Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 19 Min.

Das Schweigen der Hirten


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 39/2018 vom 21.09.2018

Vatikan Papst Franziskus versprach bei Amtsantritt einen erneuerten, weltoffenen Katholizismus – fünfeinhalb Jahre und viele Missbrauchsfälle später ist die Weltkirche gespalten wie nie zuvor.


Artikelbild für den Artikel "Das Schweigen der Hirten" aus der Ausgabe 39/2018 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 39/2018

Papst Franziskus in Rom


Vom Beben, das den Vatikanstaat erschüttert, ist im Epizentrum wenig zu spüren. Hinter hohen Mauern herrscht Stille im Kirchenstaat. Die Vorhänge vor der päpstlichen Wohnung im Gästehaus Santa Marta sind zugezogen, ein Schweizergardist bewacht den Eingang, ein Gendarm patrouilliert. Die Schaltzentrale der Weltkirche gleicht einer Trutzburg.

Nur hinter verschlossenen Türen äußern sich ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Der Spiegel. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 39/2018 von DER SPIEGEL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER SPIEGEL
Titelbild der Ausgabe 39/2018 von Das Absturz-Bündnis. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das Absturz-Bündnis
Titelbild der Ausgabe 39/2018 von Meinung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meinung
Titelbild der Ausgabe 39/2018 von Der Geisterberg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Geisterberg
Titelbild der Ausgabe 39/2018 von Altpräsidenten: »Lebenslange Vollausstattung«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Altpräsidenten: »Lebenslange Vollausstattung«
Titelbild der Ausgabe 39/2018 von Innere Unsicherheit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Innere Unsicherheit
Vorheriger Artikel
Meinung
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Der Geisterberg
aus dieser Ausgabe

... Kardinäle und Erzbischöfe. Darüber, dass etwas passiert ist, was an die Fundamente der Kirche rührt. Es geht dabei, in erster Linie, um tausendfach dokumentierten sexuellen Missbrauch durch Seelsorger weltweit. Es geht aber zunehmend auch um Papst Franziskus. Er, als strahlender Reformer gestartet, droht seine Autorität zu verspielen – weil er häufig zur Unzeit spricht, in wichtigen Momenten hingegen schweigt.

Über Lügen, Intrigen und »einen Heiligen Vater, der wie keiner vor ihm die Glaubenswahrheit infrage stellt«, wettert ein greiser Kardinal am Hof von Franziskus. Nicht einmal sechs Jahre sind vergangen, seitdem Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, zum 265. Nachfolger Petri gewählt und vom Start weg bejubelt wurde als Lichtgestalt. Als Pontifex, der seiner verkrustet und rückwärtsgewandt wirkenden Kirche zeitgemäßere Züge verpassen könnte. Mittlerweile aber sieht es so aus, als entgleite dem Oberhirten die Herde.


»Ich habe ihm von Anfang an kein Wort geglaubt.«


Sollte am Ende wahr werden, was Franziskus laut Zeugen in kleiner Runde gesagt hat: »Nicht ausgeschlossen, dass ich als derjenige in die Geschichte eingehen werde, der die katholische Kirche gespalten hat«? Zumindest ist dieser Tage von der schwersten Krise des laufenden Pontifikats und von einem »Bürgerkrieg« unter den Gläubigen die Rede – wobei die Gefechtslinien nicht nur zwischen konservativen Franziskus-Gegnern und progressiven Befürwortern verlaufen.

Kritik kommt momentan vor allem vom konservativen Flügel in den USA, wo der Verdacht geäußert wird, der Papst aus Argentinien habe seine Hand schützend über ein Netzwerk homosexueller Würdenträger gehalten – und sich sogar mitschuldig gemacht an tausendfachem Missbrauch.

Der schwerwiegendste, bislang nicht dementierte Vorwurf: Franziskus soll den inzwischen suspendierten US-Kardinal Theodore McCarrick, einen Serientäter, wider besseres Wissen rehabilitiert und mit delikaten diplomatischen Missionen betraut haben. Diese Anklage, verbunden mit einer Rücktrittsforderung an Franziskus, stammt vom ehemaligen vatikanischen Nuntius in Washington, Carlo Maria Viganò.

»Ich werde dazu kein Wort sagen«, erklärte der Papst. Er, der sonst schnell eine Meinung parat hat, bleibt damit seiner Linie treu: Zu heiklen Themen schweigt er. Das war so im Fall der von vier Kardinälen geäußerten »dubia« – Zweifel – an seiner Amtsführung. Sie verdächtigen ihn der Verbreitung von Irrlehren. Das war auch so beim jüngsten offenen Brief von 30000 Katholikinnen, die forderten, endlich die Wahrheit zu erfahren. Der Papst aber lässt lieber den Vorwurf im Raum stehen, er habe von den Umtrieben des Kinderschänders McCarrick seit Juni 2013 gewusst.

Mit dem amerikanischen Kardinal pflegte er vertrauten Umgang. Stolz, noch mit 84 Jahren für Franziskus auf Reisen gehen zu dürfen, soll McCarrick einst erklärt haben: »Es sieht so aus, als habe der Herrgott noch einiges vor mit mir.« Worauf Franziskus spöttisch antwortete: »Könnte auch sein, dass der Teufel die Unterkunft für dich noch nicht fertig hat.«

Der oft zum Plaudern und Scherzen aufgelegte Papst verstört die auf Strenge in Form und Inhalt bedachte Vatikan-Elite bis heute. »Ich habe diesem Franziskus von Anfang an kein Wort geglaubt«, sagt ein gestandener Kardinal, der nicht genannt werden will, innerhalb der vatikanischen Mauern: »Der predigt Barmherzigkeit, ist in Wahrheit aber ein eiskalter, gerissener Machiavellist und, was noch schlimmer ist – er lügt.«

Wann wäre je zuvor so über einen der Nachfolger auf dem Stuhl Petri gesprochen worden? Über das Oberhaupt von 1,3 Milliarden Gläubigen – den Alleinherrscher über eine Institution, die Kaiser- und Königreiche überdauert und Globalisierung wie Zeitgeist bisher getrotzt hat?

An Papst Franziskus hängen die Hoffnungen derer, die dieser Kirche den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft zutrauen. Die von einer stärkeren Rolle für Frauen, von der Priesterweihe für Homosexuelle oder von mehr Ökumene träumen, von mehr Barmherzigkeit auch und weniger Pomp. Scheitert Franziskus, so geht mehr in die Brüche als nur das Pontifikat eines Papstes aus Lateinamerika.

An Negativschlagzeilen mangelt es nicht: Die 356-Seiten-Studie der Deutschen Bischofskonferenz über sexuellen Missbrauch von Minderjährigen, die der SPIEGEL in Auszügen vorab veröffentlichte, ist ein niederschmetterndes Dokument klerikaler Vergehen. Am Dienstag sollen die Ergebnisse von Kardinal Reinhard Marx vorgestellt werden. Es gebe keinen Anlass zur Annahme, so die Autoren der Studie, »dass es sich beim sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker der katholischen Kirche um eine in der Vergangenheit abgeschlossene und mittlerweile überwundene Thematik handelt«.

Unter dem Eindruck der Schreckensmeldungen aus Deutschland hat der Papst für Februar 2019 ein Treffen der Vorsitzenden aller nationalen Bischofskonferenzen zum Thema Missbrauch einberufen. Das bedeutet: Weitere fünf Monate werden vergehen, ehe führende katholische Würdenträger nach Rom reisen, um zu beraten – jene Eminenzen und Exzellenzen, die aufgrund ihrer Machtposition oft eher Teil des Problems sind als Teil der Lösung.

Wer sich an der katholischen Basis umhört, vernimmt massives Grummeln im Bauch der gewaltigen, weltweit verwurzelten Glaubensgemeinschaft. Eine Reise auf den Spuren der Missbrauchsopfer führte SPIEGEL-Reporter in den US-Bundesstaat Pennsylvania, zu Opfern in Argentinien und ins Erzbistum des Papst-Intimus Kardinal Reinhard Marx – wo »das syste-mische Problem« und »die spirituelle Krise « der Kirche offen beklagt werden.

Nachgefragt wurde auch und vor allem im Epizentrum des Bebens – Kardinäle wie Bischöfe in Rom gewährten unter dem Siegel der Vertraulichkeit Innenansichten des vatikanischen Machtapparats. Es herrsche, sagt einer von ihnen, »ein Klima der Angst und der Verunsicherung«.

Buenos Aires, Argentinien

Der Papst ist viel unterwegs in diesen Tagen – diesmal in Richtung Litauen, Lettland und Estland. Seine Heimat Argentinien aber lässt Franziskus bisher links liegen. »Wir fragen uns, warum«, verlautet aus dem Mitarbeiterstab.

Die Antwort sei einfach, sagt der Anwalt Juan Pablo Gallego: »Franziskus ist in Rom im Exil, er hat dort quasi Zuflucht gefunden. In Argentinien müsste er erst einmal den Verdacht entkräften, jahrelang Vergewaltiger und Kinderschänder geschützt zu haben.« Gallego, Argentiniens bekanntester Opferanwalt, wann immer es um sexuellen Missbrauch in Kirchenkreisen geht, empfängt in einer Kanzlei im Zentrum von Buenos Aires. Wer die blinden Stellen in der Vergangenheit des Papstes kennenlernen wolle, sagt er, müsse auch über Aufstieg und Fall des berühmten Priesters Julio César Grassi reden. Über jenen Mann, der seit 2013 im Gefängnis sitzt, weil er Jungen im Alter zwischen 11 und 17 Jahren missbraucht hat.

Der spätere Papst Franziskus sei Grassis Beichtvater gewesen, sagt der Anwalt Gallego, und habe außerdem eine mehr als 2600 Seiten starke Studie erstellen lassen, die dazu beitragen sollte, Grassi zu entlasten und die Opfer zu kriminalisieren.

»Ich hatte 2006 ein Gespräch mit Bergoglio «, sagt der Anwalt: »Er war verschlossen, ernst und misstrauisch, er sagte kein Wort darüber, dass die Kirche Grassis Anwälte bezahlte. Das heutige Bild des offenen, sympathischen Papstes Franziskus passt nicht zu dem Mann, dem ich damals gegenübersaß.« Keiner seiner Mandanten sei je in den Vatikan eingeladen worden, klagt Gallego: »Warum empfängt Franziskus diese Opfer nicht? Warum empfängt er stattdessen Lionel Messi?«

Julieta Añazco ist eine von denen, die bisher keine Audienz beim Papst bekommen haben. Die zierliche Frau aus La Plata, einer Millionenstadt in der Nähe von Buenos Aires, sitzt an diesem Spätsommernachmittag auf der Terrasse eines Cafés und ringt mit den Tränen.

Añazco war sieben, als sie erstmals mit den Pfadfindern ihrer Kirchengemeinde in die Sommerferien fuhr, ins Umland von La Plata. Es gab dort ein Zelt, in dem der Priester Ricardo Giménez Kindern die Beichte abnahm. Erst später erfuhr Añazco, dass der Seelsorger versetzt worden war aufgrund von Gerüchten, er habe sich an seiner vorherigen Wirkungsstätte an Minderjährigen vergangen.

Giménez, ein kleiner, dicker Mann mit Fischaugen, setzte Añazco im Beichtzelt mit gespreizten Beinen auf seinen Schoß. Dann spürte sie seine Finger auf ihrer Haut, spürte, wie sie in sie eindrangen. Sie erinnert sich noch an den Geruch seiner Wange, die er dabei an ihre legte. Noch heute, fast 40 Jahre später, kommen ihr die Tränen, wenn sie davon berichtet.

Ihren Eltern hat Añazco damals aus Scham nichts erzählt. Eine spätere Therapie brach sie ab, weil es ihr schwerfiel, sich zu öffnen. Inzwischen aber spricht sie, gemeinsam mit anderen Opfern im »Netzwerk der Überlebenden von kirchlichem Missbrauch«, über das, was ihr zugestoßen ist. Sie hat nun alle Bilder wieder vor Augen, die zwischenzeitlich verschüttet waren; Bilder von Beichten im Zelt.

2013, kurz nachdem Bergoglio zum Papst ernannt worden war, setzten Julieta Añazco und 13 weitere Opfer des Priesters Giménez einen Brief auf, in dem sie schilderten, was ihnen geschehen war. Warum sie mittlerweile unter Depressionen litten, Suizidversuche hinter sich hatten oder drogensüchtig geworden waren – während der beschuldigte Priester weiter Messen zelebrierte und mit Kindern zu tun hatte.

Die Opfer schickten ihren Brief per Einschreiben an »Papa Francisco, Vatikan«, das war im Dezember 2013. Drei Wochen später kam eine Empfangsbestätigung. Danach hörten sie nichts mehr. Priester Giménez wurde versetzt – in ein Altenheim, wo er sich bis heute vor Journalisten in Priesterkutte zeigt. Er genießt dort Respekt und liest weiter Messen.

Viele der Missbrauchsopfer von Buenos Aires hatten sich schon während Bergoglios Zeit als Kardinal hilfesuchend an ihn gewandt; niemand wurde zu ihm vorgelassen. Julieta Añazco und andere Opfer fordern nun, dass gegen ihre Peiniger vor ordentlichen Gerichten verhandelt wird. Zurzeit laufen Prozesse gegen 62 argentinische Priester – die Zahl ihrer Opfer dürfte in die Tausende gehen. Aber das Schweigen der Hirten werde weitergehen, sagt Añazco, der Kirche gehe es bis heute weniger ums Aufklären als ums Vertuschen: »Es ist schwierig für uns, weil uns niemand glaubt. Wir wollen den Papst erreichen, aber er interessiert sich nicht für uns.«

Während Añazco spricht, füllen sich am anderen Ende des Platzes die Stufen vor der großen Kathedrale mit Menschen. Mehrere Dutzend Studenten haben sich an diesem Morgen auf den Weg gemacht. Sie wollen dem Bischof geschlossen ihren Austritt aus der katholischen Kirche erklären – unter anderem wegen der Missbrauchsskandale.

Was aus der Ferne betrachtet wirkt wie eine Episode von vielen, hat als Bild Symbolwert – eine Momentaufnahme aus der Heimat des Papstes im September 2018: Sie zeigt, wie sich junge Männer und Frauen abwenden vom katholischen Glauben.

Rom, Italien

Die Zeitungen in der italienischen Hauptstadt übertrumpfen sich gegenseitig mit wilden Spekulationen. Koffer voll mit belastendem Material habe der geflüchtete Ex-Nuntius Viganò bei sich, von der drohenden Explosion einer »Atombombe« sei im Vatikan die Rede.

Die neuesten Vorwürfe gegen Franziskus seien eine »Farce«, die folgenlos bleiben werde, erwidert der einflussreiche Jesuitenpater Antonio Spadaro, denn: »Dieser Papst bezieht aus Konflikten Energie.« Doch momentan sieht es eher so aus, als könnte der Mann aus Buenos Aires an seiner Erblast scheitern – an der Aufgabe, den gewaltigen, zur Selbstherrlichkeit neigenden Regierungsapparat der Kurie umzubauen, die Finanzen zu ordnen und gleichzeitig dogmatisch unangreifbare Antworten zu finden auf Moral- und Glaubensfragen des 21. Jahrhunderts.

Franziskus will seine Kirche demokratischer machen, weniger zentralistisch. Er will, dass in Prozessen gedacht wird, ergebnis-offen, der sozialen Wirklichkeit im 21. Jahrhundert gemäß. Seine Kritiker bemängeln, die kirchliche Lehre dürfe sich nicht am Aggregatzustand der Gesellschaft orientieren, maßgeblich seien Leben und Wirken Jesu Christi. Ein Papst habe nicht für Kreativität, sondern für Kontinuität zu sorgen.

Franziskus macht sich angreifbar. Er wettert seit Jahren gegen den globalen Kapitalismus, nahm aber – wie seine Vorgänger – Millionensummen vom nun tief gefallenen Kardinal McCarrick an, die der von Spendern erhalten hatte. Der Papst preist den Wert der traditionellen Familie, umgibt sich aber mit Beratern und Zuarbeitern, die das Gegenteil vorleben – in mehr oder minder offenkundigem Konkubinat mit Vertretern des einen oder anderen Geschlechts.

Die Zeitung »Il Fatto Quotidiano« behauptet, im Besitz jener Liste zu sein, die einst in Castel Gandolfo von Papst Benedikt XVI. an Franziskus überreicht wurde. Sie führt, auf Papier des Vatikanstaats, die angeblichen Mitglieder einer »Homo-Lobby« namentlich auf. Das Netzwerk soll über erhebliches Erpressungspotenzial und großen Einfluss im Kirchenstaat verfügen.

Ist der Papst noch Herr der Lage? Die Kritik an ihm reicht mittlerweile weit hinaus über die Kreise global vernetzter Erzkonservativer – jener Katholiken, die befürchten, Franziskus werde Protestanten zur Kommunion zulassen, und die es schwer verwinden können, dass er einer Muslimin die Füße wäscht oder lang gedienten Mitarbeitern des vatikanischen Regierungsapparats geistige Vergreisung vorwirft.


Die blinden Stellen in der Vergangenheit des Papstes weisen nach Buenos Aires.


Missbrauchsopfer Añazco heute und im Alter von sieben Jahren


Opferanwalt Gallego, Kathedrale an der Plaza de Mayo in Buenos Aires


Alarmsignale kommen inzwischen auch aus dem innersten Zirkel: »Der Papst und seine Getreuen sind erkennbar nervös«, sagt der erfahrene Vatikan-Journalist Edward Pentin. »Er und die Seinen glauben an eine konservative Verschwörung mit dem Ziel, ihn loszuwerden – dabei besteht das Hauptproblem von Franziskus darin, dass er Leuten, die anderer Meinung sind, nicht zuhören mag. Die rächen sich dafür.«

»Hagamos lío« – machen wir Wirbel – war die Devise von Bergoglio in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires. Im Vatikan folgt er weiter diesem Prinzip, indem er Dogmen infrage stellt, eingespielte Abläufe missachtet, protokollarische Zwänge geringschätzt.

»Dinge in Bewegung zu bringen, darin ist Franziskus sehr gut«, sagt ein deutscher Prälat: »Aber wenn dabei am Ende nur Hin- und Herwackeln herauskommt, bringt das nichts.« Beispiele? In der Frage der Zulassung protestantischer Ehepartner zur heiligen Kommunion, die bei Protestanten als Abendmahl gilt, ermutigte der Papst den deutschen Kardinal Marx zu einem ökumenisch wegweisenden Vorstoß, ruderte dann aber nach Protesten aus dem konservativen Lager wieder zurück, ehe er schließlich die Entscheidung den deutschen Bischöfen überließ.

Papstkritiker Viganò in Rom, Demonstration gegen Missbrauch in Washington im August


Eine flächendeckende »Kultur von Missbrauch und Vertuschen«.


Missbrauchsskandale der katholischen Kirche

Noch verwirrender ist die Amtsführung des Papstes in jenem Bereich, bei dem die Glaubwürdigkeit der Kirche wie nirgendwo sonst auf dem Spiel steht: im Umgang mit dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Seelsorger. Das von ihm 2015 angekündigte Sondertribunal für Bischöfe, die der Verschleierung von Straftaten verdächtig sind, gibt es bis heute nicht. Die unter Protest aus der Kinderschutzkommission ausgetretene Irin Marie Collins spricht von »schönen Worten in der Öffentlichkeit und entgegengesetzten Taten hinter verschlossenen Türen«.

Gut möglich, dass dieser Papst das Ausmaß der moralischen Zerrüttung im Inneren seiner Kirche, die flächendeckende »Kultur von Missbrauch und Vertuschen«, wie er es nennt, dramatisch unterschätzt hat. Gut möglich aber auch, dass er Hinweise auf Straftaten in seinem engeren Umfeld in den Wind schlägt. Weil ihm aus machtpolitischen Gründen daran gelegen ist, den einen oder anderen Kardinal oder Bischof im Amt zu halten.

Drei von neun Mitgliedern im von Franziskus berufenen und K9 genannten Kardinalsrat stehen unter Verdacht. Der Aus-tralier George Pell, Herr über die vatikanischen Finanzen und hierarchisch die Nummer drei beim Heiligen Stuhl, muss sich seit dem 1. Mai in seiner Heimat vor Gericht verantworten. Er soll vor Jahrzehnten Minderjährige missbraucht haben – ein Vorwand, so streuen es seine Vertrauten, um den als Aufdecker im vatikanischen Finanzdschungel lästigen Kurienkardinal loszuwerden.

Oscar Andrés Rodríguez Maradiaga, einer der engsten Vertrauten des Papstes, steht massiv unter Beschuss, seitdem Berichte über Sexskandale in seiner honduranischen Heimatdiözese und über Vorwürfe gegen einen von ihm protegierten Weih bischof bekannt wurden. Maradiaga, bekennender Anhänger der von Franziskus ausgerufenen »Kirche der Armen«, wurde darüber hinaus von einem italienischen Journalisten beschuldigt, als Großkanzler der Katholischen Universität in Tegucigalpa im Jahr 2015 fast 600000 Dollar eingestrichen zu haben – ausschließlich zugunsten seiner Diözese, sagt der Papst-Vertraute.

Dem chilenischen K9-Mitglied schließlich, Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa, wird in seiner Heimat vorgeworfen, die Untaten des Priesters Fernando Karadima vertuscht zu haben. Dessen Zögling Juan Barros wiederum, von Opfern Karadimas der Mitwisserschaft bezichtigt, wurde von Papst Franziskus lange vehement verteidigt. Erst spät räumte das Oberhaupt der Kirche »schwerwiegende Fehler« ein und bat um Verzeihung.

Naivität, Chuzpe oder Mangel an Alternativen? Warum schart der auch und vor allem in kirchenfernen Kreisen als Reformpapst bejubelte Franziskus Männer um sich, die mit ihren Lebensläufen für vieles von dem stehen, was er selbst, der Papst, in Predigten als verwerflich geißelt?

Die Vermutung liegt nahe, dass das Festhalten an umstrittenen Geistlichen auf eine Mischung aus Wurstigkeit und falsch verstandenem Korpsgeist zurückgeht. Franziskus hat es dabei mit ganz unterschiedlich gelagerten Fällen zu tun: mit homo-sexuellen Glaubensbrüdern, deren Neigung nach katholischer Lehre als »in sich nicht sündhaft«, aber als »sittlich betrachtet schlechtes Verhalten« gilt. Außerdem mit Geistlichen, die den Zölibat brechen, das Keuschheitsversprechen, und mit Männern, die sich wie der US-Kardinal McCarrick an Minderjährigen vergehen.

Getuschelt wird über den Fall des Kardinals, der zu Franziskus’ Vertrauten zählt und bis zum Frühjahr im Gebäude der Glaubenskongregation für die Gesetzestexte und die Behandlung sexueller Straftäter zuständig war – während er dem Treiben seines Sekretärs keinen Einhalt gebot. Der war, auf Weisung von ganz oben mit einer großzügigen Wohnung versorgt, 2017 inmitten einer Vatikan-intern »Schneeballschlacht« getauften Kokain-Orgie mit Homosexuellen von der Gendarmerie gefasst und in eine Entzugsklinik verfrachtet worden.

Und der Direktor des Gästehauses Santa Marta, in dem der Papst wohnt? Fiel als Mann des Vatikans in Uruguay auf, damals noch mit einem Schweizer Ex-Offizier liiert, als er – zusammengeschlagen – aus einer Schwulenbar gerettet werden musste. Auch eine Episode mit einem Begleiter in einem feststeckenden Lift in Montevideo ist protokolliert. Der umstrittene Diplomat ist von Franziskus bereits 2013 zum Aufseher beim vatikanischen Finanzinstitut IOR befördert worden.

Oder Mauro Inzoli, wegen seiner Vorliebe für Luxuslimousinen auch »Don Mercedes « gerufen. Von Papst Benedikt XVI. wegen Kinderschändung aus dem Verkehr gezogen, wurde er von Franziskus 2014 in Teilen rehabilitiert – gegen den Widerstand des damaligen Glaubenspräfekten. Dass Inzoli wenig später wegen Dutzender »Vorfälle« mit Knaben zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt wurde, bewog den Papst zu der Aussage: »Daraus habe ich gelernt, so etwas werde ich nie wieder tun.«

Dieses Versprechen stammt aus dem Herbst 2017. Kein Jahr später kam der Fall des US-Kardinals McCarrick ans Licht.

Diözese Erie, US-Bundesstaat Pennsylvania

Lawrence Persico ist ein hagerer Mann von 67 Jahren. Seit 2012 leitet er die Diözese Erie, am gleichnamigen See unweit der kanadischen Grenze gelegen. Mit ruhiger Stimme, sichtbar um Fassung bemüht, sagt der Bischof, selten sei die Krise der katholischen Kirche so offensichtlich geworden wie heute: »Wir stecken mitten in einem Aufruhr.«

Was im August dank des Berichts einer Grand Jury im US-Bundesstaat Pennsyl-vania ans Tageslicht kam, übersteigt das menschlich Vorstellbare: Um jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in 6 von 197 amerikanischen Diözesen geht es da, um mehr als 300 Priester, die sich an über tausend Kindern vergangen haben sollen. Von Vergewaltigung, Fesseln im Beichtstuhl und Fotos eines Jungen in der Haltung des Gekreuzigten ist die Rede, auch die Schändung von fünf Schwestern wird beschrieben. Geschenkte Goldkreuze um den Hals der Kinder signalisierten den Tätern potenzielle Opfer.

Wie konnte es so weit kommen, dass im Bistum Erie ein Priester gestand, sich an jeder Menge kleiner Jungen vergriffen zu haben, und dass ihm sein Bischof trotzdem später dankte für »alles, was Sie für das Volk Gottes getan haben«? Oder dass ein anderer Priester, der mindestens 15 Jungen ab dem Alter von sieben Jahren vergewaltigt hatte, von seinem Bischof als »Mann der Aufrichtigkeit und Klarheit« gelobt wurde?

Lawrence Persicos Bistum war eines von sechs in diesem Bundesstaat, die unter die Lupe der Staatsanwälte gerieten. 41 der mutmaßlichen Täter, darunter etliche, die bis heute leben, stammten aus der Diözese Erie. Was Bischof Persico von seinen Amtskollegen unterscheidet: Er war von Anfang an dafür, mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit zu gehen. Noch während die Ermittler mit der Beweiserhebung beschäftigt waren, ordnete er eine eigene Untersuchung an. Er sprach mit Opfern und Betroffenen und beauftragte eine Anwaltskanzlei mit der Prüfung von Vorwürfen.

Bereits im April veröffentlichte Persico die ersten Namen von Verdächtigen auf der Website des Bistums: 34 Pfarrer und 17 Angestellte sind demnach »glaubhaft beschuldigt«, sexuellen Missbrauch entweder selbst begangen oder vertuscht zu haben. Auf Persicos Liste findet sich auch der Name eines seiner Vorgänger: Bischof Alfred Watson leitete die Diözese bis 1982. Zu einem Geistlichen, der mit einem halb nackten Kind gesehen wurde, soll er gesagt haben: »Geh heim, sei ein guter Pfarrer.«

Lawrence Persico stellte sich der Staatsanwaltschaft als Zeuge zur Verfügung und erschien als einziger Bischof freiwillig vor der Geschworenenjury. »Transparenz ist nur so gut, wie man sie selbst beherzigt«, sagt er beim Treffen im Konferenzraum der Diözese. Er ließ eine Telefonhotline für Missbrauchsopfer einrichten, trifft sich mit Betroffenen und versucht wiedergutzumachen, was im Grunde nicht wiedergutzumachen ist.

Sharon Tell war zwölf, als James McHale sie zum ersten Mal berührte – der Pfarrer der Kleinstadt Bethlehem, mehr als 500 Kilometer von der Diözesanhauptstadt Erie entfernt. McHale hatte sich um Sharons Mutter gekümmert, als sie im Krankenhaus lag, er kam anschließend immer häufiger zu Besuch und wurde zu Geburtstagsfeiern wie Familienfesten eingeladen. Irgendwann fuhr er mit in den Urlaub und übernachtete an Wochenenden im Hause Tell. Tochter Sharon, heute 66 Jahre alt, sagt, ihre Eltern seien damals arglos gewesen – auch noch, als der Pfarrer anfing, abends in ihr Zimmer zu gehen.

Der Missbrauch begann schleichend. Beim ersten Mal strich McHale über ihren Schlafanzug, nahm ihre Hände und führte sie zu seinen Genitalien. Sharon tat so, als schliefe sie. Sie ahnte nicht, dass dies der Beginn eines zwei Jahrzehnte andauernden Missbrauchs sein sollte. Im Alter von 18 wurde sie vom Pfarrer erstmals vergewaltigt. Sie erzählte ihren Eltern erst Jahrzehnte später davon.

Tell heiratete, bekam Kinder, die Übergriffe gingen weiter. Zweimal die Woche kam der Pfarrer zu ihr. Erst als er aus ihrem Leben verschwunden war und sie sich an ein Zentrum für Opfer sexueller Gewalt wandte, begann Tell zu begreifen, was ihr widerfahren war. Sie litt unter einer bi-polaren Störung und den Folgen eines schweren Traumas.

Glaubt sie heute noch an Gott? Tell schaut aus dem Fenster und sagt: Natürlich glaube sie weiter an Gott, was für eine Frage. Aber wenn sie auf die katholische Kirche blicke, auf den Papst, die Kardinäle, Bischöfe, dann habe sie eine faulende, bis ins Mark verdorbene Institution vor Augen. »Die Kirche«, sagt Sharon Tell, »muss völlig von vorn anfangen.«

In acht weiteren US-Bundesstaaten sind mittlerweile staatsanwaltliche oder polizeiliche Untersuchungen angekündigt worden. Aktivisten schicken Protestbriefe nach Rom, halten Mahnwachen ab und fordern Aufklärung vom Vatikan. Selbst vor Bischof Persicos Büro in Erie versammeln sich Protestierende – nicht einmal er entkommt dem Zorn der Gläubigen.

Was denkt der Bischof über den Papst? Er hoffe, sagt Persico, dass Franziskus begreifen könne, was hier gerade geschehe: »Mit Schweigen zu antworten hilft nicht.«

Erzdiözese München und Freising, Bayern

Während am Sonntagmorgen in der Spätsommersonne vor der Münchner Frauenkirche bereits erste Bierkrüge gestemmt werden, herrscht drinnen im Dom beklemmende Stille. Keine fünf Dutzend Gottesdienstbesucher haben sich eingefunden, sie verlieren sich in den Bänken der spätgotischen Hallenkirche.

Die Krise der Kirche macht auch vor der bayerischen Landeshauptstadt nicht halt: Weniger als ein Drittel der Münchner bekennt sich noch zum katholischen Glauben, »das wahre Ausmaß der Katastrophe wird erst in zehn Jahren zu sehen sein«, so heißt es im Erzbistum. Der Papst, der so gern an die Peripherie gehe, dürfe eines nicht vergessen: »Wer nur noch an die Ränder denkt, hat schnell ein Loch in der Mitte.«

Ein Teil des Problems in der Erzdiözese aber ist hausgemacht: Dass ein hochrangiger Münchner Kleriker ungeniert seine Geliebte in der vordersten Kirchenbank platziert, dass auch in dieser Stadt über offen homosexuelle Pfarrer getuschelt und über den unberechenbaren Papst gewettert wird – das alles trägt bei zum Glaubwürdig-keitsproblem der Kirche, selbst im einst urkatholischen Bayernland.

Hinzu kommt: Der in jeder Hinsicht mächtige Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising sowie Papst-Vertrauter, macht es der bayerischen Basis nicht leicht. Mal spricht er, mit seinem Namen kokettierend, über eine bevorstehende »Renaissance des Marxismus «. Mal legt er am Jerusalemer Tempelberg sein Kreuz ab, um die muslimischen Gastgeber nicht zu verärgern.

In diesen Tagen ist der Kardinal aus München samt seinen PR-Experten damit beschäftigt, an der Kommunikationsstrategie für den 25. September zu feilen – für den Tag, an dem er nach einer morgend-lichen Predigt im Dom zu Fulda die Er-gebnisse der schon jetzt bekannten Studie vorstellen wird. Ihr Titel: »Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz«.

Untersucht wurden Missbrauchsfälle aus dem Zeitraum von 1946 bis 2014. Die Durchsicht von mehr als 38000 Akten aus 27 deutschen Diözesen fügt sich zu einem Bild, das der Kirche weiteren Imageschaden beschert: Aus den Archiven der Bistümer zutage gefördert wurden Vorgänge sexuellen Missbrauchs an 3677 Minderjährigen, begangen von 1670 Klerikern. Mehr als die Hälfte der Opfer waren zum Tatzeitpunkt maximal 13 Jahre alt. Von einer erheblichen Dunkelziffer ist darüber hinaus die Rede.

Nur ein Drittel der aktenkundigen Täter hatte sich einem kirchenrechtlichen Verfahren zu stellen. Viele der beschuldigten Priester wurden an einen anderen Ort versetzt, ohne dass dies »mit einer entsprechenden Information der aufnehmenden Gemeinde« verbunden gewesen wäre. Das bedeutet: Die Kinderschänder kamen in Pfarreien unter, deren Mitglieder nichts ahnten. Personalakten wurden häufig »vernichtet oder manipuliert«.

Der bayerische Jesuit Hans Zollner, Mitglied der vatikanischen Anti-Missbrauchs-Kommission und Experte mit langjähriger Erfahrung, zeigt sich über die jüngsten Skandalberichte erschüttert, aber nur mäßig verwundert: »Ehrlich gesagt, mich überrascht nicht mehr sehr viel. Es ist ja Unsinn, anzunehmen, dass alle Priester Engel auf Erden sind, die nichts Böses tun können.«

Zollners Rat: Wo die Aufklärung mit Härte und Konsequenz vorangetrieben werde wie in den USA, sei später »ein gewachsenes Problembewusstsein und eindeutiger Fortschritt« zu erkennen: Von den mehr als tausend Fällen etwa, die die Grand Jury in Pennsylvania zusammengetragen habe, spielten nur wenige noch in der jüngeren Vergangenheit.

Rom, im Inneren des Vatikanstaats

Der Mann, der wissen sollte, wie es weitergeht im Vatikan, sitzt im ersten Stock des Apostolischen Palasts auf einem rot-samtigen Rokokostuhl unter Seidengobelins und einem Papst-Franziskus-Porträt in Öl: Erzbischof Georg Gänswein.

Als Präfekt des Päpstlichen Hauses ist der »bello Giorgio« genannte Schwarzwälder in ständigem Kontakt mit Franziskus. Er sitzt zur Rechten des Stellvertreters Christi, Mittwoch für Mittwoch, bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz. Zugleich steht Monsignore Gänswein aber als Privatsekretär und WG-Mitbewohner auch dem Altpapst Benedikt XVI. näher als irgendjemand sonst.

Gänswein ist seit 2013 Diener zweier Herren und momentan ein Mann zwischen allen Fronten. Oben am Hügel, im Kloster Mater Ecclesiae, feiert er die Morgenmesse mit Benedikt, der mehr als jeder seiner Vorgänger gegen Missbrauch unternahm und an die 800 Priester aus dem Kirchendienst entfernte – was im Sturm deutscher Entrüstung über Skandale in Ettal oder am Canisius-Kolleg unterging. Unten im Apostolischen Palast trifft Gänswein wenig später den diensthabenden Papst, dem nun vorgeworfen wird, sexuel len Missbrauch vertuscht zu haben.

Wer, wenn nicht Gänswein, wüsste, wie es wirklich war? Stimmt es, dass Benedikt XVI. während seiner Amtszeit Sanktionen gegen den US-Kardinal McCarrick verhängte, die dann von Papst Franziskus zurückgenommen wurden, wie das der frühere Nuntius Viganò behauptet?

»Zu diesem sogenannten Viganò-Memorandum sage ich kein Sterbenswörtchen«, antwortet Monsignore Gänswein. Er weiß: Was auch immer er von sich gibt, in dieser historisch nie da gewesenen Situation mit zwei lebenden Päpsten innerhalb der vatikanischen Mauern – es würde einem der beiden zum Nachteil ausgelegt.

Aber wie geht Franziskus mit dem ungeheuerlichen Vorwurf um, er habe gelogen? Und wie mit der Forderung, er solle zurücktreten? »Der Papst ist vor Viganò wie nach Viganò«, sagt Gänswein, »sowohl in der Stimmung als auch in der Art und Weise, wie er die Dinge anpackt.«

Was Gänswein wirklich denkt, lässt er erkennen, wenn er außerhalb der vati-kanischen Mauern spricht. Bei der Vorstellung von Rod Drehers Buch »Die Benedikt-Option«, laut »New York Times« das »wichtigste Buch über Religion im letzten Jahrzehnt«, sagte der deutsche Erzbischof am vorvergangenen Dienstag in Rom, der Missbrauchsskandal in den USA sei so etwas wie das »Nine-Eleven« der katholischen Kirche. Die vielen unheilbar und tödlich verletzten Seelen der Opfer »überbringen uns eine Botschaft, die noch schlimmer ist, als es der plötzliche Einsturz aller Kirchen in Pennsylvania sein könnte«.


»Das Licht des Christentums ist überall im Westen am Verlöschen.«


Petersplatz in Rom


Kardinal Marx (o.), Erzbischof und Papstvertrauter Gänswein


Zur Beschreibung des Ist-Zustands in seiner Kirche bemüht Gänswein Bilder von alttestamentlicher Wucht: Er sieht »eine wahrhaft endzeitliche Krise« heraufziehen, eine »große Flut, die das alte christliche Abendland überschwemmt«, und eine drohende »Gottesfinsternis, vor der wir weltweit erschrecken«. Die Diagnose, die Papst Benedikt 2012 gestellt habe, könne wahr werden: Man befinde sich in der tiefsten spirituellen Krise »seit dem Untergang des Römischen Reiches gegen Ende des fünften Jahrhunderts – das Licht des Christentums ist überall im Westen am Verlöschen«.

Der Mann, der die Fackel des Christentums vorantragen soll, sieht sich derweil als Opfer. Während der Morgenandacht am Dienstag erklärt Papst Franziskus sein Schweigen im Angesicht der Vorwürfe – indem er seine Lage mit der des todgeweihten Gottessohns vergleicht: »Als die Leute ihn an jenem Karfreitag beschimpften und schrien: ›Kreuzigt ihn!‹, schwieg er, denn er hatte Mitleid mit jenen Leuten.«

In »Momenten, in denen sich der Teufel entfesselt, wo der Hirt angeklagt wird«, so Franziskus, zählten Demut und Gebet.

Marian Blasberg, Walter Mayr, Valentyna Polunina, Christoph Scheuermann

Video
Missbraucht im Beichtstuhl
spiegel.de/sp392018vatikan oder in der App DER SPIEGEL


PIERPAOLO SCAVUZZO / AAP IMAGES

FOTOS (3) TSARAH PABST / DER SPIEGEL

FOTOS: EMANUELA DE MEO / CPP / POLARIS / LAIF (L), BRENDAN SMIALOWSKI / AFP

FOTOS: ALESSANDRO BIANCHI / REUTERS (U), GENE GLOVER / AGENTUR FOCUS (M), SPENCER PLATT / GETTY IMAGES (O)