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DAS RICHTIGE TRAININGSMASS: Zwischen Fördern und Überfordern


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 60/2018 vom 11.05.2018

Wann ist derbeste Zeitpunkt , um ein Jungpferdeinzureiten? Wie viel darf und wie viel soll man mit einem Jungpferd arbeiten, um esweder zu über- noch zu unterfordern? Die Pferdewissenschaftlerin Dr. Vivian Gabor erklärt worauf es bei der Ausbildung ankommt


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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 60/2018

Die Ausbildung im jungen Alter legt den Grundstein für die gesamte weitere Leistungsbereitschaft des Pferdes


Bei dem Thema Jungpferdeausbildung gibt es nahezu ebenso viele Meinungen wie im Bereich der Kindererziehung. Und es kristallisieren sich schnell zwei Extreme heraus: Einige können gar nicht früh genug mit der reiterlichen Ausbildung ihres ...

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... Jungpferdes anfangen und longieren dieses bereits im Alter von zwei Jahren mit Sattel, andere lassen sogar ein sechsjähriges Pferd lieber noch ungeritten auf der Wiese stehen, damit dieses seine Fohlenzeit in vollen Zügen genießen kann. Dr. Vivian Gabor, Dipl. Biologin mit Spezialisierung auf Pferdeverhalten, erklärt, wann der richtige Zeitpunkt zum Anreiten gekommen ist: „In meinen Augen gibt es kein ideales Alter, um die Ausbildung zum Reitpferd zu beginnen. Vielmehr hängt es sowohl von dem individuellen Pferd, seiner psychischen und physischen Reife, als auch von der Vorbereitung ab.“ Generell sollte ein Pferd frühestens mit drei Jahren einen Reiter tragen, um körperliche Spätfolgen zu vermeiden. Einige Rassen, beispielsweise die Isländer, gelten als Spätentwickler und benötigen daher mehr Zeit, um sich körperlich vollständig zu entwickeln. In der Jungpferdeausbildung gilt nur eine Pauschalisierung, erklärt Vivian Gabor: „Es gibt keine Standards. Jede Ausbildung sollte individuell auf das Jungpferd und seinen Charakter abgestimmt werden. Die Ausbildung legt den Grundstein für das gesamte spätere Leben eines Reitpferdes, und schließlich möchte jeder ein leistungsbereites und motiviertes Pferd haben.“

Die Vorbereitung ist entscheidend

Generell hängen der Zeitpunkt und der Erfolg des Anreitens nicht von der Altersangabe auf dem Equidenpass, sondern maßgeblich von der passenden Vorbereitung ab. Darunter fasst Vivian Gabor jede Interaktion mit dem Fohlen oder Jungpferd zusammen: „Sobald der Mensch sich mit dem Tier beschäftigt und sozusagen einen Reiz beziehungsweise Impuls gibt, gilt das als Training. Dies kann bei einem Jungpferd das Führtraining sein, bei dem dieses auch mal einen Schritt rückwärts oder seitwärts geht.“ Die Ausbildung eines Reitpferdes beginnt demnach nicht erst bei der Longenarbeit und der Gewöhnung an Sattel, Trense und Reitergewicht.

Die Ausbildung eines Jungpferdes ist mit der eines Menschen vergleichbar: Im Kindergarten findet zunächst eine „spielerische“ Vorbereitung auf die Schule und die dort geforderten Leistungen statt. Bis zum Alter von drei bis vier Jahren könnte man das Jungpferd mit einem Kindergartenkind vergleichen: Demzufolge wird es bereits mit dem Menschen und dessen Welt konfrontiert, es finden kurze Trainingseinheiten statt. Dabei sollte jedes Training an das Alter angepasst sein, sodass schon ein zehnminütiger Spaziergang um den Stall eine große Herausforderung für einen Jährling sein kann. Die körperliche Vorbereitung kann je nach Alter durch Führen – auf dem Platz, im Gelände oder über Stangen – sowie Longieren oder als Handpferd geschehen. Sie soll den ganzen Muskel-, Sehnen- und Bänderapparat des Pferdes auf ein Leben als Reitpferd vorbereiten. Trotz aller Vorbereitung muss darauf geachtet werden, dass es seine Fohlenzeit auch auf der Wiese mit Artgenossen genießen darf. Wird ein Jungpferd zu früh zu Höchstleistungen angetrieben, leidet häufig die Psyche und die Lebensfreude geht verloren.

Auch bei einem erwachsenen Pferd sind Pausen im Training sinnvoll


BUCHTIPP

Gut nachvollziehbar beschreibt Dr. Vivian Gabor in ihrem Buch„Vom Wildpferd zum Reitpferd – Meine Begegnung mit einem Mustang“ , wie sie einen zuvor wild lebenden Mustang zum zuverlässigen Partner ausbildet: von der ersten Gewöhnung an die menschliche Umgebung über die Boden- und Freiarbeit bis hin zum zuverlässigen Reitpferd. Dieses Buch lädt ein, sich in die ursprüngliche Natur des Pferdes hineinzuversetzen, um das Training sinnvoll zu gestalten. Das Buch erscheint im Juli im Müller Rüschlikon Verlag und kostet 19,90 Euro.www.paul-pietschverlag.de

Vivian Gabor hält jedoch auch nichts davon, ein Jungpferd völlig ohne Anforderungen auf der Wiese stehen zu lassen und mit drei Jahren plötzlich mit der Ausbildung zu beginnen: „Diese Vorgehensweise ist weit verbreitet. Für die psychische und physische Entwicklung des Pferdes ist es jedoch sinnvoller, wenn bereits ab dem Fohlenalter bis zum Start der Ausbildung unterm Sattel auch immer mal wieder mit dem Pferd gearbeitet wird. Wissenschaftlich ist bewiesen, dass eine Leistungssteigerung – körperlicher und psychischer Art – nur geschehen kann, wenn bis an die beziehungsweise über die Leistungsgrenze hinaus gegangen wird. Wichtig ist, dies nur in ganz kurzen Abschnitten zu tun und immer wieder in den Komfortbereich zurückzukommen.“ Hat das Pferd also bis zu einem Alter von drei Jahren kaum Impulse durch den Menschen erhalten, kann es bereits durch ein zehnminütiges Führtraining überfordert sein. Die Praxis, ein ungearbeitetes Pferd dreijährig direkt mit der Longe und dem Sattel zu konfrontieren, ähnelt dem Szenario, einen Jugendlichen, der nie zur Schule gegangen ist, mit 16 Jahren plötzlich in die Arbeitswelt zu schicken. „Um körperlichen und psychischen Schäden vorzubeugen, müssen sowohl Menschen als auch Pferde langsam und mit viel Gefühl an eine hohe Leistung herangeführt werden. Überforderung wirkt sich langfristig negativ auf die Leistungsentwicklung aus“, so Vivian Gabor.

Konsequenz und Fairness

Auch Pferde kommen in die Pubertät und stellen die eigenen Grenzen und die des Reiters in Frage. Für eine faire Ausbildung ist daher die Unterscheidung zwischen pubertärem Verhalten und Überforderung durch Mangel an Konzentrationsfähigkeit elementar. „Ähnlich wie beim Menschen steigt die Konzentrationsfähigkeit mit steigendem Alter und Belastung durch Training. Das bedeutet, ein Jungpferd hat nur eine sehr kurze Konzentrationsspanne, und dementsprechend muss das Training aufgebaut werden“, erklärt Vivian Gabor. Häufig wird eine 30-minütige Longeneinheit als selbstverständlich für ein Jungpferd angesehen: Dabei wird außer Acht gelassen, dass sich das Pferd zwar körperlich solange bewegen, jedoch nicht reell auf den Menschen und dessen Hilfengebung konzentrieren kann. Auch bei einem erwachsenen Pferd beträgt die reelle Konzentrationsdauer nur wenige Minuten, daher sind sinnvoll eingebaute Pausen im Training ausschlaggebend für die Fortschritte.

UNSERE EXPERTIN

DR. VIVIAN GABOR ist Biologin, promovierte Pferdewissenschaftlerin und Buchautorin. Ihr Spezialgebiet ist das Lernverhalten des Pferdes und die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis. Sie betreibt ein Ausbildungszentrum für Mensch und Pferd in Einbeck und ist Gründerin des Instituts für Verhalten und Kommunikation (IVK). Sie bietet bundesweit reitweisenübergreifende Lehrgänge an. Der Schwerpunkt liegt bei der Optimierung der Mensch-Pferd Kommunikation für ein pferdegerechtes Training.www.viviangabor.de

Leider gibt es keine Faustformel, um die ideale Trainingsdauer zu bestimmen. Die Trainingsdauer hängt vom einzelnen Pferd und seiner Tagesform ab, welche wiederum von vielen Faktoren – unter anderem dem Hormonhaushalt und den Haltungsbedingungen – beeinflusst wird. „Durch genaues Beobachten des Verhaltens des Pferdes, wird deutlich, ab wann die Konzentration nachlässt und die Überforderung langsam beginnt. Beispielsweise wirken die Pferde zunehmend abgelenkter und können auch schreckhafter werden“, erklärt Vivian Gabor. Dennoch ist es nicht empfehlenswert, in genau diesem Moment das Training zu beenden, viel eher sollte man wenige Minuten über die Belastungsgrenze hinausgehen, um auch eine mentale Leistungssteigerung zu erreichen, erklärt die Verhaltensforscherin: „Wenn man nur in der Komfortzone arbeitet, übt man nicht ein, was man tut, wenn das Pferd mal in eine unangenehme Situation kommt – beispielsweise im Gelände oder auf einem Turnier. Es soll auch dann auf den Menschen achten und sich wieder entspannen können.“

Die Zeit-ist-Geld-Mentalität macht auch vor der Jungpferdeausbildung nicht halt, und so soll ein Pferd nach drei Monaten professionellem Beritt mindestens Schritt, Trab und Galopp in Anlehnung gehen. Diese Einstellung verursacht jedoch standardisierte Trainingspläne mit wenig Flexibilität. Um das finale Ziel zu erreichen, wird dann auch an einem Tag, an dem sich das Pferd offensichtlich schlecht konzentrieren kann, eine halbe Stunde unterm Sattel gearbeitet. Vivian Gabor hat eine andere Herangehensweise und setzt auf eine gute Vorbereitung: „Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Pferde bei einer Ausbildung von mir nach drei Monaten noch nichts gelernt haben – die meisten können in allen Gangarten geritten werden und beherrschen bereits erste Seitengänge. Für mich geht es in der Ausbildung nicht um Schnelligkeit, sondern um das Gefühl, im richtigen Moment eine Pause zu machen, und natürlich um Konsequenz. “

Mit Lob verknüpft das Pferd etwas Positives


Fotos: slawik.com (6), Juliane Fellner (1), PR

Das richtige Maß zwischen Abwechslung und Routine ist wichtig


Vielfach wurde schon erwähnt, dass die Ausbildung auf das individuelle Pferd angepasst werden muss. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die unterschiedlichen Bewältigungsstrategien wichtig, so die Verhaltensforscherin: „Bei Pferden unterscheidet man ähnlich wie beim Menschen zwischen einem „active coper“ und „passive coper“. Diese beiden Bewältigungstrategien zeigen die Reaktion eines Pferdes in ungewohnten Situationen.“ Ein „active coper“ bewältigt neue Situationen eher aktiv, also durch Bewegung – so kann eines solches Pferd beim ersten Satteln etwas herumzappeln oder auch mal einen Satz zur Seite machen. Der „passive coper“ hingegen neigt eher zur Lethargie und verfällt in neuen Situationen häufig in einer Art Schockstarre. Diese wird oft mit Bravheit missinterpretiert, wodurch unvorhergesehene Situationen beim Anreiten passieren können. Vor diesem Hintergrund ist es noch unverständlicher, mal eben am Anbindebalken ein kleines Kind auf den Rücken eines ungerittenen, zweijährigen Pferdes zu setzen. „Dies ist Unwissenheit gepaart mit Naivität, die Leute denken, das Kind wiege ja nichts und sie schadeten so dem Pferd nicht. In welche Gefahr sie ihr Kind bringen, ist ihnen gar nicht bewusst. Besonders Pferde, die eher zu Lethargie neigen, können plötzlich explodieren und losbocken“, warnt Vivian Gabor.

Wird ein Pferd ständig überfordert, reagiert es möglicherweise mit Widerstand


Gewohntes in Ungewohntem

Bei fortschreitender Ausbildung neigen viele Leute dazu, ihrem Pferd möglichst viel Abwechslung und unterschiedliche Impulse geben zu wollen. Auch wenn das Ziel ein vielseitig einsetzbarer Freizeitpartner ist, so muss ein Pferd nach einem halben Jahr unterm Sattel noch nicht viele Dressurlektionen, einen kompletten Springparcours oder einen Geländeritt in allen Gangarten beherrschen.

„Grundsätzlich gibt Routine Sicherheit, und Abwechslung fördert die Konzentration und Aufmerksamkeit. Ich gebe dem Jungpferd immer eine gewisse Routine, um neue Dinge einzuführen. So bleiben beispielsweise die Abläufe in der Vorbereitung und dem Aufwärmen gleich, jedoch beginne ich dann zur Mitte des Trainings mit einer neuen Lektion“, erklärt Vivian Gabor ihre Trainingsgestaltung. Zu viel Routine kann gefährlich werden, eben dann, wenn Pferd und/oder Reiter in eine Art Trott fallen und die Konzentration nachlässt. Eine gesunde Mischung aus Routine und Abwechslung ist daher der beste Weg im Trainingsalltag. Das Ziel ist es, auch in der Abwechslung routinierte Abläufe einzubringen, damit diese nicht zur Angst oder Überforderung sondern nur zu einer gesunden Neugier und Aufmerksamkeit führen.