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Das verlorene Paradies


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 24.05.2018

Viele Kritiker des Naturschutzgebietes Oostvaardersplassen in den Niederlanden sehen die Ansiedlung von Pferden, Rindern und Rothirschen als gescheitert. Manche sprechen von unhaltbaren Zuständen und von Tierquälerei. Sind die Vorwürfe berechtigt? Auf Spurensuche.


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Stimmungsvoll naturbelassen – die Weite des Naturschutzgebietes beeindruckt. Aber reicht das Futter für die wildlebenden Tiere?


FOTO: DPA/P. PAUL KLAVER

Ein Schuss fällt und unterbricht für einen Moment das Stimmengewirr am Grenzzaun zum Naturschutzgebiet Oostvaardersplassen. Hier, in der niederländischen Provinz Flevoland, in der Nähe von ...

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... Amsterdam, sollte ein einzigartiges Projekt entstehen, das seltenen Vögeln wie dem Seeadler, eine Heimat bietet. Es sollte ein Stück intakte Wildnis werden mitten in Europa, bei der der Mensch eine Nebenrolle spielt und möglichst nicht in die natürlichen Prozesse eingreift. Aber wer hat dann geschossen – und warum? Gibt es einen Zusammenhang mit der andauernden Kritik der Naturschützer am Gesundheitszustand der dort lebenden Pferde, Rinder und Hirsche?

Um diese Fragen beantworten zu können, hilft nur ein Blick auf die Entstehungsgeschichte von OVP, so die Abkürzung des Naturschutzgebietes, und die aktuellen Fakten. Entstanden ist das etwa 5.600 Hektar große Gebiet 1968 bei dem Versuch einen Teil des Ijsselmeeres trocken zu legen, um hier Öl- und Schwerindustrie anzusiedeln. Dabei stießen die Experten auf Schwierigkeiten. Zum einen ließ sich ein Teil der Fläche nicht ganz trocken legen, zum anderen ließ die Ölkrise 1972 das Projekt endgültig scheitern. Da es keinen Bedarf an zusätzlicher landwirtschaftlicher Fläche gab, wurde das Brachland sich selbst überlassen. Innerhalb kürzester Zeit eroberte sich die Natur das Gebiet zurück. Es entstand das größte Tiefland-Riedmoorgebiet Europas. Seltene Vogelarten brüteten hier, nutzten es als Zwischenstation während ihres Zugs gen Süden oder auch als Überwinterungsplatz.

Infolge der natürlichen Entwicklung begann die Fläche zu verbuschen. Lediglich ein kleiner Teil wurde von Graugänsen frei gehalten. Um diesen Prozess zu unterstützen, siedelte man 1983 Heckrinder an, gefolgt von Konikpferden im Jahr 1984 und Rothirschen 1992. So sollte das Land auch ohne den Eingriff des Menschen dauerhaft offen bleiben.

Mit Fördergeldern der EU

Nachdem die Niederlande OVP bereits 1986 zum nationalen Naturmonument erklärt hatten, wurde es 1989 als bedeutendes Feuchtgebiet Europas in die Ramsar Konvention aufgenommen. Zudem erhält es, als Teil des 2002 ins Leben gerufenen Projekts „Natura 2000“, einem EU-weiten Netz von Schutzgebieten zur Erhaltung gefährdeter Lebensräume und Arten, Fördergelder der EU. Seit 1996 steht es unter der Aufsicht der staatlichen Forstbehörde, des Staatsbosbeheer. Die Geschichte klingt wie ein Traum, die aktuelle Faktenlage weniger.

Von den 5.600 Hektar des gesamten Territoriums ist lediglich ein Drittel Festland, der Rest besteht aus Wasser und Sumpf. Die dort angesiedelten Pflanzenfresser vermehrten sich innerhalb kurzer Zeit explosionsartig, da sie keine natürlichen Fressfeinde haben und ihnen anfangs genug Nahrung zur Verfügung stand. Das hat sich mittlerweile geändert. Zweimal jährlich finden Zählungen statt – im Frühjahr vom Boden aus, im Herbst zusätzlich aus der Luft. So lebten laut Staatsbosbeheer im Oktober 2017 rund 230 Heckrinder, etwa 1.040 bis 1.060 Koniks und bis zu 3.990 Rothirsche dort. „Das sind eindeutig zu viele Tiere auf zu kleinem Raum mit zu wenig Futter“, erklärt Annemieke van Straaten, die zusammen mit Cynthia Danvers eine facebook-Gruppe gegründet hat, die sich mit dem Schicksal der großen Pflanzenfresser in OVP auseinandersetzt. Innerhalb kürzester Zeit stieg die Mitgliederzahl auf über 53.000 an – ein deutliches Indiz dafür, dass das Schicksal der Tiere nicht mehr nur einige wenige interessiert. Auf facebook und auf Youtube werden regelmäßig Filme gezeigt, die das Leiden der Tiere dokumentieren. „Sie bleiben auf der Suche nach Futter im Schlamm stecken und verhungern elendig“, sagt Annemieke van Straaten. Trotzdem setzt sie nicht auf Konfrontation, sondern auf das Gespräch mit den verantwortlichen staatlichen Stellen.

Im Oktober 2017 lebten rund 230 Heckrinder,1.040 bis 1.060 Koniks und bis zu 3.990 Rothirscheauf 5.600 Hektar . „Das sind eindeutig zu viele Tiere auf zu kleinem Raummit zu wenig Futter“ , erklärt Tierschützerin Annemieke van Straaten.

Ein Konik, der nach Futter sucht. Seine Knochen zeichnen sich unter dem dicken Fell ab.


Eine karge Landschaft. Zu viele Tiere auf zu wenig Raum haben alles abgefressen.


Von Dezember 2017 bis März 2018 wurden 383 Konikpferde,64 Heckrinder und 2.202 Rothirsche erschossen. Das sind knapp90 Prozent der in diesem Zeitraum verstorbenen Tiere. Etwa 10 Prozent starben eines natürlichen Todes.

Ein Maß an Hilfe

Anderen Kritikern reicht das nicht. Immer wieder kommt es zu Demonstrationen vor Ort, eine Petition mit 85.000 Unterschriften fordert die Regierung dazu auf, endlich zu handeln und die Situation der Tiere zu verbessern. Aktivisten fahren mit Heuballen zum Schutzgebiet, übersteigen die Zäune und verteilen das Raufutter unter den herbeigelaufenen Tieren. „Wir verstehen, dass diese Menschen besorgt sind“, sagt Debra Wolford von der Tierschutzorganisation PETA. „Manche fordern auch radikalere Lösungen. Aber eine ökologische Balance wird nicht mit der Waffe wieder hergestellt. Experten, die weder das Töten noch das derzeitige Leiden der Tiere befürworten, sollten eine langfristige Strategie für das Problem ausarbeiten.“

Es ist nicht so, dass diese Missstände von staatlicher Seite geleugnet werden. Nur ihre Interpretation unterscheidet sich deutlich von der der Kritiker. „Das Ziel in diesem Naturschutzgebiet ist es, den natürlichen Prozessen auch genügend Raum zu geben, sich zu entfalten“, sagt Joke Bijl vom Staatsbosbeheer. Indem menschliche Eingriffe auf ein Minimum reduziert würden, könne die Natur ihren eigenen Weg gehen. Das bedeutet, dass ein verringertes Angebot an Nahrung auch eine niedrigere Geburtenrate im folgenden Jahr nach sich zieht. „Die Population schwankt ständig“, sagt Joke Bijl. Natürlich sei die Handschrift des Menschen trotzdem klar erkennbar, schließlich gäbe es das Gebiet ohne die Trockenlegung gar nicht. „Aber die Natur gibt den Rhythmus vor, dem der Mensch folgt. Manchmal helfen wir vom Staatsbosbeheer dabei, dass sich die natürlichen Prozesse optimal entfalten können “, sagt er. Womit er unter anderem eine umstrittene und heftig kritisierende Praktik meint: Das Abschießen geschwächter Tiere erfolgt nach strengen Richtlinien, dem „Early Reactive Management Protokoll“, bei dem die körperliche Verfassung und das Verhalten des Tieres ebenso berücksichtigt werden, wie das Wetter und die zur Verfügung stehende Futtermenge. Ein Tierarzt unterstützt die Forstbehörde dabei. Die Mitarbeiter von Staatsbosbeheer greifen aber nicht nur mit der Waffe in die Natur von Oostvaardersplassen ein: „Natürlich helfen wir auch Tieren, die im Schlamm feststecken“, so Bijl.

Ein Video schockiert

Trotzdem sind es die nackten Zahlen, die das ganze Ausmaß der Probleme in Oostvaardersplassen deutlich machen. Von Dezember 2017 bis März 2018 wurden 383 Konikpferde, 64 Heckrinder und 2.202 Rothirsche erschossen. Das sind knapp 90 Prozent der in diesem Zeitraum verendeten Tiere. Etwa 10 Prozent starben eines natürlichen Todes. Die Erschießung eines Hirsches erhitzte besonders die Gemüter – es ist der Schuss, der die Demonstranten für einen kurzen Moment fassungslos machte, ein Schuss der per Handykamera gefilmt wurde und der auf Youtube zu sehen ist.

Man sieht Geländewagen der staatlichen Forstbehörde innerhalb des Schutzgebietes am Zaun entlang fahren. Ein Wagen hält vor einem im Schlamm feststeckenden Rothirsch. Dann fällt ein Schuss. Die über den Zaun gekletterten Aktivisten laufen um den Wagen herum, filmen das Tier, dessen halber Kiefer zerfetzt ist – und das noch lebt. Minutenlang kann man dem Todeskampf zusehen. „Der Hirsch ist unter sehr speziellen Umständen geschossen worden“, erklärt Joke Bijl. „Aus wesentlich kürzerer Entfernung als gewöhnlich, wegen der in kurzer Entfernung stehenden Menschen am Zaun. Aus Sicherheitsgründen in den Kopf, weil die Kugel sonst hätte abprallen können.“

Auf dem begrenzten Raum hängt

das Leben der Tiere, die wegen der Umzäunung nicht frei umherziehen und sich so neue Futterquellen erschließen können, immer vom Winter ab. Fällt der besonders hart aus, wie zum Beispiel 2009/2010, müssten schlicht viele Pferde, Rinder und Hirsche verhungern, würden sie nicht durch die Kugel erlöst. Auch der Winter 2017/2018 war, wie auch die staatlichen Behörden zugeben, ein schwieriger mit lang anhaltenden starken Regenfällen und später eisiger Kälte von Osten, die die Nahrungsgrundlage für die vielen Tiere zusammenschrumpfen ließ.

Der Winter 2017/2018 war kalt und verregnet. Die Nahrung wurde knapp .


FOTOS: H. BULS

Idee zur Rettung

Immerhin wurde zum ersten Mal von staatlicher Seite aus Heu zugefüttert. Damit greift der Mensch aber immer mehr in die natürlichen Prozesse ein – was doch eigentlich vermieden werden sollte. Von einem Scheitern des Projekts mag von staatlicher Seite bisher noch niemand sprechen. Doch klar ist, dass sich etwas grundsätzlich ändern muss, soll das Schicksal der Tiere wirklich verbessert werden. Beobachten, aus dem Schlamm ziehen, abschießen und jetzt auch noch zufüttern ist jedenfalls keine vernünftige Lösung. Das hat auch der ehemalige Staatssekretär, Pieter van Geel, erkannt. Er leitet eine Kommission, die der Provinz Flevoland empfiehlt, die Anzahl der großen Pflanzenfresser deutlich, auf 1.500 Tiere, zu reduzieren. Während die Heckrinder davon unberührt bleiben, sollen ein Teil der Koniks anderweitig untergebracht und die Rothirsche erlegt werden. Durch diese Maßnahmen, so hofft die Kommission, könnten sich die Grünlandbestände erholen. Noch vor der Sommerpause soll über die Umsetzung der Vorschläge entschieden werden.