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Das Schloss der Stahlbarone


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 11.02.2022

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Bildquelle: Gong, Ausgabe 7/2022

Die Gartenseite der Villa Hügel mit dem Hauptgebäude (l.) und dem Kleinen Haus (r.)

Ganz im Süden von Essen liegt etwas versteckt eines der faszinierendsten Bauwerke des Landes. In einer weitläufigen Parkanlage thront die Villa Hügel über dem Ruhrtal. Mit 269 Räumen und 8100 Quadratmetern Fläche sticht ihre Größe sofort ins Auge. Gestaltet ist sie jedoch nüchtern, man wollte nicht mit Prunk überwältigen. Die Villa verströmt eine ganz besondere Aura. Jeder Besucher ahnt, dass dieses Haus eine Bedeutung hat, die über architektonische Kategorien weit hinausgeht. Und dieses Gefühl trügt nicht.

Von 1873 bis 1945 diente die Villa der berühmten Industriellenfamilie Krupp als Wohn- und Repräsentationshaus. Heute gilt sie als eines der bedeutendsten Symbole jener Epoche, in der die Industrialisierung sämtliche Lebensbereiche revolutionierte. In der die Schornsteine pausenlos Rauch übers Ruhrgebiet bliesen, Bergmänner unter Tage das schwarze Gold abbauten, Fabrikherren zu mächtigen Männern ...

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... wurden. Einer von ihnen war Alfred Krupp (1812 – 1887), der Bauherr der Villa Hügel.

Untragbare Zustände auf dem Werksgelände

Als Nachfolger seines Vaters, des Firmengründers Friedrich Krupp (1787 – 1826), baute er dessen Gussstahlfabrik ab Mitte des Jahrhunderts zum größten Industrieunternehmen Europas aus. Der Aufstieg begann mit der Erfindung und Produktion nahtloser Eisenbahnradreifen aus Stahl. Drei miteinander verschlungene Reifen wurden zum Firmensymbol. Später machten Rüstungsgüter einen weiteren Teil der Geschäfte aus. Wie sein Vater lebte auch Al fred Krupp mit seiner Familie auf dem Firmengelände. Zwar verließen sie im Jahr 1861 das heute als Stammhaus der Krupps bekannte winzige Häuschen zugunsten eines komfortableren Domizils. Doch der Dreck und der Lärm auf dem Areal waren ein Ärgernis für Alfred und seine Gattin Bertha. Vor allem der als technisches Weltwunder gefeierte monströse Dampf hammer „Fritz“ raubte den Krupps den letzten Nerv. Wenn er im Einsatz war, zersprang in ihren Schränken das Porzellan. Zudem litt ihr Sohn Friedrich Alfred unter Asthma. Alfred Krupp beschloss deshalb, dass ein neuer Wohnort „ein Mittel der Lebensverlängerung“ werden solle.

„Alfred Krupp war damals nicht der einzige Industrielle, der eine Trennung von Wohnort und Fabrik vollzogen hat“, sagt Dr. Ute Kleinmann, Vorstand der Kulturstiftung Ruhr, die mitverantwortlich für den Betrieb und die Bewahrung des Erbes der Villa Hügel ist. „Das war geradezu ein Trend. Mit steigendem Wohlstand wuchs bei vielen deutschen Fabrikanten der Wunsch nach einem repräsentativen Anwesen fernab der Produktionsstätten.“ Krupps Wahl fiel auf den Ort Bredeney, der damals noch nicht zu Essen gehörte. Dort erwarb er den Hof Klosterbusch und bezog diesen im Jahr 1864. Weil auch dieses Domizil nicht seinen Anforderungen entsprach, ließ er direkt nebenan von 1870 bis 1873 die Villa Hügel errichten – nach eigenen Plänen.

„Alfred Krupp war mehr Ingenieur als Ästhet“, sagt Ute Kleinmann. „Ihm war es in erster Linie wichtig, ein modernes Haus mit hohem technischem Standard zu bauen. Er hatte Angst vor Seuchen und Infektionen und wusste, dass Hygiene ein wichtiger Faktor für die Gesundheit ist. Deshalb ließ er, ungewöhnlich für die Zeit, zahlreiche Bäder und Toiletten in die Villa einbauen. Auch die Zimmer der Bediensteten verfügten bereits über f ließendes Wasser. Außerdem entwickelte er ein Belüftungssystem, das beständig für frische Luft in den Räumen sorgte.“ Die Zimmer selbst gestaltete er schlicht. Freie Flächen und leere Wände prägten das Innere.

Die nächsten Generationen setzten bei der Gestaltung der Räume persönliche Akzente. So zogen Friedrich Alfred und seine Frau Margarethe 1888 in die Villa und sorgten für eine luxuriöse Ausstattung. 1900 ließen sie Decken und Säulen mit Stuck verkleiden, ersetzten eine Eisentreppe durch eine hölzerne Treppe mit Schnitzereien und legten eine Sammlung von Wandteppichen an. Ihr heutiges Aussehen erhielt die Villa schließlich durch Umbauten, die zwischen 1912 und 1915 von Bertha und Gustav Krupp von Bohlen und Halbach veranlasst wurden. Unter anderem gestaltete der königliche Hofarchitekt Ernst von Ihne die beiden Säle des Haupthauses vollständig um.

Eine neue Ära mit Kunst und Kultur

Verblüffend ist die große Anzahl der Angestellten. 1914 arbeiteten 648 Menschen für das Haus. „Die Villa Hügel war ein komplexer Selbstversorgerbetrieb, der viel Personal benötigte“, erklärt Dr. Kleinmann. „Zum Beispiel für die Bewirtschaftung der Gewächshäuser, Bienenstöcke, Obstgärten und die Viehwirtschaft. Zudem repräsentierte eine gut ausgebildete Dienerschaft den guten Geschmack sowie die finanziellen Möglichkeiten der Familie.“ Mit anderen Worten: Man konnte die Besucher beeindrucken. Häufigster Gast war Kaiser Wilhelm II., der 13-mal in die Villa kam.

Es gehört zur ganzen Wahrheit über die Villa Hügel, dass die Krupps dort auch Diktatoren empfingen und mit ihnen Geschäfte machten. So war Adolf Hitler viermal zu Gast, das Unternehmen baute Waffen für die Nationalsozialisten. Der letzte Bewohner der Villa, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, wurde im April 1945 in der Villa von US-Soldaten verhaftet, wegen des Einsatzes von Zwangsarbeitern als Kriegsverbrecher verurteilt und 1951 begnadigt. Sein Haus wurde zum Sitz der Alliierten Kohlekontrollkommission.

1952 bekamen die Krupps ihr Anwesen zurück, als Wohnhaus wollten sie es nicht mehr nutzen. Es wurde für die Öffentlichkeit freigegeben und zu einer guten Adresse für Kunst- und Kulturveranstaltungen. Eigentümerin ist heute die Krupp-Stiftung, auch das Krupp-Archiv befindet sich dort. Im kommenden Jahr wird das 150-jährige Jubiläum der Fertigstellung der Villa mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Die ersten Termine werden in den kommenden Monaten bekannt gegeben. Bereits jetzt stimmt die Krupp-Stiftung auf ihrem Instagram-Kanal mit Fotos und Fakten zur spannenden Historie der Villa Hügel auf das Ereignis ein.

SVEN SAKOWITZ