten Vorträge – bei Naturschutzverbänden, Kommunen, aber auch vor interessierten Bürgern. Immer mehr Menschen wollten das, was Claudia West und Thomas Rainer auf dem Papier ausgeführt hatten, auch in der Realität sehen – und baten sie, ihnen den privaten Garten oder den Stadtpark anzulegen. Bald war klar, dass es ohne professionelle Struktur nicht geht. 2017 gründeten Claudia West, Thomas Rainer und seine Frau Melissa – ebenfalls Landschaftsarchitektin – das „Phyto Studio“ mit Firmensitz in Arlington, Virgina.

In Melissa und Thomas Rainer hat Claudia West engagierte Mitstreiter gefunden.


Foto: Rob Cardillo

Seither folgt Projekt auf Projekt – in den gesamten USA und in Kanada. Vor allem Kommunen zeigen Interesse. Ein Projekt ist beispielsweise das Evolve Corporate Center in Radnor, Pennsylvania. „Hier haben wir auf einer kommerziellen Fläche, auf der es vorher nur Rasen und ein paar kranke Bäume gab, riesige ökologische Pflanzungen angelegt. Die Fläche wird von einer Pflegefirma gepflegt“, erzählt Claudia West. „Die Menschen, die in diesem Center arbeiten, haben diese Pflanzung dankend angenommen und wir haben bis jetzt nur überwältigend positives Feedback bekommen. Es ist eine Mischpflanzung aus internationalen Arten – aber mit hohem Anteil an heimischen Pflanzen wegen der Insekten und Vögel.“

Resistent und attraktiv

Ebenfalls in Pennsylvania, nämlich in Lancaster, befinden sich mehrere Regengärten. Schon während das Buch „Planting in a Post-Wild World“ entstand, haben Claudia West und Thomas Rainer sie fast ausschließlich mit attraktiven heimischen Pflanzen bepflanzt. „Im Stadtklima müssen die Pflanzen so einiges aushalten: Streusalz im Winter, hohe Temperaturen im Sommer, Störungen aller Art, einen hohen pH Wert im Boden – und es muss vor allem gut aussehen“. Alle diese Ansprüche haben die Pflanzungen in den vergangenen Jahren erfüllt. Sie sind mittlerweile etabliert und ein Paradies für Insekten verschiedenster Arten. „Die Stadt pflegt diese diversifizierten Staudenpflanzungen und wir treffen uns einmal im Jahr dort, um Fragen zu beantworten und sicher zu stellen, dass die Pflege funktioniert.“

Gute Partner

Zum Gestaltungskonzept von Phyto Studio gehört auch, dass es keinen Vertrag ohne anschließende Pflegevereinbarung gibt. Das können bis zu zehn Jahre sein. Das Engagement und das Konzept des Landschaftsarchitekturbüros zeigen Auswirkungen, die bis hin zu den Zulieferern reichen. Partner sind Baumschulen, Staudengärtnereien und Saatgutproduzenten, die die Philosophie des Unternehmens teilen. „Das Angebot dieser Gärtnereien verändert sich, denn sie verkaufen jetzt weniger Mulch und mehr Pflanzen“, schmunzelt Claudia West. Vor allem bei einheimischen Arten steigt die Nachfrage.

Immer gefragt sind auch GaLaBau-Firmen, die die Projekte vor Ort umsetzen. Da es den Beruf des Landschaftsgärtners in den USA nicht wie in Deutschland als Ausbildungsberuf gibt, ist es nicht immer einfach, zuverlässige, gute Firmen zu finden. Von den Kontakten, die Claudia West während ihrer Zeit in der North Creek Nurseries zu ausführenden Firmen knüpfen konnte, profitiert Phyto Studio bis heute.

Hoher Bedarf bei Kommunen

Unter Präsident Barack Obama wurde „green infrastructure“ – grüne Infrastruktur – gefördert. Ein Beispiel ist Chesapeake Bay, die größte Flussmündung in den USA, die unter anderem von den Staaten Virgina und Maryland umgeben ist. Zum Einzugsgebiet der Bucht gehören zudem New York, Pennsylvania, Delaware und West Virgina. „Die Bucht stirbt, weil zu viele Abwässer hineinlaufen“, erklärt Claudia West. „Obama hat die Staaten verpflichtet, Abwässer nicht mehr in die Bucht zu leiten. Sie müssen Lösungen für Regen- und Abwassermanagement suchen und fragen uns um Rat.“ Der Bedarf an den Dienstleistungen von Phyto Studio ist hoch. Seit kurzem verstärkt Landschaftsarchitektin Emilie Carter das dreiköpfige Team. Die Aufträge werden so schnell nicht ausgehen, im Gegenteil: „Wir können gar nicht so schnell wachsen wie wir müssten.“

BUCHTIPP

Thomas Rainer, Claudia West: „Planting in a Post-Wild World“ (bisher nur in englisch erschienen); Timber Press; Hardcover 19,28 €; Kindle 20,78 €