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Das preußische Heer


G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 20.08.2021

1. KAPITEL ERSTE FUNKEN

Artikelbild für den Artikel "Das preußische Heer" aus der Ausgabe 9/2021 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 9/2021

Militärfreunde unter sich: Hunderte Teilnehmer aus ganz Europa stellen 2010 die Schlacht bei Torgau am Originalschauplatz in Sachsen nach. Preußen hatte nur die dreizehntgrößte Bevölkerung in Europa, aber die viertgrößte Armee. Der Militärapparat verschlang bis zu 85 Prozent des Staatshaushalts

Es gab kaum ein Entkommen. Wer einmal als Soldat in der preußischen Armee gelandet war, blieb da in der Regel auch. Eine der wenigen Möglichkeiten zur Flucht bot das Chaos einer Schlacht, ansonsten war die Truppe streng und misstrauisch überwacht. Mit gutem Grund: Während des Siebenjährigen Krieges verloren die Armeen durch Desertion in etwa genauso viele Soldaten wie durch Tod, Verwundung oder Gefangennahme. Belohnungen für die Ergreifung von Fahnenflüchtigen hielten den massenhaften Absprung ebenso wenig auf wie die drakonische Bestrafung gefasster Deserteure.

Allerdings: Im Gegensatz zu vielen anderen Armeen der Kriegsgeschichte wurden Ersttäter nicht gleich hingerichtet, was ja eine Schwächung der Truppe bedeutet hätte. Erst beim dritten gescheiterten Fluchtversuch endete man vor dem Erschießungskommando.

Ein Fluchtversuch wird mit dem Spießrutenlauf bestraft

Die relative ...

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... Gnade für Erst- und Zweit-Deserteure bestand jedoch im berüchtigten Spießrutenlaufen, das nicht alle Verurteilten überlebten: »Der Profoss [Militärbeamte] verteilte in Salz getauchte Hasel- und Birkenruten und ließ 200 Mann eine Gasse bilden«, beschreibt der Preußen-Historiker Max Lehmann eine solche Bestrafung.

»Dem Verurteilten wurde der Mantel abgenommen, mit nackter Brust und nacktem Rücken trat er seinen Schmerzensgang an. Welch ein Anblick, wenn dann das Blut die Kleider überströmte und die Ruten beim Zurückziehen Fleischstücke losrissen.«

Dass Friedrich II. im Siebenjährigen Krieg überhaupt auf eine große Armee zurückgreifen konnte, verdankte er seinem Vater Friedrich Wilhelm I. Der als »Soldatenkönig« in die Geschichte eingegangene Preußenherrscher hatte eine Armee mit einer Sollstärke von 80 000 Mann aufgebaut, die aber keinen einzigen Schuss in kriegerischer Absicht abgefeuert hatte. Bis zu Beginn des Siebenjährigen Krieges wuchs das Heer auf 145 000 Mann, was im Vergleich zur Größe des Staats riesig war. Und es markierte einen entscheidenden Wandel in der Militärgeschichte: War Soldatsein bisher ein vergleichsweise freier Beruf gewesen, bei dem man sich dem verdingte, der die besten Konditionen bot, so begann in Preußen die Zeit der national organisierten Wehrpflicht-Armee. Der Soldatenkönig hatte sein Staatsgebiet in Kantone aufgeteilt, die jeweils eine bestimmte Zahl Soldaten stellen – und nach Verlusten wieder auffüllen – mussten.

»Der Soldat muss den Stock [seines Offiziers] mehr fürchten als den Feind«

Friedrich II. über seine Armee

Es lag nahe, dass die Verantwortlichen der Kantone dem König nicht gerade die hochgestellten und produktivsten jungen Männer überließen. Dieses Schicksal traf somit häufig Arbeitslose und Taglöhner, Vaganten und auch Kleinkriminelle. Aber nicht ausschließlich: Für Handwerksgesellen ohne Aussicht auf eine Meisterstelle oder nachgeborene Bauernsöhne bot der Militärdienst eine Chance auf ein womöglich besseres Leben.

Eine bessere Zukunft erwarteten auch die jüngeren Adelssöhne, die die Offizierslaufbahn einschlugen. Eine solche Karriere war zum Muss, zu einer Frage der Ehre in diesen Kreisen geworden. Die Offiziersstellen bei Infanterie und Kavallerie blieben dem Adel reserviert; Bürgerliche konnten lediglich bei der Artillerie und den Pionier- Einheiten höhere Ränge erreichen.

Ganz auf Söldner verzichten konnte und wollte aber auch Brandenburg- Preußen nicht. Werber für den Preußenadler durchzogen das ganze Reich und lockten mit einem Handgeld Rekruten an. Hatten sie Mühe ihr Soll zu erfüllen, schreckten sie auch nicht vor Tricks zurück. Dem Schweizer Armutsflüchtling Ulrich Bräker etwa gaukelte man eine Stellung als Diener vor. Zu spät begriff er, dass er sich zum Kriegsdienst für Preußen verpflichtet hatte.

Ein Manöver aus der Antike hilft Friedrich dabei, Siege zu erringen

Woher sie auch kamen – die wenigsten Rekruten, die den einzelnen Infanterie-Regimentern zugeteilt wurden, hatten Erfahrung im Umgang mit Waffen. Die Antwort darauf war ein rigoroser, mit aller Härte durchgesetzter Drill, wie es Ulrich Bräker in seinen Lebenserinnerungen beschreibt: »Wir mussten oft ganze fünf Stunden lang, in unserer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehen, in die Kreuz und Quere pfahlgerad marschieren und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen. Das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit einem furiosen Gesicht und aufgehobenem Stock vor uns stand und alle Augenblick‘ dreinzuhauen drohte.«

Allein der Umgang mit den überlangen Vorderlader-Flinten erforderte monatelanges Üben, ehe die Truppe gleichzeitige und einigermaßen rasch aufeinanderfolgende Salven lieferte. Friedrichs Armee feuerte etwas schneller als die Gegner, aber zwei bis drei Salven pro Minute bildeten das Limit.

Die wahre Herausforderung an die Disziplin war es, in eng geschlossenen Reihen den feindlichen Gewehrmündungen auf oft nicht einmal hundert Metern entgegenzusehen, ohne zu wanken und zu weichen – und dabei gleichzeitig zu laden, zielen und feuern, ohne sich von den getroffenen Kameraden rechts und links ablenken zu lassen. Wenn sich Offiziere und Unteroffiziere hinter den Reihen der Infanteristen positionierten, geschah dies nicht aus Feigheit, sondern um die eigenen Männer vom Zurückweichen oder gar der Flucht abzuhalten.

Die Kombination von Drill und Furcht, aber auch Motivation machte die preußische Armee zum Werkzeug für Friedrichs kühne Feldzüge. Diese waren nicht alle erfolgreich, aber stets kreativ. Oft genug waren die Preußen in der Minderzahl, was Friedrich durch überraschende Manöver auszugleichen versuchte. Das bekannteste Beispiel ist der Einsatz der sogenannten schiefen Schlachtordnung bei Leuthen am 5. Dezember 1757. Die traditionelle Kampfformation des 18. Jahrhunderts bestand darin, dass sich die Infanterie- Regimenter auf dem Schlachtfeld in einer langen, gewöhnlich dreireihigen Linie gegenüber dem Feind aufstellten. Zog sich eine der Parteien nach dem Austausch von Gewehrsalven und Artilleriefeuer nicht zurück, folgte der von Kavallerie-Attacken unterstützte Nahkampf. Die Kunst des Feldherrn bestand darin, die schwächste Stelle der feindlichen Front zu erkennen und zu durchbrechen.

Friedrich griff bei Leuthen auf eine Taktik zurück, die der thebanische Feldherr Epaminondas erstmals 371 v. Chr. bei Leuktra gegen die Spartaner angewandt haben soll. Auch Friedrich massierte seine besten Truppen auf einer Flanke, wo ihnen prompt der Durchbruch gelang, während die andere Flanke durch Geplänkel gegnerische Truppen band.

Solche Manöver verlangten Regimentskommandeure, die ebenso verlässlich wie selbstständig zu entscheiden verstanden. Tatsächlich konnte Friedrich herausragende Generäle seiner Zeit versammeln, ohne deren Hilfe er niemals »der Große« geworden wäre.

Aber auch nicht ohne seine Soldaten, dem Kanonenfutter. Ihnen stand Friedrich genauso Menschenleben verachtend gegenüber wie viele andere große Feldherrn. In der Schlacht bei Kolin 1757 brach das offen aus ihm heraus, als er sich vergebens seinen fliehenden Grenadieren entgegenstellte: »Ihr Racker, wollt ihr denn ewig leben?« Für den König zu sterben, das war und blieb Soldatenschicksal.

LESETIPPS

Christopher Duffy: »Friedrich der Große und seine Armee«. Motorbuch 2009, € 25,–

Ulrich Bräker: »Der arme Mann im Tockenburg«. Diogenes 1995, € 12,–