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DAS WAREN DIE: 2010 er


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 19.12.2019

Welche Werke haben die Kunst der letzten zehn Jahre geprägt, welche Ereignisse bleiben in Erinnerung? Wir blicken zurück und kommen gemeinsam mit vielen Gastautoren der vergangenen Dekade auf die Spur


Artikelbild für den Artikel "DAS WAREN DIE: 2010 er" aus der Ausgabe 1/2020 von Monopol. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Monopol, Ausgabe 1/2020

Mit Beiträgen von Elke Buhr, Yilmaz Dziewior, Laura Ewert, Sebastian Frenzel, Jens Hinrichsen, Anika Meier, Matthias Mühling, Dominikus Müller, Susanne Pfeffer, Mithu Sanyal, Saskia Trebing und Julia Voss

Mit „Untilled“, 2011/12, verschränkte PIERRE HUYGHE Kunst und Natur und verzauberte die Besucher der Documenta 13

Während ihrer Langzeitperformance im Museum of Modern Art traf MARINA ABRAMOVIĆ am 9. März ...

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... 2010 auch auf ihren früheren Partner Ulay


2010

#aktivismus

Von JULIA VOSS

Als Hans Haacke 1971 die Nachricht erreichte, seine Ausstellung im Guggenheim Museum sei abgesagt worden und ihr Kurator gefeuert, konnte er nicht ahnen, dass er dafür berühmt werden würde. Aber der unwahrscheinlichste aller Fälle trat ein. Haacke stieg zu dem Künstler auf, den nachfolgende Generationen auch für das verehrten, was er nicht gezeigt hatte. Seine Installation „Shapolsky et al Manhattan Real Estate Holdings, A Real Time Social System as of May 1, 1971“, die von den Machenschaften eines New Yorker Immobilienspekulanten handelte, verwandelte sich in eine Art Reliquie des Aktivismus, Haacke in ihren Märtyrer.

Es sollte fast ein halbes Jahrhundert dauern, bis der Spieß umgedreht wurde: Als die Londoner National Portrait Gallery Nan Goldin 2019 einlud, ihr Werk in einer großen Retrospektive zu zeigen, drohte die Künstlerin mit einer Absage.

2010

• In Berlin zeigt die Temporäre Kunsthalle ihre letzten Ausstellungen, danach dräut der Schloss-Neubau

• „The Artist Is Present“: 721 Stunden lang schaut die Performancekünstlerin Marina Abramović Besucherinnen und Besuchern ihrer MoMA-Retrospektive tief in die Augen

TEMPORÄRE KUNSTHALLE BERLIN


• Carsten Höller bringt Rentiere in den Hamburger Bahnhof

• Louise Bourgeois (31. Mai) und Sigmar Polke (10. Juni) sterben

CARSTEN HÖLLER


Falls die Institution eine Million Pfund annehmen würde, die der Sackler Trust zu spenden angekündigt hatte, würde sie, so Goldin, die geplante Ausstellung zurückziehen. Die National Portrait Gallery schlug daraufhin das Geld aus, die Tate Gallery, das Metropolitan Museum und der Louvre schlossen sich an. Der Familie Sackler wird vorgeworfen, mit dem Unternehmen Purdue Pharma mehrere Milliarden an der Opioidkrise verdient zu haben, die in den Vereinigten Staaten die Ausmaße einer Epidemie angenommen hat.

Noch am Anfang der Dekade schien es, als sei es auch für die kritischsten Künstler und Künstlerinnen unmöglich, die mächtigen Geldgeber der Kunstwelt anzugreifen. Die Bewegung „Occupy Art World“ beispielsweise, die sich 2011 im Zuge von „Occupy Wall Street“ gründete, fand wenig Resonanz. Ganz anders sieht es jetzt aus. Nan Goldin war 2019 nicht die einzige Künstlerin, die sich dafür einsetzte, den großen Magen der Museumswelt genauer zu untersuchen: Im Juli musste Warren Kanders zurücktreten, Mitglied im Vorstand des Whitney Museum, dessen Firma Safariland Tränengas herstellt, das an der mexikanischen Grenze gegen Migranten eingesetzt wird. Aus Protest hatten zuvor Künstlerinnen und Künstler ihre Teilnahme an der Whitney-Biennale abgesagt, darunter Michael Rakowitz, Nicole Eisenman und Forensic Architecture. Im Oktober erhielt das Museum of Modern Art einen offenen Brief, adressiert an Larry Fink, CEO der Unternehmensverwaltung BlackRock und Trustee des Museums. Fink wird darin aufgefordert, nicht weiter in private Gefängnisunternehmen zu investieren; zu den Unterzeichnern des Briefs gehörten Hito Steyerl und Andrea Fraser.

Den Künstleraktivismus befeuern heute die sozialen Medien, aber er kann sich auch im Jahr 2020 auf eine alte Tradition berufen. „Keine wohltätige Spende ist groß genug“, hieß es bereits vor mehr als 100 Jahren, „um das Fehlverhalten wiedergutzumachen, mit dem der Reichtum erworben wurde.“ Wer das gesagt hat? Theodore Roosevelt, der 26. Präsident der Vereinigten Staaten.

JULIA VOSS ist Kunsthistorikerin und Journalistin, war bis 2017 leitende Redakteurin der „FAZ“ und lehrt jetzt an der Leuphana Universität Lüneburg

#alterweißermann

Von JENS HINRICHSEN

Gott ist ein rüstiger Herr mit Rauschebart und strengem Blick. Was wir immer schon wussten, hat uns Robert Crumb 2009 mit seinem „Genesis“-Comic vor Augen geführt. Echt jetzt? In Wahrheit zeigte der subversive Cartoonist einem speziellen Menschentyp den Stinkefinger. Der bis dahin unidentifizierte alte weiße Mann (AWM) ist der nackte Kaiser, der Scheinheilige, der allwissende Erzähler, hinter dem ein ignoranter Autor steckt. AWM, ein Klischee womöglich – das ein orangestichiger US-Präsident aber doch nahezu ideal verkörpert –, ist ursprünglich aus der Politik gekommen: Bevor John McCain 2008 Barack Obama unterlag, nannte der republikanische Präsidentschaftskandidat seine eigene Partei „old white man with white hair“. Was McCain vielleicht nur so rausrutschte, ist im Laufe der 2010er-Jahre zur Chiffre geworden für das heterosexuelle, reiche wie mächtige, mindestens latent rassistische, sexistische, homophobe und die Jugend verachtende Maskulinum.

In der Kunst lieferte Georg Baselitz 2013 mit einem legendären „Spiegel“-Interview ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch: „Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt“, erklärt der Künstler, ausgenommen Agnes Martin und „aus der Geschichte Paula Modersohn-Becker“, „aber auch sie ist kein Picasso, kein Modigliani, auch kein Gauguin“. Wie der von zwei Redakteurinnen befragte Künstler sich um Kopf und Kragen argumentiert, muss man im Original lesen.

AWM-Sprech funktioniert jedenfalls so: Man(n) gibt seiner Suada den Anschein von Differenzierung, damit es nicht gleich wie „Frauen gehören an den Herd“ klingt. Meint aber genau das. Auch die Rede vom AWM selbst kann man übrigens eine „Begriffskeule“ (Ulf Poschardt) nennen, die sprechakttheoretisch indes überfällig war, um den Homo eclectus endlich aus seiner Höhle zu prügeln. Ins Licht der Öffentlichkeit gestoßen, verstummt der AWM – oder blamiert sich restlos. Wie etwa Helge Achenbach, der wegen Betrugs verurteilte Kunstberater, der seit seiner Freilassung allüberall den Gesellschaftskritiker gibt. „Einfach mal die Fresse halten“, möchte man dem AWM mitunter barsch zurufen und daran erinnern, dass Eitelkeit, Machtpositionen, Renommee und tolle Golf-Handicaps nicht immer mit Wissen und Erfahrungsschatz korrelieren.

2011

• Wolfgang Beltracchi wird am 27. Oktober in einem der größten Kunstfälscherprozesse seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt

WOLFGANG BELTRACCHI


• Shepard Fairey gestaltet ein Poster zur Unterstützung von „Occupy Wall Street“

• Auf der Venedig- Biennale gewinnt Christian Marclay den Goldenen Löwen für „The Clock“. Posthum mit einem Goldenen Löwen geehrt wird Christoph Schlingensief für seine Installation im deutschen Pavillon, er ist während der Vorbereitungsarbeiten gestorben

• Ai Weiwei wird in China inhaftiert und wieder freigelassen

AI WEIWEI


• Phänomen des Jahres: „Retromanie“, geprägt durch ein Buch des britischen Popautors Simon Reynolds

• Lucian Freud (20. Juli), Cy Twombly (5. Juli) und Richard Hamilton (13. September) sterben

Natürlich wird die Markierung des AWM von schäumenden Herren missverstanden, die dann gerne einen „umgekehrten Rassismus“ ins Feld führen. Dabei geht es gar nicht um die beleidigten Leberwürste, sondern um die Teilhabe und Sichtbarkeit derjenigen, die nicht alt, weiß, stockhetero und/oder männlich sind. Manche der Letzteren, zum Beispiel Greta Thunberg, nehmen sich neuerdings sogar das Recht heraus, das früher dem AWM allein vorbehalten war: für die Allgemeinheit zu sprechen. How dare they!

#anthropozaen

Von SUSANNE PFEFFER

Dass seit der Industrialisierung der Eingriff der Menschen in die Natur auch in Tausenden von Jahren in den geologischen Schichten klar erkennbar sein wird, haben der Chemiker und Meteorologe Paul J. Crutzen und der Biologe Eugene F. Stoermer schon 2000 mit ihrem Begriff des Anthropozän bildlich gemacht. Erst zehn Jahre später kam der Begriff, der wörtlich „Zeitalter des Menschen“ bedeutet, in der Gesellschaft an.

Im Bewusstsein, dass sich eine Veränderung im Umgang mit der Natur erst durch ein anderes Verständnis, ein neues Denken von Natur bilden kann, begann – angeführt von Pierre Huyghe – eine ganz junge Generation von Künstlern in den 2010er-Jahren, Arbeiten zu schaffen, die mittels eines neuen materiellen Denkens das Gefüge von Mensch, Tier und Natur neu erfahrbar machten. So waren die Künstler, nach den Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari oder Bruno Latour sowie Anthropologen wie Philippe Descola oder Eduardo Viveiros de Castro, die Ersten, die sich mit neuen Konstruktionen von Natur auseinandersetzten: Die Trennung von Kultur und Natur, welche in der Moderne fest konstituiert wurde, erschien nun obsolet. Denn zum einen hatte die Herrschaft des Menschen über die Natur ja erst zu einer rücksichtslosen Zerstörung aller anderen Lebewesen geführt, zum anderen war das von Menschen Gemachte, die Kultur, eh längst Teil der Natur geworden.

Überdies ließ sich die Trennung zwischen organisch und synthetisch nicht mehr aufrechterhalten. Denn Synthetisches kommt aus der Natur – wie Plastik aus Öl gewonnen wird –, und das Synthetische wird letztendlich wieder in das Organische überführt, etwa wenn Menschen oder Tiere Mikroplastik aufnehmen. In den mit Wasser, Plastik und Eisen gefüllten Plastikkissen der Künstlerin Olga Balema gingen im Laufe der Zeit diese nahezu überall auftretenden Elemente so viele unterschiedliche visuelle Formationen ein, dass einem bei der Übertragung dieses kleinen Kissens auf die gesamte Welt nur schlecht werden konnte. So veranschaulichte beispielsweise Nora Schultz, mit welcher Brutalität und Gewalt Menschen die Natur nach romantischen Vorstellungen verformen. Pamela Rosenkranz wiederum führte in ihrer Arbeit „Our Product“, die sie 2015 im Schweizer Pavillon auf der Venedig-Biennale zeigte, die Natur sowohl zu ihrer intelligiblen Ursuppe zurück als auch zu einem posthumanen, technologischen und formlos-futuristischen Wesen, in welchem jegliche Dualismen und humanistischen Konstruktionen von Natur verschwammen

SUSANNE PFEFFER ist Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main

#apokalypse

Von SASKIA TREBING

Während es der Menschheit offenbar immer noch schwerfällt, sich ihren Ursprung vorzustellen, beflügelt das Ende der eigenen Spezies zuverlässig die Fantasie. Weltuntergangsszenarien sind so alt wie die Kunst – und haben uns religiös befeuerte apokalyptische Malerei beschert, bei der sich die wahre und ziemlich ungezügelte Natur des Menschen erst im Angesicht des Jüngsten Gerichts zeigt. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Apokalypse digitalisiert. Künstler wie Jon Rafman, Ed Atkins oder Ian Cheng haben computergenerierte Untergangsszenarien geschaffen, die durch eine Atmosphäre des Monströsen einem Medium Seele einhauchten, das oft als kalt und steril abgetan wurde. Gleichzeitig nahm das gar nicht so neue Unbehagen, durch Maschinen obsolet zu werden, eine zeitgenössische Form an.

2012

PUSSY RIOT


• Die 7. Berlin Biennale wird mitgestaltet durch „Occupy“- Aktivisten

• Während eines öffentlichen „Spiegel“- Gesprächs an der Uni Kassel zeigt der Künstler Jonathan Meese den Hitlergruß. Der anschließende Prozess gegen den Künstler – die Staatsanwaltschaft hatte Meese das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen vorgeworfen – endet mit einem Freispruch

• Franz West stirbt (25. Juli)

JAY - Z


24-Stunden-Filmschnipsel, die zu einer Uhr werden: CHRISTIAN MARCLAY gewann für „The Clock“ den Goldenen Löwen auf der Venedig-Biennale 2011


2013

• Jay-Z rappt „Picasso Baby“ in der Pace Gallery in New York

• Erstmals findet die Art Basel in Hongkong statt

• Mit der Skulptur „Balloon Dog (Orange)“, 1994– 2000, bei einer Christie’s-Auktion im November für 58,4 Millionen Dollar verkauft, löst Jeff Koons den Deutschen Gerhard Richter als teuersten lebenden Künstler ab

JEFF KOONS


• Bereits 2012 hat die Staatsanwaltschaft Augsburg im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens 1280 Kunstwerke in Cornelius Gurlitts Schwabinger Wohnung beschlagnahmt. Im November 2013 gerät der „Fall Gurlitt“ an die Öffentlichkeit

CORNELIUS GURLITT


• Richard Artschwager (9. Februar), Norbert Schwontkowski (14. Juni), Walter De Maria (25. Juli), Wolfgang Herrndorf (26. August) und Günther Förg (5. Dezember) sterben

In „Grosse Fatigue“ erzählt die Künstlerin CAMILLE HENROT die Geschichte des Universums in 13 Minuten. Der Film wurde auf der Venedig-Biennale 2013 mit einem Silbernen Löwen ausgezeichnet


Zum Ende der Dekade ist das Weltuntergangsszenario durch die aktivistischen Performances von „Fridays for Future“ und „Extinction Rebellion“ ein politisches Instrument in der analogen Sphäre geworden. Die Prognose einer Klimaapokalypse ist auch in der Kunst ein leistungsstarker Motor für Gestaltung geworden – und wie auf einer mittelalterlichen Darstellung des Jüngsten Gerichts greifen erneut die Kategorien der guten (Klimaaktivisten) und der bösen Menschen (Klimaleugner/Ignoranten), die sich den Folgen ihres Handels stellen müssen. Und ganz richtig ist die Konjunktur der Apokalypse auch so gedeutet worden, dass es wohl tatsächlich einfacher ist, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende eines ausbeuterischen kapitalistischen Systems.

2014

• Direktor Philipp Kaiser lässt überraschend das Museum Ludwig im Stich

• Die Manifesta Sankt Petersburg wird von zahlreichen Künstlern wegen des Ukraine- Konflikts boykottiert

• Jordan Wolfsons „Female Figure“ wird in der Galerie David Zwirner in New York gezeigt – und jeder will ein Rendezvous mit der Hightech- Stripperin

HELGE ACHENBACH


Eine drohende Apokalypse kann Motivation für Utopien sein, auch das zeigt sich seit einigen Jahren in der Kunst. Aber die Geschichte vom Ende her zu denken kann genauso zu Fatalismus und Lähmung führen. Herausfordernder (und künstlerisch interessanter) wäre die Vorstellung eines andauernden Jetzt, das gestaltet werden kann. Mit ungewissem Ausgang.

#identitypolitics

Von SEBASTIAN FRENZEL

Der afroamerikanische Künstler Parker Bright stellt sich im Whitney Museum vor das Gemälde „Open Casket“ der Malerin Dana Schutz, auf der Hinterseite seines Shirts stehen die Worte „Black Death Spectacle“. Kurz darauf fordert die Künstlerin Hannah Black in einem offenen Brief an die Kuratoren der Whitney-Biennale, Schutz’ Bild nicht nur abzuhängen, sondern zu zerstören. „Es ist nicht akzeptabel, wenn eine Weiße schwarzes Leid in Profit und Spaß umwandelt, obwohl dies schon lange geschieht und normal erscheint“, schreibt Black in ihrem Statement.

So beginnt im März 2017 einer der größten und wirkmächtigsten Skandale der jüngeren Kunstgeschichte. Herkunft, Geschlecht oder Religion – lange hatte die Kunstwelt geglaubt, solche Kategorisierungen überwunden zu haben. Doch am Fall Schutz und an anderen Fällen entzündete sich in den 2010er-Jahren ein teils hitzig geführter Kulturkampf um Fragen der Identität und der kulturellen Aneignung.

Man muss diesen Kampf einerseits kontextualisieren: Er findet statt vor dem Hintergrund eines politischen Backlash, der überall auf der Welt neue rechtspopulistische, teils offen rassistische Politiker an die Macht gebracht hat (die Proteste im Whitney Museum ereignen sich zwei Monate nachdem Donald Trump ins Weiße Haus eingezogen ist). Und man muss diesen Kampf entemotionalisieren: Social Media und Onlinekampagnen sind anfällig für Kurzschlussreaktionen und Hysterie.

#instagram

Von ANIKA MEIER

Instagram ist ein Kind der 2010er-Jahre, am 6. Oktober 2010 stand die App erstmals zum Download bereit. Das Erste, was die Nutzer und Nutzerinnen an dem neuen sozialen Netzwerk interessierte, waren die Filter zur Bearbeitung ihrer Fotos, und mit denen ging es erst mal rückwärts in der Zeit: Alles sollte diesen Polaroid-mäßigen Vintage-Look haben.

Interessant für die Kunstwelt wurde es im Jahr 2014 mit der Performance „Excellences & Perfections“ von Amalia Ulman, dem ersten Instagram-Meisterwerk, wie es mittlerweile heißt. Ulman ließ ihre Follower glauben, dass sie sich innerhalb weniger Monate vom cuten Mädchen in eine sexy junge Frau verwandelte, Schönheitsoperation, Sugardaddy und Nervenzusammenbruch inklusive, Heilung durch Avocadotoast und Yoga. Früh nahm Ulman stereotype Rollenklischees auseinander und bewies, dass online alle Lügner sind. Fast parallel lief eine Intervention von Constant Dullaart, der für 5000 Dollar 2,5 Millionen Follower kaufte und auf Protagonisten im Kunstbetrieb verteilte, sodass bestimmte Künstler, Kuratoren, Kritiker, Magazine, Galerien auf 100 000 Follower kamen und damit auf einmal alle gleich wichtig waren.

Likes und Follower sind im Laufe dieser Dekade zu einer erstaunlich stabilen Währung geworden. Das geht inzwischen sogar so weit, dass gesagt wird: Eine Ausstellung, die auf Instagram gefeiert wird, ist eine gute Ausstellung. „Instagrammable“ heißt das Stichwort, das, ähnlich wie Instagram-Künstler, eigentlich als Schimpfwort gemeint ist. Museen müssen sich plötzlich mit Popup- Locations wie dem Museum of Ice Cream messen. Kulturpessimisten fürchten, dass die Kunst noch mehr zur Selfie-Kulisse degradiert wird, weil die Besucher jetzt die Planscherei im bunten Streuselbad auch in den heiligen Hallen der Kunst erwarten

Die globalen Ranglisten der Kunststars hat Instagram nicht verändert, aber trotzdem hat es die Kunstwelt kräftig durchgeschüttelt. Während das soziale Netzwerk für Künstlerinnen und Künstler wie Nan Goldin und Wolfgang Tillmans zum Verstärker ihrer Stimme wurde und einige jüngere wie Oli Epp ihren Markterfolg über Instagram aufbauen konnten, müssen sich Museen und Kuratoren mit der Frage befassen, wie sie im digitalen Zeitalter relevant bleiben.

Und knapp zehn Jahre nach dem Start gibt es wieder eine Filter- Welle auf Instagram, dieses Mal sind es Augmented-Reality- Filter. Alle möglichen Momente werden immer noch live geteilt (Frühstück, Mittagessen, Abendessen, Abflug, Landung und Ähnliches), jetzt geht es aber nicht mehr zurück in die Vergangenheit, sondern in Richtung Zukunft: „Beauty3000“ von Johanna Jaskowska legt eine metallisch glänzende Schicht über das Gesicht, und plötzlich weiß man, wie Kim Kardashian als Cyborg aussehen würde.

ANIKA MEIER ist Monopol-Online-Kolumnistin und hat gerade die Ausstellung „Link in Bio. Kunst nach den sozialen Medien“ im Museum der bildenden Künste Leipzig kuratiert (bis 15. März)

#kanon

Von YILMAZ DZIEWIOR

Es ist keine Neuigkeit, dass in den meisten Museumssammlungen Künstlerinnen strukturell unterrepräsentiert sind. Nach wie vor ist der Kanon deutscher Museen männlich und weiß. Auch wenn in der zeitgenössischen Kunst vermehrt Künstlerinnen Beachtung finden, bleibt die klassische Moderne eine große Herausforderung. Hier gilt es, einiges an wissenschaftlicher Forschung zu leisten, um die blinden Flecke der Kunstgeschichte anzugehen. Aber selbst wenn die Desiderate erkannt sind, bedarf es oft großer finanzieller Anstrengung, um das in den vergangenen Jahrzehnten Übersehene anzukaufen.

Ein Praxisbeispiel: Das Museum Ludwig besaß bis vor einem Jahr zwar Werke fast aller Männer des Blauen Reiters, Gabriele Münter, in deren Haus in Murnau die Künstlergruppe gegründet mit einer breit angelegten Spenden- und Fundraisingaktion gelang es, ein prominentes Werk von Münter für das Museum Ludwig zu erwerben. Das Gleiche gilt für Maria Marc, deren Bilder nicht weniger relevant sind als die ihres Mannes Franz Marc und von der erst seit Kurzem Arbeiten in unserer Sammlung vertreten sind.

2015

• Der Kunstberater Helge Achenbach wird verhaftet, weil er betuchte Kunden durch verdeckte Preisaufschläge bei Kunst- und Oldtimerankäufen um insgesamt fast 20 Millionen Euro betrogen hat. Achenbach wird später wegen Betrugs zu fünf Jahren Haft sowie zu einer Zahlung von 16 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt

• Maria Lassnig (6. Mai), Elaine Sturtevant (7. Mai), Michael Schmidt (24. Mai), Robert Lebeck (14. Juni), On Kawara (10. Juli), Otto Piene (17. Juli), Harun Farocki (30. Juli) und Lewis Baltz (22. November) sterben

• Hito Steyerl zeigt im deutschen Pavillon der Venedig- Biennale digitale Kompetenz

• Banksy eröffnet im englischen Somerset ein „Dismaland“ und demonstriert mit dem Missvergnügungspark, wie verrottet die Konsumkultur ist

• Ende April teilt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller mit, dass Chris Dercon 2017 Intendant der Berliner Volksbühne werden soll. Castorf-Anhänger drehen durch: Der globalisierte Kunstmarkt übernehme, die Volksbühne verkomme zur Eventbude. Dercon hält sich bis April 2018 im Amt, dann tritt er zurück

• Landesweit entflammt eine hitzige Debatte um das von Kulturstaatsministerin Monika Grütters geplante Kulturgutschutzgesetz

• Chris Burden (10. Mai), Chantal Akerman (5. Oktober), Hilla Becher (10. Oktober) und Ellsworth Kelly (27. Dezember) sterben

In Zeiten von KI und Robotik entdeckt die Kunst die Puppe wieder: JORDAN WOLFSONS „Female Figure“ in der Galerie David Zwirner in New York im Jahr 2014


HITO STEYERL „Factory of the Sun“, 2015, war Teil des deutschen Beitrags auf der Venedig-Biennale 2015


Auf die Unterrepräsentanz von Frauen und People of Color im Kunstsystem machen die Guerrilla Girls, eine anonym agierende, aus feministischen Aktivistinnen bestehende Künstlergruppe, bereits seit Mitte der 80er-Jahre mit ihren spektakulären Aktionen aufmerksam. Als wir sie 2016 anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Museums Ludwig einluden, unsere Sammlung genauer anzuschauen, war das Ergebnis ernüchternd: lediglich elf Prozent Frauen. Nicht nur die Anzahl von Künstlerinnen ist verschwindend gering, auch Positionen jenseits von Europa und Nordamerika sind extrem unterrepräsentiert. Dabei besitzt das Museum nicht zuletzt aufgrund der Aktivitäten von Peter und Irene Ludwig und ihrem Verständnis von „Weltkunst“ schon vor der kulturellen Globalisierungsdebatte mehr Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus Asien und Lateinamerika als viele andere deutsche Museen. Außerdem haben wir in den letzten fünf Jahren verstärkt Arbeiten aus den 60er-Jahren von Künstlerinnen aus Lateinamerika erworben, wie beispielsweise von Teresa Burga oder Marta Minujín, mit denen wir seit geraumer Zeit in unserer permanenten Sammlung ansatzweise eine lateinamerikanische Variante der Pop-Art vorstellen können.

Nicht nur mit Ausstellungen von Danh Vo, Haegue Yang oder Nil Yalter richten wir unser Profil dezidiert globaler aus. Von allen drei genannten Positionen konnten wir auch Werke für unsere Sammlung ankaufen. Dass die Kunst nicht so weiß und männlich ist, wie viele annehmen, zeigt auch „Mapping the Collection“: ein Online-Forschungsblog und eine gleichnamige Ausstellung, die wir im April 2020 präsentieren. Hier wirft das Museum Ludwig einen anderen Blick auf seine amerikanische Sammlung der 60erund 70er-Jahre. Finanziert von der Terra Foundation, geht es um Emanzipationsbewegungen in den USA, also um indigene Selbstbestimmung, Frauenrechte und Black Power. Dabei kombinieren wir Werke aus unserer Sammlung mit Positionen wie David Hammons, Howardena Pindell oder Adrian Piper, mit dem Ziel, einige der Arbeiten zu erwerben. Es geht uns in erster Linie nicht um eine Erweiterung des Kanons, sondern darum, seine Struktur infrage zu stellen und für seine Mechanismen zu sensibilisieren.

Hört sich das nach einer erfolgreichen Überwindung des weißen, männlichen Kanons an? Oder, um es mit den Guerrilla Girls zu fragen: „Can we call it progress?“ Leider nicht wirklich. Denn allein in Anbetracht des Zahlenverhältnisses, das sich in den letzten drei Jahren von elf auf vielleicht zwölf Prozent gesteigert hat, wird deutlich: Es bleibt noch viel zu tun.

YILMAZ DZIEWIOR ist Direktor des Museums Ludwig in Köln

#kunstmarkt

Von ELKE BUHR

Manche Revolutionen sind dann doch langsamer, als man denkt. Die große Nachricht im Kunstmarkt des Jahres 2010 lautete, dass China stärkster Standort für den Auktionsmarkt war: Mit 33 Prozent des Umsatzes hatte es erstmals die USA und Großbritannien überholt. Doch zehn Jahre später hat Peking den Westen keinesfalls pulverisiert. Laut den letzten verfügbaren Zahlen von 2018 wurden 28 Prozent des Weltumsatzes bei Auktionen in China gemacht, 29 Prozent in den USA.

Fortgesetzt hat sich dagegen der generelle Kunstboom: Während der letzten zehn Jahre hat sich der Umsatz der Auktionshäuser auf knapp 1,9 Milliarden Dollar verdoppelt. Zugelegt hat der Anteil der zeitgenössischen Kunst, mit 91 Millionen Dollar liegt der aktuelle Rekord für ein Werk von Jeff Koons fast zehn Millionen Dollar über dem Rekord für ein Gemälde von van Gogh. Die Eventisierung gerade der Auktionen für „Contemporary Art“ fand im Herbst 2017 einen Höhepunkt, als bei Sotheby’s Michael Schumachers Ferrari neben Werken von Wolfgang Tillmans und David Hammons versteigert wurde. Vom Einzug der Frauen in den Kunstmarkt wurde viel geredet, aber der Effekt in den höheren

2016

RIHANNA


WOLFGANG TILLMANS


• Rihanna besucht die von dem New Yorker Kollektiv DIS kuratierte 9. Berlin Biennale

• Wolfgang Tillmans startet seine Anti- Brexit-Kampagne

• Christian Jankowski kuratiert die Manifesta in Zürich, und Michel Houellebecq erklärt dort seine Krankenakten zur Kunst

• David Bowie (10. Januar), Zaha Hadid (31. März), Daniel Josefsohn (13. August) und David Hamilton (25. November)

Auf die große Debatte der 2010er-Jahre, wie die mittleren Galerien und mit ihnen die Vielfalt der Kunstszene überleben kann, ist noch keine Antwort gefunden worden. Stattdessen werden die vier Megagalerien Gagosian, Pace, Hauser & Wirth und Zwirner, die sich auch schon 2010 als Marktführer herausgeschält hatten, immer größer – so groß, dass sie begonnen haben, alle anderen Funktionen des Kunstbetriebs einfach mit zu übernehmen, von der kunsthistorischen Forschung und Aufarbeitung von Nachlässen durch renommierte Museumskuratoren über artist residencies bis zu eigenen Kunstzeitschriften und Verlagen. Gagosian peilt beim Umsatz die Milliarden-Dollar-Grenze an. Und der achtstöckige Neubau der Pace Gallery in New York, der in diesem Herbst eröffnete, ist größer als das Whitney Museum.

„Wer beherrscht die Kunstwelt? Vier heterosexuelle Männer“, fasste es kürzlich die New Yorker Galeristin Stefania Bortolami zusammen. „Und direkt hinter ihnen strampelt ein Haufen weiterer heterosexueller Männer, die auch alle Megagalerien haben wollen.“

#metoo

Von LAURA EWERT

Es war ein Hauchen, ein Schreien. Es war Bekenntnis, es war Anklage. Der Beginn einer Unterhaltung, von der man dachte, sie würde schon geführt. #metoo als Hashtag wurde 2006 von der Afroamerikanerin Tarana Burke gestartet, aber erst 2017 wurde er millionenfach verwendet. „Auch ich habe sexualisierte Gewalt erfahren.“

Der Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein brachte den Stein ins Rollen. Und er rollte natürlich auch in die Kunst. Die National Gallery of Art in Washington stoppte eine Ausstellung des Fotokünstlers Chuck Close nach Missbrauchsvorwürfen. Eine ehemalige Mitarbeiterin warf dem Mitherausgeber des US-Kunstmagazins „Artforum“ Knight Landesman vor, sich an ihr vergriffen zu haben. Weitere Personen folgten.

„Wir wurden angegrapscht, runtergemacht, belästigt, verniedlicht, verhöhnt, bedroht und eingeschüchtert von denen, die inMachtpositionen sind und den Zugang zu Ressourcen und Möglichkeiten kontrollieren“, heißt es in einem Brief, den Hunderte Künstlerinnen, Kuratorinnen, Praktikantinnen und Galeristinnen unterzeichneten. Unter dem Hashtag „we are not surprised“, das sich auf ein Zitat von Jenny Holzer bezieht („abuse of power comes as no surprise“), verbreitete sich, was lange gärte.

Bei #metoo geht es nicht nur um die Hand am Hintern, um schwer zu beweisende Vorfälle, um Unscharfes, um manchmal zu schnell Ausgesprochenes. Es geht darum, wer die Geschichten erzählen darf, wer das Geld verteilt, wer an Ausstellungen kommt. Und das werden in Zukunft nicht mehr nur Männer sein.

LAURA EWERT ist freie Journalistin und hat gemeinsam mit Heike Blümner das Buch „Schluss jetzt. Von der Freiheit sich zu trennen“ veröffentlicht

#museum

Von MATTHIAS MÜHLING

Wie hat sich das Museum in den letzten zehn Jahren verändert? Ob es uns gefällt oder nicht: Die Institutionen stehen stärker unter Beobachtung durch eine kritische Öffentlichkeit als je zuvor. Die Institutionskritik, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand, ist in den 2010er-Jahren forensisch geworden. Alles steht auf dem Prüfstand: das Programm, das Personal und dessen Arbeitsbedingungen, die Rechtsform, das Budget, die Hierarchien, Macht- und Eigentumsverhältnisse der Kunstwerke samt ihrer Provenienz.

„Follow the Money“ – das Ermittlungsprinzip sorgt auch in den Museen für Zündstoff. Schließlich lassen sich am Umgang mit dem Geld die ethischen Standards einer Institution ablesen, was zahlreiche Vorfälle aus der letzten Dekade gezeigt haben. Unter Umständen schädigt der Leumund eines Sponsors oder Vorstandsmitglieds die Integrität des Museums mehr als ein mittelmäßiges Programm. Dies gilt auch für mögliche Interessenkonflikte insbesondere der Direktoren und Direktorinnen. Deren inner- und außerinstitutionelles Handeln kann die Autonomie und Glaubwürdigkeit der öffentlichen Museen untergraben. Ämterhäufungen in Jurys und Ankaufkommissionen und die Verknüpfungen unterschiedlichster Interessen sind auch ein Thema. Dann wäre da noch die Macht des Kunstmarkts: Auktionshäuser, Galerien oder Sammlerinnen und Sammler, die transparent oder intransparent die Kunstgeschichtsschreibung der Museen beeinflussen. Forderungen nach Transparenz kommen einige Museenbereits nach. Zuwendungen und Schenkungen, deren Höhe oder Wert einen bestimmten Betrag übersteigt, müssen oft in Parlamenten oder Aufsichtsgremien legitimiert werden. Dabei sollten auch die Motive und Zwecke der Zuwendenden dargelegt werden. Außerdem sollten die Geldflüsse im Ausstellungsbetrieb gerechter fließen, wie Proteste von „Haben und Brauchen“ oder „W.A.G.E“ vor Augen geführt haben.

2017

• Auf der Whitney- Biennale demonstrieren Aktivistinnen und Aktivisten gegen das Bild „Open Casket“ der US-Malerin Dana Schutz

• Anne Imhof gewinnt den Goldenen Löwen in Venedig

• Erstmals findet eine Documenta nicht nur in Kassel statt, sondern auch in Athen

•HiwaKbringtmitseinemRöhren-WerkaufderDocumenta14dieFlüchtlingsdebatteindieKunst

ZENTRUMFÜRPOLITISCHESCHÖNHEIT


•Am15.NovemberwirdbeiChristie’sinNewYorkderLeonardodaVincizugeschriebene„SalvatorMundi“für450,3MillionenUS-Dollarversteigert.Damitistder„Salvator“dasteuersteGemäldeallerZeiten–dochoberechtist,weißbisheuteniemand

•DieKünstlergruppeZentrumfürPolitischeSchönheitstelltdemAfDPolitikerBjörnHöckeeinHolocaust-MahnmalvordieTürFotos:©NadineFraczkowski,CourtesyDeutscherPavillon2017,dieKünstlerin,GalerieBuchholz.picturealliance/ASSOCIATEDPRESS.©PatrykWitt/ZentrumfürPolitischeSchönheit

• John Berger (2. Januar), Jannis Kounellis (16. Feburar), Trisha Brown (18. März), James Rosenquist (31. März), Vito Acconci (27. April), Karl Otto Götz (19. August) und Arno Rink (5. September) sterben

KATJA NOVITSKOVA „Expansion Curves (fire worship, purple horns)“, 2016, war ein Hauptwerk der Berlin Biennale im Jahr 2016, die im Zeichen der Post-Internet-Art stand


2016

Franziska Aigner and Eliza Douglas in ANNE IMHOF „Faust“. Die Kunst-Oper im deutschen Pavillon der Venedig-Biennale 2017 wurde mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet


2017

Debatten um doppelte Standards der Kunstfreiheit betreffen immer mehr das Selbstverständnis der Museen. Die Kritik an den universalistischen Vorannahmen einer autonomen Kunst hat seit den 60er-Jahren die Ausstellungspraxis der Museen verändert. Nun wird diese Diskussion fortgeführt und erfordert ein museales Umdenken. Dies beinhaltet auch die Justierung des Kanons, die Neuadressierung des Publikums, die Diversifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und andere Verfahren einer emanzipatorischen Inklusivität. Die Zeit, in der nur über isolierte Kunstwerke und deren ästhetische Wirkung nachgedacht wurde, ist vorbei, egal wie stark sich viele diesen historischen Augenblick zurückwünschen. Unsere persönlichen und institutionellen

2008 trat Thomas Krens, Direktor der Solomon R. Guggenheim Foundation, zurück, wenige Monate später erschütterte die Finanzkrise Märkte und Demokratien. In der Dekade, die folgte, hat der Weltkonzern als organisatorisches und ökonomisches Leitbild für Museen an Attraktivität verloren. Die ökonomische Effizienz als zentrale Legitimation ist immer stärker in die Kritik geraten. Wollten die Direktorinnen und Direktoren der Museen in der Regel die Ausrichtung, Führung, Geschäftsführung und das Programm bis ins Detail bestimmen, wird es in Zukunft darum gehen, wie diese Hoheit demokratisiert werden kann. Welche Programme werden von wem für welche Öffentlichkeit entwickelt, wer erhält Sichtbarkeit zu welchen Themen und argumentiert aus welcher Perspektive?

Institutionen müssen die Frage nach der Kunst im Kontext der drängenden Fragen der Gegenwart beantworten. Und trotzdem wird immer auch die Kunst im Mittelpunkt stehen müssen. Wenn wir nicht imstande sind, diese widerstreitenden Perspektiven zu moderieren, werden wir an Relevanz verlieren. Dass wir mit viel umfassenderen gesellschaftlichen Fragen und Kritik konfrontiert sind als nur mit den Fragen nach der Ästhetik, ist in jeder Beziehung richtig. Es wird uns antreiben, uns selbst infrage zu stellen. An unserem Handeln und am Programm werden wir gemessen.

MATTHIAS MÜHLING ist Direktor der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München

2018

• John Berger (2. Januar), Jannis Kounellis (16. Feburar), Trisha Brown (18. März), James Rosenquist (31. März), Vito Acconci (27. April), Karl Otto Götz (19. August) und Arno Rink (5. September) sterben

• Die Manifesta in Palermo steht im Zeichen der Migration

• Jay-Z und Beyoncé mieten für ihr Musikvideo „Apeshit“ den Louvre an

BANKSY


• Mit seinem im Auktionssaal geschredderten Bild „Love is in the Bin“ schafft Banksy eine Ikone für die Absurditäten des Kunstmarkts

• Per Kirkeby (9. Mai), Robert Indiana (19. Mai), Malcolm Morley (1. Juni), David Goldblatt (25. Juni) und Geta Brătescu (19. September) sterben

#postinternet

Von DOMINIKUS MÜLLER

In vielerlei Hinsicht war Post-Internet der definierende Kunsttrend des gerade zu Ende gegangenen Jahrzehnts. Zumindest seiner ersten Hälfte. Ihrem Namen nach definiert sich diese Kunstrichtung als „nach dem Internet“, in Wahrheit war sie aber Kunst für das goldene Zeitalter sozialer Medien. Und genauso schnell wie sie Ende der Nullerjahre aufkam, verschwand sie in der Mitte des Jahrzehnts wieder: als nach der Wahl Donald Trumps, der Verwandlung von einsamen Messageboard- Teens in hasserfüllte 4chan-Nazis und dem Cambridge-Analytica- Skandal ebendiese sozialen Medien ihre politische Unschuld verloren.

Als Schlagwort beschrieb Post-Internet – der Name wird der US-amerikanischen Künstlerin Marisa Olson zugeschrieben – zunächst einmal nichts weiter als den allgemeinen Umstand, dass „online“ und „offline“ mittlerweile derart stark miteinander verzahnt sind, dass das Internet schlicht Realität unserer Gesellschaft, ihrer Subjekte und dann eben auch der Kunst ist. Das ließ sich leicht zur Generationenbehauptung für die erste Kohorte online groß gewordener Millennials ausbauen. Der daraus entstehende Neuigkeitseffekt konnte die in ewigen Retroschleifen feststeckende Referenzkunst der späten Nullerjahre quasi über Nacht entsorgen und mit einer plötzlich sehr nach Zukunft aussehenden, durchdigitalisierten und technisierten Gegenwart ersetzen – Stichwort: „Disruption“.

Gleichzeitig ließ sich damit der lästige Bezug auf die leicht angestaubte Netzkunst der 90er-Jahre mit einer ebenso lässigen und schnellen Geste vom Tisch wischen. Post-Internet-Künstler wollten in den „echten“ Kunstbetrieb, und da landeten sie dann auch. Retrospektiv gesehen brauchte es wahrscheinlich gerade das traditionelle, strukturell auf so analoge Mechanismen wie Verknappung und Originalitätsbehauptung, Materialität und Ortsgebundenheit setzende Galeriesystem als Kontrastfolie, um durchschlagende Wirkung erzielen zu können. So entstanden dann auch vornehmlich skulpturale Arbeiten, die wie die Materialisierung von Online-Memes wirkten und amorph und fluide wie dinggewordene Photoshop-Filter im Ausstellungsraum herumstanden. Umgekehrt wurden all diese Arbeiten, perfekt fotografiert, sofort wieder in die Kanäle sozialer Medien eingespeist, um dort die Arbeit viraler Verbreitung und Bewerbung zu übernehmen: eine perfekt verschaltete Online/Offline-Zirkulation, das Win-Win der Wertschöpfungssysteme. Das Internet war tatsächlich und endgültig im „echten“ Leben angekommen. Wahrscheinlich war es aber auch das letzte Mal, dass „das Internet“ zur Markierung einer Differenz herangezogen werden konnte – und sei es nur, um das Ende dieser Differenz zu beschreiben.

DOMINIKUS MÜLLER ist freier Kunstkritiker und Übersetzer und war bis Ende 2016 Chefredakteur von „frieze d/e“

hitstorm

Von MITHU SANYAL

„Na, wie ‚erleben‘ Sie den Shitstorm?“, stand in der Mail. Die Frage „Was für einen Shitstorm?“ erübrigte sich mit den nächsten 100 Zuschriften. Danach hörte ich auf zu zählen. Ich hatte in einem „taz“-Text die Frage diskutiert, ob der Begriff „Opfer“ bei sexueller Gewalt durch Selbstbezeichnungen wie „Erlebende sexualisierter Gewalt“ ergänzt – nicht ersetzt! – werden könne, um Betroffene zu stärken. Aber der Kontext interessierte die aufgebrachten Mailer und Poster und Tweeter nicht, die daraufhin erklärten, ich solle vergewaltigt oder getötet oder zu Tode vergewaltigt werden oder – komplett aus dem Kontext gerissen – der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Als ich 2017 von meinem ersten Shitstorm getroffen wurde, war ich nicht darauf vorbereitet – natürlich war ich nicht darauf vorbereitet –, aber ich wusste, was ein Shitstorm war. Bis 2010 noch komplett unbekannt, avancierte „Shitstorm“ zum Anglizismus des Jahres 2011, wohlgemerkt zu einem dieser Anglizismen, die es im Englischen nicht gibt. Dort bedeutet shitstorm einfach nur „große Aufregung“. Im Deutschen generiert sich diese Aufregung im Internet, von wo aus sie zwar in die analoge Welt schwappen kann – ich bekam auch aufgebrachte Anrufe und ein paar Briefe –, doch versickert sie dort rasch. Sogar der Netzaktivist Sascha Lobo, wahrscheinlich die Privatperson, die bisher Zielscheibe der meisten Shitstorms wurde, erhielt erst dreimal Besuch von wütenden Tweetern, die peinlich berührt vor seiner Sprechanlage standen. Laut Lobo war er es selbst, der den Begriff im Januar 2010 in die deutsche Diskussionskultur einführte, in einem Interview mit der Kulturzeitschrift „Magazin“.

Doch natürlich hat es schon vorher Shitstorms gegeben, sie hatten nur keinen Namen. Dafür aber Hashtags. Wie #dellhell, der als der erste Shitstorm der Social-Media-Geschichte gilt. 2005 bloggte der Journalist Jeff Jarvis über den Kundenservice der Computerfirma Dell, der ihn abspeiste, er sei der Einzige mit solchen Problemen. Bloß hatten zahllose Blogger ähnliche Erfahrungen in der „Dell-Hölle“ gemacht, und das Hashtag wurde viral.

2019

• Michael Rakowitz ruft zum Boykott der Whitney-Biennale auf

• Ein Großbrand am 15. und 16. April verwüstet die Kathedrale von Notre-Dame

• Skandalwerk: Der Schweizer Künstler Christoph Büchel zeigt auf der Venedig- Biennale das Wrack eine gekenterten Flüchtlingsboots, auf dem bis zu 800 Menschen starben

• Der monatelange Protest der Künstlerin Nan Goldin zeigt Erfolge: Museen wie das New Yorker Guggenheim oder das Metropolitan Museum entscheiden sich, künftig kein Geld mehr von der Mäzenatenfamilie Sackler anzunehmen

NAN GOLDIN


• Ende des Kanons: Das Museum of Modern Art präsentiert 90 Jahre nach seiner Gründung eine radikale Neuausrichtung

• Hito Steyerl fordert einen Waffenlieferungsstopp an die Türkei und ein Ende des Flüchtlingsabkommens. Andernfalls sollen Institutionen des Bundes ihre Kunst nicht mehr zur Außendarstellung Deutschlands zeigen

• Robert Ryman (8. Februar), Okwui Enwezor (15. März), Eberhard Havekost (5. Juli), Nancy Kienholz (7. August), Robert Frank (9. September) und John Giorno (11. Oktober) sterben

Die Porträtmalerei, hier AMY SHERALDS „Michelle LaVaughn Robinson Obama“ aus dem Jahr 2018, erlebte gegen Ende des Jahrzehnts ein unerwartetes Comeback


2018

Auf der Venedig-Biennale 2019 lässt CYPRIEN GAILLARD mit „L’Ange du foyer (Vierte Fassung)“ den Feuerengel,


2019

Die Shitstorms der Frühphase richteten sich hauptsächlich gegen große Unternehmen und prangerten Umweltskandale, Kündigungen, Rassismus und Sexismus an. Inzwischen werden auch Kunst- und Kulturinstitutionen gerne Zielscheibe solcher Angriffe, vorzugsweise im Kontext von #identitätspolitik oder aus Gründen des Tierschutzes, falls mal lebende Wesen irgendwo verkunstet werden. Und natürlich erleiden auch Menschen wie du und ich Shitstorms. Also wie ich. Aber vor allem wie Justine Sacco, die 2013 vor einem Flug nach Südafrika tweetete „Ich hoffe, ich bekomme kein Aids. Nur Spaß. Ich bin ja weiß.“ Sie hatte 170 Follower, dummerweise hatte einer von ihnen 15000,die ihren schlechten Scherz fleißig retweeteten. Als Sacco in

Johannesburg landete, war sie kurzfristig die meistgehasste Frau des Universums und ihren Job als PR-Direktorin des Internetunternehmens

IAC los.

Die Lehre von Shitstorms ist: Sie wehen vorbei. Meiner ebbte nach zwei Wochen ab. Das ist die offizielle Halbwertszeit, bevor sich der Online-Lynchmob ein neues Opfer sucht. Das Phänomen war inzwischen zum Glück so bekannt, dass meine Arbeitgeber sich nicht entsetzt von mir abwandten. Das Leben hielt eine Weile die Luft an und ging dann halt weiter. Sogar Justine Sacco hat ihren Job inzwischen zurück.

MITHU SANYAL ist Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Ihr jüngstes Buch „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“ erschien 2016 in der Edition Nautilus


Fotos: © Pierre Huyghe VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Marian Goodman Gallery, New York; Esther Schipper, Berlin, Commissioned and produced by dOCUMENTA (13) with the support of Colección CIAC AC, Mexico; Fondation

Fotos: © the artist, Courtesy White Cube, London and Paula Cooper Gallery, New York. action press. Björn Kietzmann/ddp. The New York Times/Redux/laif

Fotos: © ADAGP Camille Henrot, Courtesy the artist, Silex Films and kamel mennour, Paris. © Jeff Koons. imago/Reiner Zensen

Fotos: action press. Jonathan Smith, © Jordan Wolfson, Courtesy the artist, David Zwirner and Sadie Coles HQ, London

Fotos: Manuel Reinartz, © Hito Steyerl VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Byrion Smith from UK, CC 2.0. © Rihanna Snapchat. pro-EU/anti-Brexit campaign, 2016, © Studio Wolfgang TIllmans

Fotos:©NadineFraczkowski,CourtesyDeutscherPavillon2017,dieKünstlerin,GalerieBuchholz.picturealliance/ASSOCIATEDPRESS.©PatrykWitt/ZentrumfürPolitischeSchönheit

Fotos: Andrea Avezzù, Courtesy La Biennale di Venezia, © the artist. Yana Paskova/Guardian/ddp