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Das Verschwinden der INSEKTEN


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 27/2021 vom 04.07.2021

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 27/2021

Kleiner Fuchs

Aglais urticae

Der kleine Fuchs ist in Deutschland und auch weltweit verbreitet, er kommt in Höhen bis zu 3000 Meter vor. Als Falter ernährt er sich von Nektar und bestäubt Blüten. Als Raupe frisst er vor allem Brennnesselblätter. Wer ihn schützen will, muss für Blüten und für Raupenfutter sorgen.

Unter Rüdiger Wagner gluckert es. Er steht in dunklen Gummistiefeln und kariertem Hemd auf einem Forstweg, links und rechts sattgrüne Wiesen. Das Gluckern mitten in der Landschaft kommt von einem Bach, keinen Schritt breit, der sich durch die Wiesen und unter dem Weg entlangschlängelt. An einer nahen Betonstufe wird es besonders laut: Hier stürzt das Wasser gut 20 Zentimeter hinunter, platscht unten auf dicke Steine und sprudelt weiter. Ein Mini-Wasserfall.

Der Bach ist Rüdiger Wagners Leben – und der kleine Wasserfall der perfekte Ort, um eines der drängendsten Probleme der Ökologie zu ...

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... verstehen: das Insektensterben. Rüdiger Wagner hat mehr als 35 Jahre lang Wasserinsekten in dem kleinen Gewässer erforscht, Schwerpunkt Köcherfliegen. Auch jetzt, im Ruhestand, kommt er häufig her. Er hat untersucht, welche es gibt und wie sie sich bei Hochwasser, Dürren und den vielen anderen Änderungen der Umwelt verhalten. Und er kann am Beispiel dieser kleinen Welt erklären, wo die großen Probleme liegen.

Nähe von Schlitz im mittelhessischen Vogelsbergkreis gilt als eines der besterforschten Fließgewässer Europas, von 1951 bis 2006 wurde er Tag für Tag überwacht. Wasser- und Lufttemperatur, Säuregehalt, Fließgeschwindigkeit, Algen, Bakterien, Würmer und Insekten – alles, was das Ökosystem ausmacht, wurde kartiert.

Grünes Heupferd

Tettigonia viridissima

Große Heuschrecken sind für Landwirte nützlich – anders als die in Afrika und anderen Regionen vorkommenden Wanderheuschrecken, die ganze Landstriche leer fressen können. Die grünen Heupferde sind Fleischfresser, bereits als Larven ernähren sie sich von Blattläusen, Käferlarven, Fliegen und kleineren Heuschrecken.

Der Breitenbach in der Wagner erklärt, wie komplex ein Bach ist. Er zeigt zum Mini- Wasserfall. „Oben fließt das Wasser scheinbar langsam durch das niedrige Bachbett, der Bach mäandert, Sediment setzt sich ab. Oben, kurz vor der Kante, liegt viel Sand, das Wasser ist ruhig – unten liegen große, grobe Steine.“ Das Wasser hat die kleineren Steine und Sedimente ein wenig weiter weggetragen, hat sich verwirbelt und kleine Höhlen ins Ufer gegraben. „Das Sediment oben ist ein anderer Lebensraum als die Steine unten“, sagt Wagner. Auf engstem Raum haben sich völlig unterschiedliche Unterwasserlandschaften gebildet. Sie sind Heimat verschiedenster Lebewesen. „Oben leben Insektenlarven, die sich gemütlich in den Schlamm gebuddelt haben, unten überleben Larven, die fest an den Steinen kleben. 820 Insektenarten haben wir hier gefunden – seltene Arten, Allerweltsarten, auch mal Arten, die nur kurz da waren“, sagt er. „Eine Auswertung der Jahrzehnte umfassenden Daten hat aber gezeigt: Auch im Breitenbach werden es weniger.“

Insektenschwund in Bächen und Wiesen, Wäldern und Feldern nicht mehr nur für Experten das große Thema der vergangenen Jahre. Seit Wissenschaftler im Jahr 2017 mit der sogenannten „Krefelder Studie“ einen dramatischen Rückgang der Biomasse von Fluginsekten in verschiedenen deutschen Naturschutzgebieten dokumentiert haben, versuchen Experten zu verstehen, was den Schmetterlingen, Bienen und Fliegen schadet, es wurden Käfer und Mücken abgesucht. Denn Insekten, das lernen Kinder bereits im Kindergarten, sind die Architekten des Lebens. Sie sorgen dafür, dass der Boden locker, gesund und nährstoffreich bleibt, halten das Grundwasser sauber, helfen bei der Schädlingskontrolle, bestäuben Blüten und sind Futter für Vögel, Spinnen, Fledermäuse, Frösche und Fische. Ohne Insekten brächen Ökosysteme zusammen.

Da es den Insekten hierzulande schlecht geht, muss sich etwas ändern. Im Bundestag wurde deshalb gerade über eine Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes entschieden. Das „Insektenschutzgesetz“ ist beschlossen. Nach langen Verhandlungen sollen Biotope und Grünland jetzt besser geschützt und die nächtliche Lichtverschmutzung eingedämmt werden.

Zudem wurde die „Pflanzenschutz- Anwendungsverordnung“ nach monatelangem Streit und Protesten von Bauern und Umweltschützern verabschiedet: Auf Äcker, die in Schutzgebieten liegen, dürfen noch weniger Pestizide ausgebracht werden. Dank Gesetz und Verordnung, die als „Insektenschutzpaket“ bezeichnet werden, sollen mehr Flächen geschützt, weniger Pestizide ausgebracht werden. Glyphosat, das wohl bekannteste Gift, soll ganz verschwinden. Für eventuelle Ernteverluste gibt es Ausgleichszahlungen an Landwirte.

Auf europäischer Ebene wurde soeben im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU darüber entschieden, wie man die Landwirtschaft, die einen Großteil von Europas Landfläche ausmacht, mit wirkungsvolleren Anreizen zu mehr Artenschutz animiert.

,,SEIT 1950 SIND IN DEUTSCHLAND 71 PROZENT DER ACKERWILDKRAUTARTEN AUF DEN FELDERN VERSCHWUNDEN

TEJA TSCHARNTKE, Professor für Agrarökologie

Alle diese Maßnahmen haben zwei Ziele: Insekten zu schützen und Landwirten und anderen Betroffenen dennoch ein Auskommen zu ermöglichen. Doch so gut das klingt: Der Weg hin zu insektenfreundlicheren Landschaften ist sehr weit. Und die nun beschlossenen Schritte sind ein Kompromiss, den Umweltschützer wie der BUND als „Schritt in die richtige Richtung“ sehen – und in dem Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied „das Ende eines jahrhundertealten Teils unserer Kultur“ befürchtet.

Die Tiere zu schützen und gleichzeitig den Landwirten nicht ihre Lebensgrundlage zu nehmen kostet nicht nur viel Geld, sondern kann letztlich nur gelingen, wenn bei Konsumenten und Landwirten ein Umdenken stattfindet.

Aber bringen die Maßnahmen des Insektenschutzpaketes überhaupt etwas? Reicht es, nachts das Licht in Städten, Dörfern und an Straßen zu dimmen, weniger Gifte in Parks und auf Äckern zu verwenden und Subventionen für eine artenfreundlichere Landwirtschaft auszuschütten?

ES GIBT NICHT EINE LÖSUNG

In Deutschland gibt es mehr als 30.000 verschiedene Insektenarten mit vielfältigsten Lebensmodellen. Es ist ein wundersames Panoptikum: Bei manchen Arten können die Eier wie Samenkörner jahrelang überdauern. Eintagsfliegen, Maikäfer und Libellen wiederum sind einen Großteil ihres Lebens Larven, sie verstecken sich in Teichen und Seen oder im Erdreich. Nur für Tage breiten sie ihre Flügel zum Hochzeitsflug. Manche fressen als Larven Fleisch und als erwachsene Tiere nur Nektar und Pollen, andere fressen als Larven nur Blätter und als Erwachsene gar nichts mehr. Es gibt Einzelgänger unter den Insekten, die sich nur für den wenige Sekunden dauernden Paarungsakt mit ihresgleichen abgeben – und es gibt Arten, die sich in komplexen Sozialstaaten über eine ausgefeilte Duftoder Tanzsprache verständigen. Andere orientieren sich am Licht von Mond und Sternen.

Deshalb ist es auch nicht einfach zu benennen, was DEN Insekten hilft und was ihnen schadet. Josef Settele kann das nicht oft genug betonen. Er ist einer der prominentesten Insektenschützer Deutschlands, sammelt seit seiner Kindheit Schmetterlinge, hat Agrarökologie studiert und ist Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Von 2016 bis 2019 war er einer der drei Co-Vorsitzenden des globalen Berichtes des Weltbiodiversitätsrates IPBES und ist auch in der deutschen Politik ein gefragter Berater. Er redet oft mit Biologen und Politikern, mit Landwirten und mit Laien, kennt die vielen verschiedenen Bedürfnisse. Sein Rezept für mehr Artenvielfalt: Maßnahmenvielfalt.

„Man muss an vielen Stellschrauben drehen“, sagt er. Die höchste Insektenvielfalt gab es in Deutschland nicht zu der Zeit, als noch fast überall Buchenwälder wuchsen. „Die meisten Insektenarten gab es vielmehr, als die Landwirtschaft extensiv war, es offene Flächen gab und kleinere Wälder. Als Vieh nicht auf festen Weiden graste, sondern Hirten im Rahmen der Hutewirtschaft mit den Tieren durch die Gegend zogen.“ Damals waren die Landschaft, die Dörfer und Städte nicht eintönig und aufgeräumt, Fassaden nicht dicht. Es war alles ein bisschen unordentlicher, bunt zusammengewürfelt. Die Vielfalt der Lebensräume war hoch – und entsprechend fühlten sich Insekten in großer Anzahl und Artenvielfalt wohl.

Heute ist die Hälfte der Fläche Deutschlands Acker, Feld und Weide. Die Felder sind groß, Bäche begradigt, Wälder aufgeräumt – und auch in Städten werden Brachen, Gebüsche und unordentliche Ecken rar. „Da muss sich etwas ändern“, sagt Settele, „Monotonie ist der Feind der Vielfalt.“

Florfliege

Chrysoperla carneaA

Florfliegen sind die wohl bekanntesten Nützlinge unter den Insekten. Als ausgewachsene Tiere fressen sie Pollen, Nektar und Honigtau, als räuberisch lebende Larven jagen sie Raupen, Wollläuse, Spinnenmilben und vor allem Blattläuse. Sie werden auch Blattlauslöwen genannt, weil sie so effizient fressen. Eine Florfliegenlarve kann bis zu 100 Blattläuse am Tag vertilgen.

LICHTVERSCHMUTZUNG

Eine Stellschraube, die bislang viele Experten unterschätzt haben, ist das Licht. Kürzlich hat die Fachzeitschrift „Insect Conservation and Diversity“ Kunstlicht eine ganze Ausgabe gewidmet. Darin zeigen Studien aus aller Welt, welche Lichtspektren bestimmte Mottenarten besonders anziehen, ob LEDs die Paarung von Glühwürmchen erschweren, ob Schlupfwespen durch das Licht nachts geweckt werden – und was das für ihre Fortpflanzung bedeutet.

Gregor Kalinkat vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin hat in diesem Schwerpunktheft einen Beitrag publiziert, es ist eine Literaturrecherche, die den Stand des Wissens zusammenfasst. Kalinkat klingt am Telefon sehr vorsichtig. „It’s complicated“, sagt er, „einfache Antworten gibt es nicht. Natürlich schadet Kunstlicht nicht allen nachtaktiven Insekten – manche stören sich wenig daran. Aber es sieht so aus, als ob der negative Einfluss des Lichtes mehr Arten, vor allem spezialisierte, betrifft und einen stärkeren Umwelteffekt hat, als wir lange Zeit gedacht haben.“ Natürlich könne man jetzt nicht einfach alle Lampen ausknipsen. Die Nacht gehört schließlich nicht nur der Natur – sondern auch den Menschen, die sich sicher fühlen wollen. Aber man könne versuchen, Lichtquellen so zu gestalten, dass sie möglichst wenig Schaden anrichten.

Viele nachtaktive Insekten haben sich im Laufe der Evolution darauf spezialisiert, den Mond als Orientierungspunkt zu sehen. „Die Lichtstrahlen, die der Mond auf die Erde wirft, treffen fast parallel auf die Erdoberfläche“, erklärt Kalinkat. „Dadurch weiß das Insekt genau, in welche Richtung es fliegt. Eine Lampe oder Straßenlaterne strahlt aber Licht in alle Richtungen ab. Das Insekt verliert an einer Lampe schnell die Orientierung, es flattert um die Lichtquelle herum, bis es erschöpft stirbt.“ Licht blendet Insekten zudem, sodass ihre Augen nicht mehr funktionieren. Und es stört ihr Verhalten, wenn sie, wie Glühwürmchen, Licht als Paarungsreiz einsetzen.

Buntgrabläufer

Pterostichus cupreus

Es gibt mehrere Hundert Laufkäferarten in Deutschland, viele von ihnen sind an sehr spezielle Lebensräume angepasst. Die meisten sind nachtaktiv, sie ernähren sich, je nach Art, von Schneckeneiern, Kartoffelkäferlarven, Schnecken, Drahtwürmern, Läusen und Milben.

Auch Nachtinsekten sind seltener geworden. Sie sind für die Ökosysteme aber ebenso wichtig wie ihre tagaktiven Verwandten, zersetzen Aas und Blätter, sind Futter für Fische und Fledermäuse. Nachtfalter wie Gammaeulen und Birkenspanner fliegen auf der Suche nach Nektar auch nachts von Blüte zu Blüte und bestäuben sie dabei. Wissenschaftler der Universität Zürich konnten jüngst zeigen, dass die Bestäubungsleistung insgesamt sinkt, wenn Wiesen nachts mit künstlichem Licht erhellt werden. Licht aus in der Landschaft – das ist nicht nur für Tiere, sondern auch für Landwirte eine gute Idee. Auch nachts wird bestäubt, auch nachts werden Blattläuse und andere Schädlinge gefressen.

Gregor Kalinkat und viele andere Wissenschaftler versuchen nun, Kunstlicht so zu gestalten, dass es nicht zur Todesfalle wird. „Möglichst wenig blaues Licht, möglichst wenig lichtstark – und möglichst nach oben und zu den Seiten hin abgeschirmt“, resümiert er. „So stellen wir uns momentan eine insektenfreundliche Beleuchtung vor.“

PESTIZIDE

Den ebenfalls bedrohten tagaktiven Insekten hilft das allerdings nicht. Ihr Hauptproblem sind Pestiziden – Gifte, die zur Ausmerzung von Schädlingen (Insektizide, Fungizide) oder zur Tilgung von Unkräutern (Herbizide) auf Feldern, an Böschungen, auf Bahngleisen und in Gärten versprüht werden. Die Stoffe gehören seit Jahrzehnten zum Alltag, sie galten als Segen, ermöglichen sie doch reiche Ernten, unkrautfreie Bahnanlagen, gepflegte Parks und Gärten.

Seit den 1930er-Jahren gibt es diese Pflanzenschutzmittel, sie werden weltweit eingesetzt. In den 1960er-Jahren verfügte man über 100 Wirkstoffe, die Pflanzenschutzindustrie hatte ein Volumen von weniger als zehn Milliarden US-Dollar. Heute ist die Branche auf über 50 Milliarden Dollar gewachsen, es gibt mehr als 600 verschiedene Mittel. Sie sichern die Ernten – aber schaden Insekten. In vielen Regionen der Welt hat der Ruf der Chemikalien deshalb stark gelitten. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Glyphosat, das weltweit am häufigsten verwendete Totalherbizid, das alle unerwünschten Pflanzen auf den Äckern vernichtet, unter Krebsverdacht geraten ist.

Auch der Ruf modernerer Mittel wie den sogenannten Neonikotinoiden, die eigentlich nur Schädlinge ausmerzen sollten, hat gelitten: Sie lassen wichtige Bestäuberinsekten wie Wild- und Honigbienen orientierungslos werden und schaden wahrscheinlich dem Stoffwechsel von Käfern und anderen Insekten. Angesichts des gesteigerten Bewusstseins für den Rückgang der Insektenarten scheint giftige Chemie auf dem Acker nicht mehr zukunftsfähig.

Dass das Umdenken bereits stattgefunden hat, konnte eine Forschergruppe von der Universität Landau kürzlich mit einer aufwendigen Analyse zum Pestizidverbrauch in den USA belegen. Sie zeigte, dass seit den frühen 1990er- Jahren weniger Mittel verspritzt werden. Für die Artenvielfalt klingt das erfreulich. Allerdings gibt es einen Haken: Die Mittel wirken nicht so zielgenau, sondern richten im Stoffwechsel aller Insekten Schäden an. Obwohl weniger Pestizide ausgebracht werden, schreiben die Forscher, seien Insekten heute wesentlich mehr giftigen Chemikalien ausgesetzt als Anfang der 1990er-Jahre.

In der EU soll der Pestizidverbrauch weiterhin deutlich verringert werden, Glyphosat soll in Deutschland bis Ende 2023 verboten werden. Und für Neonikotinoide und andere Pflanzenschutzmittel gibt es stärkere Auflagen. Aber das muss, wie die Landauer Studie zeigt, nicht unbedingt eine Trendumkehr für den Insektenrückgang bedeuten. Man sollte nicht darauf setzen, dass künftige Pestizide nur noch Schädlingen gefährlich werden.

LANDSCHAFTEN

Teja Tscharntke verfolgt einen anderen Ansatz beim Insektenschutz. Einen, der sich mit den Ideen des Biodiversitätsexperten Josef Settele trifft: groß denken, multifaktoriell eingreifen. Tscharntke ist Soziologe, Biologe und Professor für Agrarökologie an der Universität Göttingen. Seit Jahren erforscht er, wie man mehr Biodiversität auf die Äcker bekommen kann – und zugleich die Erntemengen erhält. Wenn weniger Pestizide und Insektizide in die Umwelt gelangten, dann wäre das natürlich gut, sagt er. „Aber der Schlüssel für die Förderung der Artenvielfalt liegt woanders“, sagt er. „Je intensiver Ackerland genutzt wird, umso monotoner wird es.“ Große Felder sind effizienter zu bewirtschaften als kleine, und so prägen riesige Mais-, Raps-und Getreidefelder die Landschaft, und Brachen, Hecken und Tümpel gehen verloren. Überdüngung mit Stickstoff und der Einsatz von Herbiziden führt zudem dazu, dass weniger Wildpflanzenarten im Feld und am Feldrand wachsen. „Seit 1950 sind in Deutschland 71 Prozent der Ackerwildkrautarten auf den Feldern verschwunden“, sagt er. Je weniger Pflanzenarten in einem Lebensraum wachsen, umso weniger Nahrung und Verstecke finden Insekten.

Was also tun? Alle Landwirte zu Ökobauern machen? Immerhin wurde in großen Metaanalysen nachgewiesen, dass auf Ökoäckern die Zahl der Ackerpflanzenarten im Schnitt um 95 Prozent, die Zahl der Insektenarten um 30 Prozent und die der Insektenmasse um 50 Prozent höher war als auf konventionell bewirtschafteten Flächen.

„Aber derzeit wird auf weniger als zehn Prozent der Fläche ökologischer Landbau betrieben“, sagt Tscharntke. „Das reicht nicht, um das galoppierende Aussterben von Arten in Agrarlandschaften zu verhindern.“ Zudem sei der Ökolandbau nicht ganz unproblematisch: Die Landwirte verpflichteten sich zwar dazu, keine synthetischen Pestizide oder Herbizide auf ihren Flächen einzusetzen. Aber es gibt sogenannte natürliche Pestizide, die auf Sonderkulturen gespritzt werden. Im Wein-, Obst- und Gemüseanbau dürften natürliche Mittel wie Kupfersulfat eingesetzt werden – die zwar natürlich, aber nicht weniger wirken gut, das Schwermetall Kupfer reichert sich aber im Boden an. Zudem sind Pestizide ja nicht alles: Wenn Biogurken oder -Paprika nur noch unter Folie oder im Gewächshaus angebaut werden, haben Insekten davon nichts, auch wenn die Ware biozertifiziert ist. Die Flächen sind für Insekten tot.“

Um die Insektenvielfalt in die Agrarflächen zurückzubringen, müsse mehr gemacht werden, sagt der Agrarökologe. Man müsse die Landschaften umgestalten, was bei der ökologischen Zertifizierung nicht berücksichtigt wird.

Untersuchungen der letzten Jahre belegen, dass allein die Feldgröße schon viel bewirkt, ohne dass darunter der Ertrag leiden müsste. Ein Weizenfeld von sechs Hektar können Wildbienen auf der Suche nach Pollen und Nektar leicht überfliegen. Ein 30 Hektar großes Feld hingegen ist für viele Insekten eine unüberwindliche grüne Wüste. Sie suchen Blüten und Blätter, Verstecke und einen Ort, an dem sie ihre Eier ablegen können. „Zudem sollten die Kulturfolgen vielfältiger werden, also beispielsweise aus fünf, sechs, sieben oder sogar neun verschiedenen Feldfrüchten bestehen“, erklärt Tscharntke. Die Fruchtfolgen könnten auch Lupinen oder Ackerbohnen einplanen, die Stickstoff aus der Luft in den Boden bringen – und dadurch Dünger sparen. Weniger Dünger schützt indirekt die Artenvielfalt, weil dann nicht nur die konkurrenzkräftigsten Pflanzen, meist Gräser, sich durchsetzen. Wie artenreich Flächen sein können, kann man sehr gut an bunt blühenden, ungedüngten Grünlandflächen sehen.

Baut man verschiedene Pflanzen zeitgleich an, hilft das Insekten unmittelbar. „Wenn man nach Raps Getreide pflanzt, dann verliert man die meisten Tiere, da mit Kreuzblütlern wie dem Raps andere Insekten verbunden sind als mit Gräsern wie dem Getreide“, sagt Tscharntke. Viel geschickter sei es, wenn man einen Streifen Raps neben einem Streifen Getreide auf demselben Acker anbaut: „Die Schwebfliegen ernähren sich vom Pollen und Nektar des Rapses und legen ihre Eier im Weizen ab. Daraus schlüpfen dann die Larven, die sich über die schädlichen Blattläuse hermachen.“

Hainschwebfliege

Episyrphus balteatus

Schwebfliegen gehören zu den wichtigsten Bestäuberinsekten in Deutschland. Ihr Flug ist, typisch für Fliegen, sehr wendig, da ihr zweites, hinteres Flügelpaar zu kleinen Schwingkolben umgebildet ist, die eine gute Steuerung ermöglichen. Schwebfliegen ernähren sich als erwachsene Tiere von Nektar und Pollen. Als Larven fressen sie Blattläuse – zwei Gründe, warum sie als Nützlinge gelten. Die Weibchen legen ihre Eier direkt in Blattlauskolonien ab, so sind die Larven nach dem Schlüpfen mit Nahrung versorgt.

Im Idealfall könnten die Betriebe einer Region mit ihren Flächen zur Gestaltung einer neuen, artenreichen Landschaft beitragen, mit Blühstreifen für Wildbienen und Schwebfliegen, Altgrasflächen und Brachen für Spinnen, Käfer und Ameisen. Mit Hecken und Agroforstsystemen, bei denen Bäume und Sträucher so an und auf die Äcker gepflanzt werden, dass sie auch der Artenvielfalt dienen – und natürlich auf Basis einer vielfältigen Landwirtschaft mit verschiedenen Feldfrüchten. Nützliche Insekten sowie Spinnen und Vögel würden die Pflanzenschädlinge besser in Schach halten, und die bessere Bestäubung von Obst und Erdbeeren durch Wildbienen würde den Ertrag erhöhen. „Unsere Agrarlandschaften würden mit so einem Mix von kleinen Feldern, vielfältigem Anbau und einem Minimum naturnaher Flächen wieder deutlich artenreicher werden“, betont Tscharntke.

EINE SCHÖNE UTOPIE?

Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, sieht das differenziert. Natürlich müsse man mehr für die Bestäuber tun, schreibt er in einer Stellungnahme. „Keine Branche braucht Bienen und andere Bestäuber mehr als die Landwirtschaft. Deshalb engagieren wir Bauern uns aktiv beim Insektenschutz.“ Allerdings: „Das Insektenschutzpaket hilft den Bienen nicht und schadet stattdessen den Bauern.“

Von den derzeit geplanten Verboten und Auflagen des neuen Gesetzes, also des Insektenschutzpaketes, seien mehr als eine Million Hektar Acker- und Grünlandflächen betroffen, auf denen eine produktive Bewirtschaftung nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich sein wird, so der Verband. Ein angemessener Ausgleich sei nicht vorgesehen, und die geplanten Maßnahmen seien für den Insektenschutz weder verhältnismäßig noch zielführend. Naturschutz und Landwirtschaft müssten kooperieren, anders gehe es nicht.

Bauer Burkhard Fromme lacht am Telefon, als er nach dem Zusammenspiel von Landwirtschaft und Artenvielfalt gefragt wird – und ob das denn gehe, Licht aus, Pestizide weg, Felder schrumpfen. Fromme führt mit seinem Sohn einen Hof in Scheppau im Landkreis Helmstedt. „Man muss da realistisch ran. Wenn es meinen Pflanzen schlecht geht, dann will ich in den Arzneimittelkasten greifen dürfen“, sagt er. Aber dass man nicht einfach weitermachen kann wie bisher, das sei ihm längst klar. „Der gesellschaftliche und politische Druck ist schon sehr hoch.“

Seit mehr als 20 Jahren versucht er, nachhaltiger zu wirtschaften, den Boden zu schonen, seine Erträge insektenfreundlich zu erwirtschaften. Ins Minus rutschen will er nicht. „Von anderen Landwirten muss ich mir oft sagen lassen: ‚Du bist nicht ganz normal‘“, sagt er. Denn Generationen von Bauern haben das Ziel der Ertragsmaximierung verfolgt. Sie haben den Anbau optimiert, große Landmaschinen angeschafft, kilometerlange Felder bestellt. Die Produktion musste kostengünstig sein – um am Markt bestehen zu können. Wer Landwirtschaft ein Leben lang so gedacht hat, kann über Fromme und die Wissenschaftler nur den Kopf schütteln.

Burkhard Fromme und sein Sohn sind im Laufe der Jahre zu so etwas wie Experimental-Landwirten geworden. Fromme ist im Vorstand der Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung („Von Landwirten für Landwirte“), er hat seine Felder mit Drohnen und Satelliten vermessen lassen und macht bei verschiedenen Forschungsprojekten mit. „Für ein Projekt zur smarten Unkrautkontrolle zählen wir zweimal im Jahr etwa zwei Wochen lang aus, wie viele Regenwürmer im Boden sind.“ Das mit den Regenwürmern sei manchmal schon etwas langweilig, um die 100 von ihnen können in einem Kubikmeter Ackerboden leben. Aber es gehe ja schließlich darum, den besten Weg für die Zukunft zu finden.

Die Transformation zur biodiversen Agrarlandschaft testet er in dem vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderten Projekt „Förderung von Insekten in Agrarlandschaften“ (FInAL) mit aus. Bei FInAL soll in Bayern, Brandenburg und Niedersachsen jeweils ein sogenanntes „Landschaftslabor“ von drei mal drei Kilometer Fläche aufgebaut werden. Frommes Äcker liegen zum Teil in der niedersächsischen Laborregion. Was hier geplant ist, gleicht einem Realitätscheck für die Wissenschaft. Denn zwar ist für Forscher eigentlich klar, wie eine insektenfreundliche und artenreiche Landwirtschaft auszusehen hat. Aber ob diese Pläne auch gesellschaftlich und vor allem wirtschaftlich machbar sind – niemand weiß das.

„Beim FInAL-Projekt ist gut, dass wir als Landwirte mitreden dürfen“, sagt Fromme. „Das war ja bei der EU-Verordnung zu den Blühstreifen nicht so. Damals hieß es nur: ‚Du musst bis zu einem festen Termin auf soundso viel Fläche Saatgut für Blühstreifen ausbringen, sonst gibt es keine Subventionen.‘“ In manchen Jahren sei es zu diesem Termin aber zu feucht gewesen, man habe die Samen nur in die Erde schmieren statt wirklich säen können. „Aber der Termin musste eingehalten werden.“

Jetzt baut er in Absprache mit den Wissenschaftlern nicht mehr nur Raps und Weizen auf seinen Feldern an, sondern viele verschiedene Ackerfrüchte: Gerste, Sommergerste, Zuckerrüben, Sonnenblumen und Roggen. „Wir wollen eine möglichst vielfältige Fruchtfolge haben“, sagt er. Er bearbeitet den Boden nicht mehr so stark, pflanzt unter den Raps Untersaaten. Er legt Blühstreifen an, lässt Altgras stehen. Und er stimmt sich mit den anderen Landwirten der Testregion ab, was sie anbauen – wer welche Erntegeräte und welche Marktkontakte hat. „Das Risiko“, erklärt er, „ist durch das FInAL-Projekt abgesichert, sonst könnten wir das nicht ausprobieren.“

Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet, es wird gezählt, wie sich die Vielfalt der Arten entwickelt. Über Aufwand und Ertrag der neuen Kleinteiligkeit wird Buch geführt. „Die Erträge werden wohl ähnlich hoch werden wie früher“, glaubt Fromme. „Aber die Kosten, die sind sehr hoch. Ohne Subventionen geht das nicht.“

Ohne Subventionen und höhere Marktpreise kann ein Umbau der Landwirtschaft nicht funktionieren. Aber auch nicht ohne ein Umdenken – bei den Bauern – und bei den Konsumenten. In einer insektenfreundlicheren Zukunft werden grüne Weizenfelder sich nicht bis zum Horizont ziehen, sondern vom gelben Raps, lila Lupinen, von wilden Hecken und Baumreihen durchzogen sein. Die Landschaft wird aus vielen kleinen Ökosystemen, aus vielen Nischen bestehen.

Wenn die Landschaften kleinteiliger werden, dann können auch kleine Wunder passieren – wie sie Rüdiger Wagner am Breitenbach beobachtet hat: Obwohl ein Hochwasser in einem Jahr fast alle Larven bestimmter Köcherfliegenarten weggeschwemmt hatte, erholte sich der Bestand nach ein paar Jahren wieder. „Das ist ja das Tolle an vielen Insekten: Solange ein paar irgendwo in der Nähe überlebt haben, besteht die Chance, dass sie wieder zurückfinden. Sie müssen nur einen Ort zum Leben finden.“