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Das Spiel mit der Atombombe


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 14.10.2022

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 11/2022

Ein Höhepunkt der Konfrontation: Vor Reportern unterzeichnet US-Präsident John F. Kennedy am 23. Oktober 1962 die Proklamation, Waffenlieferungen an Kuba zu unterbinden, also eine Seeblockade zu beginnen

»Der Preis der Freiheit ist stets hoch«

US-Präsident John F. Kennedy in seiner TV-Rede vom 22. Oktober 1962

E sist eine Drohung, die so seit dem Kalten Krieg nicht mehr ausgesprochen wurde. Am 27. Februar 2022, wenige Tage nach Beginn des Ukraine-Kriegs, hält der russische Präsident Wladimir Putin eine Ansprache im Fernsehen. Die USA und die EU haben gerade Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt. Putin kündigt an, dass er als Reaktion die russischen Abschreckungskräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Abschreckungskräfte, das ist der Teil des Militärs, der die etwa 6000 Atomsprengköpfe Russlands bedient. Viele davon stammen aus dem Kalten Krieg.

Der staatliche TV-Sender Rossija 1 zeigt Anfang Mai, wie sich diese Waffen einsetzen ließen. Eine Trägerrakete des Typs RS-28 bräuchte von Kaliningrad nach Berlin weniger als zwei Minuten, verkündet der Moderator, nach Paris etwa drei. ...

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... Fantasien über nukleare Auslöschung im Abendprogramm. Im Westen fühlen sich viele an eine Zeit erinnert, die als überwunden geglaubt schien. Die Welt stehe vor einer nuklearen Gefahr, wie es sie seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges nicht gab, sagt der UN-Generalsekretär António Guterres im August.

Der vermeintliche Höhepunkt des Kalten Kriegs ist in diesem Jahr genau 60 Jahre her. Sowjetische Mittelstreckenraketen auf Kuba sorgen im Oktober 1962 dafür, dass die USA und die Sowjetunion kurz davorstehen, sich mit nuklearen Sprengköpfen anzugreifen. Aber stimmt der historische Vergleich von Guterres? Tatsächlich erzählt die Kubakrise viel darüber, wie schnell Drohungen eskalieren können – vor allem dann, wenn die Machthaber die Kontrolle verlieren.

Es beginnt 1958. Fidel Castro hat mit seinen revolutionären Truppen Havanna erobert, 140 Kilometer vor der Küste der USA entsteht eine sozialistische Republik. Die Sowjetunion unterstützt den Staat mit Krediten und Panzern.

Kennedy blamiert sich mit einer gescheiterten Invasion auf Kuba

1961 wird John F. Kennedy zum amerikanischen Präsidenten gewählt. Im Wahlkampf hat er davor gewarnt, dass Kuba zu einem sowjetischen Flugzeugträger vor der Küste Floridas hochgerüstet werde. Mit Hilfe der CIA bewaffnet er Exil-Kubaner und setzt sie an der Küste Kubas ab. Doch die Invasion in der Schweinebucht scheitert, die Kubaner schießen aus sowjetischen T-34-Panzern auf die Angreifer. Eine außenpolitische Blamage für Kennedy.

In Moskau beobachtet man den jungen Präsidenten, der als entscheidungsschwach gilt. Der sowjetische Machthaber Nikita Chruschtschow möchte ihn testen. »Was, wenn wir Uncle Sam einen Igel in die Hose stecken?«, fragt er im Sommer 1962 im Politbüro.

In den folgenden Wochen verschifft die Rote Armee heimlich 42 000 Soldaten über den Atlantik, dazu zwei Panzerbataillone, Flugabwehrgeschütze und 36 Mittelstreckenraketen mit nuklearen Sprengköpfen. Die Raketen haben eine Reichweite von fast 2000 Kilometern. Von Kuba aus können sie Washington treffen. Die Stacheln des Igels sind radioaktiv.

Die USA haben im vergangenen Jahr ähnliche Mittelstreckenraketen in der Türkei stationiert. Chruschtschow möchte zeigen, dass die Rote Armee militärisch mithalten kann. Gerade den Ländern Lateinamerikas mit ihren sozialistischen Bewegungen will man Stärke demonstrieren. Noch mehr aber geht es Chruschtschow um einen Showdown mit Kennedy, ein »Chicken Game«, wie es in der Politikwissenschaft heißt: Wer zuerst nachgibt, verliert. Chruschtschow hofft, dass Kennedy die Konfrontation scheut und die Raketen auf Kuba akzeptiert. Doch das Chicken Game kann auch zwei Verlierer haben, wenn nämlich keine Seite nachgibt.

In der Kubakrise kommt noch ein dritter Akteur hinzu: der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro. Als Chruschtschow ihm vorschlägt, die Raketen auf Kuba zu stationieren, ist Castro begeistert. Er gilt als Egomane, liebt die Aufmerksamkeit, und nichts erzeugt davon von so viel wie Atombomben. Auch innenpolitisch könnte eine Krise nützlich sein. Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet, schrieb der Rechtsphilosoph Carl Schmitt. Für Castro ist ein nuklearer Showdown die perfekte Gelegenheit, um seine Macht auszubauen.

»Die Gefahr für immer beseitigen«

Kubas Präsident Fidel Castro wirbt am 27. Oktober 1962 in Moskau für einen atomaren Erstschlag gegen die USA, falls diese eine Invasion auf Kuba starten

Anfang Oktober 1962 fliegen amerikanische Spionageflugzeuge über Kuba und fotografieren sowjetische Soldaten, die Abschussrampen für die Mittelstreckenraketen aufbauen. Im Weißen Haus tritt am 16. Oktober der Krisenstab zusammen. Kennedy und seine Berater erkennen, dass die Raketen die USA provozieren sollen, und dass Kennedy keine Schwäche zeigen darf. Im November stehen Kongresswahlen an.

Statt nachzugeben, aktivieren Sowjets und Amerikaner ihre Atomstreitkräfte

Am 22. Oktober verkündet der US-Präsident in einer Fernsehansprache die Seeblockade Kubas. Tags darauf unterzeichnet er die entsprechende Proklamation. 180 Schiffe der US Navy sollen die Insel abriegeln und verhindern, dass weitere Atomsprengköpfe in Kuba ankommen. Gleichzeitig ziehen die USA in Florida eine Invasionsarmee mit 120 000 Soldaten zusammen. Beide Supermächte versetzen ihre Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft. Das Chicken Game hat begonnen.

Chruschtschow zuckt zuerst. Die sowjetischen Geheimdienste melden dem Kreml, dass die Amerikaner tatsächlich eine Invasion Kubas planen. Chruschtschow kennt die Realität des Krieges, er war als Politkommissar in Stalingrad an der Front. »Wenn man erstmal angefangen hat zu schießen, kann man nicht mehr aufhören«, sagt er am 25. Oktober im Politbüro.

Schon am Tag darauf schickt er über die sowjetische Botschaft einen Brief an Kennedy und bietet Verhandlungen an. Doch im Weißen Haus nimmt man das Angebot nicht ernst. Der Verteidigungsminister Robert McNamara vermutet einen Bluff. Stattdessen fordert er von Kennedy 50 Flugzeuge ein, um die Abschussrampen auf Kuba zu bombardieren.

Fidel Castro trägt zur weiteren Eskalation bei. In einem Brief an Chruschtschow fordert er einen atomaren Erstschlag gegen die USA im Falle einer Invasion. »So hart und schrecklich diese Lösung auch wäre, es gibt keine andere.«

Immer mehr verlieren Washington und Moskau die Kontrolle über die Krise. Etwa 900 Kilometer vor der kubanischen Küste legen amerikanische Kriegsschiffe ihre Blockade an. Vier sowjetische U-Boote überfahren am 27. Oktober aus Versehen die Linie, sie kannten die genauen Koordinaten nicht. Die U-Boote sind mit nuklearen Torpedos ausgerüstet, das wissen die Amerikaner nicht. Die US-Navy-Zerstörer werfen Unterwasserbomben ab, um die U-Boote zum Auftauchen zu bringen. Die Bomben haben nur die Sprengkraft einer Handgranate, aber enormen psychologischen Effekt: An Bord werden die Sowjets immer nervöser. Die Kommandanten sind unsicher, ob der Krieg bereits begonnen hat. Denn unter Wasser haben sie keinen Funkkontakt nach Moskau. Zwei der Kommandeure des U-Boots B-59 drängen darauf, mit den Torpedos auf die Amerikaner zu feuern. Ein nuklearer Angriff ist nur noch einen Knopfdruck entfernt. Der dritte Kommandeur weigert sich und überzeugt die anderen aufzutauchen. An der Wasseroberfläche funken sie die Amerikaner an. Die U-Boote dürfen sich zurückziehen.

Chruschtschow fürchtet ernsthaft, Castro habe den Verstand verloren

Am gleichen Tag kommt es zu einer noch gefährlicheren Situation. Zwei sowjetische Offiziere auf Kuba befehlen eigenmächtig, mit der Flak ein amerikanisches Spionageflugzeug abzuschießen. Die Lockheed U-2 stürzt ab, der Pilot stirbt. Castro feiert den Abschuss und kündigt an, alle weiteren amerikanischen Flugzeuge vom Himmel zu holen, die in den kubanischen Luftraum eindringen.

»Hat Castro den Verstand verloren?«, fragt Chruschtschow, als er von den Vorfällen erfährt. Er geht davon aus, dass die Amerikaner nun Rache nehmen und mit der Invasion Kubas beginnen könnten. Tatsächlich empfehlen Kennedys Berater, Kuba zu bombardieren. Doch Kennedy verbietet Vergeltungsschläge. Er hat wohl verstanden, dass die Kubakrise längst kein politisches Spiel mehr ist, sondern dass ein Weltkrieg mit Millionen Toten droht.

»Wir kämpfen nicht gegen den Imperialismus, um zu sterben«

Sowjetchef Nikita Chruschtschow antwortet am 30. Oktober auf Castros Drängen zu einem Atomkrieg gegen die USA

Chruschtschow schreibt einen Brief an Kennedy, bietet darin an, die Raketen auf Kuba abzubauen, falls die USA eine Invasion ausschließen. Parallel bittet Kennedy seinen Bruder, den Justizminister Bobby Kennedy, mit dem sowjetischen Botschafter in Washington zu verhandeln. Er soll ihm anbieten, dass die Amerikaner ihre Raketen in der Türkei abbauen. Schon am nächsten Tag, dem 28. Oktober, einigen sich die Diplomaten. Chruschtschow verspricht, geheim zu halten, dass die Amerikaner in der Türkei abrüsten. So kann Kennedy im Wahlkampf sein Gesicht wahren.

Die Diplomatie hat gesiegt, der Atomkrieg ist vorerst abgewandt. Nur einer ist davon enttäuscht. Fidel Castro schlägt im Präsidentenpalast in Havanna einen Spiegel ein, als er von dem Deal hört. Er beschimpft Chruschtschow als einen Hurensohn ohne Eier. Doch Castro hat von der Kubakrise profitiert wie kein anderer. Die Atomraketen haben ihn und sein Land noch berühmter gemacht. Castro gilt nun als Gesicht der Weltrevolution, er hat es erfolgreich mit den USA aufgenommen.

Auch Kennedy kann sich in Amerika als Sieger inszenieren, der im Showdown mit Chruschtschow cool geblieben ist. Die Demokraten gewinnen bei den Kongresswahlen vier Senatorensitze dazu.

Chruschtschow hat Wort gehalten und den Türkei-Deal nicht öffentlich gemacht. Doch die Mitglieder im Politbüro bewerten sein frühes Einlenken als Schwäche. Leonid Breschnew beginnt Unterstützer um sich zu sammeln, um ihn zu stürzen.

Heute lässt Putin mit Atomwaffen drohen, damit der Westen vor Angst erstarrt

Zwischen der Sowjetunion und den USA entspannen sich die Beziehungen. 1963 richtet man eine Fernschreiberverbindung zwischen Weißem Haus und Kreml ein. Der »Heiße Draht« soll bei Krisen sofortige Verhandlungen ermöglichen. Beide Länder führen nukleare Sicherheitscodes ein, mit denen Präsident oder Generalsekretär die Atomwaffen aktivieren müssen. Nie wieder soll ein U-Boot-Kommandeur über einen Atomkrieg entscheiden können.

Wer eine Atombombe gegen eine andere Atommacht einsetzt, verliert automatisch, das wussten Kennedy und Chruschtschow, und das weiß 60 Jahre später wohl auch Wladimir Putin. Russlands nukleares Arsenal macht der Bevölkerung im Westen Angst. Viele Ältere haben den Kalten Krieg noch in Erinnerung. Putin möchte genau diese Angst stärken und so erreichen, dass die Bevölkerung im Westen weitere Sanktionen oder Waffenlieferungen an die Ukraine nicht unterstützt.

Wer mit Atomwaffen droht, muss dafür sorgen, dass die Drohung glaubhaft wirkt. Der russische Verteidigungsminister aber räumte zuletzt ein, die »erhöhte Bereitschaft« der Atomstreitkräfte bedeute erstmal nur, dass man das Personal aufstocke und administrative Anpassungen vornehme. Es wirkte, als wolle er die Welt beruhigen.

Doch die Kubakrise zeigt, dass jede nukleare Drohung eskalieren kann. Dafür reicht ein nervöser Flakschütze oder ein Politiker mit großem Ego, der sich vor einem Gesichtsverlust mehr fürchtet als vor einem Atomkrieg.

LESETIPP

Bernd Greiner: »Die Kuba-Krise. Die Welt an der Schwelle zum Atomkrieg«. C. H. Beck 2015, € 8,95

»So etwas wie Strategie, gibt es nicht, nur Krisenmanagement«

US-Verteidigungsminister Robert McNamara blickt auf die Kubakrise zurück