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Das Rätsel des STEINDRACHEN


TV Digital XXL-Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 17/2021 vom 06.08.2021

DOKU

Artikelbild für den Artikel "Das Rätsel des STEINDRACHEN" aus der Ausgabe 17/2021 von TV Digital XXL-Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TV Digital XXL-Ausgabe, Ausgabe 17/2021

MALERISCH Der überwiegende Teil der Mauern und Wachttürme ist pittoresk verfallen, wie hier bei Gubeikou, etwa 130 Kilometer nordöstlich von Peking

Die Mauer ist offiziell 21.196 Kilometer lang. Aber kann das st im men?

TV TIPP

Im Bann der ... DOKU ... Chinesischen Mauer“. 3-tlg. Reihe über das Bauwerk MI 18.8. 9.35 ARTE ► On Demand

Das längste Postkartenmotiv der Welt umfasst gut 80 Kilometer. Dieser restaurierte, touristisch erschlossene Teil der Großen Chinesischen Mauer nördlich von Peking prägt unser Bild des Wunderwerks, das auch „Steindrache“ genannt wird. Wie lang es insgesamt ist? Dazu gibt es bis heute keine gesicherten Angaben.

„Etwa 7000 Kilometer“ hält Kai Vogelsang, Professor für Sinologie an der Universität Hamburg, für realistisch. Die exakt 21.196 Kilometer, die eine chinesische Messung 2012 offiziell ergeben haben soll, bezeichnet er als übertrieben: „Das ist wie mit der Geschichte: Anfang des 20. Jahrhunderts hieß es, die chinesische Geschichte sei ungefähr 4000 Jahre alt. Heute sind 5000 Jahre Standard, und im ...

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... Palastmuseum in Taipeh ist mittlerweile schon von 8000 Jahren zu lesen. Die Chinesen wollen ihre Geschichte immer großartiger und prächtiger gestalten, also wird auch die Große Mauer immer länger.“

Chinas Interesse an seiner Mauer kam erst unter Staatspräsident Mao Zedong auf, der ein Stück bei Badaling restaurieren ließ, um vor Staatsgästen damit zu renommieren. Wissenschaftlich geforscht und in großem Stil restauriert wird seit den 1980er-Jahren. „Als China begann, sich als Nation zu definieren, brauchte es nationale Symbole“, erklärt Prof. Kai Vogelsang. „Plötzlich wurde die Große Mauer dafür hergenommen, obwohl sie vorher nie ein solches Symbol war.“

Aus Ziegelsteinen und Klebreis

Der Versuch, mit 3-D-Scannern, Drohnen und Satellitenbildern ihre wahre Ausdehnung zu erfassen, dauert noch an, wie jetzt auch eine Dokumentation darlegt (siehe TV-Tipp). Was die Sache unendlich kompliziert macht: Es gibt nicht die eine Chinesische Mauer, es sind viele verschiedene. Teils verlaufen sie in weitem Abstand voneinander fast parallel, dann wiederum scheinen Abschnitte nahezu rechtwinklig zueinander zu stehen. Die diversen Teile entstanden im Abstand von vielen Hundert Jahren und wurden aus unterschiedlichsten Materialien erbaut. An dem einen Ort schichtete man abwechselnd Lehm und Stroh auf, andernorts fügte man kunstvoll Natursteine zusammen, je nachdem, was die Umgebung gerade hergab. Gemauert wurde nur, wenn es nicht anders ging: Vier Milliarden Ziegelsteine sollen in den gemauerten Teilstücken stecken, jeder einzelne von ihnen gut zehn Kilogramm schwer. Für die Bindung sorgte Spezialmörtel, dessen Zusammensetzung noch immer nicht bekannt ist. Klebreis soll dabei aber eine wichtige Rolle gespielt haben.

Ein ganzes Netz aus Mauern

Die Mauer der Ming ist die jüngste und fotogenste. Auch andere Dynastien und Volksgruppen errichteten Mauern. Ein Teil von ihnen ist nicht mehr erhalten, ein anderer Teil wohl noch gar nicht entdeckt. Nicht alle Erbauer waren Chinesen, und nicht alle Mauern liegen im heutigen China

Solide, aber militärisch nicht sehr effektiv

Im Lauf der Jahrhunderte entstanden in der Mauer Lücken, manchmal über viele Kilometer weit, entweder durch Verwitterung oder weil Baumaterial entnommen wurde. Einige Abschnitte sind heute von natürlichen Erhebungen nicht mehr zu unterscheiden oder völlig überwuchert.

„Die allerersten ,Mauern‘ waren eher Wälle aus gestampfter Erde“, erklärt Prof. Vogelsang. „Im Prinzip solide, aber militärisch nicht sonderlich effektiv. Damit ließ sich ein Angriff vielleicht auf halten, aber nicht abwehren.“ Hauptzweck dürfte eher das Sichtbarmachen der Staatsgrenzen gewesen sein, um genau festzulegen: Wer gehört zu uns, wer zu den anderen? Wie weit gilt unser Rechtssystem? Wo können wir noch Steuern erheben?

Die Ursprünge liegen im Bestreben verschiedener Fürstentümer, sich voreinander zu schützen. Vogelsang: „Das kann im 6. vorchristlichen Jahrhundert gewesen sein, zur ,Zeit der Frühlings- und Herbstannalen‘, womit der Zeitraum von 722 bis 481 v. Chr. gemeint ist. In dieser Zeit entstanden die ersten Grenzbefestigungen.“ Nachdem die Qin (auch: Ch’in) das Land 221 v. Chr. gewaltsam geeint und das erste Kaiserreich begründet hatten, lagen etliche der Mauern plötzlich im Landesinneren. „Die wesentlichen Feinde saßen jedoch im Norden, das waren Vorfahren der Mongolen. Der erste Kaiser vereinte einige nördliche Teilmauern zur Großen Mauer.“ Die erste, die den Namen „Chinesische Mauer“ verdient, denn ein Land namens China gab es vorher nicht, nur unzählige Staaten und Kleinstfürstentümer auf dem Gebiet, das heute China ist.

Zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert wurde die Mauer nahezu bedeutungslos. Grund: Die Tang-Dynastie gliederte die Türken ein. „Die Grenze nach Norden und Nordwesten spielte damit keine große Rolle mehr, denn die chinesischen Gebiete gingen weit darüber hinaus. Die Bedrohung aus dem Norden wurde akuter in der Song-Dynastie, die militärisch ziemlich schwach war und sich zunehmend gepiesackt sah von den Völkern, die aus dem Norden kamen.“

Die ältesten Abschnitte sind 2400 Jahre alt.

Interessant: Als der Entdecker Marco Polo Ende des 13. Jahrhunderts nach China reist, „erwähnt er die Mauer nach seiner Rückkehr mit keinem Wort, die hat er offenbar gar nicht wahrgenommen. Es war also keineswegs das imposante Monument, das wie ein Riegel vor China steht.“ Die Mauern wurden zu jener Zeit sogar als Steinbruch für neue Wohnhäuser genutzt. Erst mit der Ming-Dynastie entstand im 15./16. Jahrhundert „die“ Mauer, wie wir sie heute von Postkartenmotiven kennen. „Die Ming vertrieben die Mongolen, doch damit waren sie nicht verschwunden: Sie saßen weiterhin in der Mongolei und blieben eine Bedrohung.“ Die größte Schmach für die Ming war die Gefangennahme eines ihrer Kaiser in einer Schlacht. Als Reaktion bauten sie die Mauer weiter aus.

Und wie verhält es sich mit der Legende, die Große Mauer sei das einzige Bauwerk, das vom Mond aus zu sehen ist? „Die ist älter als die Raumfahrt“, sagt Chinaexperte Vogelsang. „Aber egal wie lang die Mauer nun tatsächlich ist: Sie ist einfach zu schmal, um sie vom Mond aus sehen zu können.“

THOMAS RÖBKE