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DAS TEEMUSEUM IN HONGKONG


Trödler - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 16.10.2019

Inmitten des Central District in Hongkong, dem eine Skyline aus Wolkenkratzern sein Gesicht gibt, steht im Hongkong Park ein historistisches Gebäude in neugriechischem Stil, das ein magnet für die Besucher der asienmetropole ist. es ist das älteste im westlichen Stil errichtete Gebäude Hongkongs, seine entstehungszeit fällt in die mitte des 19. Jahrhunderts. einst war es die residenz für die oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte vor ort und hieß seinerzeit „Flagstaff House”. 1979 wurde es von dem britischen militär an die regierung von Hongkong zurückgegeben, die es 1981 der Stadtverwaltung ...

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Bildquelle: Trödler, Ausgabe 11/2019

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... übergab. Das Gebäude sollte fortan ein museum der besonderen art beherbergen, ein museum, das die Geschichte und die Kultur des Tees beleuchtet. Wer schon einmal in China war, weiß, welchen Stellenwert im Leben der Chinesen dieses Heißgetränk hat – fast ist es heilig. Das Teemuseum in Hongkong ist das einzige museum dieser art weltweit. 1984 wurde es eröffnet, die historische architektur zudem unter Denkmalschutz gestellt

Haupteingang in das Teemuseum, rechts vorne die Büste des Sammlers K. S. Lo Foto: Wing1990hk, creativecommons.org/licenses/ by/3.0/legalcode Chanyuk


Das ehemalige „Flagstaff House” beherbergt heute das Teemuseum und The K. S. Lo Gallery Foto: Chanyuk Kunming, creativecommons.org/ licenses/by-sa/3.0/legalcode


Sammlung

Der Kern der Sammlung ist die Zustiftung eines bedeutenden, Forbes-geliste ten Sammlers chinesischer Keramik mit Schwerpunkt Teegefäße. Dies war der in China sehr einflussreiche, 1995 verstorbene Geschäftsmann, Investor und Philantrop Dr. K. S. Lo, der in seiner Lebenszeit über 600 Teegefäße aus rund 3000 Jahren zusammengetragen hat. Die ältesten Keramiken stammen aus der Zeit der Zhou- Dynastie (1045-770 v. Chr.), die jüngsten entstanden im 20. Jahrhundert. Lo engagierte sich zeitlebens stark für das Thema Keramik, war von 1980 bis 1983 Präsident der Min Chiu Society in Hongkong und ab 1986 Präsident der Oriental Ceramic Society, ebenfalls mit Sitz in Hongkong. Sein größtes Interesse galt Yixing-Teegeschirr, Gefäßen aus gebranntem, unglasiertem Ton. Sie werden bis heute in der Region um die chinesische Stadt Yixing am Westufer des Tai Hu-Sees im Süden der Provinz Jiangsu im Jangtse-Delta gefertigt. Seit dem 15. Jahrhundert in Gebrauch, ist Yixing Keramik ein essentieller Bestandteil der chinesischen Teekultur. Im 17. Jahrhundert gelangte sie als Importgut nach Europa und inspirierte die ersten kontinentalen, speziell zum Aufguss von Tee hergestellten Gefäße, noch bevor weißes, glasiertes und farbig bemaltes chinesisches Porzellan in Mode kam. Die Sammlung von Dr. K. S. Lo ist weit über die Landesgrenzen Chinas hinaus bekannt und wurde unter anderem in den Vereinigten Staaten von Amerika und dem British Museum in London ausgestellt.

Wettstreit der Zeitgenossen

Um die Kunst der Keramik auch auf dem Gebiet der Zeitgenossen nachhaltig zu fördern und in das öffentliche Licht zu rücken, rief das Teemuseum 1986 zum ersten Mal einen Wettbewerb für zeitgenössische Keramikkünstler aus. Thema war das Schaffen von künstlerisch gestalteten Teegeschirren mit dem Ziel, in Hongkong eine lebendige Szene der Keramikkunst zu schaffen. Über die vielen Jahre bis zum heutigen Tag konnten so stets neue Generationen hervorragender Keramiker ihre Arbeiten der Weltöffentlichkeit zeigen. Mittlerweile nehmen jährlich über 300 Künstler aus Hongkong an diesem Wettstreit teil und reichen an die 400 Arbeiten zur Jurierung ein. Rund hundert dieser Stücke gelangen dann in die jährliche Sonderausstellung im Teemuseum, eine Handvoll der Arbeiten wird zudem mit Preisen ausgezeichnet. Alle Keramiken sind dann für die Zeit eines knappen Jahres zu sehen und wie bei allen anderen Museen in Hongkong, so ist auch der Eintritt ins Teemuseum frei

Chan Cheuk-yans „encounter” (Service) in der ausstellung „2018 Tea Ware by Hong Kong Potters”


Foto: © Flagstaff House museum of Tea Ware

Sum Wong enders „Joint Call” (Teekanne und Schale) in der ausstellung „2018 Tea Ware by Hong Kong Potters”


Foto: © Flagstaff House museum of Tea Ware

am Haupteingang inmitten des Hongkong Parks die überlebensgroße Teekanne im Yixing-Stil als Hinweisschild des Teemuseums


Foto: © Krogemann

Service erzählen vom Leben

Die junge Keramikerin Chan Cheuk-yan widmete ihr Service „Encounter” ihren Eltern, die ihr das Leben schenkten. Das Service ist in feinen, schlichten Formen gehalten und sehr zurückhaltend dekoriert, seine überwiegend creme-weiße Farbe macht es dazu optisch sehr leicht. Der Name des Teeservices ist zugleich Programm: „Encounter” heißt Treffen und das Service erzählt von dem Treffen ihrer Mutter und ihres Vaters. Deren Leben ist durch die feinen Linien auf Wandungen und Deckeln dargestellt, sie überlappen sich partiell und mitunter verbindet ein Punkt die beiden Linien als Sinnbild für die Zusammenkunft dieser beiden Menschen, die der Künstlerin naturgemäß am nächsten stehen. Es ist ein sehr essentielles Thema, denn aus diesem Treffen ging schließlich das Leben Chan Cheuk-yans hervor. Das Service besteht aus Kanne, Dose und drei Tassen, von denen jede namentlich gekennzeichnet ist. Sie tragen die Namen der Mutter, des Vaters und den der Künstlerin selbst. Die feinen Linien sind aufgemalt und dann partiell mit dem Messer wieder abgenommen, um diese zierliche Noblesse zu erreichen. Chan Cheuk-yan erklärt abschließend selbst: „Ich habe dieses Service gemacht, um eine Tasse Tee mit meinen Eltern zu genießen.” Ganz anders arbeitet ihr Kollege Wong Sum Enders, der in der diesjährigen Ausstellung mit einer Kanne und einer Teeschale vertreten ist, die er unter dem Titel „Joint Call” präsentiert. Wong Sum Enders arbeitet ähnlich wie viele bildende Künstler mit Fundstücken, mit Objets Trouvées. Das können zerstörte Teeschalen aus keramischem Material sein, Glassplitter, die er am Strand Hongkongs findet, kleine Metallstücke, Tonscherben. Diese Fundstücke, die andere Menschen achtlos wegwerfen und als völlig wertlos ansehen, setzt er wie ein Restaurator wieder zu einem Kunstwerk zusammen, haucht dem Material damit neues Leben ein und verleiht ihm wieder Schönheit. Ganz von der Natur abgeleitet ist das Teeservice „Grand Canyon”, das der Keramiker Kwok Ka-fei schuf. Zuvor arbeitete er an traditionellen Stücken mit glatten Oberflächen, in gewohnter, herkömmlicher technischer Perfektion, was ihn in künstlerischer Hinsicht aber nicht mehr zufrieden stellte. Inspiration für sein Schaffen fand er dann in dem aus Sedimentschichten geprägten Grand Canyon in den USA mit seiner malerischen, expressiven Struktur und seiner majestätischen Wirkung, die in tausenden von Jahren ausgeprägt worden ist. So ist auch Kwok Ka-feis Service „Grand Canyon” von einer unregelmäßigen und nicht glatten Oberflächenstruktur, der Korpus der Gefäße ist nicht nach unten abflachend zylindrisch, sondern gedrückt und gemuldet, der Umriss unregelmäßig. Wie das Sedimentgestein des Grand Canyons so lassen die Wandungen der Gefäße durch feine Linien Schichten ablesen und erzählen von der Genesis der Objekte. Das Service von Kwok Ka-fei soll dem Betrachter und Nutzer die Idee von Energie vermitteln, ihn durch gute und schlechte Lebenszeiten begleiten, motivieren, an seine eigenen Ziele zu glauben, diese zu erreichen. Die Natur ist dafür das beste Beispiel.

Ein kleines Refugium hat die Keramikerin Lau Hui-yau mit ihrem stapelbaren Service „Tip off and dawn at sixteen”, zu Deutsch „Morgendämmerung um 16” geschaffen, das aus Teekanne, Schale und Dose in Form eines Leuchtturms und kleinen Wellenbrechern besteht, auf denen sich Möwen niedergelassen haben. Es steht für einen Ort, an dem sich die Vögel gut und sicher fühlen und sie wünscht sich, dass auch die Menschen einen solchen Platz für sich, ihr Leben, ihre Wünsche und Träume finden. Dabei bedeutet der Leuchtturm Hilfe zur Navigation, zur Orientierung, sonst in der Schifffahrt, hier symbolisch als helfender Fixpunkt für Menschen. Und die Möwen? Sie haben ohnehin ein inneres Navigationssystem, das über ihren Geruchssinn funktioniert. Der Mensch kann sich an ihnen ein Beispiel nehmen. Das stapelbare Service in Form des Leuchtturms war besonders schwer von Hand zu formen, denn die drei Teilformen des Leuchtturms sollten nach dem Brand ja perfekt ineinanderpassen.

Lau Hui-yaus „Tip of Dawn at Sixteen” (stapelbares Teeservice) in der ausstellung „2018 Tea Ware by Hong Kong Potters”


Foto: © Flagstaff House museum of Tea Ware

Nicholas Leungs „The Price of Peace” (Teekanne und Tablett) in der ausstellung „2018 Tea Ware by Hong Kong Potters”


Foto: © Flagstaff House museum of Tea Ware

Kwok Ka-feis „Grand Canyon” (Teeschalen) in der ausstellung „2018 Tea Ware by Hong Kong Potters”


Foto: © Flagstaff House museum of Tea Ware

Leung Ching-tungs „Tea Time” (drei Gefäße) in der ausstellung „2018 Tea Ware by Hong Kong Potters”


Foto: © Flagstaff House museum of Tea Ware

Junger Nachwuchs

Auch der junge Nachwuchs der Keramiker in Hongkong zeigt sich sehr reflektiert, er sinniert über das Thema Leben. Zu ihnen gehört der Schüler Nicholas Leung, der eine bunt glasierte Teekanne mit schwarzem reliefierten Tablett geschaffen hat. Der Titel der Arbeit heißt „The Price of Peace”, der „Preis für den Frieden”. Nach Nicholas Leungs Erfahrung und Wahrnehmung zahlen diesen Preis die Soldaten, die ihr Land, ihre Mitmenschen und deren Heimat beschützen und verteidigen. Viele von ihnen sind auf dem Schlachtfeld gestorben, sind Opfer der Brutalität, die Kriege mit sich bringen. Den Menschen, die auf diese Weise ums Leben kamen, setzt Leung ein kleines Denkmal. Nach chinesischem Glauben kommen die Toten als Schmetterlinge wieder – ein schöner Gedanke. Nicholas Leung verewigte das Schlachtfeld mit den Verwundeten und Gestürzten auf dem schwarz glasierten Tablett. Auf der Wandung der Kanne zeigt er beides, die Menschen und in prächtigen Farben die Schmetterlinge, die wieder zur Erde zurückgekommenen Seelen. Den Knauf des Deckels hat er in Form einer Kerze gestaltet, die steht für das Licht als Symbol für das Leben. Leung Ching-tung, ebenfalls eine junge Nachwuchskünstlerin, hat ein aktuelles Thema gewählt, das weltweit von immer größerer Bedeutung wird: Das digitale Zeitalter, das Handy, die Apps, die uns unentwegt mit neuen Informationen versorgen, oftmals überfluten.

Ihr Service heißt einfach „Tea Time” und besteht aus einem großen Gefäß in Form eines Handys und zwei eckigen Trinkgefäßen, die auf den Wandungen mit Darstellungen aus der digitalen Welt dekoriert sind, mit Logos von Apps. Von dem Handy werden Symbole für Likes und Non-Likes ausgesendet. Das Service ist eine Kritik. Die Künstlerin erinnert uns mit ihrer Arbeit daran, dass wir uns zu wenig unserer Umwelt öffnen, kaum wahrnehmen, was um uns herum passiert, weil wir immerzu mit dem Handy beschäftigt sind. Die Menschen um uns herum sehen wir nicht, wir reden nicht mit ihnen, wie es im analogen Zeitalter üblich war. Was bedeutet in China Tea Time? Es bedeutet, dass man sich Zeit nimmt und die Tee-Zeremonie mit anderen Menschen auf respektvolle Art und Weise teilt. Familien gehen oftmals gemeinsam in ein Teehaus, aber anstatt sich aufeinander zu konzentrieren und sich auszutauschen, hat sich auch hier die Gewohnheit eingeschlichen, mit dem Handy zu spielen oder mit jemanden zu kommunizieren, der gar nicht an der Zeremonie teilnimmt. Steht dieses Service auf dem Tisch, mag man das Handy vielleicht einfach einmal ausschalten und sich der alten Kultur der Tee- Zeremonie und den Menschen widmen, wie es sich Leung Ching-tung wünscht.

Chan Suk Ha, „Fun of Teapot” (Teekannen und Schalen aus gebranntem und glasiertem Ton und Porzellan) in der ausstellung „2018 Tea Ware by Hong Kong Potters”


Foto: © Krogemann

Kwok Ka Fei, „Spin” (Teeschalen und Dosen aus Porzellan) in der ausstellung „2018 Tea Ware by Hong Kong Potters”


Foto: © Krogemann

Lai Ho Yee, „my moisturizer – Your mellow” (Teeservice aus glasiertem Steinzeug) in der ausstellung „2018 Tea Ware by Hong Kong Potters”


Foto: © Krogemann

Treppenhaus des Teemuseums in Hongkong


Foto: Chanyuk Kunming, creativecommons.org/ licenses/by-sa/3.0/legalcode

Ausstellung

Ausgesuchte Werke aus „2018 Tea Ware by Hong Kong Potters”, Flagstaff House Museum of Tea Ware in Hongkong. Laufzeit bis 2. Dezember 2019.

Fotos: wie angegeben