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Das TfN reist in die Unterwelt


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 29.01.2019

Deutschsprachige Europapremiere von »Jasper in Deadland« in Hildesheim


Artikelbild für den Artikel "Das TfN reist in die Unterwelt" aus der Ausgabe 1/2019 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: blickpunkt musical, Ausgabe 1/2019

Jasper (Nicolo Soller mit Ensemble) auf dem Weg in die Unterwelt


Wer kennt sie nicht, die Sage von Orpheus und seiner Eurydike? Besungen in unzähligen Opern, wie in der wohl bekanntesten: »Orpheus in der Unterwelt« von Jacques Offenbach. Der Held, der in die Welt der Toten geht, um seine Liebe in die Welt der Lebenden zurück zu holen. Schwierige Prüfungen müssen in den neun Höllenkreisen bestanden werden. Wilde und furchteinflößende Kreaturen wie der 3-köpfige Höllenhund und andere Unterwelt-Dämonen warten nur darauf, den Helden in ...

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... Stücke zu reißen und ihn selbst in die Welt der Toten zu katapultieren. Und obwohl diese Sage nach einem Happy End klingt, kann er zum Schluss seine Liebe nicht befreien und kommt ohne seine Eurydike wieder zurück. Der 34-jährige Ryan Scott Oliver hat diese Geschichte in seinem ersten abendfüllenden Pop-Rock-Musical aufgenommen. Uraufgeführt wurde das Musical als Off-Broadway Produktion 2014 in New York City und nun erfährt es seine europäische Erstaufführung in Hildesheim und dazu auch das erste Mal in deutscher Sprache.

Mutig und gewagt ist diese Produktion, neu und modern, doch dieses Stück ist es wert! Denn die Geschichte ist nicht einfach nur in unsere Zeit übertragen worden, sondern es ist eher eine Fortsetzung, eine zweite Geschichte über zwei Liebende in der Unterwelt.

Jasper und Agnes sind beste Freunde. Sie kennen sich schon jahrelang und gehen durch dick und dünn. Und eines Tages passiert es, die beiden Freunde haben ihre erste Liebesnacht, aus Freundschaft ist Liebe geworden. Das zumindest denkt Agnes. Jasper ist sich dessen nicht so sicher, braucht Zeit zum Nachdenken und kommt nicht zu einem Treffen, zu dem Agnes ihn am nächstem Tag eingeladen hat, an seinem Lieblingsplatz, den Klippen am See. Jasper gibt sich einen Ruck und geht doch noch zu den Klippen, aber Agnes ist dort nicht zu finden. Sie ist gesprungen, er kommt zu spät. Ist er daran schuld? Ist sie wegen ihm gesprungen, weil er sich unsicher über sie beide war? Das kann er nicht zulassen. Todesmutig springt auch er die Klippen hinunter und findet sich auf der Fähre wieder, die die ankommenden Toten über den Fluss Lethe zu den Toren der Unterwelt bringt. Noch nicht ganz realisierend, dass es keine versteckte Kamera gibt, legt er sich mit dem Fährmann an und beim Ankommen an den Toren auch mit dem 3-köpfigen Höllenhund. Jasper kann den Höllenhund überzeugen, ihn als Noch-Lebenden, durchzulassen, in die Stadt der Toten. Dort beginnt die Suche nach Agnes. Doch diese erweist sich als schwieriger als gedacht, denn alle Toten, die in der Stadt umher wandeln, haben vom Fluss Lethe getrunken, dem Fluss mit dem Wasser des Vergessens. So kann sich keiner erinnern, Agnes gesehen zu haben. Doch eine, Gretchen, die Fremdenführerin, fühlt sich von Jasper auf eine Art angezogen, aber auch abgestoßen, was sie sichtlich fasziniert. Deshalb trifft sie die Entscheidung, sich ihm anzuschließen und ihm zu helfen, Agnes zu finden. In der Stadt der Toten gibt es unter anderem die Deadland News, die es Jasper noch mehr erschweren, seine Suche fortzusetzen, weil alle Bewohner von Deadland einmal den noch-lebenden Jungen sehen wollen, der eine besondere Gabe hat: Wer von ihm berührt wird, sieht Bilder aus seiner Erinnerung und das ist die Hauptbeschäftigung aller, ihre Erinnerungen zurückzugewinnen, denn sie haben noch nicht den Zusammenhang zwischen dem Wasser des Flusses Lethe und ihrem Vergessen erkannt. Jasper und Gretchen gelangen mühselig durch die einzelnen Höllenkreise fast bis hin zum Elysium, wo die Seelen hinkommen, um für immer zu verschwinden. Denn das Tor zum Elysium wird von Ammut (dt: Große Fresserin,Anm.d. Red .) bewacht, einer ägyptischen Dämonin, welche die Herzen ihrer Opfer frisst. Jasper gelangt nur durch das Tor, wenn er der Dämonin seine tiefsten Geheimnisse verrät und dadurch sein Herz beim Totengericht leichter als eine Feder (Symbol der Wahrheits-Göttin Ma‘at,Anm.d. Red .) werden lässt. Das Geheimnis, welches er preisgibt, er sei schuld an dem Todessprung von Agnes, ist das richtige. Sein Herz wird leichter und leichter, doch Ammut ist eine schlechte Verliererin und verspeist trotzdem sein Herz. Jasper ist kurz vor dem Sterben, denn ohne Herz kann auch ein Noch-Lebender in der Unterwelt nicht überleben. Gretchen gibt ihm ihres, was verheerende Wirkungen nach sich zieht. Durch die Nähe zu Jasper gewinnt Gretchen nach und nach ihre Erinnerungen zurück und er hat seine Agnes im Grunde schon ganz früh gefunden. Sie war es nämlich die ganze Zeit: Sie war Agnes. Mit diesem Wissen schaffen es beide zusammen, bis hin zu Pluto, dem Herrscher über die Unterwelt, zu gelangen, um ihn zu bitten, sie beide wieder in die Welt der Lebenden zurückkehren zu lassen. Da sie aber nur ein Herz für zwei Menschen haben, sieht es eher schlecht für die beiden aus. Persephone, die Geliebte von Pluto, ist von ihrer Geschichte so überwältigt, dass sie Pluto umstimmen kann, und so schaffen es die beiden heraus aus der Unterwelt und anders als in der Sage des Orpheus gibt es am Ende das lang ersehnte Happy End.

Wie schon erwähnt: Auch wenn diese Geschichte der von Orpheus sehr ähnelt, ist es ganz und gar nicht einfach nur eine Neuauflage. Denn diese Geschichte ist eine positivere Version der Orpheussage, da Jasper dem Verbot gehorcht, sich bei der Reise zurück in die Welt der Lebenden nicht zu seiner Agnes umzudrehen, anders als es Orpheus bei Eurydike tat. Die Liebe siegt, und dieser Grundgedanke zieht sich durch das ganze Stück. Der Text, die Musik, die Geschichte und Aussage sind einfach grandios und perfekt zusammengesetzt. Ein altes Thema neu und modern aufgelegt, mit Melodien und Rhythmen, die eher in der Pop- und Rockwelt zu Hause sind. Diese wirken nicht nervig, sondern geben der Geschichte auf der einen Seite eine schöne Leichtigkeit, wie der Abschlusssong ›Ein Tag mehr, an dem es schneit‹, auf der anderen Seite verleihen sie ihr aber auch in den richtigen Momenten eine besondere Schwere, wie die Songs, die die Figuren der Unterwelt singen: der Höllenhund ›Gibt‘s den Sinn?‹ oder die Dämonin Ammut mit ›Gib mir schon Dein Herz‹. Hier wurden harte Rockrhythmen mit lauter E-Gitarre und Schlagzeug eingesetzt, die die verrückte Darstellung der Dämonen ganz wunderbar unterstreichen. Die Songs von Jasper und Agnes gleichen im Gegensatz dazu eher seichten Pop-Songs aus dem Radio, was aber die Charaktere der beiden widerspiegelt, beide sind eher einfach gestrickt und noch jugendlich frisch und unbeschwert.

Gut findet Lethe (Alexander Prosek, l.)den Besuch des Noch-Lebenden (Nicolo Soller, r.) nicht


1. Die Überfahrt, ohne versteckte Kamera, mit Jasper (Nicolo Soller, l.) und Virgil (Jens Krause)


2. Lethe (Alexander Prosek), das Oberhaupt der Stadt der Toten


Oberhaupt der Stadt der Toten 3. Deadland News: immer up to date über Jasper (Ensemble)


4. Trotz Totsein gibt es Clubs und Partys in Deadland (Ensemble)!


1. Ammut (Amanda Whitford) isst gerne die Herzen ihrer Gegner (Ensemble)


2. Die Erinnerungen kehren zurück: Agnes (Elisabeth Köstner), Jasper (Nicolo Soller)


3. Jasper (Nicolo Soller) und Agnes (Elisabeth Köstner): Der Weg in die Welt der Lebenden


4. Die Geschichte von Agnes (Elisabeth Köstner) und Jasper (Nicolo Soller) endet sehr emotional im Schnee!


Bei der Vorstellung, wie die Unterwelt aussieht, gibt es so viele verschiedene Bilder, wie es Menschen auf der Welt gibt. Ausstattungsleiter Hannes Neumaier geht da in die puristisch, moderne Richtung. Kein Schnickschnack, keine Verzierungen oder ein aufwendiges Bühnenbild sind zu sehen. Vier große, weiße Halbkreise, die zusammen geschoben zwei Kreise bilden, sind, durch Rollen beweglich, die ganze Zeit auf der Bühne. So können in den verschiedenen Szenen unterschiedliche Spielorte und Szenenbilder dargestellt werden. Dazu ein quadratisches Podest mit einer Drehscheibe in der Mitte, mit der, zusammen mit einer toll abgestimmten Lichteinstellung mit bewegtem Licht, eindrucksvoll der Fall in die Tiefe nachgestellt wird. An der Rückwand wird ab und zu ein Konstrukt von übergroßen, sich drehenden Lochmetallscheiben heruntergelassen. Diese gehen eher in Richtung Industriehalle als Unterwelt. Das Bild vervollständigen einzelne kleine Requisiten, wie zum Beispiel die Flaschen, die mit dem Wasser des Vergessens abgefüllt sind, ansonsten nichts.

Das Licht spielt auch eine große Rolle an diesem Abend. Mal bewegtes, mal buntes Licht unterstreichen im richtigen Moment die Szenen und lassen den Zuschauer noch tiefer in die Szenerie eintauchen.

Zum Erfolg der europäischen Erstaufführung trägt auch das Orchester unter der Leitung von Andreas Unsicker bei. Gewohnt gekonnt spielt die 11-köpfige Band die Musik und überzeugt mit einem vollen, satten Klangbild.

Den meisten Darstellern merkt man ein wenig die Premieren-Aufregung an. Choreographien und Abläufe fühlen sich noch nicht gesetzt an – wie bei Nicolo Soller in der Rolle des Jasper. Stark im Gesang, meistert er die rhythmisch schwierigen Songs in Höhe und Tiefe. Besonders sein Solo ›Zug um Zug‹ ist ein Höhepunkt des Abends. Doch im Schauspiel ist seine Anspannung zu spüren. Seine Darstellung geht nicht sehr tief, Emotionen bleiben dabei auf der Strecke. Anders Elisabeth Köstner, die Agnes darstellt. Bei ihr merkt man, wie sie zu 100% in der Rolle ist und sich selbst von kleinen Fehlern, wie dem Aneinanderhauen der Mikros mit ihrem Spielpartner Soller, der nicht mehr weiß, in welche Richtung sie sich umarmen, nicht beirren lässt. Das Publikum kommentiert diese Situation mit Gelächter, doch Köstner lässt sich auch davon nicht aus der Ruhe bringen: vor allem in ihrer Szene, als sie Jasper unter Tränen erzählt, wie der Vater angefangen hat, sie zu schlagen, weil sie ihn zu sehr an die Mutter erinnerte, die nach kurzer schwerer Krankheit starb. Und dieses Weinen geht unter die Haut. Ohne dass Köstner ihr Gesicht übertrieben verzieht, rinnen die Tränen die Wangen entlang. Da bleibt auch im Publikum kein Auge trocken.

Ein Defizit hat der Abend leider doch: viel zu viel Tanz. Jede Sekunde ist durchchoreographiert. Die Darsteller haben fast keine Zeit, sich auszuruhen, und das hört man am Schnaufen im Gesang. Jedes gesungene Wort hat gefühlt fünf Bewegungen, das ist zu viel. Da fängt man schon beim Zusehen an, mit zu schwitzen.

Davon abgesehen ist es ein gelungener Abend am TfN in Hildesheim mit einem sehenswerten neuen Musical.


Foto: Jochen Quast

Fotos (5): Jochen Quast

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