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Das Weihnachtsdorf


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 14/2019 vom 20.11.2019

Wegen seiner grandiosen Holzkunst besuchen jedes Jahr im Advent Tausende Touristen einen kleinen Ort in Sachsen. Aber viele junge Leute sehen dort keine Perspektive mehr für sich. Hat die Tradition eine Zukunft? Von Doreen Reinhard


MITTEL

Artikelbild für den Artikel "Das Weihnachtsdorf" aus der Ausgabe 14/2019 von Deutsch perfekt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 14/2019

Wolfgang Glöckner findet keine Ruhe. Es ist sein erstes Weihnachten ohne Arbeit, ihm ist ein bisschen langweilig. Er schaut jetzt oft fern und löst Kreuzworträtsel. Keine anstrengenden Dinge. Einfach das, was man so macht, wenn mit 87 Jahren die Energie weniger wird. Glöckner ist immer noch ein kräftiger Mann mit lauter Stimme.

Auf seine starken Hände ist er stolz. ...

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Rechts fehlt ein Stück von einer Fingerkuppe, Handwerkerschicksal. „Aber alles fit wie eh und je“, sagt er. Nur seine Beine machen nicht mehr richtig mit, vor allem, wenn es kalt ist.

Im Erzgebirge ist es über Nacht Winter geworden. Seiffen sieht nun aus wie in den Werbekampagnen, die jeden Dezember Tausende Touristen in den Ort locken: eine Weihnachtslandschaft wie im Märchenbuch. Auch das Heim der Glöckners steht da wie ein bezuckertes Pfefferkuchenhaus.

Vor dem Eingang liegt viel Schnee. Trotzdem steht Wolfgang Glöckner aus seinem Sessel auf. „Komm Eri, wir schauen mal rüber“, ruft er.

Auch seine Frau Erika (84) hat Probleme mit dem Gehen. Sie halten sich nun noch mehr aneinander fest. Vorsichtig geht das Paar los, nur ein paar Meter nach nebenan, in die Werkstatt. Hier haben sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht.

58 Jahre Arbeitsteilung als Spielzeugmacher. Sie ist die Ruhige, er nicht. „Ich habe im Erdgeschoss die Zuarbeiten gemacht, meine Frau im ersten Stock die Montage.

Geht nach oben, da sitzt die Chefin, hab’ ich immer zu den Kunden gesagt.“ Die Werkstatt ist kalt. Aber noch immer sieht alles so aus, als würde es gleich losgehen. Auf dem Arbeitstisch liegen Werkzeuge und winzige Spielzeugmenschen aus Holz. In den Regalen stehen Kisten mit genauen Informationen darauf: kleine Beine, Arme, Hosen und Jacken für die Holzmenschen. Reste, die für immer Einzelteile bleiben werden. Denn der Spielzeugbetrieb Glöckner stellt nichts mehr her. Nach vier Generationen ist Schluss.


Seiffen im Winter: eine Weihnachtslandschaft wie im Märchenbuch.


Ein absoluter Klassiker: ein Nussknacker.


Fotos: Michael Burrell, iStockphoto/iStock.com

Seiffen, das Spielzeugdorf. So steht es auf den vielen Werbeschildern. Busse voll mit Touristen fahren im Advent in den Ort, aus Nordrhein-Westfalen, von der Nordseeküste. Es gibt nur noch 2300 Seiffener, die Einwohnerzahl sinkt wie fast überall hier in der Provinz. Im Sommer liegt das Dorf vergessen im Gebirge. Nur im Advent gehen täglich bis zu 6000 Touristen durch den kleinen Ort.

Es gibt kleine Straßen voll mit Weihnachtsläden, in deren Schaufenstern nur Nussknacker stehen. Die Touristen wollen traditionelles Handwerk sehen und kaufen. Seiffen, das war schon immer ein Sehnsuchtsort der guten alten Zeit. Zentrum der Handarbeit, das ganze Dorf eine große Manufaktur. Nur die Zeit hat auch hier vieles verändert.

Die Glöckners öffnen manchmal für Touristen ihre Werkstatt, „als Dienst für den Ort“. Das Kunsthandwerk gehört zur Identität des Erzgebirges, einer der ärmsten Regionen Deutschlands.

Viele Jahrhunderte lang lebte man im Südosten von Sachsen vom Bergbau. Bis nichts mehr aus dem Boden zu holen war. Da kamen die Menschen im Erzgebirge auf das, wovon es noch extrem viel gab: das Holz in den Wäldern. Es gab Phasen, da war fast jede Familie in der Gegend ein Familienbetrieb. Überall wurde gedrechselt, gesägt, geklebt.

Die Schnitzkunst ist bis heute ein wichtiger Teil der Wirtschaft. Die guten Nachrichten: Neben dem Handwerk gibt es inzwischen viele flexible Mittelständler in der Baubranche und in den Technikbranchen. Die Arbeitslosenquote liegt zum ersten Mal bei nur 4,4 Prozent.

Zum Bild gehört aber auch: Im Erzgebirgskreis ist das Einkommen so niedrig wie in keiner anderen Region Deutschlands – im Durchschnitt 2191 Euro brutto pro Monat. Viele Dörfer verlieren in kurzer Zeit sehr viele Einwohner.

Nur die Alten bleiben. Manchen fehlt eine ganze Generation, die nach der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze weggezogen und nie zurückgekehrt ist. Bis heute gehen junge Leute wegen besserer Jobs und Gehälter weg. Wie sehr sie fehlen, das merken auch die Seiffener. Familienbetrieb, das ist heute ein Ideal, das nicht so einfach zu realisieren ist.

Bei den Glöckners war das noch eine Selbstverständlichkeit. Zwei Dinge wollten sie nie tun: etwas anderes machen als ihre Vorfahren; und das Dorf verlassen.

Hier hatten sie gute und schlechte Zeiten, „auch viele Systeme, von der Weimarer Republik bis zum neuen Deutschland“, sagt Wolfgang Glöckner.

Am wichtigsten war für sie die Zeit in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Der Vater seines Großvaters hat den Schnitzbetrieb aufgebaut. Auch Wolfgang Glöckner hat schon als Kind am Holz sein Können getestet. Er machte eine Ausbildung zum Spielzeugmacher und begann Anfang der 50er-Jahre die Meisterschule.

Fotos: Doreen Reinhard


Die Glöckners öffnen manchmal noch für Touristen ihre Werkstatt, „für den Ort“.


Die DDR war da noch jung und Seiffen ein Dorf, in dem die zusammenarbeiteten, die gegen die Kommunisten waren. Wolfgang Glöckner war einer von ihnen. „Wir wollten die Kommunisten weghaben.“ Und sie dachten, dass ihnen das gelingen würde.

Sie starteten Störaktionen, holten Flugblätter aus Berlin und protestierten mit einem Feueralarm während einer sozialistischen Veranstaltung.

Eines Abends, Glöckner war gerade auf dem Heimweg von der Meisterschule, wurde er auf der Dorfstraße festgenommen. Es folgte ein politischer Prozess. Glöckner wurde zu 15 Jahren verurteilt. Als 20-Jähriger musste er ins Gefängnis. Es war schlimm. Glöckner war froh, wenn er manchmal in der Gefängnistischlerei arbeiten durfte, damit die Zeit schneller verging

Ein Archiv aus 58 gemeinsamen Werkstattjahren: das Lager der Glöckners.


Wie er durch diese schwere Zeit kam, weiß Wolfgang Glöckner heute nicht mehr genau. Es sind unklare Erinnerungen. Nur manchmal sind sie wieder da, wenn er Berichte über die DDR sieht. „Wahrscheinlich habe ich darauf gehofft, dass dieser Staat doch noch untergeht.“ Hoffnung machte ihm in dieser Zeit nur: Erika, das Mädchen aus seinem Dorf. Die war damals seine Freundin. „Ich habe all die Jahre gewartet auf ihn“, sagt sie. Mit seinen Eltern teilte sie sich die 20 Zeilen Post, die jeden Monat erlaubt waren, und die halbe Stunde Besuch einmal in drei Monaten.

Nach sieben Jahren durfte Wolfgang Glöckner zurück nach Seiffen. Er holte sein Leben nach. Erika und er heirateten und begannen wieder mit der Schnitzerei. Gemeinsam waren sie nun ein Familienbetrieb. Ihre Spezialität: Miniaturen aus Naturholz, keine Farbe, winzige Menschen ohne Gesichter, jede einzelne eine Besonderheit.

Seiffen war im Sozialismus ein politischer Ort. Die meisten Schwibbögen und Pyramiden wurden in den Westen geschickt. Die Bürger bekamen wenig davon zu sehen. Als Anfang der 70er-Jahre die Verstaatlichung von Betrieben begann, änderte sich das Dorf. Viele Firmen wurden verstaatlicht, aber die meisten Familienbetriebe blieben.

Denn die kleineren Betriebe, und davon gab es genug, durften privat weitermachen. Dies aber nur nach einem sozialistischen Plan. Denn ihre Produkte waren gute Tauschware. „Dafür bekam man sogar einen Ferienplatz an der Ostsee“, sagt Glöckner

Gehasst hat er den „Kommunisten- Scheißstaat“ bis zum Schluss. Aber er lebte in diesem Staat, so gut es ging. „An Flucht haben wir nie gedacht, unsere ganze Familie war ja hier.“ Stattdessen galt: „Leise sprechen, damit ja niemand etwas mitbekommt und Verräter keine Chance haben. Manches war so lächerlich, dass Glöckner heute darüber lacht. Anfang der 80er-Jahre kam dasZweite Deutsche Fernsehen (ZDF ) aus dem Westen in den Ort, weil die Journalisten über das berühmte Weihnachtsdorf in Ostdeutschland berichten wollten. Da sollte auch Glöckner interviewt werden. Aber am Abend vorher klingelten Leute von der Geheimpolizei, der Stasi, bei ihm. „Die haben gesagt: Sie wissen schon, dasZDF ist der Klassenfeind!“ Später sah das halbe Dorf den Beitrag. Man hatte schon früh in eine gemeinsame Antenne für alle auf einem Berg in der Nachbarschaft investiert, „da haben damals sogar Genossen mitgeschaufelt, um Westfernsehen zu bekommen“.

Auch diese kleinen Weihnachtsmänner aus Holz werden in Seiffen hergestellt.


Foto: picture alliance/dpa/ZB/Sebastian Kahnert

Als 1989 die Grenze geöffnet wurde, waren das Festtage für die Glöckners. Sie waren glücklich und hofften, dass dies der Anfang einer neuen Freiheit wird. Seiffen boomte. Es gab schwierige Jahre nach 1989, aber bald war die Schnitzkunst wieder so populär wie früher. Nun kamen auch Touristen aus ganz anderen Regionen. Das Dorf feierte die ganze Zeit Rekorde, bei den Verkäufen und Tourismuszahlen.

Seit drei, vier Jahren gibt es aber eine neue Sorge: Das gemütliche Seiffen, in dem die Zeit stillstehen soll, ist nur ein Sehnsuchtsort. Die Schnitzer werden älter. Immer mehr gehen in Rente, finden aber niemanden mehr, der ihren Job weitermachen will.

Ungefähr 250 Kunsthandwerksbetriebe gibt es. Zwei Drittel davon sind Familienbetriebe – so viele wie in kaum einem anderen Ort in Deutschland.

Fragt man im Seiffener Kunsthandwerkerverband nach, erfährt man: Ungefähr fünf Werkstätten pro Jahr schließen für immer. In den nächsten zehn Jahren werden es noch mehr.

Ähnlich sieht es bei den Lehrlingen aus. In der Seiffener Spielzeugmacherschule gab es vor 20 Jahren pro Jahr noch ungefähr 30 davon. So viele sind es heute in allen drei Lehrjahren zusammen. Eine Lösung hat niemand. In der Kunsthandwerkergenossenschaft versucht man, Einzelteile aus alten Sortimenten zu sammeln. Die Prognose: Schwibbögen und Nussknacker wird es auch in Zukunft geben. Aber es wird nicht mehr so viele Varianten davon geben. Und die Preise werden steigen.


Als die Grenze geöffnet wurde, waren das Festtage für die Glöckners. Sie hofften, dass dies der Anfang einer neuen Freiheit wird.


Wolfgang und Erika Glöckner haben in den letzten Jahren an viele Stammkunden geliefert. Reich geworden sind sie nie, aber es hat für das Nötigste und ein paar spezielle Wünsche gereicht. Am Anfang waren sie auch zufrieden mit der neuen Zeit im wiedervereinigten Land.

„Das Dorf ist schöner geworden“, sagt er. „Man musste keine Angst mehr haben, behorcht zu werden.“ Aber Lob über die Politik? Hört man von ihm auch heute nicht. Er ärgert sich über die Nachrichten, heute wieder mehr als früher. Wenn er Berichte über Gerichtsprozesse liest zum Beispiel. Oft findet er die Justiz zu wenig streng. Er hat noch immer Probleme mit dem Glauben an den Staat und seine Instanzen.

Nur sein Dorf liebt Wolfgang Glöckner bis heute. Die kleine Welt, in der er alles kennt, auch die meisten Spielzeugmacher.

Für die Glöckners ist schon lange klar: Sie sind die Letzten, die in ihrem Betrieb das Licht ausmachen. Sie haben zwar eine Tochter. Die ist im Dorf geblieben, aber in der Gastronomie beschäftigt. Sie sollte selbst entscheiden, ob auch sie Spielzeugmacherin werden will. Sie wollte nicht. Also haben sie den Betrieb abgemeldet und ihre Reste in Kisten gepackt.

Sie waren traurig dabei, „das ist ja unser Lebenswerk“. Manche ihrer Holzmenschen werden inzwischen im Internet verkauft, aber das bekommen die Glöckners nur erzählt. Mit dem Internet kennen sie sich nicht aus. Wolfgang Glöckner überlegt manchmal.

„Was wird mit der Werkstatt, wenn wir mal gestorben sind? Das müsste man ja alles wegreißen.“ Noch ist ihr Arbeitsplatz wie früher. Sie können nämlich doch nicht so gut loslassen, wie sie gerne würden.

Manchmal, wenn ihm langweilig ist, geht Glöckner rüber, um etwas Kleines zu reparieren. Hier, in der Werkstatt, das waren die schönsten Jahre seines Lebens, zusammen mit seiner Frau. „Genervt haben wir uns nie“, sagt sie. „Die Arbeit, das muss ich schon zugeben“, sagt er, „fehlt mir sehr.“