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Das Schwei gen der Schweine


Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 29.08.2019
Artikelbild für den Artikel "Das Schwei gen der Schweine" aus der Ausgabe 9/2019 von Das Satiremagazin EULENSPIEGEL. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 9/2019

Boris Johnson, David Cameron und 18 weitere britische Premierminister haben etwas gemeinsam. Nicht nur sie, auch die Prinzen (William und Harry), Jack the Ripper und das Monster von Loch Ness. Sie alle erwarben ihre schulische Erziehung am Eton-College, dem erfolgreichsten Elitenmastbetrieb des Commonwealth. Neben diesem sakralen Ort, an dem größter Wert auf Tradition gelegt wird, wirkt selbst der Vatikan wie ein reformpädagogischer Kindergarten. Während der Rest der westeuropäischen Welt in Beliebigkeit versinkt, herrscht in Eton noch Inzucht und Ordnung.

Eine Ziegelsteinmauer schützt das altehrwürdige ...

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... College mit seinen mittelalterlichen Zinnen vor den einfachen Leuten und proeuropäischem Gesindel. Über dem schwarzen Eisentorbogen prangt der Leitspruch: »Eat and be Eton«. »Sorry, britischer Humor«, grient ein Männlein in gebückter Haltung. Es hat 97 Jahre auf dem Buckel und stellt sich vor als Earl of Sausex. Der Weg zum Haupteingang führt über einen englischen Rasen, vorbei an einem kleinen Schweinegehege, das zu der Um-gebung wie die Faust aufs Auge passt. »Unsere Wappentiere«, klärt der Earl auf. Die Tiere wirken seltsam verstört. Der Earl beteuert, dass sie sich den Lippenstift selber auftragen würden.

An den Decken des Atriums hängen Kronleuchter mit ganzen Stoßzähnen, auf dem Mar-morboden liegt ein ausgebreitetes Tigerfell. »Ein Mitbringsel einer Großwildklassenfahrt nach Britisch-Indien«, sagt der Earl. Elegant schwingt er sein Ebenholzbein über den ausgestopften Tigerkopf. Das Original habe er in Dünkirchen liegen lassen. »Nicht den Tiger, das Bein«, sagt der Earl und bricht in Gelächter aus. »Britischer Humor, sorry.«

Die Ahnengalerie an den Wänden findet kein Ende. Old Etonians nennt man die Internatsabsolventen, oder kürzer: Internatzis. Lauter Earls, Lords, Dukes und Nudes, die alle auf ihre Weise Geschichte geschrieben haben. Ergriffen bleibt der Earl of Sausex vor einem Ölportrait stehen. Es zeigt seinen Großvater, den Earl of Sandwich, den Erfinder des belegten Brotes. »Die wichtigste britische Erfindung neben der Dampfmaschine, dem Kolonialismus und dem Flächenbombardement«, sagt er ergriffen.

Gegründet wurde Eton ursprünglich für arme Schlucker. Aber die Collegers, wie jene Eindringlinge genannt werden, die sich lediglich aufgrund von Leistung ein Stipendium und damit einen Collegeplatz erschlichen haben, werden zu einer immer kleineren Minderheit. Die Nase vorn im Verdrängungswettkampf haben die Upperclass-Schüler, die sich auf klassische Werte und stinkreiche Eltern berufen. 14 000 Pfund kostet ein Schulhalbjahr. Ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass wer in Eton zur Schule geht, an der großen Karriere gar nicht vorbeikommt. Aber was ist das Erfolgsgeheimnis? »Es herrscht hier dieser einzigartige Teamspirit«, schwärmt der Earl. An keinem anderen College werden Mannschaftssportarten so gepflegt wie in Eton. Zu den jahrhundertealten Paradedisziplinen gehören Rudern, Rugby und Russisch Roulette. Und natürlich das legendäre Wall Game. »Auf diesem Feld wurde der moderne Fußball erfunden«, sagt der Earl und zeigt auf einen 110 mal fünf Meter großen Schlammplatz, auf dem zwei eingesaute Horden einer Matschkugel hinterherjagen. Angeblich birgt das Spielfeld mehr Knochenreste als Waterloo. Wegen der Platzenge gibt es für die angreifende Mannschaft kaum ein Durchkommen. Das letzte Tor in einem Wall-Game-Match fiel im Frühsommer 1909. Die Motivation, dieses sinnlose Spiel weiterhin am Leben zu halten, erscheint vielen Außenstehenden ähnlich unerklärlich wie das Festhalten der Briten an ihrer Fußballnationalmannschaft, deren letzter zählbarer Erfolg ebenfalls rund hundert Jahre zurückliegt.

Drei Dinge sind in Eton streng tabu: Frauen, kein Alkohol und Frauen. »Hätte Gott gewollt, dass Frauen Premiumunterricht erhalten, hätte er sie mit keinem kleineren Hirn gesegnet «, gibt der Earl zu bedenken. »Außerdem können Frauen nicht Fußball spielen.« Pubertierende Jungen, die tagein, tagaus ständig nur unter sich sind, kommen zwangsläufig auf kreative Gedanken. So soll Ex-Premier mini-ster und Old Etonian David Cameron bei einem Saufgelage sein Glied in einen Schweinskopf gesteckt haben. Über die sogenannte Piggate-Affäre berichteten im Herbst 2015 praktisch alle Zeitungen. Das Gerücht geistert und grunzt seither durchs Netz und die britischen Ställe. »Ich darf darauf hinweisen, dass diese Affäre verjährt ist und in gegen seiti gem Einvernehmen stattfand«, betont der Earl. Außerdem habe der Kopf keinem Schwein gehört, sondern Boris Johnson. Cameron hat sich zur Sache bislang nicht geäußert. Auch Schweinebacke Johnson schweigt beharrlich.

»Wie erklärt man einem Deutschen unser College?«, fragt sich der Earl und liefert die Antwort gleich mit: »Eton ist wie Lebensborn mit pädagogischen Mitteln.« Er muss lachen und verweist auf den speziellen »britischen Humor «. Seit einiger Zeit, genaugenommen seit öffentlich wurde, dass ein gefährlicher Vollpsycho wie Boris Johnson hier zur Schule gegangen ist, wird aber auch über die Schattenseiten des Elitecolleges debattiert. Traumatherapeuten warnen, dass die frühe Trennung von den Eltern in Internaten zu Spätfolgen führen könne, wie Ödipuskomplex, Nationalismus oder Sturmfrisur. Der britische Therapeutenverband sprach daher die Empfehlung aus, mindestens einmal wöchentlich an der Downing Street Mutter-Kind-Kurse durchzuführen. Die Initiative würde gefördert mit Mitteln der Europäischen Union.

Es sei ja nicht so, dass in Eton die Zeit stehen geblieben ist, stellt der Earl klar und kann eine ganze Reihe von Modernisierungsschritten auflisten: Bereits in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts sei die Prügelstrafe abgeschafft worden, jedenfalls unter Schülern. Seit den 80ern dürfen auf dem Gelände keine Hexen mehr verbrannt werden, jedenfalls bei Südwind, weil dieser den Qualm immer in die Rektoratsgemächer trug. Und auch die Sklaverei wird innerhalb des nächsten Säkulums auslaufen, sofern an den Rändern des Commonwealth adäquate Minijobber aufgetrieben werden. »Das sollen uns andere Internate erst einmal nachmachen«, sagt der Earl.

Die Nachmittagssonne hat sich hinter den Zinnen von Eton verkrochen. Der Earl of Sausex, der Very Old Etonial, sieht auf die Uhr. Es sei nun Zeit zu gehen, bedeutet er. »It’s pigtime «, sagt er und stößt ein elitäres Grunzen aus. – Hoffentlich nur britischer Humor.